Ljubow Pribytkowa: …und mal wieder über Stalin.

StalinJosef Wissarionowitsch Stalin ging in die Weltgeschichte ein als eine bedeutende Persönlichkeit. Ich war in vielen Ländern Europas, und wie angenehm war es, in den Gesprächen mit Tschechen und Bulgaren, mit Franzosen und Portugiesen über ihn – Stalin – als einen Sieger zu hören.

Noch kein halbes Jahrhundert seit dem Tage seines Todes ist vergangen, eine für die denkende Menschheit viel zu kurze Zeit, um in der Geschichte eine adäquate Einschätzung dieses Politikers zu treffen, der eine bemerkenswerte Spur in der Geschichte, nicht nur Rußlands, sondern auch der gesamten menschlichen Gesellschaft, hinterließ. Wie schon der Dichter sagt: Von Angesicht zu Angesicht erkennt man nicht den Menschen, erst mit dem Abstand sieht man recht.

Ein objektives Bild

Der Streit um diesen Namen nimmt kein Ende, und das ist verständlich. Stalin war eine widersprüchliche Persönlichkeit, so wie auch seine Epoche. Leider tragen die Streitigkeiten um seine Person einerseits oft spekulativen Charakter, andererseits gibt es über ihn sowohl Huldigungen, wie auch häufig Unterstellungen bestialischer Bosheit. Darin überwiegen Emotionen, persönliche, wie Gruppeninteressen und subjektive Voreingenommenheit. Die Debatten gehen an der Wahrheit vorbei. Statt dessen bedarf es des unaufgeregten, wissenschaftlichen Dialogs der Gesellschaftswissenschaftler, um ein objektives Bild dieses Staatsmannes zu zeichnen. Er stand über dreißig Jahre an der Spitze eines riesigen Vielvölkerstaates – des ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates in der Welt, der unseren Planeten vor der faschistischen Unterjochung rettete.

Heute ist eine unparteiische Analyse des Phänomens Stalins sehr schwierig. Noch sind diejenigen am Leben, die die Fundamente dieses großen Staates schufen. Sie errichteten die Stahlindustrie von Magnitka, erbauten das riesige Wasserkraftwerk am Dnepr und gigantische Bewässerungsanlagen in den Wüsten Mittelasiens. Sie stellten im Tscheljabinsker Traktorenwerk Hunderttausende von Traktoren her, und sie verteidigten ihre sowjetische Heimat mit der Waffe in der Hand an den Fronten des Großen Vaterländischen Krieges. Aber auch jene leben noch, deren Vorfahren in den großen Klassenschlachten auf der anderen Seite der Barrikade standen, und die verloren haben. Das Schicksal hat sie oft grausam behandelt, und bis heute bluten ihre Seelen. Mit dem Geschehenen werden sie nicht versöhnen.

Die Komplexität einer objektiven Einschätzung Stalins ist auch damit verbunden, daß sich das öffentliche Bewußtsein der sowjetischen Menschen einige Jahrzehnte lang unter dem Einfluß der hysterischen Chruschtschowschen Kampagne befand, die einherging mit der sogenannten Aufdeckung des Personenkultes um Stalin. Als Politiker der UdSSR wurde Stalin von der Liste derjenigen Personen entfernt, die einer weiteren wissenschaftlichen und historischen Forschung bedürfen. Er galt forthin als anrüchige Persönlichkeit, deren Charakteristik sich auf die Etikettierung „Personenkult”, „Repressalien” und „Totalitarismus” beschränkte.

Im Laufe Gorbatschowschen Perestroika wurde von den sogenannten Demokraten soviel Schmutz auf Stalins Grab geworfen, daß größere Bemühungen erforderlich sein werden, um seinen Namen von all diesen Lügen und Verleumdungen zu reinigen. Verstehen kann man sie. Den Feinden der Sowjetmacht erscheint auch der tote Stalin furchtbar. Doch im Bewußtsein des Volkes ist er lebendig, und auch der Glaube an eine gerechte Ordnung auf der Welt – an den Sozialismus – wird für immer lebendig bleiben.

