Das Gesundheitswesen vor und nach 1945

Gesundheit im Kapitalismus: Zahle oder stirb!

Gesundheit im Kapitalismus: Zahle oder stirb!

Beispielgebend sei hier einmal die Situation wiedergegeben, wie sie vor und nach 1945 im deutschen Gesundheitswesen herrschte. Heute befinden wir uns (freilich auf erheblich höherem medizinisch-technischen Niveau als vor dem 2.Weltkrieg) wieder in einem Zustand, wo das Geschäft mit der Gesundheit Vorrang einnimmt vor der Sorge um den werktätigen Menschen. Heute ist der Patient wieder einmal der zahlende Kunde, dessen Gesundheitszustand und Heilungschancen wesentlich von seinem Geldbeutel abhängen. Selbst unheilbare Kranke werden aus Profitgründen so lange geschröpft, wie es die Apparatemedizin zuläßt. Die Pharmaindustrie ist einer der profitträchtigsten Wirtschaftszweige. Sehr deutlich wird hier der Unterschied zwischen dem sozialistischen Gesundheitswesen in der DDR und dem damaligen Zustand im Westen herausgearbeitet. Das System der Gesundheitsvorsorge und medizinischen Betreuung der Werktätigen, welches in der DDR für alle Bürger vollständig kostenlos zur Verfügung stand, war trotz aller materieller Mängel jener Zeit, trotz westlicher Boykottmaßnahmen und trotz der massiven Abwerbung unseres medizinischen Personals, vor allem in sozialer Hinsicht eines der am weitesten entwickelten Gesundheitssysteme der Welt.

Das Gesundheitswesen in der Zeit des Faschismus (1933-1945)

Bevor Hitler-Deutschland durch die Sowjetunion zerschlagen wurde, haben die Organe des deutschen Gesundheitswesens ihre eigentliche Auf­gabe, nämlich die Behandlung und Prophylaxe der Bevölkerung, zugunsten der Durchführung der faschistischen Politik vernachlässigt. Sie unterstanden dem damaligen Reichsministerium des Innern. In jedem Kreis wurde ein »Amtsarzt«, ein vom Staat besoldeter nazistischer Beamter eingesetzt. Ferner wurde eine nazistische Organisation für das Gesundheitswesen ge­schaffen, die politische Kontrollfunktionen auszuüben hatte und an deren Spitze ein Ärzteführer (Reichsärzteführer) stand. Als Anhänger der Rassentheorie stempelten die nazistischen Ärzte die Gegner des Faschismus zu Nerven- und Geisteskranken und ließen sie in Massen sterilisieren. Die meisten der Sterilisierten gehörten der Arbeiterklasse an (wie aus Unterlagen der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland hervor­geht, waren 61,3% der sterilisierten Personen Arbeiter, 18,3% Land­arbeiter und 7,9% Hausangestellte). Das Reichsgesundheitsamt hatte die Aufgabe, die Krankenstatistik zu führen, den gesundheitlichen Schutz der Grenzen zu gewährleisten und reichseinheitlich sanitäre Maßnahmen auszuarbeiten. Jedes Land besaß ein eigenes, nach dem gleichen Prinzip aufgebautes Gesundheitsamt. Die Krankenbehandlung befand sich in den Händen frei praktizierender Privatärzte. Die Behandlungskosten der Versicherten wurden nur zum Teil von den Krankenkassen getragen. Jedem Interessierten stand es frei, sich als Heilkundiger niederzulassen. Hier­aus erklärt sich die große Zahl von Kurpfuschern, die offiziell in den faschistischen Berufsverbänden zusammengefaßt waren und sich völlig gesetzlich mit der Krankenbehandlung beschäftigten.

Erhöhte Sterblichkeitsrate

Der Gesundheitszustand der Bevölkerung verschlechterte sich laufend, namentlich während des Krieges, als die Zahl der Tuberkulose- sowie der schweren Infektions- und Geschlechtserkrankungen sprunghaft zunahm. So entfielen nach amtlichen deutschen Angaben (die zweifelsohne frisiert sind) im Jahre 1938 in den Städten auf 100.000 Einwohner 133 Tuberkulosekranke, eine Zahl, die sich im Jahre 1944 auf 207 erhöht hatte. Die Zahl der Todesfälle durch Tuberkulose auf 100.000 Einwohner stieg im gleichen Zeitraum von 60 auf 81, d.h. um mehr als 30%. Besonders nahm die Zahl der Krankheits- und Todesfälle durch Tuberkulose in den Arbeiterbezirken zu. Die folgende Tabelle veranschaulicht das Anwachsen der Morbiditäts- und Sterblichkeitsziffer infolge Tuberkulose im Berliner Bezirk Wedding (umgerechnet auf 100.000 Einwohner):

