Ein Arbeiter erlebt die Novemberrevolution

novrevStationen eines Arbeiterlebens beschreibt Wilhelm Thiele in seinem Buch „Geschichten zur Geschichte“. Er erzählt, wie er als junger Mensch die Novemberrevolution 1918 in Deutschland erlebte und den Weg zur Partei fand. Dabei ist es interessant zu erfahren, welche Schwierigkeiten es schon damals (wie nun auch wieder heute) auf dem Weg zu einer revolutionären, kommunistischen Partei gab. Gerade auch die Erfahrung, daß man – wie Stalin schon sagte – das revolutionäre Bewußtsein in die Massen hineintragen muß, daß man sich klar abgrenzen muß von Bestrebungen, den Kapitalismus reformieren zu wollen und warum man die Erfahrungen der alten Genossen niemals in den Wind schlagen soll. Darüber schreibt Wilhelm Thiele sehr anschaulich und unspektakulär. Ein sehr lesenswertes Buch in unserer Zeit!

Wilhelm Thiele

Die Novemberrevolution

Der Anbruch einer neuen Zeit

Irgendwann hat jemand einmal gesagt, daß Grundfragen, die die Menschen bewegen, die Ernährung und die Liebe seien. So war es denn auch in meinem Leben: Die soziale Frage und die Liebe haben mich reichlich bewegt. … Man schrieb das Jahr 1918. Ich arbeitete als Angestellter in einem Verlag im Zentrum Berlins, in der Mauerstraße. Mir gegenüber saß an ihrem Schreibtisch Charlotte Ardelt, achtzehn Jahre alt. Seltsam, wenn man sich so gegenübersitzt, uns zog etwas an. Wir wurden uns immer sympathischer. Ihre Augen bekamen einen träumerischen Ausdruck, wenn sie mich ansah. Mir wird es wohl nicht anders gegangen sein. … In dieser Zeit meiner ersten großen Liebe ging der erste Weltkrieg seinem Ende zu. Die Lage an der Front und in der Heimat wurde immer gespannter, ja explosiver. Dazu hatten im vergangenen Jahr 1917 in Rußland zwei Revolutionen stattgefunden. Worum es dabei ging, war mir nicht recht klargeworden. Die Herrschaft des Zaren war zusammengebrochen, jetzt herrschte irgendwie das Volk. Aber ich erfuhr davon nur durch die Zei­tungen des deutschen Kaiserreiches. Nach diesen Zeitungen herrschte jetzt in Rußland ein Chaos. Alle kämpften gegen alle, und jede Ordnung war beseitigt. Einmal hieß es, Lenin habe Trotzki verhaften lassen, ein andermal wieder, Lenin sei durch Trotzki verhaftet worden. Für mich war die russische Revolution weit weg, und ich sah auch keinen Zusammenhang zwischen ihr und meinen persönlichen Problemen, die mich beschäftigten. Nun war ich auch noch verliebt, und da gab es für mich sowieso nichts anderes. Wie ich merkten noch viel, viel mehr Menschen nicht, daß sie den Anbruch einer neuen und großen Epoche der Menschheitsgeschichte miterlebten.

Das war die Revolution!

Am 9. November 1918 lief bei uns im Büro der Verlagsauslieferung das Gerücht um, Kaiser Wilhelm habe abgedankt. Jeder wollte mehr wissen, Spannung hatte uns gepackt, deshalb ging ich in der Frühstückspause zu den Linden. Dort erfuhr ich an einem Aushang des »Lokal-Anzeigers«, der Kaiser hätte tatsächlich zugunsten des Kronprinzen abgedankt! Vom Brandenburger Tor her näherte sich ein langer Demonstrationszug. allen voran ein Matrose mit einer roten Fahne. Plötzlich rollten auch Lastwagen heran, dicht besetzt mit bewaffneten Uniformierten und Zivilisten, auf den Fahrerkabinen Maschinengewehre aufgebaut. Ich begriff: Das war die Revolution! So schnell ich konnte, eilte ich zum Verlag zurück, stieß aber bei den Kollegen in meiner Abteilung auf völligen Unglauben. Daß sich bewaffnete Revolutionäre unter den Linden befinden sollten, erschien ihnen absurd. Zwei von ihnen zogen in der Mittagspause los, um sich persönlich zu überzeugen. Sie kamen bald zurück und bestätigten aufgeregt: »Revolution!« Ein älterer Kollege saß wie zusammengebrochen und stöhnte immer wieder: »Das ist das Ende, das ist das Ende.«

