Vor hundert Jahren begann der 1. Weltkrieg. Es ist interessant, die vergangenen Ereignisse zu verfolgen. Das erklärt meist auch die Gegenwart. Was wird heute über diesen verheerenden 1. Weltkrieg geschrieben? In den bürgerlichen Massenmedien (Büchern, Filmen und Publikationen) wird gelogen, werden die Vorgänge romantisiert. Geschichtsfälschungen und Umdeutungen historischer Tatsachen sind von jeher ein Mittel der niedergehenden herrschenden Klassen gewesen, um ihren eigenen Bankrott zu verschleiern und ihre Noch-Existenz zu rechtfertigen. Sie haben die Lage nicht mehr im Griff. Immer mehr Niederlagen zeichnen sich ab und großkotzige Drohgebärden werden immer lächerlicher. Was aber keinesfalls dazu führen sollte, daß man ihre Gefährlichkeit unterschätzt. Gerade in seiner letzten Phase nimmt die Unberechenbarkeit und Aggressivität des Imperialismus rapide zu – selbst auf die Gefahr des Galgens hin [1]. Der Imperialismus ist also bei weitem kein „zahnloser Tiger“, und die herrschenden Imperialisten werden „den Teufel tun“, statt freiwillig auf ihre Macht und ihren zusammengeraubten Reichtum zu verzichten. Das sollte die Geschichte uns lehren. Es riecht – wie Hugo Chavez schon sagte – überall nach Schwefel! Der 1. Weltkrieg war also kein unvorhersehbares Naturereignis, sondern die Folge einer gesetzmäßigen Entwicklung. Damit bot sich zugleich auch die Möglichkeit zu einer sozialen Revolution. Das im folgenden zitierte Buch ist übrigens das erste wissenschaftlich fundierte Lehrbuch über die deutsche Geschichte! Schauen wir uns also die Lage genauer an:
Wie war die Situation in Deutschland vor dem 1.Weltkrieg?
Im Sommer 1911 war Deutschland einer Bemerkung Lenins zufolge nur um Haaresbreite vom Kriege mit Frankreich und England entfernt. Die französischen und die deutschen Interessen prallten in Afrika aufeinander, als Frankreich Marokko besetzte (Zwischenfall von Agadir). Nach langen Verhandlungen wurde im November 1911 ein Abkommen zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich unterzeichnet, in dem dieses das französische Protektorat über Marokko anerkannte und hierfür durch einen Teil von Französisch-Kongo entschädigt wurde. Die sozialdemokratischen Führer gaben die Parole aus: »Gleiches Recht für alle Staaten in den Kolonien!« Sie wollten dadurch faktisch die räuberische Politik des deutschen Imperialismus rechtfertigen. Im Wettstreit mit der englischen Regierung ließ sich die deutsche Regierung von 1911 an jedes Jahr höhere Beträge für den Heeres- und Marinehaushalt vom Reichstag bewilligen. Die Ausgaben des Deutschen Reiches für Heer und Flotte waren von 1879 bis 1914, in 35 Jahren, auf das Fünffache gestiegen.
Die politische Krise und eine fehlende revolutionäre Partei
In der Lage der Arbeitermassen setzte eine katastrophale Verschlechterung ein. Im März 1912 traten 250.000 Ruhrbergleute in den Ausstand, da sie sich mit den streikenden Bergarbeitern Englands und Belgiens solidarisch erklärten; der Ruhrstreik wurde aber von den opportunistischen Gewerkschaftsführern abgebrochen. Im Jahre 1913 fanden im Elsaß preußenfeindliche Demonstrationen statt, hervorgerufen durch den sogenannten Fall Zabern 1913 . In Deutschland reifte eine politische Krise heran. Indessen, es gab dort keine wahrhaft revolutionäre Partei, die imstande gewesen wäre, die Führung der Arbeiterbewegung und die Leitung des Kampfes gegen den Krieg zu übernehmen, dessen Beginn die Imperialisten beschleunigen wollten, um einen revolutionären Ausbruch innerhalb Deutschlands zu vermeiden.
