So plünderten die US-Amerikaner 1945 Leipzig…

USA-Truppen LeipzigWenn von den USA als einem Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten die Rede ist, so ist dies nichts anderes als eine freche Propagandalüge. Seit mehr als hundert Jahren regiert in diesem Land ein räuberischer Monopolkapitalismus, welcher sich seitdem weltweit zu nahezu unumschränkter Dominanz ausgewuchert hat und mit unvorstellbarer Arroganz versucht, die Weltpolitik zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Von Freiheit kann hier nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Es herrschen Unterdrückung und Ausbeutung für die gewaltige Mehrheit des Volkes. Die Verbrechen des USA-Imperialismus beschränken sich bei weitem nicht auf Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien, sondern reichen bis weit hinein in die Geschichte dieses Landes. Nur ein einziges, kleines Beispiel möge dies beschreiben, welches die US-amerikanische Kolonialherren-Mentalität treffend charakterisiert.

In aller Eile waren die Siegermächte der USA, Großbritanniens und Frankreichs 1945 bis weit hinein in die Mitte Deutschlands vorgedrungen, während die Sowjetunion im Osten Deutschlands noch schwerste Kämpfe gegen die (immer noch) gefährlichen Überreste der Hitlerarmee zu führen hatte. Ohnehin trug die Sowjetunion die Hauptlast dieses verbrecherischen Krieges, der vom faschistischen Deutschland vom Zaun gebrochen worden war, und sie hatte die größten Opfer zu beklagen. In seiner Autobiografie schreibt der deutsche Kommunist Fritz Selbmann, der nach über 12jähriger Haft aus den Konzentrationslagern der Nazis nach Leipzig zurückgekehrt war, dazu folgendes:

Die Stadt Leipzig unter USA-Besatzung

Am 18. April war Leipzig von amerikanischen Truppen besetzt worden. Es hatte in der Stadt noch einige Versuche von Hitlertruppen gegeben, um die Stadt zu kämpfen, aber diese Versuche blieben kraft- und wirkungslos. Noch in letzter Minute hatte die Gestapo eine Anzahl Häftlinge aus dem Polizeipräsidium auf dem Lindenthaler Exerzierplatz erschossen, aber auch dieser Terrorapparat der Nazis fiel schließlich im allgemeinen Desaster auseinander. Daß die Stadt bei der Besetzung nicht mehr zusätzliche nennenswerte Schäden nahm, war das Verdienst der in Leipzig nach dem furchtbaren Schlag, dem die Gruppe um Georg Schumann zum Opfer gefallen war, wieder unter Namen »Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD)« wirkenden Widerstandsorganisation, die in den letzten Kriegstagen bemerkenswert mutig und taktisch klug die Bevölkerung gegen den Wahnsinn einer etwaigen Verteidigung der nach allen Seiten hin offenen Stadt mobilisierte. Daher wurde die Stadt kampflos besetzt, und das Nationalkomitee Leipzig, das natürlich von Kommunisten repräsentiert wurde, begann sofort mit der politischen Arbeit. Aber schon am 26. April verbot die amerikanische Militärregierung das NKFD. Politische, das will heißen kommunistische Tätigkeit war ohnedies verboten. Freilich hatten die Leipziger Kommunisten, verstärkt vor allem durch entlassene KZ-Häftlinge aus dem Lager Buchenwald, damit begonnen, die Organisation der KPD wieder aufzubauen, wenn auch zunächst nur im politischen Untergrund.

Vielfältige politische Tätigkeit

Selbmann

Fritz Selbmann (1889-1975)

So traf ich auf eine noch immer verbotene kommunistische Partei, die ihre erhebliche Aktivität hinter einem Vorhang aus allerlei charitativen Organisationen verbarg, die zu verbieten die Amerikaner doch nicht wagen konnten, als da waren: »Buchenwaldkomitee«, »Hilfskomitee für politische Gefangene«, »Wiedergutmachungswerk« etc. Von der ersten Stunde an war ich nicht gewillt, mich mit der illegalen Existenz der KPD abzufinden, und ich suchte unverzüglich eine Plattform der Legalität. Schon Ende Mai erfolgte die Gründung des »Antifaschistischen Blocks«, dessen Exekutivorgan, der »Provisorische Zentralausschuß«, aus ganz heterogenen Elementen bestand; aus Arbeitern und Angestellten, Handwerkern und Hausfrauen, Universitätsprofessoren, Ärzten und kirchlichen Würdenträgern aller Bekenntnisse. Zum Vorsitzenden des Zentralausschusses wählte man mich, und die Politik, die der Antifaschistische Block betrieb, entsprach weitgehend den politischen An- und Absichten der KPD.

