Was ist Wissenschaft?

Das Wissen der letzten Jahre hat sich enorm vervielfacht. In den vergangenen dreißig Jahren wurden mehr Informationen erzeugt, als in den 5.000 Jahren zuvor. Das gedruckte Wissen verdoppelt sich alle 3-4 Jahre. Täglich werden auf der Welt etwa 10.000 Bücher veröffentlich. Ganz zu schweigen von der Flut an Informationen, die sekündlich durch das Internet geistern. Niemand ist in der Lage, dies alles zu kontrollieren oder gar zu bewerten. Je mehr Informationen, desto mehr Chaos.

Wissenschaft

Eine Studentin damals in der Sowjetunion

Die Welt ist um ein Vielfaches manipulierbarer geworden, und für den einzelnen ist es schwieriger, sich zurechtzufinden: Wem kann man da eigentlich noch trauen? Dennoch sollte es möglich sein, aus der unübersehbaren Datenmenge das herauszufiltern, was wesentlich und was nützlich ist. Wir lernen immer auf der Grundlage dessen, was wir schon verstanden haben. Deshalb ist Bildung so wichtig. Und die beginnt schon in der Schule. Ohne Bildung gibt es keine Wissenschaft; und ohne Wissenschaft ist die Welt nicht zum Nutzen der Menschheit veränderbar. Während die Wissenschaft im Kapitalismus vorrangig auf die Erzielung von Maximalprofiten für die großen Konzerne gerichtet ist (diese Profite sind gigantisch!) und damit einen nicht wieder gutzumachenden Schaden anrichtet, dient sie erst im Sozialismus dem Wohle der ganzen Gesellschaft und damit jedem einzelnen. Nur so lassen sich die wachsenden Probleme in der Welt lösen!

Obwohl es in der Gegenwart kaum einen Begriff geben dürfte, der häufiger benutzt wird als „Wissenschaft“, finden wir in der marxistischen Literatur – von der bürgerlichen ganz zu schweigen – keine halbwegs befriedigende Definition dieses Begriffes. Wir wollen hier auf die zahlreichen Versuche, den Begriff der Wissenschaft zu bestimmen, nicht eingehen, sondern nur zusammenfassend einige Mängel derartiger Definitionen nennen. Ganz allgemein läßt sich feststellen, daß die Bestimmungsversuche den komplexen Charakter der Wissenschaft ungenügend berücksichtigen, sie entweder nur als eine Form des gesellschaftlichen Bewußtseins oder als das aus der Erkenntnis hervorgehende System des Wissens oder auch als die systematische Verallgemeinerung der menschlichen Erfahrungen bezeichnen.

„Mit Worten läßt sich trefflich streiten…“ (Goethe) [1]

Bernal ist sogar der Meinung, daß es überhaupt nicht möglich sei, eine vernünftige Definition der Wissenschaft zu finden und wir uns statt dessen mit einer bloßen Aufzählung ihrer Merkmale begnügen sollten.[2] Nun haben Begriffsbestimmungen ohnehin einen beschränkten Wert, aber sie erfüllen im Rahmen ihrer Möglichkeiten doch eine außerordentlich wichtige Erkenntnisfunktion. Gerade dann, wenn die mit einem Begriffsinhalt verknüpften überkommenen Vorstellungen dem Gegenstand nicht mehr angemessen sind, weil er sich grundlegend verändert hat, ist es sehr wichtig, die Übereinstimmung zwischen dem Begriff und der Realität durch möglichst präzise Bestimmung wiederherzustellen.[3]

Theorie

Erkenntnisprozeß: Der verzwickte Weg zur Theorie *

Welche Gesichtspunkte müssen wir berücksichtigen, wenn wir uns Klarheit über den Begriff der Wissenschaft und mittels des Begriffes über die reale gesellschaftliche Erscheinung Wissenschaft verschaffen wollen, wie sie heute existiert? Zunächst einmal ist klar, daß die Wissenschaft eine Form der theoretischen Tätigkeit der Menschen ist, in welcher sich die geistige Aneignung der Welt, die Erkenntnis vollzieht. Sie erwächst aus dem praktischen Lebensprozeß der Gesellschaft und ist in diesen eingebettet.

