Swerdlow: „Nicht die lebendige Seele verlieren!“

J.M.Swerdlow

Jakow Michailowitsch Swerdlow (1885-1919)

In zaristischer Verbannung

Als die zaristische Regierung die Bolschewiki in die weltverlorene Einsamkeit der sibirischen Verbannung jagte, nahm sie ihnen nicht nur die Möglichkeit, aktive revolutionäre Arbeit zu leisten, versuchte sie nicht nur, sie für lange Zeit aktionsunfähig zu machen, sondern wollte auch auf jede Weise den Menschen zum moralischen Krüppel verunstalten; die „lebendige Seele“ in ihm töten, den aktiven Kämpfer zu einem politischen und moralischen Wrack zu machen. Das rauhe Klima, der ewige Kampf um das Stück Brot, die Trennung von allem, was ihm teuer war, von der geliebten Sache, von Verwandten und Angehörigen, von der belebenden Umwelt der Genossen spielte nicht selten eine verhängnisvolle Rolle. Es gab einige, die nicht standhielten. Die Sehnsucht nagte an ihrer Seele, verzehrte sie, Mutlosigkeit und Verzagtheit stellten sich ein und nahmen allmählich Besitz von den Menschen. Sie warfen die Flinte ins Korn. Nichts interessierte sie, zu nichts hatten sie Lust. Wegen einer Kleinigkeit kam es zu Streit und Klatsch, wodurch die kleinen Kollektive, die in jeder Ortschaft, in jeder Siedlung, in der es auch nur einige politische Verbannte gab, entstanden waren, untergraben und zerstört wurden.

Verzweiflungstaten und Ermutigung

In der Turuchansker Verbannung geriet einer administrativ Verbannten in einen solchen Verzweiflungszustand, daß er seine kleine Hütte und sich selbst mit Petroleum übergoß, das Haus anzündete und sich in die lodernden. Flammen stürzte. Sogar unter den Bolschewiki kam es vor, daß der eine oder andere zum gehässigen, moralisch herunter gekommenen Spießer wurde, es gab auch Fälle von Selbstmord. Ja, es war schwer, sehr schwer in einer so fernen, trostlosen und weltverlorenen Verbannung wie die Turuchansker. „Diese Verbannung“, schrieb Jakow Michailowitsch an L.N. Dilewskaja, „ist schlimmer als jede andere. Das Losgerissensein von allem ist unerträglich, die Abgeschiedenheit entsetzlich.“ Eine große Rolle spielten unter solchen Bedingungen das erhabene Gefühl der Kameradschaftlichkeit, ein zur rechten Zeit gesprochenes Freundeswort, einfache, menschliche Anteilnahme, ein in schwerer Minute selbstlos und aufrichtig gebotenes Stück Brot, ein warmes Mittagessen oder ein paar Rubel. Wie wichtig war es manchmal, einen Genossen gründlich, ja sogar hart ins Gebet zu nehmen, nicht zuzulassen, daß er sich gehen ließ, ihn zu zwingen, sich zu beherrschen, sich mit einem Buch, mit irgend etwas, und sei es auch nur einer Kleinigkeit, zu beschäftigen. Im harten Kampf um den Menschen, um den Genossen und Kampfgefährten, der täglich und stündlich geführt wurde, erwarb sich derjenige, der bis zuletzt seine „lebendige Seele“ zu bewahren wußte und auch den anderen half, sie nicht zu verlieren, die Liebe und Anerkennung der Verbannten.

Swerdlow belebte die Verbannung

Viele Jahre sind seitdem vergangen, die noch lebenden Bolschewiki aus der Turuchansker Verbannung aber gedenken bis heute mit besonderer Wärme des stets lebensfrohen und zuversichtlichen, feinfühligen und fürsorglichen Swerdlow. Jakow Michailowitschs unvermindertes Interesse an allen allgemeinpolitischen und innerparteilichen Ereignissen, das er auch auf seine Umgebung übertrug, seine heiße Sorge für die Genossen, seine Bereitschaft, das Letzte mit ihnen zu teilen, die Anteilnahme an den Nöten der eingeschüchterten Ortsbewohner – das alles war in der trostlosen Einsamkeit der sibirischen Tundra so notwendig und so wichtig. „Düster war das Leben in der fernen Verbannung“, bemerkt Boris Iwanow in seinen Erinnerungen, „die tötende Atmosphäre der Verbannung, noch dazu so einer wie der Turuchansker, wäre ohne die Anteilnahme und ohne die Arbeit des Genossen Jakow für uns kaum zu ertragen gewesen. Jakow belebte die Verbannung, indem er eine gewisse Normalisierung hineinbrachte.“