Die opportunistische SPD
Die zahlenmäßig starke Sozialdemokratische Partei (1912 etwa 1 Mill. Mitglieder) und die Gewerkschaften (1912 ungefähr 2,5 Mill. Mitglieder) standen im wesentlichen unter der Leitung der Opportunisten, d.h. der rechten Sozialdemokraten und sog. Zentristen. die eine bürgerliche Politik betrieben. Die Zentristen (Kautsky u.a.) operierten zwar in demagogischer Weise mit marxistischen Ausdrücken, trieben aber eine Politik der Verständigung mit den rechten Sozialdemokraten. Wie Lenin einmal bemerkt hat, lehnten die offenen Opportunisten in Deutschland (Bernstein u.a.) die Diktatur des Proletariats direkt ab, taten das offizielle Programm der Sozialdemokratischen Partei und Kautsky das gleiche indirekt, schwiegen diese Sozialdemokraten die Diktatur des Proletariats in ihrer Agitation tot und duldeten das Renegatentum der Anhänger Bernsteins. Die sozialdemokratischen Führer, die im Reichstag 111 Sitze innehatten, benutzten nicht einmal die Rednertribüne, um die räuberische Politik der Regierung zu entlarven. Im Jahre 1913 stimmten die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, die im Grande sozialchauvinistische Positionen einnahmen, für neue direkte Steuern zur Deckung der Ausgaben für Heer und Marine.
Schwere Fehler der linken Sozialdemokraten
Wie Stalin in seiner Schrift »Über einige Fragen der Geschichte des Bolschewismus« bemerkt, hatten die linken Sozialdemokraten große und wertvolle revolutionäre Leistungen vollbracht, waren aber noch zu schwach, begingen schwere politische und theoretische Fehler, hatten sich noch nicht von dem menschewistischen Ballast befreit und fürchteten sich vor einem Bruch mit den Opportunisten. Lenin und Stalin führten einen konsequenten Kampf gegen den Opportunismus. Mit Entschiedenheit forderten sie die linken deutschen Sozialdemokraten auf, sich von den Opportunisten organisatorisch zu trennen: durch ihren Kampf um die Reinerhaltung der bolschewistischen Partei gaben sie ein Beispiel unversöhnlicher Haltung gegenüber dem Opportunismus.
So begann Deutschland mit dem 1. Weltkrieg (1914-18)
In der Nacht zum 1. August 1914 erklärte das Deutsche Reich Rußland den Krieg, wobei es die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich durch serbische Nationalisten am 28. Juni dieses Jahres und den anschließend begonnenen Angriff Österreich-Ungarns gegen Serbien zum Vorwand nahm. Am 3. August 1914 wurde Frankreich vom Deutschen Reich der Krieg erklärt. Am 4. August 1914 folgte die Kriegserklärung Englands an Deutschland. Dem Dreibund stand somit die englisch-französisch-russische Entente gegenüber. Deutschland verfügte vor Ausbruch des Krieges über 51 Infanteriedivisionen, 11 Kavalleriedivisionen (bis zum 1. September 1914 waren 120 Infanteriedivisionen aufgestellt), etwa 240 Flugzeuge und eine starke Flotte. Die Entfesselung des Krieges durch das Deutsche Reich war durch die provokatorische Politik Englands während des österreichisch-serbischen Konfliktes begünstigt worden, da sie Deutschland zu der Erwartung berechtigte, England werde in dem bevorstehenden Kriege neutral bleiben. So begann der erste Weltkrieg 1914-1918.
Bewilligung der Kriegskredite durch den Reichstag
Am 4. August 1914 stimmte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion für die Kriegskredite und damit für die Unterstützung des imperialistischen Krieges. Ihren Verrat am Proletariat suchte sie mit dem verlogenen Hinweis auf den fortschrittlichen Charakter eines Krieges gegen die russische Selbstherrschaft als den Gendarm Europas zu rechtfertigen, während gleichzeitig die wirklichen Gendarmen Europas, die über genügend Kräfte und Mittel verfügten, um tatsächlich Gendarmen sein zu können, nicht in Petrograd, sondern in Berlin, Paris und London saßen [2]. Die rechten Sozialdemokraten nahmen eine offen sozialchauvinistische Stellung ein, während die Zentristen ihren Sozialchauvinismus mit allen Mitteln zu tarnen suchten. Die deutschen linken Sozialdemokraten bekämpften zwar die Sozialchauvinisten entschlossen und rückhaltlos, aber sie brachen nicht sofort mit ihnen und begingen Fehler in Fragen, die sich auf den damals geführten imperialistischen Krieg und die nationale Befreiungsbewegung bezogen.