Eine Flut schmutziger Schmähschriften

Je mehr sich das Leben der Menschen verschlechtert, je mehr sich der einst mächtige Staat, die Sowjetunion, in eine Halbkolonie verwandelt wird, desto größer wird das Interesse an Stalin, desto mehr gelangt auch die Wahrheit über ihn zum Durchbruch. Die Menschen beginnen zu verstehen, daß ihm unter dem Deckmantel einer vorgeblichen Öffnung der Archivdokumente Auftragswerke oder Nachdrucke weißemigrantischer Philippika untergeschoben wurden. In den letzten fünfzehn Jahren wurde das Land buchstäblich überschwemmt von einem riesigen, trüben Strom böser stalinfeindlicher Schmähschriften der Wolkogonows, Solzhenizyns, Rybakows, Radzinskis, Astafjews, Sobtschakows und anderer Banditen. Diese Armee scheindemokratischer Lakaien hat genau damit gerechnet, daß im Verlaufe des konterrevolutionären Umschwungs die stalinfeindliche Karte für sie die vorteilhafteste ist. Ihr Konjunkturspürsinn hat sie nicht getrogen.

Nehmen wir einen von ihnen – den ehemaligen ersten Stellvertreter des Leiters der Politischen Hauptverwaltung der sowjetischen Armee und Flotte, den späteren Direktor des Institutes für Militärgeschichte, den zweifachen Doktor der philosophischen und historischen Wissenschaften, Dmitri Wolkogonow. Die politische Prostitution dieses ehemaligen Generals hat „viel erreicht”. Einst haben wir nach seinem Lehrbuch „Der Psychologische Krieg” studiert. Das war etwas. Seine Analysen des jahrzehntelangen Kalten Krieges des Westens gegen den sowjetischen Staat sind genau und tiefgründig. Etwa fünfzig Mal zitiert er in diesem Buch die weisen Gedanken Lenins.

Man sagt zwar: Alter schützt vor Torheit nicht. Doch was diesen 65jährigen General betrifft, so hat er sich aus einem „rechtgläubigen Leninisten“ in einen lupenreinen Antikommunisten, einen Handlanger des amerikanischen Sowjetologen Zbigniew Brzezinski verwandelt. Und die Methoden des psychologischen Krieges westlicher Sowjetfeinde – Lüge, Verleumdung, Unterstellung von Fakten, Hirngespinste, Entstellungen und vieles andere – wurden zu seinem literarischem Werkzeug. So brachte dieser „Wissenschaftler“ mit Hilfe von diesem schmutzigen Instrumentarium „Ordnung“ in die sowjetische Geschichte. Er begann sie kurz und klein zu schneiden und beeilte sich, Spuren in der Gesellschaftswissenschaft zu hinterlassen, der er einst folgte. Vor einigen Jahren ging er weg in eine andere Welt, tilgte das Werk seines gesamten bisherigen Lebens, um sich den neuen Herren seines Lebens fanatisch anzudienen und alles das zu vernichten, was sein Kopf und seine Hände bisher anrührten. Als Beweis für diese Bemerkungen nehme man sein Machwerk über Stalin „Triumph und Tragödie”.

Für einen Kammerdiener gibt es keine Helden…

Nimmt man den umfangreichen Wälzer Edward Radzinskis, die Machwerke Anatoli Sobtschaks, die Artikel von O. Lazis, J. Lewad und L. Anninski über die „Gestalter der Perestroika”… Diese und viele andere, die sich zu den „vom Feuer des Stalinismus Verbrannten“ zählen – sie vereint die Feindschaft gegenüber Stalin. In ihren Elaboraten gibt es viel Wahrscheinliches, doch nichts Wahres. Über Stalin und seine Kampfgenossen liest man fast nur bestialische Grausamkeiten. Und keiner dieser Leute interessiert sich für das vorrevolutionäre Rußland, seine Wirtschaft, das Elend des einfachen Volkes, das Analphabetentum und die großen Ungerechtigkeiten. Sie interessieren sich nicht für die großen Ziele, die sich die Bolschewiki gesetzt hatten, nicht dafür, wie man die Menschen ernähren sollte, wie man sie zu gebildeten und freien Menschen macht, wie man die Ausbeutung beseitigt, um eine Gesellschaft der sozialen Gleichheit und der Gerechtigkeit zu schaffen. Was begreifen diese Leute überhaupt von Stalin – dem Menschen und seinem Schaffen?

