Eine widersprüchliche Persönlichkeit: Der Marschall der Sowjetunion G. K. Shukow

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Der Marschall der Sowjetunion G. K. Shukow

Über die Persönlichkeit des sowjetischen Marschalls Georgi Konstantinowitsch Shukow gibt es immer noch Streit, nicht nur unter Historikern und Publizisten, sondern auch unter denjenigen, die sich mehr oder weniger für die Geschichte der UdSSR interessieren. Die einen unterlagen den Einflüssen der Chruschtschow-Breschnew-Zeit und den Jahren des Jelzinismus und halten ihn für einen „genialen Feldherren“, die anderen bemerken hauptsächlich die negativen Seiten der Tätigkeit dieses Heerführers. Shukow war ein komplizierter Mensch, und es wäre unvernünftig, diese historische Figur lediglich in weißer oder schwarzer Farbe zu zeichnen.

Stalin und Shukow

Die Historiker der Bourgeoisie, die Einschmeichler der heutigen Machthaber versuchen ihre neuen Herren zufriedenzustellen. Sie stellen Shukow und Stalin einander gegenüber und schieben alle Fehler dieses Heerführers vom Juni-Juli 1941 auf Stalin. Nebenbei bemerkt war Stalin zu Beginn des Krieges, entsprechend seiner damaligen Position als Generalsekretär des ZK der Allunions-KP (B) und Vorsitzender des Rates der Volkskommissare tatsächlich nicht unmittelbar für die Armee und militärische Fragen zuständig. Für die Verteidigung des Landes und den Widerstand gegen die Nazis waren in erster Linie der Volkskommissar für Verteidigung Timoschenko und der Generalstabschef Shukow verantwortlich.

Das heißt, wenn man logisch urteilt, dann liegt ein großer Teil der Schuld für die Mißerfolge zu Beginn des Krieges gerade bei Timoschenko und Shukow, und ganz und gar nicht bei Stalin, der sich zu dieser Zeit mit staatsbürgerlichen Fragen befaßte, mit der politischen und sozial-ökonomischen Entwicklung des Landes, und der überhaupt nicht verpflichtet war, sich mit der Kriegskunst zu beschäftigen. Erst am 19. Juli 1941 wurde Stalin zum Volkskommissar der Verteidigung ernannt. Aber zu dieser Zeit befand sich die Initiative im Krieg und der damit verbundene taktische Vorteil bereits fest in den Händen Hitlers und seiner Generäle. So war Stalin im Sommer 1941 gezwungen, die Fehler Timoschenkos und Shukows, die von ihnen Anfang des Krieges zugelassen worden waren, zu korrigieren.

Die „Logik“ der Kritik

Nach der Logik der Stalin-Gegner könnte man genauso auch Lenin dafür kritisieren, daß die junge Sowjetrepublik in der ersten Periode des Bürgerkrieges militärische Niederlagen erlitt und viel Territorium verlor. Niemand wird jedoch Wladimir Iljitsch Lenin dafür tadeln, für die Mißerfolge in den Schlachten und den Verlust des Territoriums kritisieren, da alle vernünftigen Menschen verstehen, daß Lenin als Vorsitzender der Sowjetregierung keinen direkten Einfluß auf die Kriegskunst hatte, sondern vor allem die Heerführer, insbesondere Trotzki als Vorsitzender des Revolutionären Verteidigungsrates. Eben nicht Lenin, ebensowenig wie Stalin. Man kann also Stalin nicht für die Mißerfolge am Anfang des Krieges verantwortlich machen, da er zu dieser Zeit nur staatsbürgerliche Aufgaben im Staatsapparat hatte und keine militärischen, und da er in sich allem auf Timoschenko und Shukow verlassen und ihnen völlig vertrauen mußte, und sie waren ihm unterstellt.

Warum das Jelzin-Regime Shukow in den Himmel hob…

Ende Juli 1941 wurde Shukow als Generalstabschef abgesetzt und zum Befehlshaber der Reservefront ernannt. Dadurch deutete Stalin vor allem an, daß Shukow mit den ihm übertragenen Pflichten in der Folge des Angriffes der Nazis nicht zurechtgekommen war. Und jeder beliebige vernünftige Mensch sollte die Meinung Stalins respektieren.