»Der Krieg ist zu Ende! Der Kaiser ist geflohen! Jetzt kommt Sozialismus!«

Ungeduldig erwartete ich den Büroschluß. Wenn auch in Berlin die Revolution ausgebrochen war, kam doch niemand auf den Gedanken, das Büro vor Ende der Arbeitszeit zu verlassen! Als ich nach Arbeitsschluß mit Charlotte auf die Straße kam, gerieten wir in ein immer dichteres Menschengewimmel, fast in ein Volksfest. Auf dem Potsdamer Platz mußten wir uns fest an den Händen halten, um nicht voneinander getrennt zu werden. Mit Bewaffneten besetzte Lastwagen fuhren mitten in das Men­schengewühl hinein. Wie durch ein Wunder wurde niemand überfahren. Alle Menschen trugen etwas Rotes, eine Armbinde, ein Bändchen oder ähnliches. Manche hatten ein Gewehr über der Schulter hängen, natürlich mit dem Lauf nach unten. Überall, wo sich ein erhöhter Punkt fand, stand jemand und wandte sich mit flammenden Worten an die Menge. Verstehen konnten die meisten der Umstehenden kaum etwas, aber man wußte auch, ohne die Worte zu hören, was er sagte: »Der Krieg ist zu Ende! Der Kaiser ist geflohen! Wir sind jetzt eine Republik! Jetzt kommt Sozialismus, Freiheit und Ende aller Not und Unterdrückung!« Charlotte und ich liefen zu Fuß nach Schöneberg, und überall waren so viele Menschen auf der Straße. Noch nie hatte ich Berlin so aufgewühlt gesehen. Nachdem ich meine Freundin nach Hause gebracht hatte, kehrte ich wieder zurück zum Potsdamer Platz, durch die Leipziger Straße und die Wilhelmstraße, Unter den Linden und durch das ganze Stadtzentrum. Überall das gleiche Bild einer jubelnden Menge auf den Straßen. Selbst im sonst so ruhigen Moabit als ich nach Hause kam.

Die erste Belegschaftsversammlung

Bald zeigten sich einige Auswirkungen der Revolution auch im Carl Heymanns Verlag. Zum erstenmal fand eine Belegschaftsversammlung statt – das allein war schon eine Sensation. Vorher hatte die Verlagsleitung schnell noch allen Mitarbeitern eine Sondervergütung zukommen lassen, wahrscheinlich, um ihr »soziales Herz« zu zeigen. Da diese Zuwendung aber ziemlich dürftig ausgefallen war, wurde die Verlagsleitung auf der ersten Versammlung heftig angegriffen, worauf sie beleidigt reagierte. Wir Angestellten wurden aufgerufen, uns gewerkschaftlich zu organisieren. Die Gewerkschaft, die um uns warb, hatte allerdings nichts mit einer richtigen Gewerkschaft zu tun. Der »Allgemeine Verband der Buchhandlungsgehilfen« (AV), ein bürgerlich eingestellter Verband, wollte uns gewinnen. Immerhin wurden aber die Angestellten des Verlages zum erstenmal vor die Frage gestellt, sich zu organisieren, und viele traten dem Verband bei, auch ich. Schon kurze Zeit nach dem 9. November 1918 wurde mir vor Augen geführt, wie unvollkommen die Revolution geblieben war. Als nämlich Ende November eine neue Versammlung einberufen wurde, auf der ein Betriebsrat gewählt werden sollte, gestattete es uns die Verlagsleitung nicht, in den Räumen des Verlages zusammenzukommen. So mußten wir in dem Saal der damaligen »Urania« in der Taubenstraße beraten.

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet

Da meine Arbeitsstelle im Zentrum Berlins lag, wurden wir direkt oder indirekt von allen wichtigen Ereignissen der nachfolgenden Zeit berührt. Während der Januar- und Märzkämpfe 1919 verfolgte ich die Ereignisse aufmerksam. Ich versuchte immer wieder, bis unmittelbar an die Kampfgebiete heranzu­kommen, zum Zeitungsviertel, zum Polizeipräsidium, zum Ma­rinehaus oder nach Lichtenberg. Im März kam ich auf dem Weg nach Lichtenberg nur bis zur Ringbahn. Zufällig erlebte ich als junger Mensch Unter den Linden auch den Trauerzug, der den ermordeten Karl Liebknecht nach Friedrichsfelde geleitete. Eine Demonstration über die ganze Breite der Linden. In der Auslieferung des Verlages hatte die Novemberrevolution nun doch zu einer gewissen Politisierung geführt. Ein Mitarbeiter bekannte sich zur neugebildeten Deutschen Demokratischen Partei, ein anderer vertrat die Auffassungen der Sozialdemokra­tie, und ein jüngerer, der aus dem Krieg nun wieder in den Verlag zurückgekehrt war, verfocht die Gedanken der KPD oder des Spartakusbundes, wie sie mitunter noch hieß. Die revolutionären Ereignisse begeisterten auch mich. Als der »Spartakusmann« mir auch noch das Parteiprogramm der KPD (Spartakusbund) gab, stellte ich mich voll und ganz an die Seite dieses Kollegen.

