Der Mythos vom 20. Juli 1944

Zeitung
Titelseite des „Berliner Lokalanzeigers“, 9. August 1944

Die Verschwörung vom 20. Juli 1944 war ein mißlungener Putschversuch führender Kreise der deutschen Monopolbourgeoisie und der reaktionären Militärs mit der Zielstellung, Adolf Hitler zu beseitigen und durch ein antisowjetisches Übereinkommen mit den imperialistischen Westmächten die ökonomischen und politischen Machtpositionen des deutschen  Imperialismus zu retten. Die Verschwörung, deren führender Kern sich bereits 1937/38 zu formieren begann, entwickelte sich verstärkt unter dem unmittelbaren Einfluß der kriegsentscheidenden Niederlagen der Hitlerwehrmacht im zweiten Weltkrieg an der deutsch-sowjetischen Front, besonders vor Moskau, bei Stalingrad, im Kursker Bogen und im Frühjahr/Sommer 1944. [1] Alexander Abusch schreibt darüber:

Die verspätete Revolte einiger Generale Hitlers und einiger großbürgerlicher Politiker wurde als „die“ deutsche Widerstandsbewegung dargestellt. In Wahrheit entstand die Verschwörung vom 20. Juli erst eineinhalb Jahre nach. der kriegsentscheidenden Niederlage von Stalingrad, als die Sowjetarmee schon, in einem Durchbruch nach dem andern, Hitlers Truppen vor sich her zur Grenze Ostpreußens trieb, als die verspätet gekommene amerikanisch-englische Zweite Front in der Normandie leicht hatte landen hönnen, als bereits fiir jeden denkenden Deutschen die Niederlage Hitlers unabwendbar herannahte. Die Generale um Beck und die Politiker um Gördeler-Popitz-von Hassel, das Haupt der Verschwörung, waren nicht von antiimperialistischem und demokratischem Geist erfüllt. Dies wäre nach ihrer Herkunft schwer gewesen; nach ihrer politischen Haltung in der Hilterzeit und ihrer internationalen Verbindungen während des Krieges war es unmöglich.

Hitlergenerale mit Verbindung zum US-amerikanischen Geheimdienst

Die alten Generale der Reichswehr hatten zu einem erheblichen Teil um die Wende zum Jahr 1933 daran mitgewirkt, Hitler als „Führer“ Deutschlands zu installieren. Sie hatten immer wieder ihre Revolte gegen den Führer, der ihnen eine so großartige Ausdehnung der Armee bescherte, zurückgestellt. Sie hatten sich auch bei der letzten Krise der Reichswehr im Jahre 1938 dem „Führer“ gebeugt und dann, nach dem „siegreichen“ Vorrücken in Polen und Frankreich, noch gern von ihm die Marschallstäbe in Empfang genommen. Auch die großbürgerlichen Politilter hatten nie und nirgends ihre Nabelschnur zum deutschen Imperialismus wirklich durchschnitten. Diese Kreise schufen sich in der Schweiz ihre Verbindungen zum englischen Geheimdienst, und später zur amerikanischen „Abwehr“, die unter der Leitung von Allan W.Dulles, dem Bruder des republikanischen Politikers John Foster Dulles, während des zweiten Weltkrieges daran arbeitete, einen „radikalen“ Umsturz in Deutschland zu verhindern: Die Diktatur Hitlers sollte rechtzeitig durch eine Regierung von Vertretern der deutschen Trustherren und von Generalen Hitlers abgelöst werden.