Und weil bürgerliche Möchtegern-Historiker sich nach Kräften bemühen, die Fehler Timoschenkos und Shukows zu Beginn des Krieges auf Stalin zu schieben, verstehen das auch viele Menschen in Rußland nicht, darunter sogar Verfechter des Sozialismus und Kriegsveteranen, oder sie wollen es nicht verstehen, wobei sie nach Chruschtschowscher Tradition die Verdienste Shukows hervorheben und dadurch zugleich die Verdienste Stalins im Krieg als Obersten Befehlshaber schmälern. Einige wollen es partout nicht begreifen, daß, wenn sie die Tätigkeit Shukows als Generalstabschef zu Anfang des Krieges übermäßig in Schutz nehmen, sie damit automatisch Stalin beschuldigen und den Boden dafür schaffen, ihn als Staatsoberhaupt der UdSSR zu verleumden. Das alles leitet den Feinden der Sowjetunion verschiedenerlei Couleur nur Wasser auf die Mühle. Unter Chruschtschow wurde damit begonnen, Shukow in den Himmel zu heben, um somit leichter Schmutz auf die historische Gestalt Stalins werfen zu können.

Man darf auch nicht vergessen, daß das Denkmal für Shukow im Zentrum Moskaus nicht in sowjetischer Zeit aufgestellt wurde, sondern während der Restauration des Kapitalismus von dem Verräter Jelzin, einem verschworenen Feind der Sowjetunion und Agenten der westlichen Geheimdienste. Auch der Film „Der großer Heerführer Georgij Shukow“ wurde unter Jelzin produziert. Das alles ist kein Zufall. Das Jelzin-Regime mußte Shukow erheben. Es half, alle Mißerfolge, die zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges geschahen, auf Stalin zu schieben und ihn zu verleumden.

Ein guter Taktiker, aber ein schlechter Stratege

Das Verdienst Shukows besteht darin, daß er bis zum Dezember 1941 innerlich, vor sich selbst, seine die Fehler eingestanden hat, die er davon am Anfang des Krieges zugelassen hatte, die richtigen Schlußfolgerungen daraus gezogen und einige seiner eigenen Prinzipien in der Führung des Kampfes geändert hat, was Shukow zu seiner erfolgreichen Tätigkeit als Vertreter des Stabes des Obersten Befehlshabers und Kommandeurs der Fronten geführt hat.

Jedoch war Shukow auch nach 1941 als der Feldherr nicht tadellos. Leider gab gerade Shukow den heutigen Sowjetfeinden und Verrätern Veranlassung, zu behaupten, daß die Sowjetunion den Krieg nur gewonnen habe, weil „die Deutschen mit Leichen zugeschüttet wurden“ (natürlich ist diese Behauptung dreister Unsinn). Es ging eben auch darum, daß Shukow nicht selten kein Mitleid mit dem Leben der sowjetischen Soldaten hatte und irgendwie nur bestrebt war, selbst um den Preis des Verlustes vieler sowjetischer Soldaten, Erfolg in den Kämpfen zu erreichen. Nicht zufällig befahl Stalin Shukow gegen Ende des Krieges vor der Erstürmung Berlins: „Schonen Sie die Menschen!“ Und Stalin tat niemals etwas umsonst. Jede seiner Handlungen, jeder Schritt in der Politik und in der Wirtschaft hatte immer eine bestimmte Bedeutung, hatte immer irgendeinen ernsthaften Grund, einen tieferen Sinn. Und deshalb ist es eigensinnig und borniert, wenn man über Shukow nur das Beste sagt und nicht auch seine Fehler sieht, nicht auch die Kritik an dem Marschall anerkennt. Deshalb bedeutet das zugleich, Stalin herabzusetzen, und Wasser auf Mühlen der Feinde der UdSSR und des Sozialismus zu leiten.

Shukows maßlose Überheblichkeit

Der Charakter Shukows paßte auch vielen seiner Kollegen nicht. Er konnte sowohl den Soldaten wie auch den General demütigen und verletzen. Es geschah sogar, daß Shukow an der Front ohne ausreichende Begründung und ungesetzlich befahl, diejenigen Offiziere oder Soldaten zu erschießen, die sich seiner Meinung nach vergangen hatten. Shukow war zu scharf und zu grob zu seinen Untergebenen. Zudem war Shukow nach dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges offenbar überheblich geworden, er ertrug keine Kritik an seiner Person, er hielt sich für einen unfehlbaren Menschen, für einen großen Heerführer. Und ausgerechnet da stellte die Bolschewistische Partei, deren Führer Stalin war, die Losung von Kritik und Selbstkritik in den Mittelpunkt. Auf einer Basis von Überheblichkeit gönnte es sich Shukow eigenmächtig, in seiner Datsche eine große Menge erbeuteten Eigentums zu horten. Gerade diese Tatsachen waren auch der Grund für die Degradierung Shukows und seine Ernennung zum Befehlshaber des Odessaer Militärbezirks. In diesem Fall hoffte Stalin, daß Shukow aufhören würde, überheblich zu sein, daß er vom Himmel auf die Erde heruntersteigen und sich mit der Selbstkritik beschäftigen würde. Wahrscheinlich wurde Shukow teilweise in diesem Sinne korrigiert. Nicht zufällig wurde er 1952 auf dem XIX. Parteitag der Allunions-KP (B) zum Kandidaten des Zentralkomitee der Partei gewählt.

