Was versteht man unter Vergesellschaftung? Und was ist Verstaatlichung?

In einem Kommentar schrieb „rheinlaender“

Frage: In Kuba wird zur Zeit der Gegensatz zwischen Verstaatlichung (ineffektiv,schlecht) und Vergesellschaftung (gerecht,gut) thematisiert. Ich verstehe nicht die Praxis der Umsetzung, oder geht es um eine Rückkehr zum Kapitalismus? Ich hab das Kapital vor zwei Jahren gelesen (mit viel Vorwissen über Bilanzen, Finanzmathe, Berechnungen von Firmenfusionen/auch international) aber Marx ist ja eher Analytiker und Wissenschaftler als praktischer Umsetzer von Volks-, Staats-, Genossenschafts-, Kleinbetrieben. Wo ist der Unterschied zwischen Verstaatlichung und Vergesellschaftung?

In der marxistisch-leninistischen politschen Ökonomie unterscheidet man zwischen Vergesellschaftung und Verstaatlichung (→ Nationalisierung) wie folgt:

Was ist Vergesellschaftung?

1. Vergesellschaftung der Arbeit und der Produktion ist der Prozeß der Herausbildung des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit unter den Bedingungen der maschinellen Großproduktion; beginnt historisch mit dem Übergang von der individuellen handwerklichen Produktion der einfachen Warenproduzenten zur industriellen, auf der Anwendung von Maschinen beruhenden Produktion vor allem in Großbetrieben im Kapitalismus. Sie wird gekennzeichnet durch fortschreitende Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft, Zunahme der Zahl der Produktionszweige und, ihrer Verschmelzung zu einem einzigen gesellschaftlichen Produktionsprozeß; durch gemeinsame Arbeit einer immer größeren Zahl von Arbeitern in Großbetrieben, in denen sich die industrielle Produktion zunehmend konzentriert. Konzentration, Spezialisierung, Kooperation und Kombination der Produktion bilden die ihr entsprechenden Formen der Organisation der gesellschaftlichen Produktion.

Im Kapitalismus erreicht die Vergesellschaftung bereits eine hohe Stufe und ist ein bedeutender Fortschritt in der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion. Die für die Naturalwirtschaft typische Zersplitterung der Produktion verschwindet; die kleinen Lokalmärkte verschmelzen zu großen nationalen Märkten bis zum Weltmarkt, und mit der Ausbreitung der maschinellen Produktion entstehen Industriezentren und Großstädte in wachsender Zahl, in denen sich das Proletariat zusammenballt. Gleichzeitig jedoch vertieft dieser Prozeß den Grundwiderspruch des Kapitalismus zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Form der Aneignung. Unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus wird die Vergesellschaftung bis zur äußersten Grenze getrieben, die im Kapitalismus möglich ist. Damit schafft sie zugleich die materiellen Voraussetzungen für den Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Produktionsweise.

Mit der sozialistischen Vergesellschaftung der Produktionsmittel wird die dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion entsprechende Form des Eigentums geschaffen, auf dessen Grundlage die Vergesellschaftung planmäßig fortgesetzt wird. Es entstehen die Voraussetzungen für eine weitere, den Erfordernissen der sozialistischen Produktion entsprechende Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, für die Herstellung planmäßiger Kooperationsbeziehungn zwischen den Zweigen und Betrieben sowie für die Verstärkung der Konzentration der Produktion in sozialistischen Großbetrieben, in denen die gemeinsame Arbeit der Werktätigen, befreit von jeglicher Ausbeutung, den Charakter kameradschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitiger sozialistischer Hilfe annimmt.

2. Unter Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel versteht man die Überführung der Produktionsmittel aus Privateigentum in gesellschaftliches Eigentum. [1]


Was ist Nationalisierung?