Die Mitglieder des Zentralausschusses kamen aus allen antifaschistisch-politischen und weltanschaulichen Himmelsrichtungen, und der »Antifaschistische Block« war gewissermaßen ein Volksfrontorgan in einer Zeit, da es – legal – keine politischen Parteien gab. Den amerikanischen Besatzungsorganen konnte dieser Sachverhalt nicht verborgen sein, aber sie ließen uns gewähren und duldeten sogar, daß der Block das Büro des »Antinazi-Beratungs-Komitees« in seine eigene Geschäftsstelle verwandelte. Hin und wieder kamen einige Amerikaner mittlerer Dienstgrade und durchsuchten ein wenig lässig und oberflächlich das Büro, nahmen gelegentlich ein Stück rotes Tuch oder ein paar hektografierte Flugblätter mit und gingen mit schlenkernden Schritten wieder davon.

Wie die USA-Besatzer Leipzig »verwalteten«

Die Amerikaner »verwalteten« die Stadt im Stil einer Kolonialverwaltung, d.h. sie taten gar nichts, was die Lebenshaltung der Bevölkerung betraf. Es wurde kein Betrieb in Gang gesetzt, einige Straßenbahnwagen zuckelten durch ein paar notdürftig von den Trümmern gesäuberte Straßen, es gab keine Post, keine Kohlen und fast keine Lebensmittel. Selbst die Plünderungen von Lebensmitteldepots wurden nicht von den Amerikanern und ihrer Stadtverwaltung, sondern von den halblegalen antifaschistischen Organen in den Stadtbezirken verhindert. Sofort nach der Besetzung der Stadt hatten die Amerikaner eine Stadtverwaltung eingesetzt, als ihren Bürgermeister den Rechtsanwalt Dr. Vierling, einen Mann, den ich als früheren deutschnationalen Stadtverordneten und Stahlhelmer kannte. Der Polizeipräsident dieser amerikanisch initiierten Stadtverwaltung war Heinrich Fleißner, rechter Sozialdemokrat und letzter Polizeipräsident der Zeit der Weimarer Republik. Als ich erfuhr, daß Fleißner nunmehr Polizeipräsident von amerikanischen Gnaden sei, mußte ich mich natürlich meines letzten Zusammentreffens mit diesem Mann am 15. Februar 1933 erinnern. Es war mir augenblicklich klar, daß es eine meiner Aufgaben sein müsse, diesen Mann aus dem Polizeipräsidium zu verjagen, sobald die Geschichte mir und uns dafür auch nur eine Chance bieten würde. Es würde die Voraussetzung dafür sein, daß wir mit den Klassengenossen in der Sozialdemokratie zusammen das neue Leben in unserem Lande würden aufbauen können.

Raub und Plünderungen

Das amerikanische Besatzungsregime in Leipzig war ein Interregnum – das wußten wir, das wußten auch die Amerikaner. Es würde eines nicht fernen Tages ein Ende nehmen. Die amerikanischen Besatzer würden abrücken, und sowjetische Truppen würden Leipzig besetzen. Die Besatzer nutzten im Bewußtsein dieser Tatsache die ihnen gehörende Zeit auf ihre Art. In aller Eile wurden wertvolle Fabrikeinrichtungen demontiert und abtransportiert. Das besondere Interesse der amerikanischen Firmenvertreter in Uniform galt den wissenschaftlichen Apparaten aus den Instituten der Universität und den Forschungs-laboratorien großer Betriebe. Die Demontagen beschränkten sich nicht auf Maschinen, Apparate, Laboreinrichtungen und ganze Bibliotheken, noch wichtiger schienen Menschen zu sein: Wissenschaftler, Forscher, Konstrukteure, Fertigungsingenieure. Es war eine großangelegte, zielbewußte Demontage der Intelligenz. Professoren, Assistenten und Erfinder waren ebenso Kriegsbeute wie Banksafes und Patentschriften. Wer nicht freiwillig mitging, wurde, wenn man Wert auf ihn legte, einfach eingefangen und fortgeschleppt wie einst die Neger aus dem afrikanischen Busch von den Urgroßvätern der Herren, die jetzt in der amerikanischen Militärregierung diese besondere Seite neuzeitlicher Besatzungspolitik praktizierten.