Stalin hatte Nachsicht mit Shukow

Im Sowjetischen Staat waren alle vor dem Gesetz gleich – vom einfachen Kolchosbauern bis zum großen Leiter oder Marschall. Stalin war stets bestrebt, dieses Prinzip zu beachten. Für die eigenmächtige Aneignung einer solchen großen Menge Beutegutes hätte jeder beliebige Offizier dem Gesetz nach einige Jahre Haft bekommen können. Formell hätte auch Shukow eine solcher Strafe verdient. Doch unter Berücksichtigung dessen, daß Shukow einen großen Beitrag bei der Zerschlagung der Hitlerarmeen geleistet hatte, hatte Stalin Mitleid mit Shukow, setzte ihn nur dienstlich herab und sandte ihn ab, den Odessaer Militärbezirk zu leiten.

Waren Shukows Ehrungen immer gerechtfertigt?

Im Leben eines beliebigen Menschen gibt es drei Dinge, die vieles, wenn nicht sogar alles entscheiden: Talent, Fleiß und Glück. Selbst wenn einer dieser Faktoren fehlt oder es an etwas mangelt, so wird dieser Mensch in seinem Leben nicht solche grandiosen Erfolge erreichen. Shukow hatte sowohl vollkommen das Talent, als auch Fleiß und Glück. Deshalb wurde er in den Jähren des Krieges Stellvertreter des Obersten Befehlshabers, und bis 1957 viermal Held der Sowjetunion. Im Leben Wassiljewskis, Konews, Watutins und Rokossowskis gab es nicht weniger Erfolge, doch ihre Karrieren waren keineswegs so schwindelerregend und grandios wie bei Shukow, obwohl sie in ihrem militärischen Talent und ihrem Fleiß Shukow in keiner Weise nachstanden.

Viele hat bei Chruschtschow und Breshnew auch die Tatsache verwirrt, daß Shukow als einziger von allen Bürgern der UdSSR viermal Held der Sowjetunion wurde. Das war wahrscheinlich auch einer der Gründe für die übermäßig Lobpreisung des Marschalls. Aber betrachten wir, wofür Shukow diese Auszeichnungen bekam. Die zwei ersten Sterne hatte er sich in höchstem Maße verdient – den einen für die Zerschlagung der japanischen Truppen am Fluß Chalchin-Gol im Jahre 1939, den anderen bekam er verliehen für die geschickte Koordination der Kampfhandlungen im Jahre 1944. Im Juni 1945 wurde dem Marschall diese Auszeichnung zum dritten Mal überreicht.

Der schlaue Nikita sucht sich seine Helden…

Den vierten Stern erhielt Shukow von Chruschtschow im Dezember 1956 – wofür ist nicht bekannt. Wahrscheinlich hatte sich der schlaue Nikita dazu entschieden, um sich bei passender Gelegenheit der Unterstützung seines Verteidigungsministers Shukow sicher zu sein. Aber es ist klar, daß der Marschall völlig zurecht dreimal als Held der Sowjetunion geehrt wurde, ebenso wie die Flieger-Asse Pokryschkin und Koschedub.

Chruschtschow, der Shukow mit dem vierten Stern eines Helden der Sowjetunion belohnte, hatte alles genau berechnet. 1957 verschärften sich die Widersprüche zwischen Chruschtschowisten und der Gruppe von Molotow, Malenkow, Woroschilow und Kaganowitsch, welche sahen, daß Chruschtschow den Aufbau des Kommunismus zu Grabe trug und das Land in eine Sackgasse führte. Im Präsidiums des ZK war schon beschlossen worden, Chruschtschow vom Amt des ersten Sekretärs des ZK der KPdSU zu entbinden, doch hier stellte sich plötzlich Shukow auf die Seite des schlauen Nikita. Und das wendete alles zugunsten Chruschtschows. Auf dem Plenum des ZK wurden fast alle seine Gegner aus leitenden Strukturen der KPdSU entfernt, und danach gänzlich aus der Partei ausgeschlossen. Gerade im entscheidenden Moment unterstützte Shukow Chruschtschow und stellte sich auf die Seite der Stalinfeinde, und auf die Seite derer, die später die revisionistische und opportunistische Politik anführten, welche in der UdSSR das Chaos hervorrief. Nicht umsonst äußerte Molotow, der Kampfgenosse Stalins, schon nach 1957 die Meinung, daß Shukow zwar ein guter Militär, aber ein schlechter Politiker sei.