Die Sozialdemokratie als Handlanger des Imperialismus
Lenin und Stalin entlarvten die Sozialchauvinisten als die Handlanger des Imperialismus und übten scharfe Kritik an den Fehlern der linken Sozialdemokraten. Sie brachten diese Gruppe auf den richtigen Weg, der Festigung des revolutionären Flügels der Sozialdemokratie und später Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands führte. Die Arbeiterklasse beantwortete die Kriegserklärung der Regierung Protestversammlungen und -demonstrationen. Am 31. Oktober 1914 veröffentlichten Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Klara Zetkin und linke Sozialdemokraten in der »Berner Tagewacht« eine Erklärung gegen die Unterstützung des Krieges durch die Führung der deutschen Sozialdemokratie.
Die gescheitere Blitzkriegsstrategie des Generals v. Schlieffen
Bei der Kriegserklärung hatte die deutsche Regierung damit gerechnet, daß der Krieg gemäß dem Plan des Generals Grafen v. Schlieffen in acht Wochen beendet sein werde. Aber bereits nach der Niederlage der deutsch Truppen in der Marne-Schlacht (3.-10. September 1914), die durch den Angriff der russischen Armee auf Ostpreußen hervorgerufen worden war, ergab es sich, daß der Plan eines Blitzkrieges mißlungen war. Die Lage Deutschlands verschlechterte sich, als die besten Streitkräfte des mit Deutschland verbündeten Österreich-Ungarn im September 1914 von den Russen in Galizien vernichtend geschlagen wurden und der andere Bundesgenosse, Italien, im Mai 1915 auf die Seite der Entente trat. Die deutsche Regierung mobilisierte jetzt immer größere Massen (insgesamt wurden während des Krieges 13 Mill. Mann zum Heer einberufen). Im Laufe des Krieges verdoppelte sich die Gesamtstärke der bewaffneten Macht Deutschlands – von 4,5 Mill. Mann im Jahre 1914 stieg sie auf 8 Mill. im Jahre 1918 an.
Der größenwahnsinnige Zweifrontenkrieg des kaiserlich-deutschen Heeres
Im Jahre 1915 warfen Deutschland und Osterreich-Ungarn ihre Hauptkräfte gegen Rußland, um es aus dem Kriege auszuschalten. Die Russen waren, obwohl sie etwas zurückgehen mußten, noch genügend stark, dem Gegner hartnäckigen Widerstand zu leisten und dadurch die Pläne der deutschen Obersten Heeresleitung zu vereiteln. Deutschland vermochte mit seiner strategischen Hauptaufgabe, Rußland aus dem Kriege auszuschalten, nicht fertig zu werden. Das russische Heer hatte die Hauptmacht des Gegners auf sich gezogen und dadurch England und Frankreich eine Atempause verschafft, die beide Mächte zur Vorbereitung militärisch Operationen gegen Deutschland benutzten.
Profite der Imperialisten auf Kosten der Arbeiterklasse
Der Krieg führte einerseits zu Profitsteigerung für die Imperialisten und andererseits zur Verelendung der werktätigen Massen. Während die Profite Krupps von 33,9 Mill. Mark im Jahre 1913 auf 86,4 Mill. Mark im Jahre 1914 anstiegen, war der Reallohn der Arbeiter bereits gegen Mitte 1915 um die Hälfte gesunken. In der Produktion wurden die Dienstpflicht und der Zwölfstundentag eingeführt, die Ausbeutung der Frauen, Halbwüchsigen und Kinder wurde in verstärktem Maße betrieben, Streiks wurden verboten. Für die wichtigsten Nahrungsmittel gab es jetzt ein Kartensystem. Im März 1915 setzten wieder Straßendemonstrationen der Arbeiter sowie Streiks ein.