Restauration faschistischer Machtstrukturen

General Clay

General L.Clay (1897-1978)

Es war ein zäher unterirdischer Kampf, der zwischen uns, den Leuten vom Antifaschistischen Block, und den amerikanischen Besatzern um die Erhaltung der Substanz unseres zu künftigen Lebens geführt wurde. Die Demontage von Einrichtungen aus Betrieben und Instituten konnten wir nicht verhindern und kaum erschweren. Anders verhielt es sich mit der Verhinderung des Kidnapping von Menschen, die für die Amerikaner, aber auch für uns wertvoll waren. Wer von der Emigration wider Willen bedroht war, wurde von uns versteckt, in illegalen Wohnungen untergebracht und heimlich versorgt. Ich beteiligte mich selbst mit Vergnügen an den Streichen, die wir auf diese Weise den Amerikanern spielten, und war glücklich, daß wir in fast allen Fällen Erfolg hatten. Die wenigen Wochen amerikanischer Besatzungspolitik in Leipzig waren insofern exemplarisch, als hier unmittelbar nach dem Sieg der Antihitlerkoalition eine Kopie der später im großen und ganzen und mit den Namen des Außenministers Marshall und des Generals Clay verbundenen Politik der Restauration der alten deutschen bourgeoisen Herrschaftsstruktur vorexerziert wurde.

…Antifaschisten, Arbeiterfrauen und Kinder hungerten

Die Kommunisten und Antifaschisten Leipzigs hatten sehr bald alle ursprünglichen Vorstellungen bezüglich der von den Amerikanern zu erwartenden Unterstützung einer antifaschistisch-demokratischen Renaissance Deutschlands verloren. Die Amerikaner begünstigten die alten restaurierten Kräfte, bourgeoise Reaktionäre und Stahlhelmer. Sie ließen die alte, von Nazis durchsetzte Beamtenhierarchie unberührt und taten nichts, um den Einfluß der Nazis in Wirtschaft und Verwaltung zu beseitigen. Die Antifaschisten hingegen wurden von jeder Einflußnahme ausgeschlossen, das Nationalkomitee Freies Deutschland war verboten, Parteien und Gewerkschaften waren nicht zugelassen, und der Antifaschistische Block war eine widerwillig und argwöhnisch geduldete, halb illegale Institution ohne tatsächlich gesicherte Einwirkungsmöglichkeit auf die öffentlichen Dinge. Die Nazis saßen in den Rathäusern und Amtsstuben und auf ihren während des Krieges gehamsterten Lebensmittelvorräten. Die Antifaschisten aber, die Arbeiterfrauen und ihre Kinder hungerten. Sie standen auf den Trümmerbergen der Stadt schippten für ein kärgliches Mittagessen und wurden manchmal dabei sogar von alten Nazis beaufsichtigt.

Ein Offener Brief an General Eisenhower

Eisenhower

Eisenhower (1890-1969)

Wir hatten wochenlang seit dem Verbot des NKFD am 26. April gegen diese sonderbaren Besatzungspraktiken protestiert, in Diskussionen auf den Stempelstellen und Trümmerhaufen, mit Flugblättern und Klebezetteln. Da all dies nichts änderte, schrieb ich am 10. Juni einen Brief an General Eisenhower, den alliierten Oberbefehlshaber, und damit der Brief auch seine Wirkung tue, vervielfältigten wir ihn und verteilten ihn in Tausenden von Exemplaren in der Stadt. In diesem Brief war alles gesagt, was die Leipziger Antifaschisten gegen die amerikanische Besatzungspraxis einzuwenden und was sie demgegenüber als Alternative vorzuschlagen hatten.

»American Way of Life« oder Demokratie?