Der Verrat bringt niemals etwas Gutes hervor

Letztendlich hat der Marschall aber dennoch verloren. Der Verrat bringt niemals etwas Gutes hervor. Nachdem Chruschtschow Shukow 1958 als Knüppel gegen seine Gegner verwendete hatte, schickte er ihn in die Rente. Das war die „Dankbarkeit“ des tückischen Nikita ihm gegenüber. Und als der Marschall begriffen hatte, daß er im Unrecht gewesen war, Chruschtschow gegen die Gruppe von Molotow zu unterstützen, war es schon spät.

Natürlich, man darf nicht übersehen, daß Shukow ein talentierter Feldherr war und einen großen Beitrag zum Sieg der Roten Armee vor Moskau und dann am Kursker Bogen geleistet hat. 1945 wurde unter seiner Führung in verhältnismäßig kurzer Frist (im Laufe von zwei Wochen) die Berliner Operation erfolgreich durchgeführt, die zur Einnahme der Hauptstadt Hitlerdeutschlands führte. Nicht selten schickte Stalin Shukow an die kompliziertesten Abschnitte der sowjetisch-deutschen Front und Shukow rechtfertigte in der Regel das Vertrauen des Führers. Stalin sah in Shukow nicht nur den talentierten Feldherren, sondern auch den guten Organisator, der mit fester Hand die Ordnung und die Disziplin in den Truppen festigen konnte, was in vielen Schlachten nicht selten als Grundlage für die erfolgreichen Kampfhandlungen der Roten Armee diente.

Fazit:
Georgi Konstantinowitsch Shukow war eine uneindeutige und widersprüchliche Persönlichkeit. Wir sollten die Fehler Shukows als Generalstabschef, die Gründe seiner dienstlichen Degradierung nach dem Krieg, die falschen Handlungen des Marschalls im Jahre 1957, als er Chruschtschow unterstützte, nicht vergessen. Gleichzeitig wird kein gewissenhafter Mensch jemals das militärische Talent und die Fähigkeiten Shukows und seine Verdienste als Heerführer bei der Zerschlagung Hitlerdeutschlands negieren. Shukow hat in den Jahren 1941-1945 seine Pflicht gegenüber der Sowjetischen Heimat so gut er konnte, ehrlich erfüllt, aber sein Verhalten nach 1953 lastet schwer auf dem Gewissen des Marschalls. Er war ein guter Taktiker, aber ein schlechter Stratege, besonders in der Politik.

Quelle: http://izhvkpb.narod.ru/zh/zhukov.htmlkommunisten-online

Übersetzung: T. Kleinschmidt (2013)

DOWNLOAD: Eine widersprüchliche Persönlichkeit Shukow

Siehe auch:
UdSSR (1953): Karrieristen kamen an die Macht
Marschall Shukow über Stalin

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3 Antworten zu Eine widersprüchliche Persönlichkeit: Der Marschall der Sowjetunion G. K. Shukow

  1. Vorfinder schreibt:

    Danke „Sascha“ dies ist wieder ein hervorragender Artikel, den werden wir zu den Jahrestagen den Diskutanten reichen können.

    Wunderbar wie klar und prägnant Du darlegst, dass Genosse Stalin für die Niederlagen am Anfang des Krieges nicht verantwortlich war. Bei Diskussionen ist zuweilen,, eben auch von unsortierten sozialistischen Köpfen, zu hören: ja Stalin war ein Genie, aber zu Beginn des Krieges … Man hat da zwar Entgegnungen und Richtigstellungen, Dein Artikel hat nun aber alles kurz und bündig in sich. Danke!

  2. sascha313 schreibt:

    Ja, die Person Shukows spielt in dem antikommunistischen Konstrukt der „Schuld Stalins“ zu Beginn des Krieges eine Schlüsselrolle!

  3. olivia2010kroth schreibt:

    Wo viel Licht, da viel Schatten! Schukow hatte seine Anhänger und auch seine Feinde.

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