Was braucht man für die Wissenschaft?

Als aktive menschliche Tätigkeit ist sie eine Form der Entfaltung der Kräfte, Fähigkeiten und Vermögen des Subjekts. Wie jede menschliche Tätigkeit vollzieht sie sich in bestimmten sozialen Beziehungen, welche die tätigen Individuen eingehen und sie setzt auch bestimmte „Arbeitsmittel“, wissenschaftliche Instrumente, Apparate, forschungstechnische Anlagen, Kommunikationsmittel, Bibliotheken und andere Informationsspeicher voraus. Manche dieser Anlagen besitzen großindustriellen Charakter. Das alles sind Bedingungen und zugleich Elemente der wissenschaftlichen Tätigkeit, ohne welche diese nicht möglich ist. Vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung ist es unmöglich, diese realen Bedingungen und Mittel der wissenschaftlichen Tätigkeit aus der Wissenschaft auszuschließen, wie es in der Regel geschieht.[4]

Wie wird Wissen ‚produziert‘?

Wollen wir die Wissenschaft als eine wesentliche Seite des realen gesellschaftlichen Lebensprozesses verstehen, dann müssen wir auch die Produktionsweise des Wissens als eine notwendige Seite der realen Erscheinung Wissenschaft einbeziehen, und das muß sich dann auch in der Definition des Begriffes Wissenschaft widerspiegeln. Die wissenschaftliche Tätigkeit ist im Unterschied zur praktisch-gegenständlichen eine Form des theoretischen Verhaltens der Menschen, sie produziert im Erkenntnisprozeß Wissen über die Naturgegenstände, -prozesse und -zusammenhänge ebenso wie über die gesellschaftlichen Prozesse und Zusammenhänge. Dieses Wissen besitzt systematischen Charakter, es wird in der Form von wissenschaftlichen Theorien aufgebaut, weiche objektive Gesetze, Zusammenhänge usw. der Realität abbilden. Marx bezeichnete die Wissenschaft in dieser Hinsicht als ein „Produkt der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung in ihrer abstrakten Quintessenz.“ [5]

Das ‚Eigenleben‘ der Wissenschaft und ihr Zweck

Als System von Theorien besitzt die Wissenschaft ein relativ selbständiges Eigenleben. In allgemeiner Form ist dieses in den beiden Kapiteln dieses Abschnittes gekennzeichnet worden. Die Theorien und Hypothesen der Wissenschaft besitzen eine bestimmte logische Struktur und stehen in einem inneren Begründungszusammenhang. Im allgemeinen wird in der Wissenschaftsdefinition nur das System des Wissens erfaßt und als eine besondere Form des gesellschaftlichen Bewußtseins charakterisiert. Wissenschaft als System des Wissens ist ihrer Intention und Tendenz nach immer darauf gerichtet, Mittel zur praktischen Beherrschung der Natur und zur bewußten Regulierung des gesellschaftlichen Lebens zu sein.

Wissenschaft zur Beherrschung von Natur und Gesellschaft

In Keimformen und Ansätzen finden wir diesen Übergang aus der Sphäre des Wissens in die praktische Tätigkeit in allen Perioden der Wissenschaftsentwicklung. Allerdings wurde die Wissenschaft erst in Gestalt der klassischen Mechanik im größeren Umfang zur praktischen Bewältigung von Naturkräften und Naturprozessen fähig. In der kapitalistischen Gesellschaft entstanden sowohl die theoretischen wie auch die materiellen Voraussetzungen, Im die Wissenschaft immer mehr praktisch wirksam werden zu lassen. Nachdem diese Voraussetzungen im Geschichtsprozeß produziert waren, konnte die Wissenschaft sich in größerem Umfang zur unmittelbaren Produktivkraft der Gesellschaft entwickeln und auch zum Instrument der bewußten Leitung der Gesellschaft werden.