Tbc-Erkrankungen 1938-45

Gesundheitswesen in der der sowjetischen Besatzungszone (SBZ)

Nach der Vernichtung Hitler-Deutschlands durch die Sowjetunion wurde in der Sowjetzone im Juli 1945 die Abteilung für Gesundheitswesen bei der SMA ins Leben gerufen. Auf demokratischer Grundlage wurden so­ wohl zentrale als auch städtische und provinziale deutsche Organe für Gesundheitswesen geschaffen. Die gesamte sowjetisch besetzte Zone wurde in Gebiete eingeteilt, in denen die Arzte verpflichtet waren, neben der Be­handlung Kranker auch vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen. Man ging daran, die ärztliche Betreuung der Arbeiter in den Betrieben aufzubauen. Umfangreiche Schutzimpfungen gegen Unterleibstyphus und Diphtherie wurden durchgeführt (bis Ende 1945 waren 9 Millionen Menschen gegen Typhus und 500.000 Kinder gegen Diphtherie geimpft). Ferner wurde ein Netz von epidemiologischen Stationen geschaffen. Dank dieser Maßnahmen konnte man der Unterleibs- und Flecktyphusepidemien rasch Herr werden; auch die Zahl der Diphtherie- und Ruhrkranken ging zurück.

Am 1. April 1946 gab es in der sowjetischen Besatzungszone:Medizinische Versorgung (SBZ)05_19h23m00s_002_

92% aller Krankenhausbetten befanden sich im Kompetenzbereich der örtlichen Selbstverwaltungsorgane, 5% waren im Besitz von religiösen Gemeinschaften und 3% gehörten Privatkrankenhäusern. Die ärztliche Hilfe für Wöchnerinnen und Kinder wurde bedeutend verbessert. Man gründete den Fachausschuß zur Bekämpfung der Tuberkulose, schuf ein Netz von Fürsorgestellen für Geschlechtskranke und baute die medizinische Industrie wieder auf. Bei der Deutschen Verwaltung für Gesundheitswesen wurde der Wissenschaftliche Beirat gebildet und die Entnazifizierung durchgeführt. Ferner wurden die medizinischen Fakultäten reorganisiert sowie 5 Schulen für mittleres medizinisches Personal wiederaufgebaut und 100 neu eröffnet. Auf diese Weise gelang es, ein gut aufeinander abgestimmtes System der ärztlichen Hilfe zu schaffen das allen Schichten der Bevölkerung offensteht.

Das sozialistische Gesundheitswesen der DDR

Nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik im Oktober 1949 entstand das Ministerium für Arbeit und Gesundheitswesen, dem sämtliche Institutionen der Abteilung für Gesundheitswesen unterstellt wurden. In der DDR nimmt der Wohlstand der Bevölkerung weiter zu, und Ihre ärztliche und sanitäre Betreuung wird laufend verbessert. Zwischen 1948 und 1950 erhöhte sich die Zahl der Arzte von 10.326 auf 11.604, von denen 5.313 im Staatsdienst standen. Außerdem waren Ende 1949 etwa 5.000 frei praktizierende Privatärzte gleichzeitig in den Organen des Gesundheitswesens tätig. Die Zahl des mittleren medizinischen Personals stieg von 40.138 auf 46.528. Auch die Anzahl der Krankenbetten nahm beträchtlich zu. Zahlreiche neue Polikliniken und Ambulatorien wurden errichtet. 1950 zählte man 348 kommunale Polikliniken, davon 36 auf dem Lande, ferner 112 Ambulatorien in Krankenhäusern und 49 an Universitäten, 60 Polikliniken in Krankenhäusern, 36 Landambulatorien sowie 738 mit Ärzten und 1.093 mit Schwestern besetzte Betriebssanitätsstellen. Zahlreiche Werke erhalten eigene Polikliniken und Ambulatorien.

Mit dem wachsenden Wohlstand der Bevölkerung in der DDR nehmen die Geschlechts-und Infektionskrankheiten sprunghaft ab (so ging die Zahl der Erkrankungen an Syphilis von 12-13 auf 10.000 Einwohner im Jahre 1946 auf 3 im Jahre 1949 zurück, die Zahl der an Gonorrhöe Erkrankten verringerte sich im gleichen Zeitraum von 25 auf 5). In der DDR wird energisch gegen die Tuberkulose angekämpft. Die Zahl der Institutionen zur Tuberkulosebekämpfung erhöhte sich von 280 im Jahre 1946 auf 391 im Jahre 1950. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Betten für Tbc-Kranke in Krankenhäusern von 8.180 auf 21.921 und in Sanatorien von 7281 auf 13.729.