Die Zimmerwalder und die Kienthaler Konferenz
Die Bewegung unter den Arbeitern veranlaßte auch einen Teil der Zentristen, zusammen mit den linken Sozialdemokraten an den Weltkonferenzen der Internationalisten teilzunehmen, die im September 1915 in Zimmerwald und im Frühjahr 1916 in Kienthal stattfanden. Diese Konferenzen waren, da auch Lenin an ihnen teilnahm, von großer Bedeutung für den Zusammenschluß der linken Sozialdemokraten und ihre Abgrenzung gegenüber dem Sozialchauvinismus.
Die mörderische Schlacht vor Verdun
Das deutsche Heer vermochte, da es in den Kämpfen an der russischen Front geschwächt worden war, keinen entscheidenden Angriff zu unternehmen, der die gesamte Westfront aufgerollt hätte, sondern sah sich genötigt, sich auf die Lösung einer Teilaufgabe zu beschränken, die Einnahme des Festungsrayons von Verdun. Am 21. Februar 1916 trat die deutsche Armee zum Sturm auf Verdun an, der (mit geringen Unterbrechungen) zehn Monate währte.
Der Versuch der Obersten deutschen Heeresleitung, den Sieg durch Zermürbung des Gegners bei Verdun zu erringen, schlug fehl. Die Deutschen erlitten dabei weit höhere Verluste als die Franzosen. Sie verloren im Verlauf der Kämpfe bei Verdun ungefähr 600.000 Mann. Von großer Bedeutung für den Gesamtverlauf des Krieges waren die Operationen der Russen. Im Juni 1916 durchbrachen sie die Südwestfront, wodurch die Lage der Franzosen und Engländer an der Westfront bedeutend erleichtert wurde. Infolge des Durchbruchs der russischen Armeen an der Südwestfront mußte die deutsche Oberste Heeresleitung ungefähr 24 Divisionen von der französischen Front an die Ostfront werfen und die Angriffe bei Verdun einstellen. Der deutsche Imperialismus konnte die Blockade weder im Osten noch im Westen, weder im Südosten noch zur See durchbrechen.
Die Gründung des »Spartakusbunds« und politische Streiks
Je länger sich der Krieg hinzog, um so mehr verschlechterte sich die Lage der werktätigen Massen. Deutschland litt, wie Lenin feststellte, »glänzend organisierten Hunger«. Die Ernährung der Bevölkerung war 1916 gegenüber der Vorkriegszeit um das Dreifache zurückgegangen. Am 1. Mai 1916 veranstaltete eine Gruppe der deutschen linken Sozialdemokraten, die »Internationale« (1918 in »Spartakusbund« umbenannt), eine Demonstration auf dem Potsdamer Platz zu Berlin, obwohl diese von den opportunistischen sozialdemokratischen Führern sabotiert wurde. Während dieser Demonstration wurde Karl Liebknecht verhaftet und anschließend zu Zuchthaus verurteilt. Als Antwort auf die Verurteilung Karl Liebknechts traten 60.000 Berliner Arbeiter und Zehntausende von Arbeitern einiger anderer Städte Deutschlands in den politischen Streik. Die Streikbewegung wuchs. Unvollständigen Angaben des Statistischen Reichsamts zufolge beteiligten sich im zweiten Halbjahr 1914 21.000 Personen an Streiks, 1915 wurden 137 Streiks mit 47.000 Beteiligten registriert. 1916 fanden 240 Streiks mit 422.000 Teilnehmern statt.