Die heutige Wissenschaft – philosophisch betrachtet…

Die moderne Wissenschaft besitzt demnach verschiedene Aspekte, die innerlich miteinander verbunden sind und ihr gesellschaftliches Wesen in verschiedener Form zum Ausdruck bringen. Dementsprechend können wir die Wissenschaft betrachten, erstens als einen Bereich der gesellschaftlichen Arbeitsteilung (Wissenschaft als gesellschaftlicher Prozeß), zweitens als ein System von Theorien und Methoden (Wissenschaft als gesellschaftliches Produkt) und drittens als eine (zunächst potentielle; später aktuelle) Produktivkraft der Gesellschaft sowie als Grundlage für die Leitung der gesellschaftlichen Entwicklung (Wissenschaft als Instrument der Gesellschaft). Im ersten Aspekt geht es wesentlich um den Entstehungszusammenhang, im zweiten um den Begründungszusammenhang und im dritten um den Wirkungszusammenhang der Wissenschaft.

Die marxistische-leninistische Definition von Wissenschaft

Wie die Wissenschaft im einzelnen auch definiert werden mag, diese drei Aspekte müssen Berücksichtigung finden, wenn der Begriff der Realität adäquat sein soll. Sie ist eine komplexe soziale Erscheinung, die nicht auf einen dieser Aspekte reduziert werden kann. Der Versuch einer zusammenfassenden Definition könnte demnach lauten: Die Wissenschaft ist ihrer sozialen Existenzweise nach als höchste Form der theoretischen Tätigkeit der Menschen ein besonderes Gebiet der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, welches soziale Beziehungen und wissenschaftliche Einrichtungen mit entsprechenden technischen Anlagen umfaßt als Produkt der Erkenntnistätigkeit ist sie das aus der Praxis erwachsende, sich ständig entwickelnde System der Erkenntnisse über die Gesetze der Natur, der Gesellschaft und des Denkens, welches in Form von Begriffen, Theorien und Hypothesen fixiert wird und seiner sozialen Funktion nach als Produktivkraft der Gesellschaft und Grundlage der Leitung gesellschaftlicher Prozesse eine wachsende Beherrschung der natürlichen und sozialen Umwelt ermöglicht. [6] (…)

Die Wissenschaft in Natur und Gesellschaft

Die moderne Wissenschaft bildet ein weitverzweigtes Netz einzelner Wissenschaften. Sie ist ein kompliziertes System, das aus zahlreichen Teilsystemen besteht, die sich ihrerseits weiter aufgliedern. Die gegenwärtige Struktur der Wissenschaft ist das Resultat ihrer mehr als zweitausendjährigen Geschichte. Sie drückt zugleich aus, wie weit die menschliche Erkenntnis bereits in die Gesetze der verschiedenen Bewegungsformen der Materie, in die Zusammenhänge zwischen den Bewegungsformen und in allgemeine Strukturen der materiellen Welt eingedrungen ist.

Welche Arten von Wissenschaft gibt es?

Wenn wir die riesige Zahl der gegenwärtig zu unterscheidenden Einzelwissenschaften nach groben Gesichtspunkten einteilen, können wir zunächst zwei große Hauptgruppen unterscheiden, die Naturwissenschaften und die Gesellschaftswissenschaften. Eine dritte Gruppe entwickelt sich rasch und gewinnt zunehmend an Bedeutung, die technischen Wissenschaften.[7] In dieser Einteilung finden jedoch einige Wissenschaften noch keine Berücksichtigung, wie die Mathematik und die Kybernetik, die Strukturen untersuchen, welche in allen Bereichen der Welt existieren oder möglich sind, und solche Wissenschaften, die auf der Grenze zwischen Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften liegen, wie etwa die Medizin und die Anthropologie. Auch die Philosophie liegt aus erklärlichen Gründen außerhalb dieser Gliederung, weil sie weder eine Natur- noch eine Gesellschaftswissenschaft ist, sondern von ihrem Gegenstand her in bestimmter Weise alle Wissenschaften umfaßt.[8] (…)