Es sei an die Worte des deutschen Philosophen Hegel erinnert:

„Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden, ist ein bekanntes Sprichwort; ich habe hinzugesetzt – und Goethe hat es zehn Jahre später wiederholt –, nicht aber darum, weil dieser kein Held, sondern weil jener der Kammerdiener ist. Dieser zieht dem Helden die Stiefel aus, hilft ihm zu Bette, weiß, daß er lieber Champagner trinke usf. – Die geschichtlichen Personen, von solchen psychologischen Kammerdienern in der Geschichts-schreibung bedient, kommen schlecht weg; sie werden von diesen ihren Kammerdienern nivelliert, auf gleiche Linie oder vielmehr ein paar Stufen unter die Moralität solcher feinen Menschenkenner gestellt.“ [1]

Stalin – eine große Persönlichkeit

Seit langem ist bekannt, daß es „für niedrige Naturen nichts Angenehmeres gibt, als sich für ihre Nichtigkeit zu rächen, den Schmutz ihrer Ansichten und Meinungen auf alles Große und Heilige zu werfen“. (Belinski)

Wie kann man in dem wütenden Streit über Stalin herausfinden, auf wessen Seite die Wahrheit ist? Wie kann man die Größe einer Persönlichkeit, seine historische Bedeutung bestimmen, wie kann man seine Taten, seinen tatsächlichen Beitrag für die gesellschaftliche Entwicklung objektiv bewerten?

Und wer wird unerwünschten Einschätzungen über große Persönlichkeiten, den subjektiven Eingebungen darin widersprechen, die von engstirnigen Klasseninteressen der Feinde dieser Persönlichkeit diktiert sind, den Mängeln, die es bei großen Persönlichkeiten niemals gab?

„Es sind große Menschen“, schrieb Hegel, „eben weil sie ein Großes, und zwar nicht ein Eingebildetes, Vermeintes, sondern ein Richtiges und Notwendiges gewollt und vollbracht haben.“ Und er setzt fort: Ein welthistorisches Individuum hat nicht die Nüchternheit, dies und jenes zu wollen, viel Rücksichten zu nehmen, sondern es gehört ganz rücksichtslos dem einen Zwecke an. So ist es auch der Fall, daß sie andere große, ja heilige Interessen leichtsinnig behandeln, welches Benehmen sich freilich dem moralischen Tadel unterwirft. Aber solche große Gestalt muß manche unschuldige Blume zertreten, manches zertrümmern auf ihrem Wege.“ [2]

Eine solche Persönlichkeit war Stalin. Er ist eine Figur von welthistorischer Bedeutung. Je nach der Entfernung von der konkreten Epoche, in der er lebte, füllt sich sein Antlitz mit immer objektiverem Inhalt. Auf den ersten Blick erscheint es paradox, doch es wird nicht weniger wahrhaftig. Mit der Zeit verschwinden aus dem Gedächtnis die Details, die Feinheiten der Ereignisse, die privaten Tatsachen, die Originalität und die Einmaligkeit der sozialen Erscheinungen, was freilich zu einer Verarmung jener sozialen Zeit führt. Dafür aber erkennt man um so deutlicher die Tiefe des Geschehens, das Wesen der Epoche, die Bedeutung des Handelns der gesellschaftlichen Subjekte im Verlaufe der Geschichte und den Grad ihrer Größe.

Eine neue fortschrittliche, sozialistische Ordnung

Eine große Persönlichkeit zu verstehen bedeutet, die Epoche zu verstehen. Sie wird hervorgebracht durch die Bedürfnisse der Gesellschaft. Es ist kein Zufall, daß der Streit um die Persönlichkeit Stalins auch nach fünfzig Jahren nicht aufhört. Auf den einander bekämpfenden Seiten stehen Menschen mit diametral entgegengesetzten Klasseninteressen, mit verschiedenen Lebensweisen, Zielen und Wertvorstellungen. Eigentlich ist der Kampf um Stalin nicht ein Kampf um die Person, es ist die geistige Auseinandersetzung zweier gegensätzlicher Weltsysteme – des Kapitalismus und des Sozialismus.

