Die Liquidierung des Ghettos Rymanów

rymanow1Das kleine Städchen Rymanów liegt im äußersten südöstlichen Zipfel Polens am Rande der Karpaten und hat heute etwas mehr als 3000 Einwohner. Man erinnert sich dort noch sehr genau daran, welche Verbrechen die deutsche Wehrmacht, die Gestapo und die SS im besetzten Polen begingen. Am 8. September 1939 marschierten die Nazis in Rymanów ein.

Am nächsten Tag wurde allen Juden befohlen, sich am Marktplatz des kleinen Dorfes zu versammeln. Man ließ sie mehrere Stunden mit erhobenen Händen stehen. Dann wurden die Frauen und Kinder nach Hause geschickt, und erst spät am Abend durften die Männer den Marktplatz verlassen. Nachdem die Juden zunächst unter Androhung der sofortigen Erschießung (was auch geschah!) aus der Stadt vertrieben worden waren, wurde 1941 in Rymanów ein Ghetto errichtet, und die Lage der Juden verschlimmerte sich. 1942 begannen die Deutschen mit einer massiven Jagd auf junge arbeitsfähige Juden, um sie in Arbeitslager zu deportieren. Am 3. August 1942 wurde eine große Gruppe von jüdischen Arbeitern in die Todeslager nach Plaszów und Bełżec verbracht, einige Dutzend wurden an Ort und Stelle erschossen. Arnold Zweig erhielt von einer Überlebenden des faschistischen Massenmords, von Frau Hilde Huppert, den nachfolgenden, erschütternden Bericht, den er 1951 in bearbeiteter Form veröffentlichte.

Dann kamen die heißen Augusttage 1942. Das Städtchen Rymanów lag wie ausgestorben. Ich ging, ohne Armbinde, über das Gebirge, um meine Schwester zu besuchen. Mich trieb eine böse Vorahnung, es könnte das letztenmal sein. Bei der Ankunft erfuhr ich, gestern sei der Chef der Gestapo aus Krośno dagewesen. Er hatte vom Judenrat eine enorme Geldsumme, außerdem fünfzig Paar Stiefel, viele Coupons englischer Stoffe und alles Wertvolle verlangt, damit es nicht zur Aussiedlung komme. Der Judenrat hatte alle Hände voll zu tun, um diesen großen Ansprüchen zu genügen, glaubten die armen Menschen doch, daß dadurch das Unheil abgewendet werden könnte. Drei Tage später fuhren sie mit den Sachen nach Krośno, um die Gestapo zufriedenstellen zu können. Die Spannung löste sich ein wenig, als der Obmann des Judenrates die Nachricht brachte, daß mit Gottes Hilfe alles gut ablaufen werde. Man sah die jüdische Bevölkerung auf den Friedhof pilgern, um, Wunschzettel und Kerzen opfernd, an den Gräbern großer Rabbiner im heißen Gebet um Hilfe stundenlang zu verharren.

Am nächsten Morgen um 5 Uhr jedoch wurde das Ghetto von SS, Gestapo und Soldaten umzingelt, niemand konnte es verlassen. Mit einem Schlag erkannte jeder, daß die Faschisten ihr Versprechen brachen, daß das Unglück da sei. Bestürzung und Verzweiflung waren unbeschreiblich. In einer halben Stunde sollte die jüdische Bevölkerung am Marktplatz versammelt sein, wen man später in der Wohnung antreffe, der würde auf der Stelle erschossen werden. Alle Menschen mußten kniend die weiteren Befehle abwarten. Mit Fußtritten und Gewehrkolben wurde die gewünschte Ordnung in einigen Minuten hergestellt. Zuerst mußten Geld und Schmuck abgeliefert werden. Wer zögerte, wurde mit einem Schuß hingestreckt, worauf die Abgabe schnell vor sich ging. Das war der Anfang. Dann wurden die Alten, Schwachen und Kinder ausgesondert und auf bereitstehende Autos geworfen, die nach ungefähr einer Stunde leer und blutbefleckt zurückkehrten und zeigten, welche Tragödie sich im Wäldchen hinter der Stadt abgespielt hatte. Die Faschisten traktierten unterdessen jeden, der seine kniende Stellung verließ, mit Fußtritten und Schlägen.