Die Einheitlichkeit der Wissenschaften

In dem Maße, wie die einzelnen Wissenschaften in die Gesetze ihrer jeweiligen Gegenstände eindringen, erkennen sie zugleich zahlreiche Zusammenhänge und Berührungspunkte mit den benachbarten Wissenschaften. Dadurch wird das Geflecht der Wissenschaften immer dichter, und es kommt zu einer wachsenden Vereinheitlichung des Wissens. (…) Karl Marx hat das notwendige Zusammenwachsen der Wissenschaften zu einer Einheit, insbesondere die Vereinigung von Natur- und Gesellschaftswissenschaften, bereits in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ begründet. Dort schrieb er: „Die Industrie ist das wirkliche geschichtliche Verhältnis der Natur und daher der Naturwissenschaft zum Menschen … Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. Die Naturwissenschaft wird später ebensowohl die Wissenschaft von den Menschen, wie die Wissenschaft von den Menschen die Naturwissenschaft unter sich subsumieren: Es wird eine Wissenschaft sein.“[9]

* zur obigen Abbildung:
Während die Theorie Th1 in der Praxis Anwendung findet, also unmittelbar mit ihr verbunden ist, kann Th2 erst später zur Anwendung kommen, da vorläufig noch wesentliche Voraussetzungen hierfür fehlen. Th3 jedoch findet ihren Anwendungsbereich nicht direkt in der Praxis, sondern in Th2, es handelt sich also um Metatheorien, die nur über Th2 unmittelbar mit der Praxisa verbunden sind: Th4 findet weder jetzt noch später irgendeine Anwendung.[10] (Sie ist weltfremd und trägt folglich zur geistigen Verwirrung bei!)

Anmerkungen und Zitate:
[1] J.W.Goethe, Faust – Eine Tragödie, Erster Teil, Studierzimmer, Goethes Werke in zwölf Bänden, Vierter Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1981, S.221.
„Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.“
[2] J.D.Bernal: Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin 1961, S.19.
[3] Nicht zuletzt werden Begriffe heute oft vertauscht oder mißbräuchlich verwendet. Der Begriff ‚Arbeitgeber‘ bezeichnet in Wirklichkeit jemanden, der fremde Arbeitskraft ausbeutet, sich also die Arbeit anderer aneignet, und nicht einen, der eine ‚Arbeit‘ zu vergeben hätte.
[4] Eine solche rein ‚akademische‘ Methode geht an der Realität vorbei, sie führt zu Hirngespinsten und zu Mystizismus. Die Praxis ist stets das Kriterium der Theorie!
[5] Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, Teil I, S.355.
[6] auch wenn das hier alles etwas ‚theoretisch‘ klingt – ohne Wissenschaft geht es nicht: insbesondere in sozialen Fragen! Wer hier die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten nicht erkennt, der ist hilflos und blind. Er kämpft wie einst Don Quichotte gegen Windmühlen: gegen die Irreführung durch die Medien, gegen die anerzogene Untertänigkeit gegenüber einer herrschenden Minderheit sowie gegen Unbildung und die Trägheit der Massen.
[7] Nun soll man sich allerdings durch den Umfang des sich explosionsartig vermehrenden Wissens nicht blenden lassen: die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft sind nach wie vor gültig, auch wenn sie ab und zu revolutioniert werden sollten, wie das z.B. mit dem Ptolomäischen Weltbild oder mit dem Bohrschen Atommodell geschah. Oder in der Gesellschaftswissenschaft mit dem philosophischen Idealismus (Kant), der durch den dialektischen und historischen Materialismus überwunden wurde.
[8] Was nicht zur Wissenschaft zu zählen ist, das sind sämtliche mystizistischen, esoterischen, astrologischen und religiösen „Theorien“. Heute kann ja jeder alles behaupten, wenn er nur eine einigermaßen plausible Begründung dafür findet. Und sofort hat er in einer beliebigen Talkshow ein paar Millionen staunender Zuschauer…
[9] Karl Marx/Friedrich Engels: Kleine ökonomische Schriften, S.136/137.
[10] Abb. und Text: siehe nachstehende Quelle, S.536.

Quelle:
Marxistische Philosophie, Lehrbuch, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1967, S.617-623. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Siehe auch:
Welches ist das beste Bildungssystem in der Welt?
Das einheitliche sozialistische Bildungssystem in der DDR
Nur die Wahrheit führt uns zur Erkenntnis
Die Verantwortung der Wissenschaftler
Wissenschaftliche Voraussicht
Der schwere Weg der Erkenntnis
Das Märchen vom „Strukturwandel“
Mr.Kerry und das Recht auf Dummheit

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