Was uns Lenin heute noch zu sagen hat…

LeninEs ist ein großes Verdienst der SED, insbesondere von Walter Ulbricht, daß er 1967 – also unmittelbar nach dem Sieg des Sozialismus in der DDR – die Lehren Lenins aus der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution zusammenfaßte und in den Sammelbänden zur „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ für jedermann zugänglich und verständlich machte. Nur so war es in dieser Zeit möglich, den revolutionären Kampfgeist des Proletariats auf die notwendigen Aufgaben der Gegenwart zu orientieren. Walter Ulbricht verstand sehr genau, was es bedeuten würde, wenn es gelänge, daß der Revisionismus (d.h. die Abweichung von den Grundprinzipien des Marxismus-Leninismus) in der Partei Fuß faßte. Eindringlich hatte schon Lenin vor dem Renegatentum des Karl Kautsky gewarnt. Lenin bezeichnete das Fehlen einer revolutionären proletarischen Kampfpartei als „ein großes Unglück und eine große Gefahr“ für die Arbeiterklasse.

In der neuen weltgeschichtlichen Epoche war angesichts des Heranreifens revolutionärer Krisen in einer Reihe imperialistischer Staaten die Frage der Diktatur des Proletariats zur wichtigsten Frage des ganzen proletarischen Klassenkampfes geworden. Deshalb schrieb W.I.Lenin, bald nachdem die Kautskysche Arbeit „Die Diktatur des Proletariats“ erschienen war, das Werk „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“. Darin setzte er sich erneut mit den Entstellungen der marxistischen Staatstheorie durch Karl Kautsky auseinander, dessen sowjetfeindliche Veröffentlichungen die ideologische Verwirrung in der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung noch vertieften. Die Leninsche Arbeit wurde als unmittelbare Hilfe für den Kampf der revolutionären Kräfte in Deutschland und in den westeuropäischen Ländern geschrieben.

Wie Karl Kautsky den Marxismus fälschte

Die antimarxistische Konzeption der Kautskyschen Schrift bestand darin, daß sie an Stelle des tatsächlichen unversöhnlichen Klassengegensatzes zwischen Proletariat und Bourgeoisie einen Widerspruch zwischen Demokratie und Diktatur konstruierte und die sogenannte „Theorie des dritten Weges“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus entwickelte. W.I.Lenin widerlegte diese kleinbürgerlichen, arbeiterfeindlichen Auffassungen und bereicherte die Lehre von der Diktatur des Proletariats durch die Erfahrungen der jungen Sowjetmacht. „Diktatur bedeutet nicht unbedingt“, erklärte er, „die Aufhebung der Demokratie für die Klasse, die diese Diktatur über die anderen Klassen ausübt.“ [1] Die Frage der Diktatur des Proletariats ist daher die Frage nach dem Verhältnis der proletarischen Demokratie zur bürgerlichen Demokratie. Karl Kautsky aber betrachtete bestimmte, historisch bedingte Formen, wie allgemeines Wahlrecht, Parteien und Parlamentarismus, als Demokratie schlechthin, ohne zu untersuchen, welche Klasse die Macht im Staate ausübt. Damit verschleierte er den bürgerlichen Klassencharakter der Demokratie unter der Herrschaft des Kapitalismus. „Es gibt keinen einzigen Staat“, schrieb W.I.Lenin, „und sei es auch der demokratischste, wo es in der ‚Verfassung nicht Hintertürchen oder Klauseln gäbe, die der Bourgeoisie die Möglichkeit sichern…, Militär gegen die Arbeiter einzusetzen den Belagerungszustand zu verhängen u.a.m.“ [2], wenn diese sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung zur Wehr setzen. In einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft kann es keine „reine“, außerhalb der Klassen stehende Demokratie geben. „’Reine Demokratie‘ “, betonte W.I.Lenin, „das ist die verlogene Phrase eines Liberalen, der die Arbeiter zum Narren hält. Die Geschichte kennt die bürgerliche Demokratie, die den Feudalismus ablöst, und die proletarische Demokratie, die die bürgerliche ablöst.“ [3]

Was ist Demokratie denn nun wirklich?

