Kann man die menschliche Gesellschaft verbessern?

KiewWenn einige Jugendliche es in Kiew anfangs noch ganz ‚cool‘ fanden, Barrikaden zu bauen und gegen ihren Staat zu protestieren, und sie laut ‚Revolution‘ riefen, so sind sie doch im Irrtum. Denn: „Revolutionen setzen Wissen und Ideen voraus, nicht Unwissen. Die Revolutionen setzen ein Vorwärtsgehen voraus und nicht den Rückgang in vergangene Jahrhunderte.“ (Bashar al-Assad[1])

Im Verlaufe der letzten zwanzig Jahre hat es der Imperialismus geschafft, immer mehr Menschen in die Irre zu führen, vom Klassenkampf abzuhalten, zu Duckmäusern und Speichelleckern zu erziehen und sich mit dem kleinen Glück im privaten Umfeld zufriedenzugeben. Doch die sozialen Probleme nehmen weiter zu, die Kriminalität wächst, der berufliche Egoismus nimmt zu und die Armut der Bevölkerung ist (auch in der BRD) nicht mehr zu übersehen. Viele Menschen sind an politischen Dingen desinteressiert, ratlos in sozialen Fragen, eingeschüchtert in ihrer Meinungfreiheit. Man kann zwar alles sagen, doch big brother hört zu. Da die meisten, vor allem jüngere Menschen, keine Erfahrungen mit dem Sozialismus haben, sehen sie in ihm auch keine Alternative. Sie sind beliebig beeinflußbar. Stalin ist ihnen verhaßt; und den heutigen Regierungen glauben sie nicht. Doch ohne Kenntnis der Geschichte wird es aus dem Dilemma keinen Ausweg geben. Und dabei ist es so einfach! Fragen wir also danach: Wie war es damals vor über 100 Jahren in Europa? Kann man die Zeiten eigentlich vergleichen? Ja, man kann sie vergleichen. Und man kann aus ihnen lernen! Und um die Frage zu beantworten: Ja, man kann auch die menschliche Gesellschaft verbessern. Aber nur, wenn man sie grundlegend verändert!

Wir leben im Imperialismus

Der Imperialismus ist der Vorabend der proletarischen Revolution. Mit der gigantischen Vergesellschaftung der Produktion schuf der Monopolkapitalismus die materiellen Voraussetzungen für den Übergang zu einer höheren sozialökonomischen Formation, zum Sozialismus. Unter der Herrschaft des Imperialismus verschärfen sich alle gesellschaftlichen Gegensätze so sehr, daß die sozialistische Revolution unvermeidbar und zur historischen Notwendigkeit wird.

Wie es damals in Rußland begann…

Wie in allen anderen entwickelten kapitalistischen Ländern erfolgte auch in Rußland zu Beginn des Jahrhunderts der Übergang des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium. Die Weltwirtschaftskrise von 1900 bis 1903, die Rußland besonders hart traf, förderte den Konzentrationsprozeß und das Anwachsen der Monopole in allen wichtigen Zweigen der Industrie. Das waren vor allem die Metallurgie, die Brennstoffindustrie und der Maschinenbau. Weil der Kapitalismus in Rußland relativ jung war, hatte die Entwicklung dieser Industriezweige von vornherein in Form der großkapitalistischen Produktion erfolgen können. Im Vergleich zu den anderen imperialistischen Ländern war besonders deshalb die Konzentration des Proletariats in Rußland in Großbetrieben weitaus größer.

Welche Rolle spielte die Arbeiterklasse?

Hier wuchs mit der Arbeiterklasse jene gesellschaftliche Kraft heran, die alle Widersprüche des Imperialismus in revolutionärer Weise zu lösen vermochte. Um die Jahrhundertwende verlagerte sich das Zentrum der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung von Deutschland nach Rußland. In den westeuropäischen Staaten gab es zunächst noch keine revolutionäre Situation. Im zaristischen Rußland dagegen schürzten sich die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit, zwischen den Großgrundbesitzern und der Masse der Bauern, zwischen feudaler Reaktion und kapitalistischer Entwicklung, zwischen der nationalen Bewegung um Selbstbestimmung und der antinationalen Unterdrückungspolitik des Zarismus zu einem Knoten. Hier kreuzten sich überdies die imperialistischen Interessen, besonders Deutschlands und Frankreichs, die darüber hinaus zu denen der russischen Monopolbourgeoisie in Widerspruch gerieten.


