Georges Soria: Das große Geheimnis der Sowjetunion

George Soria

Der Journalist George Soria (1914-1991)

„Kein Land dieser Erde hat ein leidenschaftlicheres Interesse erweckt als die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Und dennoch ist die Sowjetunion für viele Menschen auch heute noch ein großes Geheimnis“, schrieb der französische Journalist George Soria im Jahre 1952 nach einem längeren Aufenthalt in der damaligen UdSSR. „Ein Geheimnis für viele, weil sie den böswilligen Gerüchten Glauben schenken, mit denen man seit mehr als 30 Jahren dieses Land wie mit einer Mauer abzusprerren bemüht ist, weil sie sich trotz aller wirklichkeitsgetreuen Berichte von dem sowjetischen Leben kein rechtes Bild machen können.“ Das Buch von Georges Soria „Comment vivent les Russes?“ („Wie leben die Russen?“) erschien 1952 erstmalig in deutscher Sprache, zu einem Zeitpunkt, wo die antisowjetische Propaganda der USA und ihrer Vasallen in immer aggressiverer und gehässigerer Weise versuchten, die öffentliche Meinung irrezuführen.

Dieser feindseligen Propaganda mit Tatsachen, mit einer nüchternen Darlegung der wirklichen Verhältnisse entgegenzutreten, ist auch heute – nach über 60 Jahren – wichtiger denn je, wo doch die USA in aller Welt Kriege entfachen, wo deren Präsident, der „Friedensnobelpreisträger“ Obama, der oberste Kriegshetzer ist, wo die USA erst kürzlich in der ehemals sowjetischen Ukraine einen faschistischen Putsch inszenierten.

Der Journalist Soria wurde 1914, kurz nach Ausbruch des ersten Weltkriegs, in Tunis geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums begann er Rechtswissenschaft und Philosphie zu studieren. Das koloniale Elend im französischen „Schutzststaat“ Tunesien veranlaßte ihn schon sehr früh, sich mit den sozialen Problemen unserer Zeit zu beschäftigen und sich den Unterdrückten in ihrem Freiheitkampf anzuschließen. In Paris war Soria Mitarbeiter der illustrierten Arbeiterzeitung „Regard“ und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Mehrfach besuchte George Soria in den Jahren 1942-48 die Sowjetunion, und immer bestürmten in danach bei seinen Vorträgen die Menschen mit Fragen. Einige davon finden sich in seinem Buch wieder. Hiervon nun eine kleine Kostprobe:

Haben die sowjetischen Arbeiter bezahlte Ferien?

Die bezahlten Ferien waren eine der ersten sozialen Errungenschaften der Oktoberrevolution. Das Recht auf Erholung ist in der Sowjetunion ebenso heilig wie das Recht auf Arbeit: es ist in der Verfassung verankert und dort als eines der Grundrechte des Menschen proklamiert. Nach der sowjetischen Gesetzgebung hat jeder Arbeiter, der Bürger der Union ist, ganz gleich welchen Geschlechts, welchen Alters, welcher sozialen Herkunft und welchen religiösen Glaubens er ist, Anspruch auf zwei Wochen bezahlten Urlaub. In der Praxis erhalten 90 Prozent der Werktätigen jährlich drei bis vier Wochen Urlaub. Diese zusätzlichen Ferien stehen allen Werktätigen zu, die ihre Normen erfüllt haben und denen keine Mängel vorzuwerfen waren. Noch etwas, was vor allem Ärzte und Krankenschwestern interessieren wird: in der Sowjetunion hat das Personal der Nervenkliniken Anspruch auf sechs Wochen Ferien. Die Werktätigen im Hohen Norden, also jenseits des Polarkreises, haben auf dreißig zusätzliche Urlaubstage Anspruch. Das Recht auf Erholung beschränkt sich nicht nur auf Gewährung bezahlter Ferien. Es wird auch verwirklicht dank des riesigen Netzes von Erholungsheimen, Klubs, Seebädern und Sommerfrischen, in denen sich Arbeiter, Angestellte, Techniker, Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler von den Anstrengungen des Jahres erholen.