W.I.Lenin bewies am Beispiel der Sowjetmacht, daß die proletarische Demokratie – im Gegensatz zur bürgerlichen Demokratie – „für die gigantische Mehrheit der Bevölkerung, für die Ausgebeuteten und Werktätigen, eine in der Welt noch nie dagewesene Entwicklung und Erweiterung der Demokratie gebracht“ [4] hatte. Unter der Herrschaft der Sowjets, die die unmittelbare Organisation der werktätigen Massen selbst sind, werden die Deputierten von den Arbeitern und den werktätigen Bauern gewählt, kontrolliert und können jederzeit abberufen werden. Presse- und Versammlungsfreiheit haben aufgehört, Heuchelei zu sein. „Gibt es in der ganzen Welt … auch nur ein Land“, schrieb W.I.Lenin, wo der Arbeiter, der Landarbeiter oder der ländliche Halbproletarier „auch nur annähernd solch eine Freiheit genießt, Versammlungen in den besten Gebäuden abzuhalten, solch eine Freiheit, über die größten Druckereien und die besten Papierlager zu verfügen, um seine Ideen darlegen und seine Interessen vertreten zu können, solch eine Freiheit, gerade Menschen seiner Klasse mit der Leitung und ,Einrichtung‘ des Staates zu betrauen, wie in Sowjetrußland?“

W. I. Lenin betonte nachdrücklich: „Die proletarische Demokratie ist millionenfach demokratischer als jede bürgerliche Demokratie; die Sowjetmacht ist millionenfach demokratischer als die demokratischste bürgerliche Republik.“ [5]

Das revolutionäre Proletariat braucht eine starke Staatsgewalt

Gegenüber der gestürzten Bourgeoisie und den reaktionären Feinden aber braucht das Proletariat eine starke Staatsgewalt. W.I.Lenin wies, ausgehend von den Erfahrungen der Sowjetmacht, nach, „daß in jeder tiefgreifenden Revolution ein langer, hartnäckiger, verzweifelter Widerstand der Ausbeuter, die eine Reihe von Jahren hindurch große tatsächliche Vorteile gegenüber den Ausgebeuteten bewahren, die Regel ist“ [6].Nicht alle Kapitalisten und Gutsbesitzer können sofort enteignet werden; ferner bleiben ihnen das Geld, die Beziehungen, die Kenntnis und die Routine in der Organisation, der Verwaltung und dem Militärwesen, die höhere Bildung und die enge Verbindung mit der leitenden technischen Intelligenz. Insbesondere fördern auch die zahlreichen internationalen Verbindungen der Ausbeuterklassen die innere Konterrevolution, der unvermeidlich auch Teile der politisch am wenigsten entwickelten kleinbürgerlichen Schichten zeitweilig Gefolgschaft leisten.

Wozu braucht das Proletariat Gewalt?

Bei einer „solchen Lage der Dinge, in der Epoche des verzweifelten, verschärften Kampfes, da die Geschichte Fragen des Seins oder Nichtseins jahrhunderte- und jahrtausendealter Privilegien auf die Tagesordnung setzt, … ist die gewaltsame Niederhaltung der Ausbeuter als Klasse und folglich eine Verletzung der ‚reinen Demokratie‘, d.h. der Gleichheit und Freiheit, gegenüber dieser Klasse“ [7] unerläßliche Bedingung der Diktatur des Proletariats. Welche Formen dieser Kampf annimmt, hängt vom internationalen Kräfteverhältnis und von den konkreten Bedingungen jedes Landes, vor allem aber auch vom Verhalten der gestürzten Ausbeuterklassen, ab.

Von der bürgerlichen zur sozialistische Revolution

In der Auseinandersetzung mit Karl Kautsky, der in seiner Schrift behauptet hatte, daß die Oktoberrevolution unvermeidlich bürgerlichen Charakter haben müsse, weil die Bauernschaft, die die große Mehrheit der Bevölkerung bilde, auf dem Boden der bürgerlichen gesellschaftlichen Verhältnisse stehe, entwickelte W.I.Lenin den Zusammenhang zwischen bürgerlich-demokratischer und sozialistischer Revolution. Er wies nach, daß diese Frage „von den Bolschewiki schon 1905 völlig geklärt worden“ war. Der Verlauf der Revolution im Jahre 1917 habe die Richtigkeit der bolschewistischen Auffassungen bestätigt: „Zuerst zusammen mit der ‚gesamten‘ Bauernschaft gegen die Monarchie, gegen die Gutsbesitzer, gegen das Mittelalter (und insoweit bleibt die Revolution eine bürgerliche, bürgerlich-demokratische Revolution). Dann zusammen mit der armen Bauernschaft, zusammen mit dem Halbproletariat, zusammen mit allen Ausgebeuteten gegen den Kapitalismus, einschließlich der Dorfreichen. der Kulaken, der Spekulanten, und insofern wird die Revolution zu einer sozialistischen Revolution.“ Den Versuch Karl Kautskys, „künstlich eine chinesische Mauer zwischen dieser und jener aufzurichten“, bezeichnete W.I.Lenin als Vulgarisierung des Marxismus“. Er begründete, daß beide Revolutionen durch nichts anderes voneinander getrennt sind „als durch den Grad der Vorbereitung des Proletariats und den Grad seines Zusammenschlusses mit der Dorfarmut“ [8] Damit arbeitete W.I.Lenin die Kernfrage des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen in die sozialistische Revolution heraus.