»Auf, Proletarier! Zum Kampf!«

Welch ein revolutionärer Geist und Elan sprach aus diesem Programm! Jeder Satz ein flammendes Fanal! Die WeItrevolution des Proletariats, die völlige Umgestaltung des Staates und eine grund­legende Umwälzung der wirtschaftlichen und sozialen Grund­lagen der Gesellschaft. Keine Ausgebeuteten und keine Aus­beuter mehr, Regelung der Produktion und Verteilung der Produkte im Interesse der Allgemeinheit. Ja, ich stimmte voll mit ein in den Ruf der Schlußsätze des Programms: »Auf, Proletarier! Zum Kampf! Es gilt eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen.« Mit Feuereifer vertrat ich Spartakus. Wenn auch alles sehr gefühlsmäßig geschah, meinem Feuer waren die anderen Kollegen nicht gewachsen. So galt ich nun bei ihnen auch als »Spartakusmann«.

Im Widerstreit der Gefühle

Meiner Charlotte gefiel das ganz und gar nicht. Besonders, da ich sehr abgelenkt wurde. Die Revolution war das große Erlebnis meiner Jugend, in ihr fand ich die Erfüllung des bisherigen Suchens nach dem Sinn meines Lebens. Charlotte aber wollte nur Liebe und Küsse und meinte, mein politisches Engagement für Spartakus entfremde mich. Ich merkte, wie sie, von ihrem natio­nalistisch und konservativ denkenden Vater beeinflußt, in der Revolution nur Umsturz und Chaos und Herrschaft des Pöbels sah, wenn sie dies auch nicht so offen aussprach. Als ich sie einmal fragte, ob sie sich denn nicht auch für die Gedanken der Weltrevolution begeistern könnte, antwortete sie ziemlich kalt, dazu sei sie viel zu sehr die Tochter ihres Vaters. Diese Bemerkung enttäuschte und traf mich tief. Unser Verhältnis wurde immer kühler. Sie kämpfte zwar noch darum, mich zu halten. Als ich aber nach einiger Zeit beim Carl Heymanns Verlag kündigte, verschwand ich stillschweigend. Anders wußte ich mir nicht zu helfen. Sie schrieb mir noch öfter Ansichtskarten an die Anschrift meiner Eltern, auf denen neben einem Gruß nur ihre Anfangsbuchstaben standen. Aber ich reagierte nicht mehr dar­auf. Ein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt half mir, darüber hinwegzukommen. Später habe ich es jedoch bedauert, mich so kalt von ihr getrennt zu haben: Ich habe auch danach noch die Erfahrung machen müssen, daß Liebe und Politik mitunter gar nicht so einfach in Einklang zu bringen sind.

Eintritt in die neugegründete KPD

Während meines Krankenhausaufenthaltes – ich hatte Zeit nachzudenken und sah viel Elend – reifte in mir der Entschluß, der neugegründeten Kommunistischen Partei (Spartakusbund) beizutreten. Wie fand damals ein junger Mensch, der nicht in einer Fabrik arbeitete, den Weg in die Partei? Es mag dem jungen Leser von heute fast unglaubhaft erscheinen: Ich jedenfalls fragte den Zeitungsmann in der Straße, der übrigens der USPD angehörte, und der schickte mich zu August Wenzel, von dem er meinte, der sei Kommunist. Genosse August Wenzel in der Lübecker Straße, bei dem ich vorsprach, war sehr erfreut, daß jemand direkt mit dieser Absicht zu ihm in die Wohnung kam. Die schweren Niederlagen der revolutionären Arbeiter in den Januar- und Märzkämpfen des Jahres 1919 in Berlin hatten bei vielen Arbeitern Enttäuschung ausgelöst, und der Zustrom zur KPD war nicht sehr groß. Mein Schritt überraschte Vater und Mutter. Sie hatten nie damit gerechnet. Obwohl sie bereits daran gewöhnt waren, daß ich meine persönlichen Fragen selbst regelte, erschien es ihnen doch als etwas »starker Tobak«, den siebzehnjährigen Sohn des Schneidermeisters. den kaufmännischen Angestellten nun bei den »Spartakisten« zu sehen. Es blieb ihnen aber nichts anderes übrig. Wenn sie allerdings geahnt hätten, was durch meine Entscheidung alles auf sie zukam – und sogar schon in allernächster Zeit –, vielleicht hätten sie doch noch mehr aufgeboten, mich von diesem Weg abzuhalten.