Das militärische Scheitern des deutschen Imperialismus
Die militärischen Mißerfolge, die äußerste Erschöpfung der wirtschaftlichen Hilfsquellen Deutschlands und das Wachstum der Arbeiterbewegung gaben den deutschen Regierungskreisen Veranlassung, im Herbst 1916 Versuche zum Abschluß eines imperialistischen Separatfriedens zu unternehmen, die aber fehlschlugen. Lenin durchschaute die Taktik des deutschen Imperialismus. Im November 1916 schrieb er: »In Deutschland macht sich in letzter Zeit bei der Bourgeoisie (und nach ihr auch bei den Sozialchauvinisten) auf der ganzen Linie ein Umschwung bemerkbar, und zwar zur Russenfreundlichkeit, zum Separatfrieden mit Rußland, ein Bestreben, Rußland zu begütigen, um dann mit ganzer Kraft gegen England loszuschlagen«. [3] Im Feldzug des Jahres 1917 lag die Initiative auf Seiten der Entente. Die deutsche Koalition befand sich in einer schwierigen Lage. Im Hinblick darauf gingen die deutsche Oberste Heeresleitung und ihre Bundesgenossen auf dem Festland zur Defensive über, um durch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg der Wirtschaft des Hauptfeindes England ein schweren Schlag zu versetzen. Der deutsche Plan eines uneingeschränkte U-Boot-Krieges scheiterte jedoch. Auf dem Festland gelang es der deutschen Koalition, unter großen Verlusten die Angriffe der Entente abzuweisen und den Zerfall Osterreich-Ungarns durch erfolgreiche Operationen an der italienischen Front (Caporetto) hinauszuzögern.
Politische Streiks und Aufstände 1917 in Deutschland
In Deutschland wuchs die revolutionäre Bewegung. Unter dem Einfluß der russischen bürgerlich-demokratischen Revolution vom Februar 1917 zog sie noch weitere Kreise. In diesem Jahr stieg die Anzahl der Streiks in Deutschland auf 561 an, die Zahl der Streikenden auf 1.467.000. Am 16. April 1917 traten 300.000 Arbeiter der Rüstungsbetriebe Berlins in den Streik. Der Streik dehnte sich auf zahlreiche andere Städte Deutschlands. So streikten in Leipzig 18.000 Arbeiter. Außer Brot und Kohle forderten sie einen Frieden ohne Annexionen und ohne Kontributionen sowie Wahl eines Rates der Arbeiterdeputierten. An der Front begannen sich Soldaten zu verbrüdern, und in der Flotte bahnte sich eine revolutionäre Bewegung an. Von den Matrosen wurden auf den Schiffen nach dem Vorbild der während der Revolution in Rußland gebildeten Sowjets Kommissionen eingesetzt. Die Bewegung erfaßte 12 Kriegsschiffe, wurde aber brutal unterdrückt. Die Regierung verurteilte die Führer und aktiven Teilnehmer der revolutionären Aktionen zu Zuchthaus- und Gefängnistrafen.
Erfolglose Friedensverhandlungen und ein entlassener Reichskanzler
Im Mai 1917 unternahmen die Sozialchauvinisten in der Rolle von offiziellen Diplomaten der imperialistischen Regierung Versuche, mit den Sozialchauvinisten der anderen kriegführenden Länder über einen Friedensschluß zu verhandeln. Durch Vermittlung des dänischen Sozialdemokraten Borgbjerg machten sie den Vorschlag, eine sog. Sozialistenkonferenz nach Stockholm einzuberufen. Lenin entlarvte damals die deutschen Sozialchauvinisten als imperialistische Agenten. Während die deutsche Arbeiterbewegung immer mehr an Boden gewann – ein Beweis für die Krise in den »unteren« Schichten des Volkes –, begann die Krise auch in den »oberen« Schichten. Am 14. Juli 1917 erhielt Bethmann-Hollweg seine Entlassung als Reichskanzler. Sein Nachfolger Michaelis war politisch ohne Bedeutung. Die Macht war faktisch in der Hand der Militärdiktatoren v. Hindenburg und Ludendorff konzentriert.