Ein Attentat im Interesse des Großkapitals

Nach Friedrich Meineckes Darstellung erhofften die Beck-Gördeler-Popitz-von Hassel, „gestützt auf ein zwar nicht mehr siegen könnendes, aber noch kampffähiges und respekteinflößendes Heer, günstigere Friedensbedingungen, als von einem Weißbluten unter Hitler“. Ulrich von Hassel, vorher deutsdter Botschafter in Rom, hatte im Namen dieser „Oppositionellen“ im Februar 1940 einem Vertreter des Lord Halifax in der Schweiz einen Frieden mit den Grenzen von 1914, dazu Österreich und die Sudetengebiete, vorgeschlagen. Der Ausgangspunkt der Angebote Hassels, der die Außenpolitik des Verschwörerkreises leitete, war der Vorschlag an England, Deutschand auch nach dem Sturz Hitlers als antisowjetischen Wall zu etablieren. Die inzwischen veröffentlichten Berichte von Allan W. Dulles nach. Washington beweisen außerdem dokumentarisch, daß der Kreis um. Gördeler zu diesem Zweck – auf dem Gegensatz zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion spekulierend – danach strebte, die Amerikaner vor der Sowjetarmee nach Berlin zu führen.

War Hitler ein wahnwitziger Abenteurer?

Die Verschwörer des 20. Juli standen so ganz im Banne ihrer imperialistischen Ideologie: Hitler galt ihnen als ein wahnwitziger Abenteurer ohne Maß und Mäßigung, der das Errungene wieder verlor. Es war kein Zufall, sondern bedingt durch ihre Ideologie und ihr jahrelanges Zögern bei den Vorbereitungen zu einem Umsturz, daß die Verschwörer des 20. Juli nicht kühn zu handeln verstanden, und daB sie sich sofort geschlagen gaben, als das Attentat auf Hitlers Person mißglückt war. Es waren in ihre Verschwörung auch zu viele der Generale verwickelt die Hitler bis zuletzt gedient hatten, und von denen mancher selbst in der Stunde der Entscheidung noch nicht genau wußte, welches Lager er wählen sollte.

Der verwirrte Dichter Haushofer

Der Dichter Albrecht Haushofer, im vorbereitenden Stadium der Verschwörung der Verbindungsmann zwischen der „Opposition“ der Gördeler-Popitz und dem „Stellvertreter des Führers“ Rudolf Heß, der im Mai 1941 seinen Flug nach England antrat, um einen Kompromiß mit dem Chamberlain-Kreis vor dem Überfall auf die Sowjetunion zu erreichen, – dieser Dichter, Sohn des „geopolitischen“ Begründers, der deutschen Eroberungspolitik. hoffte noch in der Haft bis in das Jahr 1945, verworren und selbstüberzeugt, als besserer Außenminister oder wenigstens als außenpolitischer Berater in Hitlers Regierung aufzusteigen. Als er im April 1945, von SS-Leuten durch Genickschuß gemordet, aufgefunden wurde, fand man in seiner Hand das Manuskript der „Moabiter Sonette“, ein erschütterndes Zeugnis aus seiner Todeszelle; doch ein demokratischer Kämpfer war er nie gewesen.

Diskussionszirkel und eine zwiespältige Haltung zur Sowjetunion

An der Verschwörung des 20. Juli nahmen aber auch unstreitig deutsche Offiziere teil, mit ihr waren bürgerliche Diskussionszirkel verknüpft, in denen ein echter nationaler Geist gegen die nazistischen Verderber der Nation glühte. Sie dachten an ein wirklich demokratisches Deutschland gemeinsam mit dem arbeitenden Volk, – und gerade der Held des Attentates gegen Hitler, Oberst Philipp Klaus Schenk von Stauffenberg, war überzeugt von der Notwendigkeit einer grundsätzlich neuen Haltung des deutschen Volkes gegenüber der Sowjetunion. So war die „Bewegung“ des 20. Juli auch außenpolitisch ein Amalgam: Die Feldmarschälle, hohen Diplomaten und Minister dachten an einen separaten Frieden unter antibolschewistischen Vorzeichen mit den Westmächten, um die Front stark gegen die Sowjetunion zu machen; in unteren Diskussionszirkeln rang man um die Erkenntnis, daß eine tief erneuerte Beziehung zur Sowjetunion eine Notwendigkeit für die Nation sei.