Bolschewismus – Vorbild für die proletarische Revolution

In seinem Werk „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ entwickelte W.I.Lenin zum ersten Mal in größerem Umfang die grundlegenden, allgemeingültigen Lehren der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution sowie die Erfahrungen der Sowjetmacht für die internationale Arbeiterbewegung und begründete, „daß der Bolschewismus den richtigen Weg zur Rettung vor den Schrecken des Krieges und des Imperialismus gewiesen hat, daß sich der Bolschewismus als Vorbild der Taktik für alle eignet“ [9]. Während die II.Internationale, vom Opportunismus zerfressen, in den Prüfungen des ersten Weltkrieges zusammengebrochen war, hatte der Bolschewismus „die ideologischen und taktischen Grundlagen für die III. Internationale, die wirklich proletarische und kommunistische Internationale, geschaffen, die sowohl die Errungenschaften der friedlichen Epoche berücksichtigt als auch die Erfahrungen der bereits angebrochenen Epoche der Revolutionen“. [10]

Das Fehlen einer revolutionären Arbeiterpartei ist ein großes Unglück und eine große Gefahr für die Arbeiterklasse

Noch vor der Fertigstellung seiner Arbeit veröffentlichte W.I.Lenin am 11. Oktober 1918 einen Artikel zu demselben Thema in der „Prawda“, um die Auseinandersetzung mit dem Kautskyanertum in der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung zu beschleunigen. Mit allem Nachdruck wies W.I.Lenin darin auf die Notwendigkeit des Bruchs mit den Zentristen hin und bezeichnete das Fehlen revolutionärer proletarischer Kampfparteien in der europäischen Arbeiterbewegung als „ein großes Unglück und eine große Gefahr“ [11].

Quelle: Aut.Koll. unter Leitung von Walter Ulbricht, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Kapitel VI, Dietz Verlag Berlin, 1967, S.60-63.

Zitate:
[1] W. I. Lenin: Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky.
In: W.I.Lenin, Werke, Dietz Verlag Berlin (DDR), Bd. 28, S. 233.

[2] ebd. S.243
[3] ebd. S.241
[4] ebd. S.245
[5] ebd. S.247
[6] ebd. S.252
[7] ebd. S.253 u.255
[8] ebd. S.300/301
[9] ebd. S.249
[10] ebd. S.293.
[11] ebd. S.103.

(Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

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7 Antworten zu Was uns Lenin heute noch zu sagen hat…

  1. Harry 56 schreibt:

    Es ist immer wieder auf’s neue verblüffend, wie hoch-aktuell Lenin noch heute ist.
    Wer wirklich klar und deutlich wissen will, wie gerade die große überwiegende Masse der Besitzlosen durch das Blendwerk der bürgerlichen Demokratie belogen und betrogen, gegängelt und so in politischer Unmündigkeit und weitgehender Passivität gehalten wird, wird in Lenin immer einen guten Führer und Wegweiser finden.
    „Staat und Revolution“, „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ sind hierzu unverzichtbare, beinahe schon „kanonische“ Schriften, deren bedingungslose Anerkennung unverzichtbarer Prüfstein ist für jeden ehrlichen Gegner der kapitalistischen Ausbeutung, des Imperialismus, ob mit oder ohne bürgerlich-demokratisches Mäntelchen.
    Die politischen Formen und Farben mögen in den verschiedensten Arten schillern und schimmern, ihr Inhalt aber ist immer der gleiche: Die Herrschaft, die Diktatur der Besitzenden und Reichen über die Besitzlosen und Armen.
    Diese einmal entüllte, so nun aber ganz einfache selbstverständliche Wahrheit hat unmittelbar nach Marx und Engels Lenin wie wohl kein zweiter Mensch so klar und deutlich erfasst und zum literarischen Ausdruck gebracht.
    Wer daher Lenin verleugnet, verteufelt, verfälscht, verteidigt immer, objektiv, Ausbeutung, Kapitalismus, Imperialismus, und mit ihm so auch alle Kriege und sonstigen Verbrechen an der Menschheit, und selbst an der uns umgebenden, uns erhaltenden Natur.
    (Ja, auch der Natur, ganz speziell allen echten Umweltfreunden und Naturschützern hinter die Ohren geschrieben, ebenso allen echten Christen, Muslimen etc…!)