rymanow2Dem Obmann des Judenrates wurde erklärt, daß hundert junge Juden, die bei der „Straßenbaufirma Kirchhof“ arbeiteten, und fünfzig junge Frauen von der Aussiedlung verschont bleiben würden. Mein Schwager und meine Schwester sollten auch bleiben. Wer beschreibt nun das Entsetzen, als der Bürgermeister erklärte: Er wünsche keine Jüdinnen im Ort. Mein Schwager, der sich von seiner Frau, über alles liebte, nicht trennen wollte, meldete sich sofort zur Aussiedlung, wurde aber mit den Worten: „Ihr kommt in einigen Tagen euren Frauen nach“, abgewiesen. Er hatte noch Gelegenheit, mit meiner Schwester ein paar Worte zu sprechen, die ihm erklärte: „Markus, es ist alles aus, paß auf unsere Kleine auf, schone dich, sie soll doch nicht auch noch den Vater verlieren. Nach all dem Schrecklichen will ich nicht mehr leben. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß es keine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, sonst hätte ein Wunder geschehen müssen.“ Sie bückte sich, zog aus dem Schuh rasch einen Brillantring, den sie in glücklichen Tagen von ihrem Manne zur Verlobung erhalten, und gab ihn mit einem wehmütigen Lächeln zurück: „Für Ruthi, vielleicht kann er ihr einmal nützen, ich brauche ihn nicht mehr, ich will mich nicht mehr retten.“

Und dann geschah folgendes: Der vierzigjährige Arzt Dr. Fink verließ plötzlich seine kniende Stellung und rief mit lauter Stimme über den Platz:

„Mörder! Verbrecher! Wilde Tiere! Diese Verbrechen werdet ihr büßen! Ihr glaubt, den Krieg schon gewonnen zu haben, aber nur gegen uns Juden, gegen Amerika, England und Rußland habt ihr ihn verloren. Ich sage euch, dieses ruchlose Morden wird gerächt werden. Ich bin stolz, als Jude geboren zu sein und will als anständiger Mensch sterben. Ich beneide euch nicht einen Moment, denn euer verbrecherisches Treiben wird ein Ende finden, und ihr werdet eure verdiente Strafe erhalten!“

Die Faschisten standen einen Augenblick verblüfft, sie wußten nicht, was sie mit diesem aufrechten Manne machen sollten. Dem Dr. Fink war es natürlich klar, daß er sich sein Todesurteil selbst gesprochen, aber er konnte nicht schweigen, zu groß war das Unrecht, das man seinen Glaubensbrüdern und -Schwestern angetan. Drei SS-Leute stürzten sich auf ihn, in einigen Minuten verblutete ein totes Menschenbündel auf der trockenen polnischen Erde. Unseren Dr. Fink haben sie totgeschlagen, aber sein Andenken bewahren wir in unseren Herzen.

Dem Obmann des Judenrates wurde gestattet, mit seiner Familie im Krośnoer Ghetto zu bleiben, doch der brave Mann lehnte es ab, er wollte seine Gemeinde nicht im Stich lassen. Der vierzigjährige Obmann Spira, der eine junge Frau und ein dreijähriges Kind hatte, wußte, daß er seine Fahrt in den Tod antrat.

Inzwischen war es 5 Uhr Nachmittag geworden. Die Übriggebliebenen mußten sich in Fünferreihen anstellen, um den Bahnhof zu Fuß zu erreichen. Ein Entkommen war unmöglich, jeden, der aus der Reihe trat, traf die Kugel. Die Menschentreiber jagten ihre unglücklichen Gefangenen innerhalb einer Stunde zum sechs Kilometer entfernten Bahnhof, wo auf einem Nebengeleise Viehwaggons bereitstanden. Es war eine sengende Hitze, niemand bekam einen Schluck Wasser. Die ehemaligen Einwohner von Rymanów wurden in Gruppen geteilt, mit Gewehrkolben in die mehr als doppelt überfüllten Viehwaggons hineingezwungen. Die Wagen wurden versiegelt und standen noch zwei Tage und Nächte, da man auf die Opfer von Krośno wartete, wo sich das gleiche wie in Rymanów abspielte. Während Rymanów außer den hundert übriggebliebenen Arbeitern völlig judenrein wurde, blieb in Krośno ein kleines Ghetto mit ungefähr fünfhundert Juden, das mit einer hohen Mauer abgeschlossen wurde.

