Über die Freiheit der Andersdenkenden

Natürlich gibt es Philosophen, die möchten am liebsten nicht daran erinnert werden, was sie vor fast 40 Jahren in der DDR zum Thema Freiheit geschrieben haben. Sie widmen sich heute lieber beschaulicheren Dingen (wie etwa dem Leben der Intellektuellen), als sich ideologisch mit dem Klassenfeind auseinanderzusetzen (was ja unter den heutigen Umständen auch sehr anstrengend ist). Und gelegentlich erscheint dann der eine oder andere Artikel, wie beispielsweise über Rosa Luxemburg, in dem der Autor schließlich zu der fundamentalen „Erkenntnis“ kommt, daß man die Strategie der russischen Bolschewiki nicht als „erhabenes Muster“ betrachten könne. Und er beruft sich hierbei auf die vielzitierte „Freiheit der Andersdenkenden“. Was will der Autor uns damit sagen? Hier wird versucht, mit einem Federstrich Lenins Lehre von der Diktatur des Proletariats, seine Arbeiten über die kommunistische „Partei neuen Typs“, die Imperialismustheorie und anderes für unzulänglich zu erklären – und am Ende läuft alles darauf hinaus, den konterrevolutionären Sturz des Sozialismus nachträglich für unvermeidlich zu erklären, wenn nicht gar zu rechtfertigen. Es lebe der Zentrismus!

Eine fehlerhafte Randbemerkung

Wenn es um die Freiheit geht, so hat man es sich in gewissen „linken“ Kreisen schon zur Angewohnheit gemacht, eine Randbemerkung Rosa Luxemburgs zu zitieren, deren Fehlerhaftigkeit schon Lenin in seinem Artikel „Über die Junius-Broschüre“ [1] hervorhob, und die auch Thälmann und Stalin aufs schärfste kritisierten. Rosa Luxemburg hatte damals geschrieben: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit’, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit’ zum Privilegium wird.“ [2] Dahinter verbargen sich gleich eine ganze Reihe von Fehlern, welche sich die deutsche Sozialdemokratie, die Trotzkisten und andere Renegaten bis auf den heutigen Tag zunutze machten, um neben Stalin und Lenin, schließlich auch Marx und Engels zu „widerlegen“. Da haben sie sich allerdings sehr viel vorgenommen! Doch hier muß man auch den Zusammenhang verstehen.

Die Schwierigkeiten der Kommunistischen Internationale

Unter dem Einfluß der Oktoberrevolution hatten sich nach 1917 in vielen Ländern kommunistische Parteien und Gruppen gebildet. Auf Initiative der Kommunistischen Partei Rußlands wurde im März 1919 unter Führung Lenins die Kommunistische Internationale (Komintern) gegründet. Sie bestand bis 1943, und sie half den jungen kommunistischen Parteien, den Weg zu einer proletarischen Kampfpartei erfolgreich zu beschreiten. Doch es zeigte sich, daß es unter den Bedingungen des verschärften Klassenkampfes und des brutalen Terrors der Bourgeoisie, sowie und unter dem starkem Einfluß opportunistischer und linksradikaler Strömungen sehr schwierig ist, die richtige revolutionäre Strategie auszuarbeiten. Lenin wandte sich (wie auch das Exekutivkomittee der Kommunistischen Internationale) entschieden gegen die Ansichten der rechten Führer zentristischer Parteien, denen es darum ging, mit ihren Forderungen nach „Demokratie“ und „Freiheit der Kritik“ das organisatorische Prinzip der Partei neuen Typs, den demokratischen Zentralismus, anzugreifen und dadurch Räume für das Eindringen des Opportunismus und Revisionismus zu schaffen. Da erhebt sich natürlich die Frage: Was ist Freiheit?

Was schrieb Lenin über die Freiheit?