Die Zentristen gründen die reformistische »USPD«
Deutschland erstickte in wirtschaftlicher Zerrüttung, Hunger, Arbeitslosigkeit, Teuerung und Elend. Die Verluste an Menschen waren hoch. Der Krieg raubte Millionen Menschenleben: allein die Zahl der Gefallenen und der während des Krieges Verschollenen betrug ungefähr 2 Millionen, zusammen mit den Gefangenen und Verwundeten waren es 7,5 Millionen. Die rechten Sozialdemokraten und Zentristen suchten mit allen Mitteln zu verhindern, daß die revolutionäre Situation in eine Revolution überging. Da die Arbeitermassen den rechten Sozialdemokraten den Rücken kehrten, machten die Zentristen ein Manöver, um die Arbeiterklasse ihrem Einfluß nicht entgleiten zu lassen, inszenierten sie einen Bruch mit den rechten Sozialdemokraten und gründeten die reformistische »Unabhängige Sozialdemokratische Partei« (9. April 1917). Dadurch erschwerten sie die Schaffung einer wahrhaft revolutionären deutschen Arbeiterpartei.
Deutschland in der Periode des revolutionären Aufschwungs unter dem Einfluß der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Rußland
Als Antwort auf die räuberischen Friedensbedingungen, die von der kaiserlichen deutschen Regierung bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk Sowjetrußland gestellt wurden, brach am 28. Januar 1918 in Berlin ein politischer Streik aus. »Das Verbrechen«, schrieb Wilhelm Pieck, »das in Brest-Litowsk gegen die junge Sowjetregierung begangen wurde, war auch gleichzeitig ein Verbrechen gegen das deutsche Volk selbst«. Binnen kurzem erfaßte der Streik die wichtigsten Zentren des Landes. Es streikten mehr als eine Million Arbeiter, die den unverzüglichen Abschluß eines Friedensvertrages mit Sowjetrußland ohne Annexionen und Kontribution sowie die Demokratisierung des politischen Lebens in Deutschland forderten. In Berlin und in einer Reihe anderer deutscher Städte wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Während der Streikperiode entstand Einrichtung der »revolutionären Obleute«. Zwischen den streikenden Arbeitern und der Polizei kam es zu Zusammenstößen. Die sozialdemokratischen Führer, die sich an die Spitze des Streiks gestellt hatten, nur um ihn abzuwürgen, gaben am 3. Februar 1918 seinen allgemeinen Abbruch bekannt. Nach den Worten Ernst Thälmanns war der Januarstreik ein Zeichen dafür, daß »die Welle der russischen Revolution, der siegreiche Oktober, nicht an der Grenze Rußlands halt machte, sondern auch andere Länder erfaßte«.
Der faule Trick mit der Ukraine und Vertreibung der deutschen Okkupanten
Nachdem die Friedensverhandlungen in Brest durch den Verrat der Trotzkisten unterbrochen worden waren, ging Deutschland an der gesamten Ostfront zum Angriff über, besetzte einen bedeutenden Teil sowjetrussischen Territoriums und bedrohte Petrograd. Die deutschen Imperialisten verfolgten dabei das Ziel, die Sowjetmacht zu stürzen und Rußland in eine deutsche Kolonie zu verwandeln. Als aber die Rote Armee am 23. Februar 1918 den deutschen Okkupanten bei Narwa und Pskow eine entscheidende Abfuhr erteilte, ging Deutschland im März 1918 auf die Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Sowjetrußland ein. Trotz des bestehenden Friedensvertrages setzten die deutschen Imperialisten jedoch alles daran, das Sowjetland zu isolieren, zu schwächen und zugrunde zu richten. Unter Berufung auf einen »Vertrag mit der ukrainischen Rada« trennten sie die Ukraine von Sowjetrußland ab, ließen auf Grund von Abmachungen mit grusinischen und aserbaidshanischen Nationalisten deutsche und türkische Truppen in Transkaukasien einmarschieren und begannen, sich in Tiflis und Baku als Herren aufzuspielen. In den von den deutschen und österreichischen Truppen besetzten Gebieten entbrannte der vaterländische Krieg des Sowjetvolkes gegen die Eindringlinge, der mit der Vertreibung der deutschen Okkupanten endete.