rymanow3Ich ahnte damals noch nicht, daß ich meine Schwester verloren hatte, eine Frau, die jedem Hungrigen selbstlos geholfen hatte. Ein Arbeitskollege meines Schwagers sandte mir einen Zettel mit folgendem Inhalt: „Kommen Sie sofort, es ist ein Unglück geschehen.“ Ich besaß keinen Passierschein mehr, die Straße war stark bewacht, da man überall entlaufene Juden suchte. So war der Weg sehr gefährlich für mich; wurde ich gestellt, so war ich verloren. Deshalb ging ich in das Büro des polnischen Polizeikommandanten, dem ich oft deutsche Übersetzungen gemacht hatte, und zeigte ihm die Notiz, worauf er sich sofort bereit erklärte, mit mir zu gehen. Wir machten uns noch denselben Nachmittag auf den Weg. Ich ging ohne Binde, doch ich lief in seiner Gesellschaft nicht Gefahr, nach Ausweispapieren gefragt zu werden. Unterwegs erzählte er mir, daß er gestern bei der Aktion in Krośno, der Liquidierung des Ghettos, dabeigewesen wäre. Er war empört, besonders über das, was sie mit den kleinen Kindern gemacht, wie die Faschisten die Kleinen bei den Füßen genommen und ihnen den Schädel an den Telegraphenstangen eingeschlagen hatten. Mein Begleiter war ein gläubiger Katholik, und er verabscheute die Bestialitäten der Faschisten. Er hatte in seinem Beruf vielen Polen und Juden geholfen.

Die hundert Rymanówer Arbeiter waren hinter der Stadt in einer alten Schule untergebracht. Durch den Kommandanten gelang es mir, in das Gebäude hineinzukommen. Der Anblick, der sich uns bot, war trostlos. Die Männer saßen im Hofe, die Köpfe in den Händen vergraben, stumm und stier vor sich hinsehend. Ais sie mich erblickten, weinten einige laut auf, und ein Bekannter rief: „Frau Hilde, meine alte Mutter ist ermordet worden, meine liebe gute Mutter, meine Schwester und mein jüngerer Bruder sind ausgesiedelt, und wissen Sie, wie das geschah? Alle waren halbtot, als sie den Bahnhof erreichten; sie standen noch zwei Tage in den plombierten Wagen, den kleinen Gucklöchern entstieg ein heißer Dampf. Warum geschah ihnen das, wofür? Sie sind bestimmt nicht lebend angekommen, ich verfluche mich, daß ich immer noch lebe.“

Ähnlich empfanden alle diese Männer, die allein zurückgeblieben waren und ihre Lieben unter den schrecklichsten Umständen hatten verlassen müssen. Das brachte sie dem Wahnsinn nahe. Ihr eigenes Schicksal kümmerte sie wenig. Mit zugeschnürter Kehle ging ich in das Haus, wo mein Schwager krank auf einem Strohsack lag. Im ersten Moment erkannte ich ihn nicht, was war aus dem frohen Menschen geworden! Er hatte einen schweren Herzanfall und lag völlig teilnahmslos auf seinem Lager; erst als ich einige Male seinen Namen gerufen hatte, richtete er seine erloschenen Augen auf mich. Er war zu schwach, um sich aufzusetzen, aber er hatte mich erkannt, und mit übermenschlicher Kraft gelang es ihm, die Worte zu stammeln: „Hilde, warum? Warum werden wir so schrecklich gestraft, ich glaube nicht mehr an Gott, denn wenn es einen Gott im Himmel gäbe, ließe er so etwas nicht zu! Hilde, du weißt ja nicht, wie das gewesen, mir dreht sich der Kopf, immer sehe ich Regas braune Rehaugen, die mich wie Hilfe suchend anschauen, und wie sie ging, da hat sie mein Herz mitgenommen. Ich kann nicht mehr leben und will es auch nicht, denn ich kann ihren Verlust nicht verschmerzen. Meine Kollegen wollen dem Zug einen Boten nachsenden, sie vergessen, wie zwecklos das ist, vom Jenseits gibt es keine Rückkehr.“

Ich konnte den Kranken nicht trösten, war doch der Schmerz für mich genau so groß wie für ihn; ich hatte in meiner Schwester, mit der ich zusammen aufgewachsen war, so viel verloren. Nach kurzer Pause gab mir mein Schwager noch den Ring für sein Kind, doch stellte er keine Frage nach ihm. Mein Begleiter kam, es war hohe Zeit für den Rückweg. Ich versprach meinem Schwager, bald nach ihm zu sehen, dann verließen wir fluchtartig das Lager. Auf dem Heimweg erzählte mir der Kommandant, daß die Männer wirklich dem Zuge einen Boten nachgesandt hätten und fieberhaft auf Antwort warteten. Nun stand mir noch die schwere Aufgabe bevor, meine Mutter von der Aussiedlung ihrer Tochter zu benachrichtigen. Ich beschloß, es vorläufig nicht zu tun, ehe ich nicht erfahren hatte, wohin die Ausgesiedelten geschickt worden waren.