Zuviel Rederei und wenig Taten…

Ich nahm nun eifrig an allen Zusammenkünften der Partei teil, in denen wir viel über alle möglichen Fragen stritten, deren Sinn ich zunächst noch gar nicht erkannte. Mir war das überhaupt viel zuviel Rederei, und ich meinte, wir sollten uns statt dessen doch auf die kommenden Kämpfe vorbereiten. Denn für mich­ – und viele andere dachten ähnlich – stand außer Frage, daß diese revolutionäre Auseinandersetzung nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. So entsprach es auch ganz meiner revolutionären Ungeduld, daß ich freudig zustimmte, als mir der Genosse Wenzel eines Tages ganz geheimnisvoll mitteilte, es gebe in der Partei noch eine Kampforganisation. in der nur ganz zu­ verlässige Genossen zusammengefaßt würden, und ob ich bereit sei, in ihr mitzuarbeiten. In den neuen Zusammenkünften wurde auch wieder viel geredet, aber über den bevorstehenden Kampf, ohne daß jedoch jemand genauere Vorstellungen davon hatte, wie dieser Kampf begonnen und geführt werden sollte. Waffen seien genug vor­ handen, sagte man mir. Hier herrschte eine revolutionäre Atmosphäre, wie ich sie mir vorstellte. Hier – meinte ich – würden meine revolutionären Träume, würde meine Schwärmerei Er­füllung finden. An Charlotte dachte ich nun nicht mehr.

Ein riesengroßens Plakat und kein Generalstreik

An einem Abend Anfang des Jahres 1920 klebten Genosse Erich Walter und ich ein großes Plakat neben dem Haupteingang des Kraftwerks an der Putlitzbrücke in Berlin-Moabit an. Es war sehr wirkungsvoll gestaltet und rief die Arbeiterschaft Berlins gegen eine reaktionäre Maßnahme der Regierung zum Generalstreik auf. Solche Plakate wurden in ganz Berlin geklebt. Am anderen Morgen streikten aber weder das Moabiter Kraftwerk noch streikten andere Betriebe. Wir beide waren arg enttäuscht. Das konnte doch nicht wahr sein! Wir gingen noch einmal zum Kraft­werk; vielleicht hatte jemand unser Plakat abgerissen, und die Kraftwerker wußten gar nichts von der Aufforderung! Es prangte aber noch in voller Größe am Eingang. Unter den Moabiter Genossen herrschte in der letzten Zeit eine gewisse Niedergeschlagenheit. Genosse Franz Kossin sagte verzweifelt: »Wenn die Proleten nach diesem Weltkrieg immer noch nicht schlau geworden sind, dann werden sie wohl nie schlau werden.« Der Franz drückte das etwas kraß aus, aber in der Tendenz spiegelten seine Worte doch die Stimmung wider, die einen ganzen Teil der Kommunisten befallen hatte.

…nur die Revolution des Proletariats kann in dieses Chaos Ord­nung bringen!