Die Sorge um das Wohl der Werktätigen

In der DDR wurde das Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz verabschiedet. Die Anzahl der Betten für Wöchnerinnen vergrößerte sich. Für werdende und stillende Mütter wurden Erholungsheime gebaut. Nach der Reorganisation des Kurortwesens standen die Kurorte und Sanatorien den Arbeitern und Angestellten zur Verfügung. Während 1948 über 100.000 Kranke die Kurorte besucht haben, wurden im darauffolgenden Jahr innerhalb von 9 Monaten bereits über 240.000 Werktätige zur Kur verschickt. Im Zuge der Apothekenreform entstanden neben Privat- auch Staatsapotheken. Um die ärztliche Betreuung der Werktätigen zu verbessern, wurde die planmäßige Umgestaltung des Gesundheitswesens in Angriff genommen.

Der Ausbau des Gesundheitswesens in der DDR

In der DDR gibt es 6 medizinische Fakultäten, und zwar je eine an den Universitäten Berlin, Leipzig, Jena, Halle, Greifswald und Rostock, ferner über 100 Schulen für mittleres medizinisches Personal mit 5.000 Studien­plätzen sowie 15 Institute, die sich sowohl mit Forschungs- als auch mit praktischen Aufgaben befassen. Dazu gehören u.a. das Institut für Sozial- und Industriehygiene in Berlin, das Institut für Biologie und Medizin bei der Akademie der Wissenschaften der DDR, die Geschwulstklinik an der Berliner Humboldt-Universität, die Röntgeninstitute in Leipzig, Chemnitz und Gera, das Institut für funktionelle Atmungstherapie in Berlin sowie das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden. Im Fünfjahrplan zur Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR von 1951-55 ist auch der weitere Ausbau des Gesundheitswesens vorgesehen.

Der Gesundheitszustand der westdeutschen Bevölkerung nach 1945

In Westdeutschland ist die Bevölkerung durch die drei Besatzungsmächte zu einem Hungerdasein und zum langsamen Aussterben verdammt. Ihr Gesundheitszustand sowie ihre ärztliche und sanitäre Betreuung verschlechtern sich laufend. Die Zahl der Tuberkulosekranken sowie die Tuberkulosesterblichkeit nehmen bedrohliche Ausmaße an. Die nachstehende Tabelle die auf Angaben der Fürsorgestellen beruht, zeigt das Anwachsen der Morbiditätsziffer (auf 100.000 Einwohner) in der englischen Besatzungszone:
Morbidität Westdeutschland
Die Sterblichkeitsziffer stieg dort von 70 Personen (auf 100.000 Einwohner) im Jahre 1945 auf 96 Personen im Jahre 1948. Im englischen Sektor von Berlin waren 1946 über ein Zehntel aller Gestorbenen der Tuberkulose zum Opfer gefallen. In der französischen Zone erkrankten gleichen Jahr von 100.000 Einwohnern 478 an Tuberkulose, während 284 von dieser Krankheit dahingerafft wurden. Von 1945-48 beobachtete man in Westdeutschland ein Anwachsen der Geschlechtskrankheiten. In der englischen Zone entfielen 1945 auf 10.000 Einwohner annähernd 10 Syphilitiker. Drei Jahre später waren es bereits 32. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich auch die Zahl der Erkrankungen an Gonorrhöe von 20 auf 32. In der amerikanischen Zone waren 1946 von 10.000 Einwohnern 90 mit Gonorrhöe behaftet. Die Geschlechtskrankheiten in Westdeutschland verdanken ihre Verbreitung der sich unter dem Besatzungsregime verstärkenden Arbeitslosigkeit und Verelendung der Massen sowie der zunehmenden Prostitution.

Quelle:
Große Sowjet-Enzyklopädie, Deutschland, Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin, 1953, S.248-252. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)
P.S. ausgestorben ist die westliche Bevölkerung zwar nicht, doch die Vorbildwirkung der benachbarten DDR bewirkte auch dort erhebliche soziale Verbesserungen.

Siehe auch:
Das Gesundheitswesen in der DDR
Prof.D.Karl Linser: Warum wir Ärzte in der DDR unserem Staat vertrauen
Bernhard Meyer: Zur »Republikflucht« der Mediziner aus der DDR (1949-1961)

DDR-Lexikon:
Forderungen der DDR gegenüber der BRD wegen der bis zum 13. August 1961 zugefügten Schäden (nach einer Dissertation zum Thema)

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