Überführung von Produktionsmitteln (Betriebe, Grund und Boden usw.) aus dem Eigentum einzelner Personen und Körperschaften in staatliches Eigentum. Der Charakter der Nationalisierung hängt vom Wesen des jeweiligen Staates ab. Die Nationalisierung kann entschädigungslos oder gegen Entgelt erfolgen. Die kapitalistische Nationalisierung besteht in der Überführung privatkapitalistischer Unternehmen, z.T. auch ganzer Industriezweige, in das Eigentum des bürgerlichen Staates, meist gegen hohe finanzielle Abfindungen. Zumeist handelt es sich um unrentable, nicht mehr konkurrenzfähige Betriebe bzw. Wirtschaftszweige. Vielfach werden diese Einrichtungen nach hrer mit Staatsmitteln erfolgten Modernisierung wieder an die Besitzer zu niedrigen Preisen zurückgegeben (Reprivatisierung), wodurch die Kapitalisten und ihre Vereinigungen an der Nationalisierung wie auch an der Reprivatisierung profitieren. Auch militärisch-strategische Überlegungen können zur Nationalisierung führen. Durch die kapitalistische Nationalisierung wird die Ausbeutung der Werktätigen nicht beseitigt, der Charakter der kapitalistischen Ordnung insgesamt nicht angetastet. Dennoch kämpft die Arbeiterklasse um die Nationalisierung bestimmter Schlüsselindustrien und -unternehmen als einer Möglichkeit, z.B. über die Mitbestimmung der Arbeiter, Schritte zur Einschränkung der Macht der Monopole einzuleiten. Die Mitbestimmung erfüllt jedoch nur dann ihre Aufgabe im Interesse der Arbeiterklasse, wenn sie die Zurückdrängung der Macht der Monopole und schließlich ihre Überwindung zum Ziele hat.

Die Nationalisierung bietet auch günstige Voraussetzungen für die Schaffung des sozialistischen gesellschaftlichen Eigentums, weil bereits ein hoher Grad der Vergesellschaftung der Produktionsmittel erreicht ist und die Arbeiterklasse nach Beseitigung des kapitalistischen Staates diese Betriebe relativ leicht in Volkseigentum überführen kann. Die Nationalisierung in den jungen Nationalstaaten umfaßt vorwiegend die Unternehmen des ausländischen Monopolkapitals und der mit ihm verflochtenen einheimischen Großbourgeoisie sowie teilweise auch die Ländereien der Feudalherren. Sie ist von großer Bedeutung für die Entwicklung unabhängiger nationaler Wirtschaften dieser Länder.

Die sozialistische Nationalisierung ist die revolutionäre Beseitigung des Eigentums der Ausbeuterklassen an den wichtigsten Produktionsmitteln durch die, sozialistische Staatsmacht und die Überführung der kapitalistischen Unternehmen in staatliches sozialistisches Eigentum (Volkseigentum); sie beginnt mit der Übernahme der ökonomischen Schlüsselpositionen, wie Grundstoff- und Schwerindustrie, Transport-und Nachrichtenwesen, Banken, Außenhandel. Damit schafft die sozialistische Nationalisierung die ökonomische Grundlage für die Diktatur des Proletariats und für den Beginn des Wirkens der ökonomischen Gesetze des Sozialismus. Der grundlegende Unterschied der sozialistischen Nationalisierung gegenüber der kapitalistischen Nationalisierung besteht in der Beseitigung des Grundwiderspruchs des Kapitalismus und damit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. [2]


Dazu führt Klaus Hesse aus:
Nicht wenige meinen, Karl Marx verstanden zu haben, wenn sie über die Vorzüge jener Perspektive nachdenken, die mit dem folgenden Satz gewiesen wurde: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Dabei wird nicht selten ‚übersehen’, was auf der vorangehenden Seite des ‚Manifests’ über die dazu zu schaffenden Voraussetzungen zu lesen ist:

„Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentrieren und die Masse der Produktivkräfte möglichst rasch zu vermehren. Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittelst despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, durch Maßnahmen also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Laufe der Bewegung über sich selbst hinauswachsen und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.“

Danach listen Marx und Engels auf, was „für die fortgeschrittensten Länder … ziemlich allgemein in Anwendung“ kommt:

„1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben.
2. Starke Progressivsteuer.
3. Abschaffung des Erbrechts.
4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.
5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.
6. Zentralisation alles Transportwesens in den Händen des Staates.
7. Vermehrung der Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan.
8. Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau.
9. Vereinigung der Betriebe von Ackerbau und Industrie, Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Gegensatzes von Stadt und Land.
10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder. Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion usw. usw.“

Dazu kommen unsere Erfahrungen mit unseren Erfolgen, mit unserer Freiheit, unseren Leistungen, unseren Siegen und Niederlagen und den daraus zu ziehenden Lehren. [3]
(Zitate: siehe „Manifest der Kommunistischen Partei“, in: MEAW6, Bd.I, S.383-449)

Quelle:
[1] Kleines politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1973, S.887f.
[2] Kleines politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1967, S.441f.
[3] Klaus Hesse: Imperialismus heute, Fragen zur Lage der lohnabhängig Arbeitenden –
Versuch einer marxistischen Analyse, Leipzig, 2013 (Kolloquium: Handmaterial, S.8).

Siehe auch:
Was verstehen wir eigentlich unter Volkseigentum?

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2 Antworten zu Was versteht man unter Vergesellschaftung? Und was ist Verstaatlichung?

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