Er zweifelte nicht am Sieg der Revolution…

Adolf Petrowitsch Taimi, der von 1913 bis 1915 in Podkamennaja Tunguska, nicht weit von Monastyrskoje, in,der Verbannung lebte, schreibt in seinen Erinnerungen: „Eines Tages tauchten auf dem Fluß zwei stromaufwärts fahrende Boote auf. Wir gingen zum Ufer. Als das erste Boot am Ufer angelegt hatte, stiegen zwei Männer aus. Wir begrüßten uns. Einer der Ankömmlinge hieß Jakow Michailowitsch Swerdlow. Wie üblich luden wir die unbekannten Genossen ein, bei uns zu übernachten… Swerdlow war ein ungewöhnlich amüsanter Erzähler und fröhlicher Gesellschafter. Nach dem Mittagessen wurde der Samowar auf den Tisch gestellt, bis tief in die Nacht saßen wir beim Tee zusammen und unterhielten uns. Swerdlow sprach über die Lage in Rußland. Er glaubte fest daran, daß die Revolution vor der Tür stand, und zweifelte nicht an ihrem Sieg. Gewöhnlich sieht ein Mensch, der ins Gefängnis oder in die Verbannung geraten ist, alles in düsteren Farben – das eigene Mißgeschick wird unwillkürlich als allgemeine Niederlage empfunden. Ich war erstaunt über Swerdlows Lebensmut und Optimismus. Ich wußte damals nicht, welche Stellung er in der Partei inne hatte. … Doch man spürte, daß er eine hervorragende Persönlichkeit, ein ungewöhnlicher Mensch war. Nach der Begegnung mit Jakow Michailowitsch verbrachte ich fast zwei Jahre in Podkamennaja Tunguska und erhielt in dieser Zeit zehn bis zwölf Briefe von ihm. … Swerdlow berührte in seinen Briefen nicht nur politische Fragen, sondern auch das Leben der Verbannten. Ich erinnere mich, wie empört er über diejenigen war, die sich in der Verbannung gehen ließen, nicht arbeiteten und nicht lernten.“

Quelle:
Klawdija Swerdlowa: Jakow Michailowitsch Swerdlow, Erinnerungen an einen Kampfgefährten Lenins, Dietz Verlag Berlin, 1965, S,269-271.
(Zwischenüberschriften von mir N.G.)

Nachbemerkung:
Wenn man heute nach über hundert Jahren so etwas liest, dann ist man geneigt, gewisse Vergleiche zu ziehen. Ist nicht die Abgeschiedenheit, die Verstreutheit der Kommunisten heute eine ähnliche? Führt nicht die scheinbare Ohnmacht gegenüber der fast erdrückenden Übermacht der Imperialisten bei vielen Menschen heute zu einer ähnlichen Resignation oder gar Gleichgültigkeit? Ist nicht die allgemeine Orientierungslosigkeit der Menschen in Bezug auf die Errichtung einer gerechten, sozialistischen Gesellschaft nahezu überall spürbar? Jakow Swerdlow war einer der engsten Mitarbeiter und Kampfgefährten Wladimir Iljitsch LENINs. Unermüdlich, sich selbst und seine Gesundheit nicht schonend, setzte er sich für den endgültigen Sieg des Sozialismus ein. Und er konnte diesen Sieg noch miterleben. Am 16. März 1919 – also kurz nach dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberevolution – starb, nur 33 Jahre alt, Jakow Michailowitsch Swerdlow, der erste Vorsitzende des gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, mitten im Kampf für die Festigung der jungen Sowjetmacht. Er wird uns immer ein Vorbild bleiben. In zwei kurzen Sätzen faßt der heute 96jährige Historiker Genosse Dr. Kurt Gossweiler dies zusammen:

„Der Sozialismus wird siegen!
Man darf da die Geduld nicht verlieren.“

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