Der Mörder von Oradour

Ein Straßenzug von Oradour nach der Zerstörung

Ein Straßenzug von Oradour nach der Zerstörung

Nach dem Abzug der SS-Division wurden in den Trümmern von Oradour 642 zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte und verbratte Leichen geborgen

Nach dem Abzug der SS-Division wurden in den Trümmern von Oradour 642 zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte und verbrannte Leichen geborgen

Die Menschen werden es niemals vergessen! Die Kriegsverbrechen der Nazis in ihrem Land. Oradour-sur-Glane ist eine kleine Stadt, unweit von Limoges, mitten in Frankreich. Vor fast 70 Jahren, am 10. Juni 1944, umzingelten SS-Banditen diesen Ort, trieben die Einwohner zum Marktplatz. Alte und Kranke wurden auf der Stelle erschossen. Andere wurden in Scheunen oder Garagen gedrängt und gezielt mit Maschinengewehrsalven niedergeschossen. Sämtliche Häuser wurden zerstört und in Brand gesetzt. Weit über 400 Menschen preßten die SS-Banditen in die kleine Kirche der Stadt, schleppten eine Kiste mit Sprengstoff in das Gotteshaus und brachten sie dort inmitten der Menschen, in der sich auch Greise, Frauen und Kinder befanden, zur Explosion. Anschließend bombardierten sie die Überlebenden mit Handgranaten und schossen gezielt in die Menge. Erschütternde Szenen spielten sich ab. Auf diese Weise wurden in Oradour-sur-Glane 642 Männer, Frauen und Kinder von den Faschisten ermordet oder verbrannten bei lebendigem Leibe.

Nach über 30 Jahren wird der Mörder in der DDR gefaßt…

Diese Mordtat unterscheidet sich nur wenig von dem, was die Wehrmacht und die SS in der Sowjetunion, in Polen, Belgien oder anderswo anrichtete. Erst 30 Jahre später gelang es den Organen der Staatssicherheit der DDR in Verbindung mit französischen und tschechischen Strafverfolgungsbehörden einen der Hauptschuldigen an diesem Massaker dingfest zu machen. Der Name des in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilten Massenmörders ist Heinz Barth. Dieser fanatische und gnadenlose SS-Offizier war nach seinem Untertauchen, der Fälschung seiner Dokumente und unter Verheimlichung seiner wahren Identität und seiner in der Nazizeit nicht nur in Frankreich, sondern auch in der Tschechoslowakei verübten Verbrechen wieder in seine Heimatstadt Gransee zurückgekehrt.

Ein Mensch mit zwei Gesichtern?

Niemand ahnte etwas von seiner blutbefleckten Vergangenheit. Zunächst arbeitete Barth in der DDR als Dekorateur und Schaufenstergestalter, wurde dann, 33jährig, Verkaufsstellenleiter eines Textilkaufhauses in Gransee. Doch der Ehrgeiz des verkappten Massenmörders reichte weiter. Anfang der 60er Jahre holte er den 10-Klassenabschluß nach und qualifizierte sich an der Fachschule für Binnenhandel zum Finanzökonomen. Zuletzt übte er im Kreis Gransee eine verantwortliche Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Konsumgenossenschaft und Abteilungsleiter für Rationalisierung aus. Barth war als fleißig und gewissenhaft bekannt und wurde dafür sogar neunmal als Aktivist ausgezeichnet. War er ein Mensch mit zwei Gesichtern? Kann es denkbar sein, daß so ein Kriegsverbrecher, der ehemalige, eiskalte SS-Offizier, der persönlich verantwortlich ist, und mitgewirkt hat an der Ermordung Tausender unschuldiger Menschen, sich so verstellt und scheinbar ein so ehrbares Leben führt? „Kann so etwas denkbar sein“, so fragen die auch die Autoren des Berichts über die Verurteilung des Massenmörders Barth in unserer Deutschen Demokratischen Republik, „wenn sich einer stets sachlich und korrekt, meist sogar freundlich gegeben hat? … Fragen über Fragen.“ Und sie kommen zu dem Schluß: „Barth war nie einer von uns, er konnte es nicht sein und auch niemals werden.“ [1] In der DDR war eine andere Zeit angebrochen – eine Zeit des friedlichen Aufbaus, der gegenseitigen Hilfe und kameradschaftlichen Unterstützung, eine sozialistische Zeit. Und die war mit dem Leben eines Kriegsverbrechers überhaupt nicht vereinbar. Unvorstellbar, so einen Menschen in seiner Mitte zu wissen…

