Der Wert der Statistik

StatistikIm Juni 1990 war der Redaktionsschluß des letzten Statistischen Jahrbuches der DDR. Nicht ohne Stolz verkündeten die Herausgeber: „Das Statistische Jahrbuch der DDR 1990 präsentiert sich mit neuem Gesicht sowie vor allem mit einem neugestalteten und erweiterten Kennziffernprogramm.” [1] Zu dieser Zeit war die volkseigene Wirtschaft der DDR bereits größtensteils verschachert worden und befand sich in Privathand ehrgeiziger und raffgieriger „Unternehmer”. Und das waren nicht nur Westdeutsche! Auch der herausgebende Staatsverlag der DDR war in eine GmbH umgewandelt worden. Man kann heute nicht umhin, den Statistikern und ihren politischen Gesprächspartnern ihre selbstauferlegte Zurückhaltung vorzuwerfen, wenn sie sich bei aller Korrektheit ihrer Angaben (was nicht zu bezweifeln ist!) in der öffentlichkeit jeglicher Kommentare enthielten. Welchen Wert haben Statistiken nun wirklich? Und wem nützen sie? Was wäre gewesen, wenn man beizeiten dem, was nicht erst seit 1967 als oberster Grundsatz galt, mehr Beachtung geschenkt hätte? Wir wollen versuchen darauf eine Antwort zu geben.

Die Statistik in einem sozialistischen Staat

In einem Lehrbuch für Allgemeine Statistik der DDR schrieb man 1967 über den Wert statistischer Erhebungen: „Derartige Informationen sind für jede wissenschaftlich begründete Planung, für die Erarbeitung von Plankennziffern und Planbilanzen, sowie für die Begründung wirtschaftpolitischer Direktiven unerläßlich. Ohne exakte Analyse der gegenwärtigen Situation kann man keine den objektiven Bedinungen entsprechenden Planaufgaben erarbeiten. Es besteht vielmehr die Gefahr, daß unreale Wunschträume als konkrete Aufgaben gestellt werden. Infolgedessen können schwerwiegende ökonomische Disproportionen entstehen, die zur Vergeudung von gesellschaftlicher Arbeit führen.” [2]
Dieser Grundsatz war also längst bekannt. Und bekannt war auch, daß die Partei der Arbeiterklasse und der sozialistische Staat (wohlgemerkt: „unter Mitwirkung der Bevölkerung”) die Ziele für jeweilige Etappen festzulegen und die gesamte Gesellschaft dafür zu mobilisieren hatten. Die Statistik erfüllt also in einem sozialistischen Staat einen völlig anderen Zweck als in einem kapitalistischen. Aber darauf kommen wir noch.

Statistik als Instrument der sozialistischen Planwirtschaft

Die Planung im Sozialismus ist ein komplizierter Prozeß. Die statistischen Kennziffern dienen dabei der Kontrolle der Planerfülllung und sind Voraussetzung für eine straffe Disziplin in Staat und Wirtschaft. Anders lassen sich die gesteckten Ziele hier nicht erfüllen. Warnend sagte schon Walter Ulbricht auf der 33. Tagung des ZK der SED: „Was die falschen Vorstellungen von der Planung anbelangt, so äußern sie sich vor allem in der Erwartung, daß durch den Plan ein ruhiges und bequemes Arbeiten garantiert wird, und daß durch ihn alle Probleme bereits gelöst sind. Die Vertreter solcher Auffassungen stellen sich die Produktion als ewige Wiederholung der gleichen bekannten Arbeitsprozesse vor… Niemand darf sich aber einbilden, die Planung sei ein Zaubermittel, mit dessen Hilfe wir auch die Sorgen und Probleme des Vorwärtsgehens verschwinden lassen können, deshalb müssen wir die Vorstellung vom beschaulichen und ungestörten Dasein in der Planwirtschaft überwinden.” [3] Und Walter Ulbricht setzte sich kritisch mit diesem Selbstbetrug und mit revisionistischen Auffassungen auseinander, die – wie bspw. ein Genosse von der Humboldt-Universität Berlin – zu einem ’sozialistischen‘ Konkursverfahren für ‚verschuldete volkseigene Betriebe‘ rieten. Und das waren nicht die einzigen Fehler…

Die bürgerliche Statistik

StatistikerAnders ist es in der bürgerlichen Gesellschaft: „Der bürgerliche Staat und die kapitalistischen Betriebe, inbesondere die internationalen Monopolvereinigungen, bedienen sich verstärkt der Statistik. Der immer komplizierter werdende Produktionsprozeß und die zunehmende Verflechtung der verschiedenen Tätigkeiten veranlassen sie, im Interesse der Maximierung des Profites und daher der Ausbeutung, die statistischen Arbeiten zu intensivieren. … Die Eigentumsverhältnisse und der Konkurrenzkampf des Kapitalismus bewirken, daß es in den großen kapitalistischen Betrieben und Monopolvereinigungen in der Regel eine ausgebaute betriebliche Statistik gibt, daß diese sich jedoch (anders als im Sozialismus, N.G.) außerhalb des Betriebes und des Konzerns nicht fortsetzt, daß kein entwickeltes überbetriebliches System der Statistik vorhanden ist.” [4]