Lenin schrieb schon 1905: „Jeder hat die Freiheit, zu schreiben und zu reden, was ihm behagt, ohne die geringste Einschränkung. Aber jeder freie Verband (darunter die Partei) hat auch die Freiheit, solche Mitglieder davonzujagen, die das Schild der Partei benutzen, um parteiwidrige Auffassungen zu predigen. … Die Partei ist ein freiwilliger Verband, der unweigerlich zunächst ideologisch und dann auch materiell zerfallen würde, wenn er sich nicht derjenigen Mitglieder entledigte, die parteiwidrige Auffassungen predigen. Zur Festsetzung der Grenze aber zwischen dem, was parteimäßig und was parteiwidrig ist, dient das Parteiprogramm, dienen die taktischen Resolutionen und das Statut der Partei, dient schließlich die ganze Erfahrung der internationalen Sozialdemokratie, der internationalen freiwilligen Verbände des Proletariats, das in seine Parteien ständig einzelne Elemente oder Strömungen einschließt, die nicht ganz konsequent, nicht gang rein marxistisch, nicht ganz richtig sind, das aber auch ständig periodische ‚Reinigungen’ seiner Partei vornimmt. (…) Zweitens, meine Herren bürgerlichen Individualisten, müssen wir euch sagen, daß eure Reden über absolute Freiheit eine einzige Heuchelei sind. In einer Gesellschaft, die sich auf die Macht des Geldes gründet, in einer Gesellschaft, in der die Massen der Werktätigen ein Bettlerdasein und das Häuflein Reicher ein Schmarotzerleben führen, kann es keine reale und wirkliche ‚Freiheit’ geben…“ [3]

Ein gefährlicher Irrtum…

„Die Frage der Demokratie. Rosa Luxemburg kritisierte die Bolschewiki dafür, daß sie an Stelle der aufgelösten Konstituante (der verfassunggebenden Versammlung) nicht eine neue wählen ließen, sondern das Sowjetwahlsystem einführten. Sie war selbst noch zu sehr im parlamentarischen Denken befangen, um in der Sowjetkonstitution eine neue höhere Form der Demokratie zu erkennen, die den historischen Erfordernissen der proletarischen Diktatur entsprach. Sie prägte das gefährliche Wort: „Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden“, das in der Revolution unweigerlich zum Untergange führt, denn es bedeutet Freiheit für die Konterrevolution. Die Gegner der Arbeiterklasse und der Demokratie haben nie diese Art Freiheit zugestanden. Das beweisen heute am deutlichsten Westdeutschland und Westberlin, wo zwar viel von Freiheit geredet wird, sogar den verurteilten nazistischen Kriegsverbrechern die Freiheit wiedergegeben wird, aber keine Freiheit für die Kämpfer um Frieden und Einheit existiert.“ (Fred Oelßner: Rosa Luxemburg – Eine kritische biographische Skizze, Dietz Verlag 1951, S.124)

Die fehlerhaften Ansichten der Rosa Luxemburg

Anfangs hegte Rosa Luxemburg große Zweifel an der Richtigkeit der Strategie der Bolschewiki. Sie war in großer Sorge um den Erfolg der Oktoberrevolution 1917. Darüber schreibt Fred Oelßner: „Die deutschen Linken und besonders Rosa Luxemburg hatten für die Oktoberrevolution und für die darauf begründete Taktik der Bolschewiki kein richtiges Verständnis. Im ‚Spartakusbrief’ schrieb Rosa Luxemburg: ‚Die Diktatur des Proletariats ist in Rußland – falls eine internationale proletarische Revolution ihr nicht rechtzeitig Rückendeckung verschafft – zu einer betäubenden Niederlage verurteilt, gegen die das Schicksal der Pariser Kommune ein Kinderspiel gewesen sein dürfte.’ [4] Als schließlich die russischen Arbeiter und Soldaten am 7. November 1917 unter der Leitung Lenins und Stalins den siegreichen Aufstand durchführten und die Sowjetmacht errichteten, begrüßten die deutschen Linken im Gegensatz zu den Rechtssozialdemokraten und den Zentristen (Kautsky, Haase) begeistert die siegreiche sozialistische Revolution. Rosa Luxemburg schrieb über dieses Ereignis die begeisterten Worte: ‚Die russische Revolution ist das gewaltigste Faktum des Weltkrieges. Ihr Ausbruch, ihr beispielloser Radikalismus, ihre dauerhafte Wirkung strafen am besten die Phrase Lügen, mit der die offizielle deutsche Sozialdemokratie den Eroberungsfeldzug des deutschen Imperialismus im Anfang diensteifrig ideologisch bemäntelt hat: die Phrase von der Mission der deutschen Bajonette, den russischen Zarismus zu stürzen und seine unterdrückten Völker zu befreien.’ [5]“ (Fred Oelßner: Rosa Luxemburg – Eine kritische biographische Skizze, ebd., S.122)

