Anders leben aber wie?

GrundwissenEs ist schon 34 Jahre her, als im Weltkreis Verlag Dortmund ein Buch erschien, das sich mit den Problemen junger Leute befaßte, das versuchte, Antworten zu geben auf Fragen, mit denen sich die Jugend im Kapitalismus tagtäglich herumzuschlagen hatte. Wir lebten damals in der DDR und kannten all diese Probleme nicht. Wir lebten im Sozialismus, wir hatten eine gesicherte Existenz. Arbeitslosigkeit war ein Fremdwort für uns, und keiner – ja nicht ein einziger von uns! – mußte sich Sorgen machen um seine Zukunft. Kaum hatten junge Leute in unserem Land eine abgeschlossene Berufsausbildung, kaum waren sie fertig mit dem Studium, kam der Wunsch, eine eigene Familie zu gründen, Kinder zu haben und auf eigenen Füßen zu stehen. Kein Problem! Für junge Ehepaare gab es einen zinslosen Ehekredit in Höhe von 7.000 Mark, der den Start ins Eheleben erleichterte. Die Monatsrate betrug anfangs 53 Mark. Bereits nach dem ersten Kind wurden 1.000 Mark des Kredits erlassen, und die Rate betrug nun noch 45 Mark monatlich. Unvorstellbar heute!

Nun leben wir, die das Glück hatten, die DDR noch zu erleben und in ihr aufgewachsen zu sein, seit nunmehr über 20 Jahren unter diesem brutalen kapitalistischen Ausbeutersystem, in einem Staat der Großkonzerne, der Arbeitslosigkeit und der Kinderarmut. Wir leben in einer arbeiterfeindlichen Umwelt! Schon vor 100 Jahren hatten die Arbeiter unter einem solchen Staat zu leiden. Deutschland ist ein imperialistischer Staat. Er steht in der Tradition eines Staates, der im vergangenen Jahrhundert schon zweimal einen Weltkrieg vom Zaune brach, der sich an Kriegen in aller Welt beteiligt und der heute das faschistische Regime in der Ukraine unterstützt. Es ist ein Staat, in dem die Arbeiter ausgebeutet werden, ein Staat, der damit die Grundlagen schafft für den unermeßlichen Reichtum von einigen wenigen Kapitalisten, Aktionären und Großgrundbesitzern. Von Lebensqualität kann bei der Mehrheit der deutschen Bevölkerung heute kaum noch die Rede sein, weil jeder verdiente Euro gerade reicht, um Rechnungen zu begleichen und um den Lebensstandard einigermaßen aufrechterhalten zu können. Die anhaltende Kinderarmut von 20 Prozent ist nur ein Ausdruck dieses Systems. Wir lesen nun, als sei es heute erst geschrieben worden:

Die Herrschenden in unserem Land können auf die Fragen der Jugend keine überzeugenden Antworten geben. Sie wollen, daß wir resignieren, an der Unveränderlichkeit ihrer Macht verzweifeln, uns anpassen, so denken, wie es ihnen nützt. Was sie tun, tun sie zu unserem Nachteil. Was sie versprechen, brechen sie. Was sie wirklich wollen, versuchen sie zu verschleiern. Was sie vorschlagen, ist überlebt, unehrlich und grundfalsch. Solche Antworten gibt uns das große Kapital: Keine Lehrstelle, keine Arbeit gefunden? – Pech, persönliche Unfähigkeit –, verlorene Generation! Hochfliegende Pläne, große Hoffnungen? Man muß sich einrichten und anpassen an das Machbare! Keinen auf der Strecke lassen, füreinander einstehen? – Dein Mitschüler ist dein Konkurrent! Hunderte warten auf deinen Arbeitsplatz, gebrauche die Ellbogen! Nur wenige können es schaffen: du oder er!

… man rennt gegen Mauern!

Jeder von uns hat seine eigenen Erfahrungen mit diesem System gesammelt. Man blitzt ab, rennt gegen Mauern. Soll Wünsche begraben, klein beigeben, wird ungerecht behandelt. Da ärgert man sich zuerst über den Chef, einen Bürokraten auf dem Arbeitsamt. Dann stinkt einem, daß keiner was tut oder man abgespeist wird. Vom Vertrauen „Die machen das schon“ kommt man zu dem Gefühl „Da haut was nicht hin“. Das sind die Erfahrungen von Hunderttausenden Jugendlichen. Ihre Probleme sind nicht gelöst, ihre Wünsche werden nicht berücksichtigt. Sie werden überfahren, eingepreßt in das Bestehende. Sie sind als Nummer verplant. Achselzucken, sauer sein, meckern, in sich hineinfressen, auf den Putz hauen, nicht mehr mitmachen wollen, aussteigen, ausklinken, protestieren wollen, auch mit dem Wahlschein. Was ganz anderes, was Eigenes machen wollen – so reagieren Jugendliche. Es sind ihre persönlichen Probleme und individuellen Erfahrungen …