Für die werktätigen Menschen wurde der Name Stalins zum Symbol für eine neue, fortschrittliche sozialistischen Ordnung. So seltsam es für andere vielleicht klingen mag, die weniger über tieferen historischen Prozesse nachdenken: der Kapitalismus gehört, ungeachtet seines attraktiven Äußeren, der Vergangenheit an. Vor dem Niedergang werden ihn weder die vollkommensten Produktionsmittel, die höchsten Technologien retten, noch mehrfache Millioneninfusionen in die mächtigste Propagandamaschine, welche geschickt die öffentliche Meinung auf unserem Planeten beeinflußt. Der Kapitalismus widerspricht der menschlichen Natur, weil er zwar die Bedingungen für die Entwicklung des Menschen schafft, seine Seele aber zugrunde richtet, das Menschliche im Menschen kastriert und ihn in einen biologischen Automaten zur Bearbeitung von Dingen und Produkten umwandelt.

Nach 1917 erhielt das werktätige Volk die Freiheit von der jahrhundertealten Leibeigenschaft und bürgerlichen Sklaverei, von sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit, von Ausbeutung und Analphabetentum, von Kulturlosigkeit und Ausschluß aus Entscheidungen über das eigene Schicksal. Sogar Nikolai Berdjajew, der mit der Oktober-Revolution nichts anzufangen weiß, war gezwungen anzuerkennen: „Die Russische Revolution weckte und entfesselte riesige Kräfte im russischen Volk. Darin besteht ihr Hauptsinn.”

Wenn man den Grad der Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit als höchstes Kriterium für den Fortschritt einer Gesellschaft nimmt, so kann man hinsichtlich der Herausbildung der materiell-technischen, der sozial-ökonomischen und der moralischen Bedingungen feststellen, daß der sowjetische Sozialismus dem kapitalistischen System überlegen war.

Im zaristischen Rußland [3] besaßen nicht mehr als 300.000 Menschen höchste und mittlere Bildung; Bauern gab es darunter fast keine. Das einfache Volk konnte weder lesen noch schreiben.

Unter der Herrschaft des Volkes mußte fast bei Null begonnen werden, um das Fundament des neuen Lebens zu legen – die Rohstoffgewinnung mußte aufgenommen und die Schwerindustrie geschaffen werden. Ökonomische Unabhängigkeit war erforderlich. „Die Angst vor der Arbeitslosigkeit und der Altersarmut, die Sorge um die Zukunft der Kinder – das sind die schlimmsten Feinde der Freiheit.” Das haben progressive westliche Schriftsteller und Journalisten, die speziell die Sowjetunion besuchten, um den grandiosen Aufbau mit eigenen Augen zu sehen, sehr gut verstanden.

Die Herrscher der USA, wie im übrigen auch ganz Westeuropas, fürchteten nichts mehr als die schreckliche „rote Infektion”. Sie taten alles, damit die Wahrheit über den Sieg der Arbeiterklasse und der Bauernschaft in Rußland den westlichen Spießbürgern nicht ins Bewußtsein drang. Nach Amerika war es verboten, russische Zeitungen einzuführen. Über die russische Revolution und über ihren Führer, Lenin, wurden die unmöglichsten Geschichten verbreitet. Muß man nicht hier nach den Quellen der stalinfeindlichen Hysterie suchen?

Was waren die historischen Errungenschaften der Sowjetunion?