Von dem Plakat kann man heute kaum berichten, ohne ein mitleidiges Lächeln über soviel Naivität hervorzurufen. Und doch ist dieser Vorgang fast charakteristisch für die Lage, in der wir uns damals befanden. Die KPD war erst vor einem guten Jahr gegründet worden, nämlich auf dem Cründungsparteitag, der vom 30. Dezember 1918 bis zum 1.Januar 1919 tagte. Sie wurde also im Feuer der Revolution geboren. Bis zu diesem Parteitag war für die Spartakusanhänger die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD), zu der sie als Gruppe gehörten, noch die organisatorische Basis. So besaß die KPD bei ihrer Gründung nur einen geringen organisatorischen Einfluß in der Arbeiterschaft: Diesen Einfluß hatte die SPD. Ihr folgte die Masse der Arbeiter in den Betrieben. Sie wollten den Sozialismus, aber über das Wie gab es große Unklarheiten. Die Spartakusanhänger wollten nach dem Beispiel der russischen Revolution die neue Staatsmacht auf der Grundlage der Arbeiter- und Soldatenräte aufbauen die SPD-Führer aber huldigten weiter dem bürgerlichen Parlamentarismus. Ich war nicht sozialdemokratischen Traditionen verhaftet, und so fiel es mir nicht schwer, mich für ein sozialistisches Rätedeutschland zu entscheiden. Den Kapitalismus, ganz gleich, in welcher Form, hielt ich sowieso für unfähig, den Menschen ein menschenwürdiges Leben zu sichern. Und das bestätigte mir auch das KPD-Programm, in dem es klar und deutlich hieß: »Mit dem Ausgang des Weltkrieges hat die bürgerliche Klassenherrschaft ihr Daseinsrecht verwirkt. Sie ist nicht mehr imstande, die Gesellschaft aus dem furchtbaren wirtschaftlichen Zusammenbruch herauszuführen, den die imperialistische Orgie hinterlassen hat… Aus all dieser blutigen Wirrsal und diesem gähnenden Abgrund gibt es keine Hilfe, keine Rettung als im Sozialismus. Nur die Weltrevolution des Proletariats kann in dieses Chaos Ord­nung bringen, kann allen Arbeit und Brot verschaffen…«

Die entscheidende Frage des proletarischen Kampfes

Das waren Sätze, die sich mir tief einprägten und die mir meinen Kampf für den Sozialismus als eine große moralische Verpflichtung und als eine gewaltige Menschheitsaufgabe er­ scheinen ließen. Dem Beschluß des Gründungsparteitages der KPD, sich nicht an den Wahlen zu bürgerlichen Parlamenten zu beteiligen, stimmte ich zu, weil konterrevolutionäre Truppen den Widerstand großer Teile der Arbeiterschaft erst brutal in Blut erstickt hatten, damit die Nationalversammlung in Weimar den bürger­lichen Staat aus der Taufe heben konnte. Auch die Arbeit in den alten reformistischen Gewerkschaften lehnte ich ab, hörte ich doch in den Parteiversammlungen, daß die rechten Gewerk­schaftsführer bereits am 15. November 1918, also schon sechs Tage nach Beginn der Revolution, mit den Monopolkapitalisten ein »Arbeitsgemeinschaftsabkomnmen« geschlossen hatten, zu keinem anderen Zweck, als die Herrschaft des Kapitalismus zu sichern.

Warum die Arbeiter nicht streikten…

Außerdem stand – so nahm ich an – der revolutionäre Entscheidungskampf ja unmittelbar bevor, und ich dachte, die Arbeit in den Gewerkschaften würde nur davon ablenken. Alles war so einfach und so klar, ich begriff nicht, weshalb die große Masse der Arbeiter das so schwer verstand. Ich erkannte erst später, daß es nicht genügt, die Arbeiter immer wieder nur zu Kampfaktionen, Streiks aufzurufen, sondern daß eine geduldige poli­tische Arbeit erforderlich ist, sie für Kampfaktionen zu gewinnen. Wir glaubten, für solche Arbeit hätten wir keine Zeit, weil uns sonst die Revolution davonlaufe. Und so meinten wir eben, es genüge, ein Plakat am Betrieb anzubringen, und die Arbeiter würden streiken. Wir hatten vorher mit keinem Arbeiter des Kraftwerks gesprochen, kannten die Situation nicht, und es gab auch keinen einzigen Kommunisten im Werk, aber um so mehr Sozialdemokraten. Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir immer wieder bewußt, wie schwer der Weg der Kommunisten war und wie viel wir zu lernen hatten, meist aus sehr bitteren Erfahrungen. Des­halb dürfen so schwer errungene Erfahrungen des Klassenkampfes niemals in den Wind geschlagen werden. Sie sind auch heute das kostbarste Gut der Partei bei der Lösung der großen Aufgaben unserer Zeit.