Am Vorabend der proletarischen Revolution

Streiks, Bauernunruhen, revolutionäre Bewegungen der Studenten und anderer Teile des Volkes kündeten davon, daß sich Rußland am Vorabend einer Volksrevolution befand. Die Grundfragen dieser ersten Revolution in der Epoche des Imperialismus mußten zugleich die Kernfragen des Kampfes der Arbeiterklasse aller imperialistischer Staaten sein. Auf der Tagesordnung der Geschichte standen in Rußland der Sturz des Zarismus und die Durchführung der bürgerlich-demokratischen Revolution unter der Hegemonie der Arbeiterklasse mit dem Ziel, eine revolutionär-demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern zu errichten und damit die Voraussetzungen für das Hinüberleiten in die sozialistische Revolution zu schaffen.

1. Lenin analysiert die politische Situation

„Die Geschichte“, schrieb W.I.Lenin 1902, „hat uns jetzt die nächste Aufgabe gestellt, welche die revolutionärste von allen nächsten Aufgaben des Proletariats irgendeines anderen Landes ist. Die Verwirklichung dieser Aufgabe, die Zerstörung des mächtigsten Bollwerks nicht nur der europäischen, sondern (wir können jetzt sagen) auch der asiatischen Reaktion, würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen.“ [2]

2. Gründung einer marxistischen Arbeiterpartei

Die Entwicklung und Festigung der revolutionären marxistischen Arbeiterpartei war um die Jahrhundertwende in Rußland die dringendste Aufgabe der Arbeiterbewegung. Die im Jahre 1898 in Minsk gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands hatte sich am Ende der neunziger Jahre im Kampf gegen eine Übermacht von Feinden innerhalb und außerhalb der Arbeiterbewegung zunächst nicht durchsetzen können.

3. Wissenschaftliche Grundlagen

W.I.Lenin befand sich noch in der Verbannung, als er im Herbst 1899 durch solche Artikel wie „Unser Programm“, „Unsere nächste Aufgabe“ und „Eine dringende Frage“ seine Gedanken über die Gründung einer revolutionären marxistischen Partei und die sich daraus ergebenden Aufgaben entwickelte. Er hob nachdrücklich hervor, daß es ohne die marxistische Theorie keine starke sozialistische Partei geben könne. Die Theorie von Karl Marx müsse vor allen Versuchen, sie zu, verwässern, geschützt werden. Sie sei aber nichts Abgeschlossenes und Unantastbares; „wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen“. [3]

4. Schaffung eines Parteiorgans

W.I.Lenin wandte sich gegen die lokale, handwerklerische Arbeit, die zum Zirkelwesen führt, aus dem die russische Arbeiterbewegung bereits herausgewachsen war. Im Interesse des ideologischen und organisatorischen Zusammenschlusses der russischen Sozialdemokraten forderte er daher die unverzügliche Gründung und feste organisatorische Gestaltung eines Parteiorgans, das regelmäßig erscheinen und mit allen lokalen Gruppen eng verbunden sein sollte. Wie intensiv sich W.I.Lenin in den letzten Monaten der Verbannung mit diesem Vorhaben beschäftigte, lassen die folgenden Zeilen aus den Erinnerungen N.K.Krupskajas erkennen: „In den schlaflosen Nächten erwog er seinen Plan in allen Einzelheiten, besprach ihn mit Krshishanowski, mit mir, korrespondierte darüber mit Martow und Potressow und verständigte sich mit ihnen über die Abreise ins Ausland. Je näher die Zeit heranrückte, desto stärker bemächtigte sich Iljitschs die Ungeduld, desto mehr drängte es ihn zur Arbeit.“ [4]

„Aus dem Funken wird die Flamme schlagen“

Nachdem W.I.Lenin Ende Januar 1900 aus der Verbannung zurückgekehrt war, begab er sich wenig später ins Ausland. Im September nahm er seinen Wohnsitz in München, wo er in äußerst bescheidenen Verhältnissen lebte und seine ganze Kraft für die Herausgabe der revolutionären marxistischen Zeitung „Iskra“, das heißt „Der Funke“, einsetzte. Dabei wurde W.I.Lenin von einer Reihe deutscher Sozialdemokraten unterstützt. Sie beschafften ihm Quartier, halfen ihm, in Leipzig-Probstheida eine Druckerei zu finden, in der die ersten Nummern der „Iskra“ im Verborgenen hergestellt werden konnten, und leisteten beim illegalen Transport der Zeitung und anderer revolutionärer Schriften über die deutsch-russische Grenze wertvolle Hilfe.

iskra_sAls kollektiver Propagandist, kollektiver Agitator und kollektiver Organisator spielte die „Iskra“ bei der Schaffung einer gesamtrussischen revolutionären marxistischen Partei eine entscheidende Rolle. In der „Iskra“ führte W.I.Lenin einen kompromißlosen Kampf gegen alle Spielarten des Opportunismus. Dieses vorbildliche revolutionär-marxistische Organ trug das charakteristische Motto „Aus dem Funken wird die Flamme schlagen“. Seine erste Nummer erschien mit dem Datum vom 24.Dezember 1900. Mit Hilfe der „Iskra“ bereitete W.I.Lenin die fortgeschrittensten Vertreter der Arbeiterklasse in Rußland auf die gewaltigen historischen Aufgaben vor, die von ihnen gelöst werden mußten.