Wie die BRD Nazi- und Kriegsverbrecher schützt…

Im Oradourprozeß 1953 in Bordeaux wurden damals 45 Todesurteile, davon 43 gegen abwesende Verbrecher, ausgesprochen. Der Hauptangeklagte, der Anführer der Mörderbande, Heinrich Lammerding, befand sich zu dieser Zeit auf freiem Fuße in der BRD. Auf der Anklagebank saßen nur einige Männer von unterordneten Dienstgraden. Lammerding jedoch beobachtete den Prozeß aus sicherer, bundesdeutscher Entfernung. Er hatte sogar die Stirn, sich in Bordeaux als „Zeuge“ anzubieten, doch wurde er vom Auswärtigen Amt in Bonn davor gewarnt. In der BRD geschah ihm nichts. Ebenso wie der einstige Gestapo-Chef und Schlächter von Lyon, Klaus Barbie, der bereits im Spionage-Sold der USA stand, und der Mörder Ernst Thälmanns, W. Otto, wurde auch der faschistische Massenmörder Lammerding von der BRD-Justiz verschont. Er verstarb 1971 in einem Hospital in Bad Tölz als „ehrenwerter“ Mann. [2] Dazu schreiben die Autoren des o.g. Berichts: „Nicht im geringsten liegt den Bonner Dienststellen die Bestrafung der in Frankreich abgeurteilten Kriegsverbrecher am Herzen. Im Gegenteil. Ehemalige Ribbentrop-Diplomaten im Auswärtigen Amt sorgen später sogar dafür, die Betroffenen vor unbedachten Schritten zu bewahren. Über den Suchdienst des westdeutschen Roten Kreuzes lassen sie sie warnen, französischen Boden zu betreten. Denn nicht alle der in Frankreich Verurteilten wissen damals, ähnlich wie der in der DDR lebende Barth, daß sie längst in den Fahndungslisten der französischen Polizei zu finden sind.“ [3]

Die Mühlen der bundesdeutschen Justiz

Nicht etwa, daß sie langsam mahlen würden, nein – diese Mühlen der BRD-Justiz mahlen zumeist überhaupt nicht. Und wenn, dann nur unter äußerstem Druck. Ganz im Widerspruch zu den Urteilen der Alliierten und zum Potsdamer Abkommen betrieben die BRD-Behörden eine Politik mit doppeltem Boden. Mit juristischen Tricks, durch Falschaussagen von Zeugen und die Komplizenschaft von Richtern und Staatsanwälten mit den Angeklagten ziehen sich die Prozesse oft endlos in die Länge und werden in der Regel, sofern sie nicht „mangels Beweisen“ eingestellt werden, mit empörend milden Urteilen abgeschlossen. Das ist allerdings nicht verwunderlich. Das Braunbuch der Nazi- und Kriegsverbrecher von 1965 weist nach, daß „zu den überführten Mördern von Antifaschisten und Widerstandskämpfern, die heute in Westdeutschland wieder tätig sind,
– 21 Minister und Staatssekretäre der Bundesrepublik
– 100 Generale und Admirale der Bundeswehr
– 828 hohe Justizbeamte, Staatsanwälte und Richter
– 245 leitende Beamte des Auswärtigen Amtes, der Bonner Botschaften und Konsulate
– 245 hohe Beamte der Polizei und des Verfassungsschutzes“ [4]
gehören. Der braune Sumpf der Nazizeit wurde in der BRD nie trockengelegt. Wie schon Bertolt Brecht sagte: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch… “ [5]

Die DDR als sozialistischer Rechtsstaat

Das Braunbuch beweist: „Die DDR machte die Ziele der antifaschistischen Widerstandsbewegung und der Antihitlerkoalition, die im Potsdamer Abkommen ihren Ausdruck fanden, zur Richtschnur ihres Handelns. Aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens wurden jene Kräfte entfernt, die den zweiten Weltkrieg vorbereiteten und die Völker Europas in Krieg und Elend stürzten. Das lag ebenso im Interesse des Friedens und der Sicherheit der europäischen Nachbarvölker als im Intersse des deutschen Volkes. Die DDR erfüllte den Auftrag des deutschen Volkes und der Völker der Welt, alle Kriegs- und Naziverbrechen zu ahnden und gerecht zu sühnen. In der Zeit vom Mai 1945 bis Dezember 1964 wurden in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR insgesamt 16.572 Personen wegen Beteiligung an Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit und wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Davon wurden 12.807 verurteilt, 1.578 freigesprochen. Die Verfahren gegen 2.187 Angeklagte wurden wegen Abwesenheit, Tod oder auf Grund des von der Sowjetischen Militär-Administration erlassenen Amnestiebefehls Nr.43/48 vom 18. März 1948 eingestellt, da keine höhere Freiheitsstrafe als ein Jahr zu erwarten war.“ [6] Trotz der Schwere seiner Tat wurde Barth nicht zum Tode verurteilt, sondern lediglich zu lebenslangem Freiheitsentzug.

Gerichtsverhandlung gegenHeinz Barth vor dem Stadtgericht Berlin: Der Staatsanwalt (v.r.) erhebt die Anklage. Links hinten im Bild der Angeklagte

Gerichtsverhandlung gegen Heinz Barth vor dem Stadtgericht Berlin: Der Staatsanwalt (v.r.) erhebt die Anklage. Links hinten im Bild der Angeklagte

Warum wurde der Mörder von Oradour in der DDR nicht zum Tode verurteilt?