Erst jetzt beginnt das Volk der ehemaligen Sowjetunion zu begreifen, daß es verloren hat, als es die Sowjetmacht 1991 während des konterrevolutionären Umbruchs den als Demokraten getarnten Feinden kampflos übergab. Bei allen Schwierigkeiten und Widersprüchen ihres Entstehens gewährleistete die sozialistische Lebensweise allen Werktätigen eine Beschäftigung. Sie sicherte das Recht auf freie Arbeit, die Möglichkeit einer freien Berufswahl, die planmäßige und krisenfreie Entwicklung der Wirtschaft. Sie entband die Menschen von der Sorge um den morgigen Tag, ermöglichte die Sicherheit im Alter und ein kostenloses Gesundheitswesen. Eine unumstößliche Errungenschaft des Sozialismus war die soziale Gleichheit, die neuen zwischenmenschlichen Beziehungen, der Zugang zu Bildung und kulturellen Werten.

In gewisser Weise war der zweite Weltkrieg für die neue Ordnung, für das sowjetische Volk und seine Regierung, die kommunistische Partei, die an der Spitze des Landes stand, so etwas wie eine Prüfung. Das sowjetische Volk hat diesen grausamen Test ehrenvoll bestanden. Die sozialistische Gesellschaftsordnung hat ihre Lebensfähigkeit bewiesen. Sie hat gezeigt, daß dies die beste Form der Organisation der Gesellschaft ist, die für die menschliche Zivilisation neue Horizonte eröffnete.

Mittlerweile ist es für die Gegner des sowjetischen Staates zur Trivialität geworden, Stalin harter Regierungsmethoden und der Repressalien zu bezichtigen. Und es gab sie. Um aber den Regierungsstil, wie auch den Staat richtig einschätzen zu können, muß man historisch konkret herangehen, um ihr Wesen und den sozialen Sinn zu verstehen. Abstraktes Moralisieren bringt nicht zur Wahrheit, sondern führt von ihr fort.

Außerordentliche Vorschriften sind unvermeidlich, wenn sich das Land, wenn sich die Gesellschaftsordnung in Todesgefahr befinden. In solchen Situationen werden harte Herrschaftsmethoden der Regierung zu einer objektiven Notwendigkeit. Ein Land, welches durch den Bürgerkrieg, durch den Angriff der Entente, durch den Großen Vaterländischen Krieg zerstört wurde, bedurfte der strengsten politischen, ideologischen und Produktionsdisziplin. Natürlich war die Verstärkung der Zwangsmaßnahmen in unterschiedlichem Maße mit der Alleinherrschaft und möglicherweise mit einem Kult um den obersten Befehlshaber verbunden. Ein autoritärer oder demokratischer Führungsstil wird diktiert vom Maßstab der Veränderungen, von ihrer sozialen Bedeutung und von der konkreten Situation, von der Größe der vor der Gesellschaft stehenden Aufgaben.

Dann begannen die Entartungen…

Mit Chruschtschow gelangte ein Antikommunist an die Spitze der Partei Lenins. Nach dem verheerenden XX. Parteitag der KPdSU sagte sich die Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion los von den unschätzbaren Stalinschen Erfahrungen und machte die großen Errungenschaften des ersten sozialistischen Landes so nach und nach wieder zunichte. Die Partei erklärte ihren Verzicht auf die Diktatur des Proletariats und rief im Land den „Staat des ganzen Volkes“ aus. Das bedeutete die faktische Aufhebung der Kontrolle der Werktätigen, hauptsächlich der Arbeiterklasse, über die ökonomische, politische und soziale Entwicklung der Gesellschaft. Die Beschlüsse dieses 28. KPdSU-Parteitages sind ein Verbrechen, anders kann man das nicht nennen, weil sie den Markt gebilligt, den Besitz von Privateigentum (an Produktionsmitteln) im Land ermöglicht und den sozialistischen Staat auf einen kapitalistischen Entwicklungsweg gestoßen haben.