Stauffenberg trat für eine Verbindung mit den Kommunisten ein…

Von den Verschwörern des 20. Juli gab es verschiedene Verbindungen zu sozialdemohratischen Gruppen um Wilhelm Leuschner und zur innerdeutschen Bewegung „Freies Deutschland“ (Saefkow-Gruppe), an deren Spitze einige früher in der deutschen Arbeiterbewegung bekannte kommunistische Führer von großer Intelligenz und hohem Mut standen: Anton Saefkow, Franz Jacob, Bernhard Bästlein, Theodor Neubauer und Georg Schumann. Besonders Stauffenberg trat für eine Verbindung mit kommunistischen Kreisen ein, um die Revolte gegen Hitler zum Siege zu führen. (Die Saefkow-Gruppe wurde einige Tage vor dem 20. Juli von einem vernichtenden Schlag der Gestapo getroffen. Die Köpfe ihrer Führer fielen unter dem Beil.) Die Vertreter der illegalen Arbeitergruppen waren – unter zeitweiliger Zurückstellung aller prinzipiellen Gegensätze – zu einem taktischen Zusammengehen mit der Verschwörung der Generale und großbürgerlichen Politiker bereit, da in der damaligen Lage der Sturz der Hitlerdiktatur die wichtigste geschichtliche Tat zur Beendigung des Krieges war.

Eine dilettantische und volksfeindliche Verschwörung

Die Generale und Gördeler dachten jedoch nie an eine ernsthafte Aktion der Volksmassen, da diese nicht in ihre Politik paßte. Als die Häupter ihres Unternehmens ihre Unfähigkeit zu einem überlegten, schlagkräftigen Handeln bewiesen, da vermochten selbst die aufrichtigeren Anhänger dieser Verschwörung gegen Hitler nicht, nach ihren eigenen Vorstellungen zu handeln. Auch sie fielen der Rache Himmlers zum Opfer, konnten nur einige tapfere Märtyrer mehr stellen in der unendlichen Reihe der internationalen und deutschen Opfer Hitlers von 1933 bis 1945. Selten in der Geschichte haben Männer dilettantischer gehandelt, als am 20. Juli 1944 die deutschen Militärs, die so erprobt in ihrer Verschwörung gegen die Arbeiterschaft und die Demokralie von Weimar gewesen waren. Obwohl sie viele Schlüsselpositionen der Armee beherrschten, scheiterte die Revolte der Generale, weil sie volksfremd erdacht war und in ihrem politischen Wesen volksfeindlich blieb.

Die Kommunisten leisteten den stärksten Widerstand gegen Hitler

Zwölf Jahre lang stellte die Kommunistische Partei die stärksten Kader und brachte die zahlreichsten Opfer in einem illegalen Kampf, der in den Kriegsjahren völlig zersplittert war, aber doch einen neuen Kristallisationspunkt in der überparteilichen Schulze-Boysen-Harnack-Gruppe fand, die unabhängig von der später arbeitenden und vernichteten Saefkow-Gruppe ihre todesmutige Arbeit für die Beendigung des Hitlerkrieges ausdehnte; zu ihr zählte der bedeutende deutsche Schriftsteller Adam Kuckhoff, der hingerichtet wurde wie seine Kameraden. Es arbeiteten während dieser Zeit auch illegale sozialdemokratische Gruppen oder lose Freundschaftskreise. Es gab vielfach persönlichen Widerstand von evangelischen Pastoren und lkatholischen Pfarrern; die Kirchen selbst segneten Hitlers Waffen.