Wie äußerte sich Ernst Thälmann zu den Fehlern Rosa Luxemburgs?

Zusammenfassend erklärte Genosse Thälmann: „Wir müssen also mit aller Klarheit aussprechen: in all den Fragen, in denen Rosa Luxemburg eine andere Auffassung als Lenin vertrat, war ihre Meinung irrig, so daß die ganze Gruppe der deutschen Linksradikalen in der Vorkriegs- und Kriegszeit sehr erheblich an Klarheit und revolutionärer Festigkeit hinter den Bolschewiki zurückblieb. Diese Erkenntnis gibt uns erst das Verständnis dafür, warum es in Deutschland verspätet zur Spaltung zwischen dem revolutionären Marxismus und den kleinbürgerlichen Opportunisten oder ihren zentristischen Helfershelfern innerhalb der Arbeiterbewegung kam. Rosa Luxemburgs Fehler in der Akkumulationstheorie, in der Bauernfrage, in der nationalen Frage, in, der Frage des Problems der Revolution, in der Frage der proletarischen Diktatur, in der Organisationsfrage, in der Frage der Rolle der Partei beziehungsweise der Spontaneität der Massen – das alles ergibt ein System von Fehlern, die Rosa Luxemburg nicht zur vollen Klarheit eines Lenin auf steigen ließen.“ [6] Die Geschichte hat Rosa Luxemburg widerlegt. Diese Fehler des Luxemburgismus haben sich lange Zeit negativ auf die KPD ausgewirkt. Und sie wirken sich auch heute wieder negativ aus, wenn zum Beispiel zu einem Familienfest der „Linken“ am 1. Mai auch die Trotzkisten einen Bücherstand aufmachen dürfen!

Und was sagte schließlich Stalin dazu?

„Der Weg zur Entwicklung und Festigung der proletarischen Parteien führt über ihre Säuberung von Opportunisten und Reformisten, von Sozialimperialisten und Sozialchauvinisten, Sozialpatrioten und Sozialpazifisten. Die Partei stärkt sich, indem sie sich von opportunistische Elementen reinigt.“ [8] – Und das ist nach Stalins Tod nicht mehr geschehen. Nur so gelang es dem Revisionismus von Chruschtschow bis zur Gorbatschowschen Katastrojka in der Sowjetunion Fuß zu fassen. Nur so gelang es schließlich, die Einheit und Reinheit der kommunistischen Partei in der Sowjetunion (aber auch in den anderen sozialistischen Ländern) zu zerstören. Nur so konnte die Konterrevolution verwirklicht werden…