Instrument der Meinungsmanipulation

„Bemerkenswert ist die Tatsache, daß die bürgerliche Statistik jene gesellschaftlichen Erscheinungen nicht oder nicht exakt kennzeichnet, die den Kapitalismus als Gesellschaft der entwickeltsten Ausbeutung der Mehrheit der Bevölkerung durch eine kleine Minderheit charakterisieren. Hier zeigt sich nicht nur das Unvermögen der bürgerlichen ökonomischen Theorien, sondern zugleich der Klassencharakter der bürgerlichen Statistik. Sie behandelt nur das, was der herrschenden Klasse nutzt, auf Zahlenmaterial, was dem entgegensteht, verzichtet sie oder verfälscht es. Aus diesem Grunde ist die bürgerliche Statistik den Interessen der Arbeiterklasse entgegengesetzt, und die Arbeiterklasse begegnet ihr mit Mißtrauen und Ablehnung. Die bürgerliche Statistik als Instrument der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung zu zeigen, ist folglich politisch und ökonomisch notwendig.” [5]

Auswirkungen

Eine wertlose bürgerliche Statistik: Bedeutung Europas für Jugendliche [8]

Strengste Reglementierung bürgerlicher Statistiken…

„Der bürgerliche Staat, die herrschenden Monopole und jeder einzelne kapitalistische Betrieb finanzieren statistische Untersuchungen, wenn sie ihrem Profitstreben dienen, wenn sie zur Aufrechterhaltung der Produktion erforderlich sind und eine Vergrößerung der Mehrwertproduktion gestatten. Auf der anderen Seite unterdrücken sie mit den verschiedensten Mitteln alle statistischen Untersuchungen, die sich der konkreten Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse zuwenden. Für derartige Untersuchungen werden keine finanziellen Mittel gewährt, die offizielle Literatur und Presse verschweigt ihre Ergebnisse usw. … In der bürgerlichen Statistik gibt es auch bewußte Verfälschungen, Schönfärberei usw., wenngleich direkte Fälschungen nicht die Hauptmethoden sind. Die Methoden und Erscheinungsformen, mit denen die bürgerliche Statistik den Klassenantagonismus im Zahlenmaterial nicht sichtbar werden lassen will, sind sehr mannigfaltig. Sie gehen vom einfachen Weglassen bestimmter Angaben zu bewußten Ungenauigkeiten und Unzulänglichkeiten in der Bezeichnung von Kennziffern über den Vergleich inhaltlich verschiedener Angaben und der Berechnung nichtssagender Kennziffern bis zur direkten Verfälschung des Zahlenmaterials.” [6]

Statistiken – nützlich oder gefälscht?

Mit Hilfe verschiedener mathematischer Verfahren* ist man in der Lage, natürliche und gesellschaftliche Erscheinungen zu klassifizieren und zahlenmäßig zu erfassen, um daraus bestimmte Abhängigkeiten und Tendenzen ermitteln zu können. Bei der Untersuchung einer gesellschaftlichen Erscheinung muß die Statistik die Erkenntnisse und Gesetzmäßigkeiten der Politischen Ökonomie berücksichtigen, wenn sie Anspruch auf eine wahrheitsgemäße Widerspiegelung der Tatsachen erheben will. Statistiken besitzen Klassencharakter. Demnach ist eine Statistik erst auf der Basis des Marxismus-Leninismus befähigt, soziale Zusammenhänge und die sich daraus ergebenden Trends wissenschaftlich exakt zu begründen. Während bürgerliche Statistiken zumeist zum Zwecke der Meinungs-manipulation (Umfragen, Wahlergebnisse, Stimmungen, Zahlen über Hungersnöte, Massenmorde u.dgl.) erstellt werden, dienen die sozialistische Statistiken als ein unentbehrliches Leitunginstrument bei der Steuerung komplizierter gesellschaftlicher Planungsprozesse.

* Die wichtigsten sind der Mittelwert, die mittlere quadratische Abweichung (auch Streuung genannt) und die Häufigkeitsverteilung.

Glockenkurve

„Gaußsche Glockenkurve” [7]

Wie soll eine seriöse (sozialistische) Statistik aussehen?

In einer seriösen Statistik müssen „die entscheidenden gesellschaftlichen Verhältnisse wahrhaftig und wissenschaftlich exakt widergespiegelt werden. Die statistischen Informationen und Analysen müssen klar und eindeutig vom Klassenstand (des Proletariats, N.G.) ausgehen, das heißt parteilich sein. Dabei sind die statistischen Darstellungen und Analysen aktuell sowie rationell und einheitlich zu gestalten. Sie müssen sich stets einer verständlichen Ausdrucksweise bedienen.” [7] Auch wenn es mitunter berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit bürgerlicher Statistiken gibt, kann man dennoch aus ihnen bestimmte Schlußfolgerungen ziehen, die für den Klassenkampf und den gesellschaftlichen Fortschritt von Nutzen sein können.

Ein Beispiel dafür ist die nachfolgende Tabelle aus einem Schulbuch der DDR vom Jahre 1985. Hier ist ganz klar die Tendenz zu erkennen:

Arbeitslosenstatistik

Statistik: Massenarbeitslosigkeit – Markenzeichen des Imperialismus [10]

Quelle:
[1] Statistisches Jahrbuch ’90 der DDR, Hrsg. Statistisches Amt der DDR, Rudolf Haufe Verlag Berlin, 1990, Vorwort.
[2] Aut.Koll., Allgemeine Statistik – Lehrbuch, Verlag Die Wirtschaft, Berlin (DDR), 1967, S.13.
[3] Walter Ulbricht, Referat auf der 33. Tagung des ZK der SED, Berlin 1957, S.21.
[4] – [6] Aut.Koll., Allgemeine Statistik – Lehrbuch, a.a.O. S.28-30.
[7] Aut.Koll., Allgemeine Statistik, ebd. S.31.
[8] aus: Sozialkunde, Paderborn 2003, S.527.
[9] aus: Aut.Koll., Allgemeine Statistik, a.a.O., S.472.
[10] aus: Staatsbürgerkunde, Klasse 9, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin (DDR), 1985, S.77.

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