Suche nach Alternativen

Trotz wachsender Distanz, trotz zunehmender Parteien- und Staatsverdrossenheit gibt immer noch die Mehrheit der jungen Wähler den im Bundestag vertretenen Parteien ihre Stimmen. Auch wenn sie in vielen Fragen der Politik nicht mehr mit ihnen übereinstimmen. Aus dem Wahlverhalten junger Menschen darf aber nicht automatisch auf Anpassung, reaktionäre Position oder fehlende Protestbereitschaft geschlossen werden. Viele, die heute noch den etablierten Parteien ihre Stimme geben, gehen morgen aus aktuellen Anlässen gegen die Politik dieser Parteien auf die Straße. Aber ihnen wird in Schulen und durch die Massenmedien eingetrichtert: Demokratie – das ist die Wahl einer der etablierten Parteien. Dieses Gefangensein im Gefüge der bürgerlichen Parteienlandschaft und antikommunistische Vorbehalte hindern sie, ihren politischen Forderungen auch mit dem Stimmzettel Geltung zu verschaffen. Aber: Ein wachsender Teil junger Menschen hat bei verschiedenen Wahlen nicht mehr etablierten Parteien seine Stimme gegeben.

… den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen?

Viele Jugendliche, die sich in Bürgerbewegungen und -initiativen engagieren, suchen nach Alternativen, die dieser Form des politischen Protestes und Engagements am nächsten liegen und für sie deshalb am leichtesten zugänglich sind vor allem an Fragen des Umweltschutzes und des Kampfes gegen Atomkraftwerke interessiert, an den Forderung Gleichberechtigung der Frau und an Bewegungen, die sich auf konkrete, eingrenzbare Ziele richten. Diese Bewegungen vereinen Menschen unterschiedlicher Weltanschauung, Partei- und Organisationszugehörigkeit, sozialer Herkunft und Lebensweise. Sie sind für viele Jugendliche. die die Notwendigkeit politischer Organisationen für sich nicht erkennen und sogar Angst davor haben, durch feste Organisationen vereinnahmt zu werden, die erste Stufe gemeinsamen Handeins. Solche Jugendliche haben das Bedürfnis, bürgerlichen Parteien einen Denkzettel zu verpassen, ohne daß sie bereits ein umfassendes politisches Programm mit gesellschaftsverändernden Zielvorstellungen vertreten oder annehmen wollen. …

Wie wollen wir leben?

Für welche Werte lohnt sich’s zu leben und kämpfen? … Heuchlerisch empören sich die Herrschenden über die Jugend und bezichtigen sie der Unmoral. Sie sagen: „Haste was – biste was! Arm und Reich hat es schon immer gegeben, das muß so bleiben!“ Nach diesem Maßstab soll bürgerliche Moral Persönlichkeiten und Verhaltensweisen prägen. Junge Menschen fühlen die Eiseskälte und die doppelte Moral der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Das stößt sie ab. Sie träumen davon, sich gemeinsam eine Insel zu suchen, um dort „besser, freier, ehrlicher und menschlicher“ miteinander zu leben. Wer kennt ihn nicht, diesen Traum. Der Wunsch nach einer solchen Insel begegnet uns in vielen Formen. Warum wird er gerade heute bei vielen Jugendlichen so brennend? Warum werden zwischenmenschliche Beziehungen, Moralvorstellungen. die Fragen nach dem Sinn und Inhalt des Lebens so dringlich und oft schon mit verzweifeltem Ernst unter Jugendlichen diskutiert? …

Unter den Bedingungen der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus werden bürgerliche Werte durchschaubarer. Für mehr Jugendliche wird sichtbar, daß sie doppelbödig sind, weil sie alles Große, Erstrebenswerte nur versprechen, während es ihr oberstes Ziel ist, die Menschen und vor allem die Arbeiter an dieses System zu ketten. Jugendliche, die nach Idealen suchen, stößt ab, daß nicht der Mensch zählt, sondern sein Bankkonto. Zählen soll aber, wie einer arbeitet und lernt, wie er sich zu seinen Kollegen verhält, in seiner Familie, zu seinem Partner. Wofür leben? Was kann man anpacken, was hat Hand und Fuß? Was macht einen an, füllt einen aus? Sind eigene Ideale bei der Jugend heute überhaupt gefragt? „Ideale müssen sein, uns macht fertig, daß es keine Ideale gibt“, sagt ein junger Arbeiter in einer Fernsehdiskussion. …

Wie ist das mit Freiheit und Menschenwürde?

Ganz obenan steht dabei der Wunsch nach Freiheit und Menschenwürde, die Ablehnung von Unterdrückung und Ungerechtigkeiten. Je stärker der Kapitalismus in unserem Land Freiheit und Menschenwürde einengt, um so mehr gerät er in Widerspruch zu diesem Wunsch der Jugend. Aber viele Jugendliche verstehen unter Freiheit: Wenn man tun und lassen kann, was man möchte. sich leisten kann, was man sich wünscht. Wo bleiben Freiheit und Würde, wenn man demütigenden Befragungs- und Bespitzelungsprozeduren ausgesetzt ist? Wie verletzend ist der Platz auf der Wartebank des Arbeitsamtes sind Bittschreiben und Bittgänge um einen Arbeitsplatz? Wie entwürdigend ist der Gang zu Ämtern und Ärzten, die Fahrten ins Ausland für eine Frau, die eine Schwangerschaft abbrechen will? Welche Erniedrigungen stecken in den Lehrlingsschindereien, in den Versuchen. Gehorsam und Unterwürfigkeit von Jugendlichen zu erzwingen?