Die schönsten Urlaubsorte der Sowjetunion

Wer Luftveränderung braucht und das Land kennenlernen will – und es gibt Millionen solcher Leute –, der geht auf Entdeckungsreisen in der Union aus, die allein schon ein riesiger Kontinent ist: ein Sechstel der Erdkugel. Zu den Gegenden, die von den Ferienreisenden am häufigsten aufgesucht werden, gehört jedoch die sowjetische Riviera mit ihren grünen Palmenhainen, Ihren felsigen Buchten und ihrem feinen Sandstrand an der Ostküste des Schwarzen Meeres, gehört ferner der Kaukasus mit seinen Höhenkurorten im Angesichte des ewigen Schnees der Gipfel. Ich habe mich wiederholt an der sowjetischen Riviera aufgehalten. Sie erinnert an die Côte d’Azur, aber an eine mit wilderer Vegetation, leuchtenderen Farben, dunklerem Grün; kurzum, es ist eine viel großartigere Landschaft, in der sich am Rande des Meeres viele Kilometer lang Villen, von großen Gärten umgeben, und Paläste aneinanderreihen und zur Ruhe und zur Betrachtung der blauschwarzen Fluten einladen, deren Wogen an den viele Meter breiten Strand schlagen.
Krim  16308
Einen bedeutsamen Unterschied zur Côte d’Azur gibt es allerdings noch: in der Sowjetunion wurden die Paläste der ehemaligen Aristokratie den Werktätigen zur Verfügung gestellt, desgleichen eine Reihe von Seebädern, die im Laufe eines Jahrzehntes angelegt wurden. Ihr Luxus und ihre spiegelnde Sauberkeit stehen in nichts den prunkvollsten Badeorten in den USA nach die von der modernen Dollar-Aristokratie ausschließlich für ihren eigenen Gebrauch geschaffen wurden, von jener Plutokratie, die die Eisenbahnen besitzt, die PetroleumqueIlen, die Stahlwerke, die Kautschuk- und Coca-Cola-Fabriken und die nur von der Arbeit ihrer ausgebeuteten Mitmenschen lebt. In den Jahren 1930 bis 1940 bauten die Sowjetgewerkschaften zahlreiche Erholungsheime. Die Gebäude sind prachtvolle Paläste mit Säulenhallen in einem antikisierenden oder erneuerten Renaissancestil. Die Gewerkschaft der sowjetischen Bergarbeiter besitzt solche Paläste, ebenso die der Metallarbeiter, der Angestellten, der Kolchosbauern, der Schriftsteller, ferner die Flieger, die Armee und die Wissenschaftler.