Der »Offene Brief» an Eisenhower schlug ein. Schon am 12. Juni tauchte in meiner Wohnung – ich hatte ein kleines Zimmer weit draußen im Norden der Stadt – ein junger Offizier aus dem Hauptquartier in Frankfurt am Main, der Residenz Eisenhowers, auf, um mit mir über meinen Brief und über die Verhältnisse in Leipzig zu sprechen. Es war ein im Äußeren sehr angenehm wirkender und auch im Umgang sympathischer, intelligenter und geschulter Kämpfer der psychologischen Kriegsführung, der mir in meinem kleinen Zimmer einige Stunden gegenübersaß und dem ich nicht einmal eine Tasse Kaffee oder sonst etwas zu trinken anbieten konnte, ja, dessen Zigaretten ich sogar rauchte. Der junge Abgesandte aus Frankfurt gab sich alle Mühe, mir die Vorzüge des »American Way of Life« schmackhaft zu machen oder mir wenigstens den hohen Wert von »Freedom and Democracy« nach USA-Muster zu beweisen. Wir schieden freundschaftlich, aber nach wie vor uneinig.

Rechte Sozialdemokraten im Bunde mit USA-Besatzern

Es ist nicht nachweisbar, daß die Unruhe, die die Spitzen der amerikanischen Militärregierung in den folgenden zwei Wochen erkennen ließen, auf diesen Brief zurückzuführen war. Sie war aber nicht zu verkennen und äußerte sich schließlich in dem Vorschlag, eine Gemeindevertreterversammlung für die Stadt Leipzig einzuberufen, zu der sogar Vertreter der angeblich nicht existierenden kommunistischen Partei zugelassen werden sollten. Die Einladung wurde uns von den rechten Sozialdemokraten, die, wie Heinrich Fleißner und Erich Schilling, regen Umgang mit amerikanischen Offizieren hatten, übermittelt, wobei sich diese Zwischenträger ihre Botendienste zugleich selbst zu honorieren gedachten, indem sie uns einen mit den Amerikanern abgekarteten Vertretungsmodus vorschlugen, der sie selbst begünstigte.

…und ein erster politischer Sieg

Nach diesem Vorschlag sollte von den 36 zu berufenden Gemeindevertretern ein Drittel von bürgerlichen Gruppierungen gestellt werden, 17 sollten Sozialdemokraten und 7 Kommunisten sein. Wir revozierten heftig und verlangten eine Zusammensetzung der Gemeindeverordnetensitzung aus 12 Kommunisten, 12 Sozialdemokraten und 12 Bürgerlichen. Da wir uns an das Gezeter der unehrlichen Makler überhaupt nicht störten und in aller Seelenruhe erklärten, wir würden im Ablehnungsfalle der ganzen Komödie fernbleiben, was, wie die Politoffiziere der Militärregierung ganz genau wußten, den geplanten Schachzug zu einer Farce gemacht hätte, wurde unser Ultimatum – denn das war es schließlich – akzeptiert. Wir hatten den ersten öffentlichen politischen Sieg errungen. ….

Quelle:
Fritz Selbmann: Alternative – Bilanz – Credo, Versuch einer Selbstdarstellung, Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale), 1969, S.396-401. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Nachbemerkung: Damit ist der Bericht des Leipziger Kommunisten Fritz Selbmann noch lange nicht beendet. Er zeigt jedoch, wie die US-amerikanischen Besatzer versuchten, die Sowjetunion zu betrügen, wie sie versuchten, faschistische Machtstrukturen zu erhalten, um eine Spaltung Deutschlands zu beschleunigen und eine Wiederaufrüstung der Westzonen gegen die Sowjetunion voranzutreiben. Nicht nur in Leipzig plünderten die US-Amerikaner sämtliche Industriebetriebe und Hochschuleinrichtungen. Nie wieder sah man so lange, schwer beladene Güterzüge in Richtung Westen rollen. Nichts Verwertbares sollte der Sowjetunion in die Hände fallen, die die Hauptlast dieses Krieges zu tragen hatte und der gerechterweise die größten Wiedergutmachungsleistungen zugestanden hätten. Daß dieser Bericht aus der damaligen Zeit möglicherweise einigen heutigen Darstellungen widerspricht, ist nicht verwunderlich. Werden doch geschichtsrevisionistische Machwerke heute vorrangig mit dem Ziel verbreitet, um (wie auch unter den Nazis) die Rolle der Kommunisten zu verleumden, und um einen Schlußstrich unter die Geschichte zu ziehen.

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