Gingen wir mit diesem Verbrecher zu milde um? Die Justiz der DDR hielt sich stets an Geist und Buchstaben der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Die Strafverfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechen in unserem Land war im Gegensatz zur BRD keine leere Floskel. Das Raster der Strafverfolgung von Nazimördern in der DDR war sehr engmaschig. Auch wenn es einigen der Täter in den Wirren der ersten Nachkriegsjahre gelungen war unterzutauchen, und sie unter falscher Identität lebten – sobald sie von Untersuchungsorganen der DDR aufgespürt worden waren, konnten sie sich in unserem Land ihrer gerechten Bestrafung nicht entziehen. Schon in den ersten Jahren nach dem 2.Weltkrieg wurden in der DDR Nazi- und Kriegsverbrecher nicht nur bestraft, sondern auch enteignet. Noch am 7. Juli 1947 war einer der skrupellosesten Schreibtischmörder, der „Euthanasie“-Mörder Nitsche, zusammen mit drei weiteren Mördern zum Tode verurteilt worden. Die DDR bekannte sich seit ihrer Gründung ausdrücklich, so auch im Fall der Kriegsverbrechers Barth, zum Humanismus. Schon Karl Marx hatte den Kommunismus als den „realen Humanismus“ bezeichnet. Barth war einer von denen, die für immer von der Gesellschaft isoliert werden mußten. Eine Amnestie wäre für ihn in der DDR nicht in Betracht gekommen. Am 7. Juni 1983 wurde der Schlächter von Oradour vom Obersten Gericht der DDR zu lebenslangem Freiheitsentzug bestraft. Dabei haben es sich die Richter nicht leicht gemacht. „Ein Urteil dieser Art“, so schreibt Horst Busse, der ehemalige Staatsanwalt in diesem Prozeß, „ist immer auch ein rechtspolitisches Spiegelbild des antifaschistischen, friedliebenden Wesens der Arbeiter- und Bauern-Macht.“ [7] Oradour-sur-Glane ist heute eine nationale Mahn- und Gedenkstätte.

 

Quelle:
Peter Przybylski/Horst Busse, Mörder von Oradour, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 184.
Bilder: S.94/95 u.S.23.

Zitate:
[1] Przybylski/Busse, Mörder von Oradour, a.a.O. S.19
[2] ebs. S.156
[3] ebd. S.150
[4] Braunbuch der Nazi- und Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik, Staatsverlag der DDR, Berlin 1965, S.9.
[5] Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, in: Sämtliche Werke, Komet Verlagsges., o.J., S.728
[6] Braunbuch…, a.a.O. S.7f.
[7] Przybylski/Busse, Mörder von Oradour, a.a.O. S.130

Nachtrag:
In der Zeitung „junge Welt“ war zu lesen: „Sieben Jahre nach dem Anschluß der DDR an die Bundesrepublik wurde Heinz Barth, der seit 1990 über seine Anwälte die Kassation des Urteils betreiben ließ, aus der Haft entlassen – aufgrund des Alters und seiner angegriffenen Gesundheit. Im selben Jahr, 1997, war ihm nach massiven Protesten eine inzwischen gewährte Kriegsoferrente wieder gestrichen worden; die bisher wegen seiner in Diensten der Waffen-SS erlittenen Verwundung erhaltenen 40.000 DM mußte er nicht zurückzahlen. Vor Gericht hatte Barths Anwalt wiederholt darauf verwiesen, daß die einstigen Vorgesetzten seines Mandanten – gemeint waren neben Lammmerding auch Regimentskommandeur Stadtler und Kompaniechef Kahn – in der BRD überhaupt nicht verurteilt worden waren und Kahn z.B. ebenfalls neben einer Beamtenpension bis zu seinem Tod im Jahr 1977 zusätzliche Versorgungsleistungen wegen einer Kriegsverletzung erhalten hatte.“ (junge Welt, 10.06.2009)

Siehe auch:
Manfred Liebscher: Ungesühnte Verbrechen
Osaritschi – ein Wehrmachts-KZ in der Belorussischen Sowjetrepublik
Der Nürnberger Prozeß – Epilog.
Berliner Kurier: Tod des Nazischlächters

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11 Antworten zu Der Mörder von Oradour

  1. Nadja Norden schreibt:

    Genosse Norbert,
    Ich habe diese Dokumentation dazu erschienen im Militärverlag der DDR (1984).
    Ich habe zwei Fragen:
    Erstens, wieso der einstigen SS-Obersturmführer Heinz Barth solange sich in der DDR verstecken konnte und warum bei uns und nicht in der BRD? Solche Unmenschen mußte doch unsere Republik verhaßt sein?
    Zweitens, der ehemaliger Staatsanwalt der DDR Peter Przybylski! Ich hatte immer eine sehr gute Meinung über ihm, bis ich erfuhr daß er Erich Honecker verhaftete, wie zu lesen in „Tatort Politbüro“…Über Busse weiß ich gar nichts, ist er auch umgefallen?
    Freundschaft, Nadja

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  5. saschirulo schreibt:

    Hat dies auf Ohne Armut Leben rebloggt und kommentierte:
    Die Bilder aus der Ukraine, speziell aus Odesssa gleichen denen in diesem Artikel.
    Es sind genau die gleichen Faschisten die in der Ukraine marschieren und morden, wie damals in der der SS.
    Und wieder werden sie von der deutschen Politik unterstützt.

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