Eine wichtige Erfahrung

Wir forderten zum. Generalstreik auf, daran muß ich doch noch einmal erinnern, als die revolutionäre Nachkriegskrise noch nicht zu Ende, als die Zukunft Deutschlands noch nicht endgültig entschieden war, trotz der Wahl eines bürgerlichen Parlaments, der Nationalversammlung, am 19.Januar 1919 und der Bildung einer sozialdemokratisch-bürgerlichen Koalitionsregierung. Es ist immer schwer, bestimmte Ereignisse und Vorgänge nach vielen Jahren aus den Zeitbedingungen heraus verständlich zu machen. Wichtig aber ist, die Lehren daraus für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. Die Lehre jener Monate, als ich den Weg zur Partei fand, heißt einfach: Die sozialistische Revolution ist ohne Gewinnung und Führung der Arbeitermassen durch eine marxistisch-leninistische Kampfpartei nicht möglich.

Quelle:
Wlhelm Thiele, Geschichten zur Geschichte, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1981, S.5-14 (leicht gekürzt, Hervorh. u. Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Über Wilhelm Thiele
Wilhelm Thiele wurde am 13.04.1902 geboren. Nach seiner Befreiung aus dem Zuchthaus der Nazis war er bis 1956 Bezirksbürgermeister im Wedding und in Berlin-Mitte, dann Stellvertreter des Oberbürgermeisters der Hauptstadt der DDR. Noch mit 53 Jahren legte er an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR sein Staatsexamen als Diplomjurist mit „sehr gut“ ab. In den sechziger Jahren vertrat Wilhelm Thiele unsere Republik als Botschaftsrat in Prag und als Gesandter in Finnland. Er hatte großen Anteil an der demokratischen Umgestaltung der Hauptstadt der DDR …

Wilhelm Thiele

Personalbogen der Zuchthausakte (o.l.), Foto aus der Zuchthausakte 1937 (o.r.), bei der Thälmann-Ehrung der Bezirksjugendschule „Ernst Thälmann“ in Prieros 1978 (u.l.), Überreichung des Vaterländischen Verdienstordens in Gold durch Walter Ulbricht.

pdfimage  Wilhelm Thiele: Novemberrevolution

Siehe auch:
Novemberrevolution. Was geschah 1918 in Deutschland?

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5 Antworten zu Ein Arbeiter erlebt die Novemberrevolution

  1. Pingback: Die Novemberrevolution. Was geschah 1918 in Deutschland? | Sascha's Welt

  2. monopoli schreibt:

    Hat dies auf monopoli rebloggt.

  3. Vorfinder schreibt:

    Großartige Arbeiter mit klaren Klassenstandpunkt wie Wilhelm Thiel geben Beleg für unsere Stärke. Viele wie er hatten in der DDR begonnen den Sozialismus zu bauen, einen Staat stark zu machen, in dem die Arbeiter nicht auf die Straße geworfen wurden wenn man sie nicht mehr brauchte. In der DDR wurde jeder gebraucht und jeder konnte hier verwirklichen wofür die Novemberrevolutionäre unter dem Einsatz ihres Lebens kämpften.

    Nicht alle Revolutionäre schafften es den Traum einen Staat zu haben, der frei ist von Ausbeutung, zu erleben.

    Am 10. März 1949 schreibt Wilhelm Pieck im Neuen Deutschland: Vor 30 Jahren, am 10. März 1919, wurde Leo Jogiches auf einem Korridor des Berliner Polizeipräsidiums, wie es in der polizeilichen Meldung hieß, `auf der Flucht´ erschossen. Sein Mörder war der Polizeiwachtmeister Tamschick. Er gehörte zu den bewaffneten Mörderbanden der antibolschewistischen Liga, denen damals die Deutsche Bank, Hugo Stinnes, Siemens und Borsig 500 Millionen Mark zur Bekämpfung des Bolschewismus zu Verfügung stellten.“

    Selbst die Namen der Verbrecher, Konterrevolutionäre und Mörder und Anstifter von Menschenhatz leuchten in Tradition heute wieder durch die wieder Krieg wagende BRD. Auch die Prinzipien sind gleich geblieben. Wenn nötig werden die Mörder vom Kapitalisten bezahlt, feixend aus den Kassen uns abgepressten Profits. Wobei das herrschende System inzwischen ohne sich schmutzig zu machen über Wahlen Menschenrecht wegräumt. Inzwischen gibt es Gesetze die ermöglichen Arbeiterführer bei Aufständen ganz nach Recht und Gesetz zu liquidieren. Wir sollten daran denken, wenn wir vor der Frage stehen, wie konsequent die künftige Revolution zu führen ist. Die Folgen der vergangenen Konterrevolutionen müssen uns mahnen. Wenn wir den Sozialismus ganz errichten, soll die Reklame der Mörder unserer Kämpfer nicht mehr über unseren Köpfen leuchten.

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