„ …alles was Sie hier sehen, war Stalins Idee.“

Auf diese Weise wurden in wenigen Jahren ganze Städte in einer Landschaft von majestätischer Schönheit erbaut, Zypressen, Korkeichen, Eukalyptusbäume und Palmen umgeben sie mit ihrem Schatten, ihrem Duft und ihrer Farbenpracht. Diese Städte haben ihre eigenen Vergnügungsstätten: Theater, Kasinos und Lichtspielhäuser, für deren Bau sich Stalin, der regelmäßig jedes Jahr gegen Ende des Sommers zur Erholung an die Riviera fährt, persönlich interessierte. Man erzählte mir, daß er unerwartet auf den Bauplätzen erschien, um sich mit eigcnen Augen von dem Gang der Arbeiten zu überzeugen. Gemeinsam mit den Architekten wählte Stalin die Orte aus, wo diese Badestädte errichtet wurden, ganz besonders den Platz für die Theater und die Anlegung von Gärten, und er ließ dabei auch nicht die geringste Kleinigkeit außer acht. Er widmete sich dem mit solcher Gründlichkeit, daß der Direktor der Kurhäuser von Sotschi eines Tages, als er mir die Ehre gab, mich bei meinem Besuch der wichtigsten Anlagen zu begleiten, zu mir sagte: „Alles, was Sie dort sehen“, und er zeigte dabei mit der Hand auf die hellen hohen Häuser mit Hunderten zum Meer blickenden Zimmern, „war Stalins Idee. Es ist sein Werk. Josef Wissarionowitsch (Stalins Vatersname, mit dem er ebenfalls genannt wird) hat persönlich darüber gewacht, daß alles so gut wie nur irgend möglich gebaut wurde.“
16311  Sewastopol
Während der deutschen Besetzung erlitten die Erholungsheime der Riviera schwere Schäden. AIs die Nazitruppen abziehen mußten, zerstörten Sie die Einrichtungen und Kuranlagen. Heute (1949) ist jedoch schon ein großer Teil von ihnen wieder aufgebaut: Hunderttausende von Sommerfrischlern können Sich bereits wieder in diesen Kurhäusern aufhalten, deren Thermalquellen übrigens in der ganzen Welt berühmt sind. Wenn auch die sowjetische Riviera für die Sowjetbürger der beliebteste Ferienaufenthaltsort ist, so werden doch auch die Krim mit ihren in Grün gebetteten kleinen Buchten und ihrem Kieselstrand, das Kaspische Meer mit seinen Sommerfrischen und die vielen mit luxuriösen und behaglichen Villen ausgestatteten Badeorte an der Ostsee vom Publikum sehr geschätzt. (Die Badeorte an der Ostsee haben seit 1946 einen besonderen Zulauf. Zwar ist dort der Himmel meist bewölkt, über diese Orte werden besonders von den Liebhabern des Ruder- und Segelsports und von denen, die einen breiten, feinsandigen Strand schätzen, aufgesucht.) Außer in diese Badeorte kann der Ferienreisende noch uuf wahre Entdeckungsfahrten gehen in diesem unermeßlichen Land mit seiner so außerordentlich abwechslungsreichen Landschaft, seiner mannigfaltigen Pflanzenwelt und seinem ebenso unterschiedlichen Klima. Wer das Reisen liebt, kann Streifzüge unternehmen in den von uralten Legenden umwobenen Ural und in seine neuen Städte, die wie Pilze aus der Erde schossen, oder in die asiatischen Republiken mit ihrer wiedererstehenden Zivilisation.

In der UdSSR konnte man billig verreisen

Es sei auch auf den wichtigen Umstand hingewiesen, daß man in der Sowjetunion verhältnismäßig leicht reisen kann und daß die Fahrtkosten erschwinglich sind. Vor der Abreise in die Ferien erhalten die Werktätigen in ihrer Fabrik oder ihrem Büro, einen Extralohn für mindestens zwei Wochen (wenn nicht drei oder sogar vier), dazu den Lohn für den abgelaufenen Monat ausgezahlt. Sie fahren also mit einem Lohn von sieben bis acht Wochen in die Ferien. Im allgemeinen besorgt der Betrieb, in dem man beschäftigt ist, die Fahrkarten oder Flugscheine für die Reise. Auf allen großen Strecken verkehren Feriensonderzüge. Wer seinen Wohnort nicht verlassen und seine Ferien daheim oder bei Freunden verbringen will, kann das natürlich ganz nach eigenem Wunsch tun. Dieser Hinweis könnte überflüssig erscheinen, er dient aber, wie ich meine, dem Verständnis der verschiedenartigen Geschmacksrichtungcn in der Sowjetunion.
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Ein Lieblingsvergnügen war die Pilzsuche

Es gibt Leute, die ungern verreisen, die dem Leben in fremden Hotels die bescheidenen Freuden eines Aufenthalts in einem einfachen Landhäuschen vorziehen. Es gibt beispielsweise viele Moskauer, die ihre Ferien in der weiteren Umgebung von Moskau, in einem Umkreis von 30 bis 60 Kilometern verbringen. Dort wurden Zehntausende kleiner Blockhäuser auf Parzellen mitten im Fichten- und Tannenwald erbaut, von dem Moskau umgeben ist. Diese Häuschen liegen nur einige Minuten von den Stationen der elektrischen Eisenbahn entfernt, mit der man sie von Moskau aus erreicht. Sie bilden­ einen der Anziehungspunkte in der Umgebung dcr Hauptstadt. In diesen harzduftenden Wäldern, deren hohe Wipfel sich im Winde wiegen, herrscht ein ganz erdenfernes Schweigen. Ich kenne keine heilsamere Erholung als einen Aufenthalt, und sei es auch nur für eine Woche, in der von tausend Erdgerüchen erfüllten, gesunden und reinigenden Luft dieser Wälder. Die Sowjetmenschen benutzen ihre Ferientage im Wald keineswegs nur zu Liegekuren. Es ist ihr Lieblingsvergnügen, einige Stunden nach einem Regenguß auf Pilzsuche zu gehen. Damit können sie sich tagelang die Zeit vertreiben. Walderdbeeren werden von ihnen auch nicht verachtet. Sie werden körbeweise gepflückt und dann an Nachbarn und Freunde verteilt. obwohl die Sowjetrussen ihre gepflückten Erdbccren selber gern essen, macht es ihnen mindestens ebensoviel Freude, ihre Bekannten damit zu traktieren.