  2. Harry 56 schreibt:

    Und hier noch ein Lenin-Fan, ganz interessant! 🙂

    • Vorfinder schreibt:

      Hallo Harry, der Hörstel gibt sich als „Leninfan“ weil ihm sonst nur Umherirrende zuhören.
      Weil er immerhin manchmal Halbrichtiges über Krieg sagt ist er vielleicht mehr nützlich, als er Unfug verbreitet. Ein Sozialist ist der nicht. Ich will da nicht auf jeden Satz von dem Hörstel eingehen. Der ist vom Fach und er macht seine Sache nicht so schlecht. Aber der Hörstel will ein bürgerliches System. Der verwirrt und bringt die Sache Lenins wirklich nicht voran. Wenn Du Hörstel als Kapitalismuskritiker nimmst, dann geht das durch, hingegen zu meinen der würde wissenschaftliche Weltanschauung verbreiten oder gar verstanden haben, geht an Hörstel vorbei. Alleine seine verschiedenen Parteienbildungen sind Quark und haben mit Leninistischer Erkenntnis gar nix zu tun.

      Ich verstehe, dass Du suchst. Aber, ich sagte es schon mal zu Dir, weshalb suchst Du da wo es nicht ist? Such bei den Klassikern, da findest Du Antwort, die der Hörstel nicht hat.

      • Harry 56 schreibt:

        Hallo Vorfinder,

        der Hörstel erhebt ja gar keinen Anspruch auf eine marxistisch-leninistische Analyse der heutigen imperialistischen Weltpolitik, und von Sozialismus/Kommunismus habe ich bei ihm noch nie einen Piepser vernommen.
        Und doch bringt er sehr aufschlussreiche, die üblichen imp. Medien völlig entlarvende Fakten an’s Licht.
        Vergleiche seine Fakten nur mit dem, was von der Parteien, Gruppierungen wie „Die Linke“, DKP, MLPD, trotzkistischen Haufen zu Themen wie Lybien, Irak, Syrien, Afghanistan, Iran so alles an Unsinn und Vorurteilen, gar Rechtfertigungen in Umlauf gebracht wird, ganz zu schweigen von den bürgerlichen Parteien, oder einem Sommer, Huber & Konsorten, deren Vereinen.
        Und daher hat Hörstel wirklich eiin wenig Dank und Anerkennung verdient, denn auch er bringt auf seine Weise ein wenig Licht in die Höhle bürgerlich-imperialistischen Informarmations- Dunkelheit.

      • Hörstel

        ist einer, der von der Burschenschaft nicht lassen kann …

        aber wenigstens verbreitet er, was die an Phantasie-Vorstellungen haben!

  3. Vorfinder schreibt:

    „Sascha“ Deine Artikel sollten als Weiterleitung direkt in die Reaktionen linker (meist sog. „linker)
    Zeitungen und Zeitschriften gehen 🙂 Die meisten Redaktionen könnten´s brauchen. So verirrt wie die sind, brauchen die aber wohl noch etwas, bis sie verstehen.

    Deine Artikel sind auf der Höhe der Zeit. Gerade vor 2 Tagen bekam ich eine E-Mail von einem Freund, der Auseinandersetzungen mit seinem Kreis zum Thema „3. Weg“ hatte. Jeder Kommunist weiß, der 3. Weg ist Unfug und soll lediglich unsere Reihen sprengen. Ich habe Antwort gegeben, wie ich dazu in der Lage bin. Mit Deinem Artikel nun ist auch diese Position gestärt und meine Antwort mit Deinem Artikel in eine solide Höhe gehoben.

    Jeder der Deine Artikel verbreitet, nützt unser kommunistischen Sache.

  4. Pingback: Entdeckt: Das einzige Lenindenkmal in den USA! | Sascha's Welt

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