Ein solcher Beschluß zum Ende der 80er Jahre kam nicht unerwartet. Die Partei hatte schon eine große Anzahl von Mitgliedern, war amorph, von kleinbürgerlichen Viren verseucht und bürokratisiert. Nachdem der Staat des ganzen Volkes ausgerufen worden war, verzichtete die Führung der Partei auf die Orientierung auf die zentrale kommunistische Idee – die Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse als der schöpferischen Hauptkraft jeder beliebigen Gesellschaft. In ihrer Mitte befanden sich viele Karrieristen und Speichellecker, die bereit waren, jeder beliebigen Idee zu dienen, wenn man sie nur am Futtertrog beließ. In Wort und Tat widersprachen sie sich. Es fand eine Verbürgerlichung der Parteinomenklatur statt. Die kommunistischen Parteien der Unionsrepubliken wurden schon nicht mehr von Kommunisten geleitet, sondern von Feiglingen, die sich absolut vom Volk entfernt hatten. Die Partei hatte im Grunde aufgehört, kommunistisch zu sein. Ideell und moralisch gespalten, konnte ihre Führung der im Land auftauchenden, kriminellen Bourgeoisie im Prinzip nicht widerstehen, weil sie mir ihr verwachsen war.

„Die historische Logik des Stalinismus“

Der Sieg der Bourgeoisie in der UdSSR hat die Richtigkeit der Stalinschen Ideen über eine Verstärkung des Klassenkampfes nach dem Aufbau des Sozialismus und über die Notwendigkeit des unversöhnlichen und schonungslosen Kampfes gegen seine Feinde am Ende nur bestätigt. Der Verrat dieser genialen Ideen führte zu tragischen Folgen.

Der bekannte Politikwissenschaftler unseres Landes, B.P. Kuraschwili, schrieb in dem schönen Buch „Die historische Logik des Stalinismus” 1996 die prophetischen Worte:

„Wie sehr sich die politisierenden Dummköpfe und die schwadronierenden Strolche unter den Historikern auch bemühen, Stalin als barbarischen Kommandanten eines „Archipels Gulag“ darzustellen, ins Bewußtsein des Volkes ging er ein als Patriot und als Erbauer des neuen, großen Rußland, der großen Sowjetunion, die unter seiner Führung den bisher größten Aufschwung zu den Gipfeln der Macht erlebte und zu weltweitem Einfluß gelangte. Das Volk wird niemals vergessen, daß es diesen Aufschwung auf der Grundlage einer gerechten Gesellschaftsordnung verwirklichte, die Sozialismus genannt wird. Und nachdem sie ihn verloren hat, wird es für das Volk noch bitterer sein, da diese Ordnung seinem Geist und seinen Traditionen entspricht, und von ihm zum Preis von großen Anstrengungen und großen Leiden errichtet wurde. Das Volk wird dieser kleinlichen Denkart wegen der Fehler und der vergeblichen Opfer nicht glauben und sich mit Abscheu von denen abwenden, die sich zusammen mit den Fremden auf das verratene und erkrankte Land gestürzt, es beraubt und zerstückelt haben. Das Volk wird sich mit Abscheu von seinen Verderbern abwenden, die gaunerhaft die Macht ergriffen haben, um sich bald darauf wieder haßerfüllt, mit schrecklichem Antlitz und mit Entschlossenheit nach ihnen umzuwenden, den Stalinismus im vollem Umfang zu erneuern und die neuen Feinde des Volkes zu vernichten.“ [4]

Ljubow Pribytkowa

Anmerkungen:
[1] G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte,
in: Gesammelte Schriften. Bd.12, S.47.
[2] a.a.O. S.48 (Hervorhebungen von mir – L.P.)
[3] Bevölkerungszahl nach der Volkzählung von 1897: 93.442.864 Einw.
(Brockhaus, Kleines Konversationslexikon, Leipzig, 1914, Bd.2, S.579.
[4] B.P. Kuraschwili, „Die historische Logik des Stalinismus, 1996, ru.

siehe:
http://www.kommunisten-online.de/wissenschaft/stalin.htm#Leben%20der%20Menschen

–> Die Lüge von den Stalinschen Massenmorden
–> Genosse Kaganowitsch erinnert sich an Stalin
–> Woroschilow urteilt über Stalin
–> Marschall Shukow über Stalin
–> Der Lügenpatriot (von Ljubow Pribytkowa)
–> Stalin: Über unmarxistische Illusionen
–> A.G.Grigorenko über Lenins Schrift „Was tun?“

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9 Antworten zu Ljubow Pribytkowa: …und mal wieder über Stalin.

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