Wie die Bourgeoisie sich ihre Lakaien erzieht …

H.Bidstrup
Wie oft sind wir ihnen schon begegnet, wie oft haben wir uns schon geärgert über sie, wie oft haben wir ihre Obrigkeitshörigkeit und ihre politische Korrektheit schon verflucht? Sei es der Beamte, welcher nur seine Paragraphen sieht und nicht den Menschen, der vor ihm steht. Sei es die Politesse, die unnachgiebig auch bei Kleinigkeiten harte Strafen verteilt. Sei es der einst fortschrittliche Bürgermeister, der schließlich doch „umfällt“ und sich dem Druck der Mächtigeren beugt. Sei es die „Fallmanagerin“ eines Jobcenters, die Sanktionen verhängt ohne den „Fall“ (nämlich den Menschen) richtig zu kennen. Sei es der Pfarrer, der alle Widersprüche der Gesellschaft kleinredet und zur Demut aufruft. Oder der Professor, der lügt, um seinen Job nicht zu verlieren. Oder sei es der Journalist, der nur schreibt, was man von ihm erwartet. Der Kapitalismus bringt zahllose solcher Kreaturen hervor. Es sind die ihm hörigen Untertanen, die Trägen, die Zufriedenen, die Lakaien des Kapitals. Sie sind die Stützen der bürgerlichen Gesellschaft. In vorauseilendem Gehorsam tun sie das, was für sie das Einfachste ist: sie folgen dem Gesetz der bürgerlichen Machthaber, dem Gesetz der Bourgeoisie. Sie beugen sich dem Mainstream, weil sie keinen Ärger haben wollen. Schon vor über 150 Jahren beschrieb Nikolai Dobroljubow ein solches Phänomen. Man sieht, unter zaristischen Bedingungen gab es das auch schon:

Worin bestehen die Hauptzüge eines lakaienhaften Charakters?

In der völligen Trägheit, einer Folge von Apathie gegenüber allem, was auf der Welt geschieht. Die Ursache für die Apathie wiederum liegt teils in der äußeren Lage, teils aber auch in der Art seiner geistigen und moralischen Entwicklung. Seiner äußeren Position nach ist er ein Gutsherr… Von klein auf ist er gewohnt, ein Faulenzerleben zu führen, weil er Leute genug hat, die ihm aufwarten und für ihn arbeiten. Das macht ihn oft selbst gegen seinen Willen zum Nichtstuer und Sybariten [1]. Wirklich, was kann man von einem Menschen verlangen, der unter solchen Bedingungen aufgewachsen ist?

Die bürgerliche Erziehung zum Lakaien

Eine solche Erziehung ist in unserer guten Gesellschaft durchaus nichts Ungewöhnliches oder Absonderliches… Natürlich nicht überall zieht ein Sacharka [2] dem jungen Herrn die Strümpfe an usw. … Der junge Herr kann sich womöglich auch selbst anziehen; aber er weiß, daß dies für ihn eine Art Amüsement oder Zerstreuung ist, daß er aber dazu eigentlich nicht verpflichtet sei. Denn er braucht überhaupt nichts selbst zu tun. Wozu soll er sich anstrengen? Gibt es etwa nicht genug Leute, die ihm aufwarten und für ihn tun, was er braucht? … Deswegen wird er sich nicht mit Arbeit abplacken, was man ihm von der Notwendigkeit und Heiligkeit der Arbeit auch erzählen mag. Von Kind an sieht er im Elternhaus, daß alle häusliche Arbeit von Lakaien und Dienstmädchen besorgt wird und das Papachen und Mamachen nur Anordnungen geben und schimpfen, wenn etwas schlecht ausgeführt wird. So bildet sich bei ihm schon der erste Begriff: es ist ehrenvoller, mit den Hände im Schoß dazusitzen, als sich mit einer Arbeit abzurackern … In dieser Richtung geht dann die ganze weitere Entwicklung.

Von der Unterwürfigkeit zum Hochmut ist es nur ein kleiner Schritt

Alles das hätte die Grundlage für einen sanften, stillen, aber nicht sinnlos faulen Charakter abgeben können. Dabei ist auch die Sanftmut, die in Schüchternheit und Unterwürfigkeit übergeht, beim Menschen durch aus keine natürliche, sondern eine bloß erworbene Erscheinung, genauso wie Unverschämtheit und Hochmut. Der Abstand zwischen diesen beiden Eigenschaften ist durchaus nicht so groß, wie man gewöhnlich annimmt. Niemand kann so ausgemacht hochnäsig sein wie ein Lakai. Niemand geht so grob mit seinen Untergebenen um wie die, die vor ihren Vorgesetzten kriechen. … Wer anders, sollte man denken, hat so viele Voraussetzungen, die Freiheit zu genießen, wie er? Er bekleidet kein Amt, er ist nicht an die Gesellschaft gebunden, er lebt in gesicherten Verhältnissen … Er rühmt sich selbst, daß er es nicht nötig hat, zu scharwenzeln [3], zu betteln, sich zu erniedrigen, daß er nicht ist, wie „die anderen“, die unermüdlich arbeiten, herumlaufen, sich abrackern, und die, wenn sie nicht arbeiten, auch nichts zu essen haben.