Die hoffnungslose Lage des kaiserlich-deutschen Heeres an beiden Fronten
Die deutsche Oberste Heeresleitung beabsichtigte, durch die Intervention gegen den Sowjetstaat ihre Hilfsquellen für den Kampf im Westen zu vermehren. Diese Pläne schlugen jedoch fehl. Anstatt neue Ressourcen zu gewinnen, waren die deutschen Imperialisten gezwungen, starke Kräfte nach Osten abzuziehen; so konnten sie sich nicht einmal von dem Zweifrontenkrieg freimachen. Die deutsche Truppenführung, die erkannt hatte, daß dem kaiserlichen Deutschland durch Verlängerung des Krieges der Zusammenbruch drohte, unternahm im Verlauf des Frühjahrs und des Sommers 1918 eine Offensive an der Westfront. Diese abenteuerlichen Angriffsoperationen konnten die hoffnungslose militärische Gesamtlage Deutschlands nicht verbessern. Am 8. August 1918 gingen die Truppen der Entente an der gesamten Westfront zur Offensive über. Die Armeen Deutschlands und seiner Verbündeten waren durch die langen, erfolglosen Kämpfe erschöpft und erlitten eine Niederlage. Am 29. September 1918 kapitulierte das mit Deutschland verbündete Bulgarien und am 3. November das auseinanderfallende Osterreich-Ungarn. Die militärische Niederlage beschleunigte die Entwicklung der politischen Krise in Deutschland.
Die USA-Monopolisten als »Retter« des deutschen Imperialismus
Die herrschende Clique Deutschlands nahm zu einem Manöver Zuflucht. Um sich vor der Revolution zu retten, bildeten die deutschen Imperialisten am 3. Oktober 1918 unter Prinz Max von Baden eine Koalitionsregierung. In dieser sog. »demokratischen« Regierung war die Sozialdemokratie mit ihren Führern Scheidemann und Bauer vertreten. Die Bildung dieser neuen Regierung war von dem Präsidenten der USA, Woodrow Wilson, diktiert worden. Die amerikanischen Monopolherren traten bereits damals offen als Retter des deutschen Imperialismus auf. In der Nacht zum 5. Oktober wandte sich die neue Regierung an den Präsidenten der USA mit der Bitte, Waffenstillstand zu schließen und Friedensverhandlungen einzuleiten. Die militärische Katastrophe Deutschlands verschärfte die zu jener Zeit herangereifte politische Krise und beschleunigte den Ausbruch der Revolution.
Die Novemberrevolution in Deutschland 1918
Am 3. November erhoben sich im Kieler Hafen die Matrosen der Kriegsflotte. Im Laufe der ersten Novemberwoche erfaßte der Aufstand nahezu das ganze Land. Auf Geheiß der anglo-amerikanischen Imperialisten, die die bewaffnete Intervention gegen den Sowjetstaat durchführten, brach die deutsche Regierung am 5. November 1918 die diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland ab und forderte die Abreise der sowjetischen Botschaft aus Berlin.
Unterdessen griff der Aufstand immer weiter um sich. In einigen deutschen Staaten wurden die Dynastien gestürzt. überall bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Der »Spartakusbund« förderte durch seine revolutionäre Propaganda die Schaffung von Räten in ganz Deutschland er war jedoch organisatorisch schwach und vermochte nicht, sich an die Spitze der revolutionären Massenbewegung zu stellen.
Quelle:
Kuczynski/Steinitz (Hrsg.), Deutschland, Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1953, S.133-142
Zitate:
[1] Karl Marx, Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1983, S.788.
[2] Vgl. И.В. Сталин, Соч. (J. W. Stalin, Werke), Bd.5, S.73; deutsch: ebd., Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1952, S. 63.
[3] В.И. Ленин, Соч. (W.I. Lenin, Werke), Bd.23, 4.Aufl., S.118
Siehe auch:
Trotzki verrät die junge Sowjetmacht
Otto Grotewohl, Was wird sein… Erinnerungen an die Novemberrevolution
Absturz in die Katastrophe



Hallo Genosse Norbert,
Anfrage:
Kuczynski/Steinitz (Hrsg.), Deutschland, Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1953,
War das nicht die deutsche Buchversion eines Artikels geschrieben für die Große Sowjet-Enzyklopädie?
Nebenbei gesagt: Ich bin keine Anhängerin von Jürgen Kuczynski und noch weniger von Ruth Werner.
Mit sozialistischen Grüße,
Nadja
Ja, richtig. Trotzdem ist das Buch sehr gut! 🙂
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