Kommen wir nun auf den Ausgangspunkt zurück

Angesichts der einstweiligen Niederlage des Sozialimus ist der o.g. Autor offensichtlich kleinmütig geworden. Er zitiert Rosa Luxemburg mit den Worten: „Das öffentliche Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit ist eben deshalb so dürftig, so armselig, so schematisch, so unfruchtbar, weil es sich durch Ausschließung der Demokratie die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts absperrt.“ [7] – und er meint, die große Sozialistin habe nun doch recht gehabt. Man hätte die „Freiheit der Kritik“ nur zulassen sollen, dann wäre der gesamte „geistige Reichtum“ des Lebens in die gesellschaftliche Entwicklung eingeflossen. Ja, der „Reichtum“ der Konterrevolution ist eingeflossen, aber nicht im Sinne des Fortschritts, nicht im Sinne der Arbeiterklasse, wie das Rosa Luxemburg wohl gehofft hatte, sondern im Sinne der Bourgeoisie. Und leider hat sich genau das bewahrheitet, wovor Lenin gewarnt hat, und was der Herr Professor (als es die DDR noch gab) auf den Seiten 115-142 so ausführlich erläuterte, und worüber er heute kein Wort mehr verliert:

Fromm Zitat
(Eberhard Fromm, „Die imperialistische Freiheitdeologie in der Gegenwart“, in: „Freiheit und Gesellschaft, Die Freiheitsauffassung im Marxismus-Leninismus“, Dietz Verlag Berlin, 1973, S.142.

Zitate:
[1] W.I.Lenin, Werke, 4.Ausg., Bd.22, S.305 (russ.)
[2] Rosa Luxemburg, „Zur russischen Revolution“. In: Ges.Werke, Bd.4, Berlin 1974, S.359f.
[3] W.I.Lenin, „Parteiorganisation und Parteiliteratur“, in: Ausgew.Werke in sechs Bänden, Dietz Verlag, Berlin, 1975, Bd.II, S.185ff.
[4] „Spartakusbriefe“ (Neudruck), Berlin 1920, S.111.
[5] Rosa Luxemburg, „Die Russische Revolution“, Berlin, 1922, S.67.
[6] Ernst Thälmann, „Der revolutionäre Ausweg und die KPD“, Berlin 1932, S.71f.
[7] Rosa Luxemburg, „Zur russischen Revolution“. a.a.O., S.359
[8] J.Stalin, „Fragen des Leninismus“, Dietz Verlag, Berlin, 1951, S.98.

Siehe auch:
Leeres Gerede über die bürgerliche Freiheit…
Ernst Thälmann, „9. November 1918 – die Geburtsstunde der deutschen Revolution“
Willi Bredel schreibt über Ernst Thälmann: Die Rolle der Persönlichkeit
Stalin: Im Streit mit nichtkommunistischen Strömungen

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11 Antworten zu Über die Freiheit der Andersdenkenden

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  10. Harry 56 schreibt:

    Interessant für den einen oder anderen könnte sein zu wissen, dass selbst ein Franz-Josef Strauss, langjähriger erprobter CSU-Häuptling aus Bayern einmal sagte, dass eine freie Gesellschaft nur möglich sei bei freien Privateigentum, freien Privatbesitz, freien Privatbesitzern..
    Auch er sagte damit indirekt, dass alle bürgerliche Freiheit im Grunde immer nur die Freiheit ist von Privateigentümern, Warenbesitzern, Besitzern von Produktionsmitteln, Grund und Boden.
    Für die „Besitzer“ nur einer einzigen Ware, nämlich der der Arbeitskraft, bleibt da von dieser schönen bürgerlichen Freiheit nicht viel übrig, außer, sich frei und ewig Job-Bettelnd an einen „Arbeitgeber „frei“ zu verkaufen, „frei“ natürlich immer unter dem Sanktions-Knüppel der Argen, Jobcenter, der Angst des sozialen Abstiegs, bis hin zum Verlust der Wohnung etc…..

    Eine fast perfekte Diktatur unter dem Label der Freiheit, diese Bürgerliche Demokratie, diese Bürgerliche „Freiheit“!

    Ganz natürlich hatte Rosa Luxemburg mit ihren Aussagen ganz gewiß nicht diese Freiheit für in Wahrheit nur privilegierte Kreise, Klassen, Schichten, Gruppen im Sinn.

    Beste „freiheitliche“ Grüße an alle Verständigen hier.

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