Die sowjetischen Pionierferienlager

Genießen schon Erwachsene ihre Ferien, so werden die Kinder und Jugendlichen in dieser Hinsicht geradezu verhätschelt. Jedes Jahr werden für vier Monate zahllose „Pionier“-Lager aufgebaut. Die Pioniere sind eine Organisation, in der Kinder von 9 bis 16 Jahren zusammengefaßt sind. In diesen Lagern gibt sich eine gesunde Jugend den Freuden des Sports und dem Leben im Walde hin. Jungens und Mädels verbringen dort abwechselnd einen Monat.
Pionierlager Artek  Budjonny
links: Im Pionierlager Artek auf der Krim, rechts: Marschall Budjonny mit Kindern

Diese Lager sind ein kleines Paradies, in dem die Kinder an der frischen Luft sind bei täglich vier Mahlzeiten aufblühen. Jede Gruppe von 40 Kindern steht unter der Leitung eines geschultcn Erziehers, dem wiederum ein Assistent zur Seite steht. In jeder Kolonie gibt es mehrere Ärzte und Krankenschwestern. Ich habe in der Umgebung von Moskau mehrere Lager besichtigt, in denen die kleinen Pensionäre nach einem Aufenthalt von einem Monat 1 bis 3 Kilo zugenommen hatten. Die Gelder für den Aufenthalt in diesen Lagern werden von den Eltern und vom Staat aufgebracht, der sich m diese Kosten mit den Gewerkschaften teilt. Es gibt nicht ein einziges sowjetisches Kind das nicht wenigstens drei Wochen im Sommer in einer Ferienkolonie oder einem Pionierlager verbringt. Die Reise der Kmder bezahlt die Sozialversicherung. Die Eltern haben nur etwa ein Drittel der Kosten für den Aufenthalt ihrer Kinder in den Kolonien zu tragen. Für Kinder gewisser Arbeiterkategorien mit niedrigen Löhnen ist der Aufenthalt völlig kostenlos.

So ist das Anrecht auf Erholung in der Sowjetunion kein leerer Begriff mehr. In diesem Lande wo die Arbeitslosigkeit als ein Übel aus grauer Vorzeit angesehen wird – obgleich die Oktoberrevolution erst reichlich drei Jahrzehnte zurückliegt – ist das Ferienglück nichts Neues mehr. Es ist im Leben von Millionen Menschen verankert. Aus ihrer Muße schöpfen sie die Kraft, mit klarem Geist und entspanntem Körper wieder an ihre Arbeit zu gehen.

Quelle:
Georges Soria: Wie lebt man eigentlich in der Sowjetunion?, Paul List Verlag, Leipzig, 1951, S.36-41. (Illustriert mit Bildern aus Reiseprospekten und sowjet. Zeitschriften)


Siehe auch:
Der Weg der Sowjetmacht zum Sieg des Sozialismus

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Eine Antwort zu Georges Soria: Das große Geheimnis der Sowjetunion

  1. Nadja Norden schreibt:

    Danke Genosse Norbert,
    Siehe denn auch meine Buchpräsentierung dessen in meinem Blog
    http://politiekencultuur.blogspot.be/2014/04/georges-soria-wie-leben-die-russen-1952.html
    Mit soz. Grüße,
    Nadja

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