Die Revolte blieb eine wirkungslose Episode

Die Vielfältigkeit des Widerstandes in allen Schichten des deutschen Volkes, der unzulänglich blieb, weil er in mehr als einem Jahrzehnt stets nur von einer Minderheit ausging, entmythologisiert die Revolte vom 20. Juli 1944. Sie war niemals „die“ deutsche Widerstandsbewegung. Sie war nur eine einzelne Episode. Für die Weltöffentlichkeit mochte die Revolte ungewöhnlich sensationell sein, weil die Spitzen der Armee und des Staatsapparates in sie verwickelt waren, und weil sie mit schärfster Dramatik die Todeskrise des Hitlerregimes sichtbar machte. Mehr als ein Ausdruck der Widerstandsbewegung war sie Ausdruck des Suchens der deutschen Trustherren und der mitschuldigen Generale Hitlers, rechtzeitig einen Weg zur Rettung des deutschen Imperialismus ohne Hitler zu finden.

Quelle:
Alexander Abusch: Der Irrweg einer Nation, Aufbau Verlag Berlin, 1950, S.276-281 (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Schluß:
Die Hitlerfaschisten schlugen die Verschwörung blutig nieder, verhafteten Zehntausende („Sippenhaft“) und richteten 4980 Personen hin. Die Pläne der reaktionären Verschwörer, einen Keil zwischen die Staaten der Antihitlerkoalition zu treiben, scheiterten, weil sie dem realen internationalen Kräfteverhältnis widersprachen. Die Verschwörung blieb erfolglos, weil sie letztlich gegen die Interessen des deutschen Volkes gerichtet und ohne Verbindung mit der antifaschistischen Widerstandbewegung und deren führender Kraft, der Vorhut der Arbeiterklasse, vorbreitet worden war. [2]

Zitate:
[1] Sachwörterbuch der Geschichte Deutschlands und der deutschen Arbeiterbewegung, Dietz Verlag, Berlin, 1979, Bd.2, S.724.
[2] ebd. S.725.

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3 Antworten zu Der Mythos vom 20. Juli 1944

  1. rheinlaender schreibt:

    Hallo Sascha. Die kapitalistisch / bürgerlichen Lügen über den Ober Fascho Stauffenberg, werden in diesem Video https://www.youtube.com/watch?v=WGYA8dANRfA – meiner Meinung nach – sehr gut entlarvt.
    Auch wenn Christian Anders Esoteriker und von bürgerlichen Sprachbegriffen beeinflusst ist. Ich habe einfach Respekt, wenn jemand etwas leicht verständlich und kurz rüberbringen kann.
    Was hältst Du eigentlich von „einfach verständlichen Methoden“ als Werkzeug der Aufklärung ?

  2. Hanna Fleiss schreibt:

    Nach Abuschs Recherchen ist es ja auch verständlich, dass sich die BRD den 20. Juli als den einzig nennenswerten deutschen Widerstand erkoren hat, neben dem der „Kirche“, und das heißt einzelner Theologen und Pastoren, die Staatskirche ließ für „unseren Führer“ beten. Aber um das tun zu können, mussten selbstverständlich alle Bestrebungen Stauffenbergs, den kommunistischen Widerstand in das neu zu schaffende Deutschland einzubeziehen, verleugnet werden, so dass am Ende nur der rein bürgerliche Widerstand übrigblieb. Was einer Legitimierung der Bundesrepublik Deutschland entspricht. Heute marschiert die Bundeswehr zu ihrer Vereidigung am 20. Juli jedes Jahr in Berlin auf – im Namen des militärischen Widerstandes, ohne zu begreifen, dass auch sie zu Widerstand gegen die Eroberungspolitik der deutschen Bundesregierung mittels Krieg verpflichtet ist. Ich habe mir die Vereidigung letztes Jahr von Anfang bis Ende im Fernsehen angesehen. Es sind dieselben Schnauzen, dieselben Befehle, dasselbe Strammstehen vor Verbrechern, die junge, uninformierte Menschen in den Tod schicken und dies mit der „Verantwortung vor dem Vaterland“ begründen. Dass Verantwortung vor dem Vaterland ganz anders aussehen kann und muss, diese Information haben die dort aufgereihten jungen Menschen ganz sicher nicht von ihren Vorgesetzten erhalten.

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