Wer kann diesem Zustand der Trägheit überwinden?

Solche Leute … mit einem geschlossenen, tätigen Carakter, bei dem sich jeder Gedanke sofort in Bestrebung verwandelt und in die Tat übergeht, gibt es im Leben unserer Gesellschaft noch nicht (wir meinen die Gesellschaft der Gebildeten, die höherer Bestrebungen fähig sind; in der Masse, bei der die Ideen und Bestrebungen auf wenige sehr nahe liegende Gegenstände beschränkt sind, trifft man solche Menschen auf Schritt und Tritt). … Auftreten müßten ihrer viele, daran ist kein Zweifel, aber augenblicklich gibt es für sie noch keinen Boden.

Quelle:
N.A. Dobroljubow, Was ist Oblomowtum?, in: N.A. Dobroljubow, Ausgewählte philosophische Schriften, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau, 1949, S.226-268. (Ausschnitte; Zwischenüberschriften von mir, N.G.) Zeichnung: Herluf Bidstrup

Erklärungen:
[1] Sybarit: Schlemmer, Schwelger, Weichling (nach den Einwohnern der altgriechischen Kolonialstadt Sybaris im heutigen Italien)
[2] Sacharka: bei Dobroljubow Bezeichnung für einen Diener namens Sachar; Lakai
[3] scharwenzeln: sich schmeichlerisch um jmdn. bemühen, liebedienern (tschech.)

N.A. Dobroljubow (1836-1861)

N.A. Dobroljubow

Wer war Nikolai Alexandrowitsch Dobroljubow?
N.A. Dobroljubow (5.2.1836-29.11.1861) war ein russischer revolutionärer Demokrat, Literaturkritiker und Philosoph; Gegner der zaristischen Selbstherrschaft und der Leibeigenschaft, entwickelte unter dem Einfluß der klassischen deutschen Philosophie, der französischen Aufklärung und des utopischen Sozialismus als Materialist eine vielseitige publizistische Tätigkeit und förderte den kritischen Realismus in der Literatur. Er war ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Befreiung des russischen Volkes durch eine Bauernrevolution.

Dieser Beitrag wurde unter Kapitalistische Wirklichkeit, Marxismus-Leninismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wie die Bourgeoisie sich ihre Lakaien erzieht …

  1. jauhuchanam schreibt:

    Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    … es wird sie zwar nicht wecken, aber herausreden werden sie sich nicht damit können, es nicht gewusst zu haben. Bäää Bäää

  2. jauhuchanam schreibt:

    //“Am furchtbarsten erscheint dieses Dämonische, wenn es in irgendeinem Menschen überwiegend hervortritt. Während meines Lebensganges habe ich mehrere teils in der Nähe, teils in der Ferne beobachten können. Es sind nicht immer die vorzüglichsten Menschen, weder an Geist noch an Talenten,[1] selten sich an Herzensgüte empfehlend; [2] aber eine ungeheuere Kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche Gewalt über alle Geschöpfe, ja sogar über die Elemente, und wer kann sagen, wieweit sich eine solche Wirkung erstrecken wird? [3] Alle vereinten sittliche Kräfte vermögen nichts gegen sie; vergebens, daß der hellere Teil der Menschen sie als Betrogene [4] oder als Betrüger verdächtig machen will, die Masse wird von ihnen angezogen. Selten oder nie finden sich Gleichzeitige ihresgleichen, und sie sind durch nichts zu überwinden, als durch das Universum selbst, mit dem sie den Kampf begonnen; [5] und aus solchen Bemerkungen mag wohl jener sonderbare, aber ungeheure Spruch entstanden sein: nemo contra deum nisi deus ipse. [6] Niemand stellt Gott in Frage außer Gott selbst.
    Johann Wolfgang von Goethe

    [1] ↑ Nicht unbedingt intellektuell veranlagt, dafür aber von starker intuitiver Begabung.
    [2]↑ egozentrisch
    [3]↑ eine Anspielung auf Göttlichkeit
    [4]↑ als Irrende
    [5]↑ titanenhaft
    [6]↑ Der wohl auf Goethe zurück geht. //

    Nemo enim potest personam diu ferre Niemand kann auf Dauer eine Maske tragen.

    Dies veranlasste mich heute zu folgender Überlegung:

    Omnis enim hominem in dubio ponere Deum ipsum abdicat.
    Yo^^ – gleich mal – © Copyright 2014 bis ∞ der männliche Mensch georg löding – angemeldet.

Kommentar verfassen