Lenins Buch „Was tun?“

Am Mai 1901 veröffentlichte W.I.Lenin in der „Iskra“ seinen Artikel „Womit beginnen?“. Hier faßte er den Plan zum Aufbau der marxistischen Partei in Rußland zusammen, den er dann in seinem in München geschriebenen Buch „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung“ ausführlich darlegte. In diesem hervorragenden Werk, das im März 1902 in Stuttgart erschien, entwickelte W.I.Lenin die Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels über die proletarische Partei weiter und arbeitete unter Berücksichtigung alles Wertvollen aus der bisherigen Tätigkeit der westeuropäischen und besonders der deutschen Sozialdemokratie in klassischer Weise die ideologischen Grundlagen für die Partei neuen Typus aus.

Schluß mit den endlosen Diskussionen!

W.I.Lenin schrieb „Was tun?“ in direkter Auseinandersetzung mit den Opportunisten, die die sozialistischen Prinzipien der sozialdemokratischen Parteien unter der falschen Flagge der „Freiheit der Kritik“ angriffen, die Bedeutung der revolutionären Theorie herabsetzten, die führende Rolle der Partei in der Arbeiterbewegung verneinten und die Arbeiterbewegung in ein passives Anhängsel des Liberalismus verwandeln wollten. Im Kampf gegen den Opportunismus entwickelte er die marxistische Grundthese weiter, daß die proletarische Partei die Vereinigung der Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus ist.

Klare marxistische Positionen im Klassenkampf

Nachdrücklich hob er Friedrich Engels’ Mahnung an die deutsche Arbeiterbewegung aus dem Jahre 1874 hervor, daß das Proletariat den Kampf gegen die Bourgeoisie nicht nur auf politischem und ökonomischem Gebiet, sondern auch in der Theorie zu führen habe. Er wies nach, daß der ideologische Kampf für die Arbeiterklasse von lebenswichtiger Bedeutung ist. Da sich sozialistische und bürgerliche Ideologie unversöhnlich gegenüberstehen, kann die Frage nur lauten: „bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht. … Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine Stärkung der bürgerlichen Ideologie.“ [5]

Die wichtigste Aufgabe der marxistischen Partei ist es daher, die in die Arbeiterklasse eindringenden bürgerlichen Ideen ständig und entschieden zu bekämpfen, die ideologische Selbständigkeit des Proletariats zu wahren und die sozialistische Ideologie in die Arbeiterklasse zu tragen. Die Partei muß also als der bewußteste Teil des Proletariats ihre Reihen von jeglichen opportunistischen Elementen rein halten und in sich die besten, klassenbewußtesten Kräfte der Arbeiterklasse und der anderen Werktätigen vereinigen.

Zitate:
[1] Bashar al-Assad: „Es geht um den Frieden! Es geht um unser syrisches Vaterland!“
[2] W.I.Lenin: Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung. In: Werke, Bd.5, S.383.
[3] W.I.Lenin: Unser Programm. In: Werke. Bd. 4, Berlin 1963, S.206.
[4] Nadeshda Krupskaja: Erinnerungen an Lenin, Berlin 1960, S.50.
[5] W.I.Lenin: Was tun? In: Werke, Bd.5, S.396.

Quelle:
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts bis 1914, Dietz Verlag Berlin, 1967, S.13-17. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)
Foto: nowosti

Siehe auch: Lenin: Was ist die Sowjetmacht? (Video – russ. mit engl.Untertiteln)

http://www.youtube.com/watch?v=-l53FPENoAU

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Eine Antwort zu Kann man die menschliche Gesellschaft verbessern?

  1. monopoli schreibt:

    Du hättest mit den fehlgeschlagenen Revolutionen in Lyon und Deutschland anfangen sollen. Mit Heines Weber usw. denn auch die Deutschen und Franzosen haben ja Revolution gemacht und sind beide daran gescheitert und das war vor 1918 und vor allen Dingen war es in Westeuropa.
    Aber der Artikel ist ansonsten super informativ.

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