Aufgeschrieben von Arnold Zweig [1]


Aus dem Nachwort:

Ein Volk ist verantwortlich auch für das, was es mit sich anstellen läßt, sagt die Geschichte. Sie hat kaum je Ausnahmen von dieser Regel zugelassen und wird es auch diesmal nicht tun. Denn was unter der Perspektive von Staaten und Grenzen oft wie unverdient aussieht, nimmt ein ganz anderes Relief an, wenn man den Maßstab von Klassenschichtungen und Klassenkämpfen anlegt. Dann erkennt man oft, daß sich als nationales Unglück maskiert hat, was im Grunde schuldhaft unterlassener Klassenkampf war: die Weigerung eines reifen Volkes, sich zur Wehr zu setzen, wenn seine Oberschicht es mit schmuckhaften Lügen bösartiger Selbstvergottung und verdummender Aufhetzung gegen Nachbarvölker in Kriege stürzt, um die inneren Krisen außenpolitisch abzureagieren.

Da die deutschen Agrar-Verhältnisse seit dem großen Bauernkrieg nach gründlicher Neuaufteilung des Bodens verlangten – was war einfacher, als die Eroberung der Ukraine zu betreiben, um der deutschen Brust den Raum zum Atmen zu verschaffen? Und wo der Deutsche seit Jahrhunderten den Traum hegte, irgend jemandes Vorgesetzter zu sein, um den vorbildlichen Unteroffizier und Volksschullehrer im Erdmaßstab zu verwirklichen, für den er sich innerlich berufen fühlte: um diesen Traum zu erfüllen, brauchte man nur andere Rassen und Völker, Nichtdeutsche in Sklaven zu verwandeln, um den „Volksgenossen“ mit ausgiebiger Rente zu Höchstleistungen auf dem Rücken anderer anzuspornen.

Selten hat es eine herrschende Schicht so verstanden, die Affekte und Lebenslügen eines Volkes einzuspannen und auszubeuten, wie es das deutsche erlebt hat. Und dabei waren keinem Volke Aufklärung und Warnung von seinen eigenen Klassikern, in seiner eigenen Sprache so deutlich gemacht worden wie dem deutschen, von Lessing und Heine, von Marx und Engels.

Aufgeschrieben von Arnold Zweig [2]


Quelle:
[1] Arnold Zweig: Fahrt zum Acheron, VVN Verlag GmbH, Berlin (DDR), 1951, S.22-27.
[2] ebd., S.111f. (Auswahl und Hervorhebungen von mir, N.G.)

Siehe auch:
Faschismus – Ghetto – Massenmord
Wiederaufgefundene Fotos ermordeter jüdischer Einwohner von Rymanów (engl.Text)
PDF-Datei: Rymanów – The Chassidic Rout (engl.)
Die Kriegsschuld Deutschlands und die Mitschuld des deutschen Volkes
Der Nürnberger Prozeß – Epilog

Auf Spurensuche:
Jens-Jürgen Ventzki: Mein Vater hat hemmungslos gelogen, in Die Welt: 30.8.09
Feuchert, Sascha/ Leibfried, Erwin/ Riecke, Jörg: Die Chronik des Gettos Łódź/Litzmannstadt. Wallstein Verlag, Göttingen 2007.

Anmerkung: W pobliżu Rymanowa okupant zorganizował obóz zagłady, w którym zginęło 10 tys. jeńców radzieckich, a także dokonał eksterminacji licznej w mieście ludności żydowskiej. W więzieniach i okolicznych miejscach straceń ginęli także rymanowianie. (Historia)

In der Nähe von Rymanów organisierten die (deutschen) Okkupanten ein Vernichtungslager, in welchem 10.000 sowjetische Kriegsgefangene umkamen, und auch die massenhafte Ausrottung der jüdischen Bevölkerung der Stadt vollzogen wurde. In den Gefängnissen und den umliegenden Hinrichtungsorten kamen auch Bewohner Rymanóws um. (Übers.: K.B.)

auch: After the Polish defeat, a prisoner of war camp was set up in the town’s vicinity. Up to 10,000 Soviet prisoners were killed there by the Germans. The camp served also as a transit camp for the local Jewish population, mostly murdered in the German concentration camps. (Quelle: Kol Israel foundation of Cleveland, Ohio; PDF-Datei)

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2 Antworten zu Die Liquidierung des Ghettos Rymanów

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