Ein erkämpftes Recht macht den Kapitalismus nicht menschlicher

Die Geschichte der organisierten deutschen Arbeiterjugendbewegung hat 1904 ihren Anfang genommen mit dem Selbstmord eines von seinem Meister brutal mißhandelten Lehrlings. Die Empörung über diese Lehrlingsschinderei hat Jugendliche dazu gebracht, sich zusammenzuschließen. Vieles hat sich seither geändert. Forderungen wurden durchgesetzt und Rechte erkämpft. Aber kein erkämpftes Recht macht den Kapitalismus menschlich: Arbeitslose begehen Selbstmord aus Verzweiflung, Lehrlinge aus Angst vor Schikane im Betrieb. Aus Angst vor schlechten Noten, aus Angst um ihre Zukunft gehen Schüler in den Tod. Jugendliche werden in Alkohol oder Drogen getrieben. Hunderttausende wohnen in Obdachlosenasylen und leben in Armut. Freiheit und Menschenwürde sind keine abstrakten Werte für Sonntagsreden. Wir messen sie an Arbeits- und Lebensbedingungen, an unseren Rechten und den Beziehungen der Menschen untereinander.

Was zählt beim Menschen im Kapitalismus?

Wieviel Geld er hat! Wie er aussieht, welches Auto er fährt, welche reise er sich leisten kann, aus welcher Familie er kommt. Die Werbung baut Konsumwelten auf, die Beziehungen der Menschen zueinander verarmen. Obwohl immer mehr Jugendliche ihr Leben nicht mehr nach diesen verlogenen Maßstäben ausrichten wollen, beziehen sie daraus doch vielfach ihre Vorstellungen von Freiheit. ..

Was bedeutet eigentlich Freiheit?

Unter politisch interessierten Jugendlichen wird die Diskussion um Freiheit und Menschenwürde engagiert geführt. … Junge Sozialdemokraten, Liberale und andere halten unserer Auffassung von Freiheit die Meinung entgegen: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Was steckt dahinter? In erster Linie der Wunsch nach mehr Freiheit in unserem Land und auch Unverständnis und Ablehnung gegenüber der marxistischen Klassenposition zu Freiheit. Überall in der Welt aber machen diejenigen, die für freiheit und Menschenwürde kämpfen, eine gemeinsame Erfahrung: Die unbeschränkte Freiheit der Großkonzerne und Monopole setzt die Grenzen für das Freiheitsstreben des Volkes.

Die Arbeiterbewegung ist eine Geschichte des Kampfes für Freiheit

Karl Marx und August Bebel wurden wegen ihres Kampfes für die Organisationsfreiheit, für Presse-, Versammlungs- und Wahlfreiheit aus Deutschland vertrieben. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg eingekerkert und ermordet, weil sie gegen Militarismus und Krieg eintraten. Ernst Thälmann wurde als Symbol des Kampfes gegen Faschismus ermordet. Wo die Arbeiterklasse herrscht, herrscht Freiheit. Wer Fortschritt und Gerechtigkeit will, muß gegen Ausbeutung und Unterdrückung kämpfen. Wer Freiheit und Menschenwürde will, muß die Macht derjenigen einschränken und überwinden, die sie verhindern. Ausbeutung und Unterdrückung haben die Namen von Ausbeutern und Unterdrückern: Können wir uns zu ihren Fürsprechern machen? Kann es uns um die Freiheit von Kriegstreibern, Rassisten, Völkermördern gehen? Können wir denen nachlaufen, die die Freiheit wieder wehrlos machen wollen, dort wo sie schon erkämpft ist? Freiheit ist kein neutraler Begriff. Wer Freiheit will und für Freiheit kämpft, muß fragen: Wofür, für wen, wem nützt sie?

Was brauchen wir, um wirklich frei zu sein?

Kann man frei handeln, wenn man ausgebeutet wird? Nein, man muß die Ausbeutung beseitigen. Kann man sich frei entfalten, wenn andere das Sagen haben? Nein, wir müssen bestimmen, planen und leiten können. Kann man frei entscheiden, wenn man zu wenig Wissen hat und die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich Gesellschaft und Natur entwickeln, nicht kennt? Nein, brauchen mehr Wissen, Kenntnisse und Bildung. Alles Fortschrittliche, was die Menschheit hervorgebracht hat, wollen wir uns aneignen – nur dann können wirklich frei handeln. Frei von Ausbeutung, frei im Entscheiden, frei im Handeln, frei in der Entfaltung der Persönlichkeit. Freiheit unter diesen Bedingungen – das ist der Sozialismus.

Quelle:
Grundwissen für junge Sozialisten, Weltkreis-Verlag Dortmund, 1980, S.389-398 (Auszüge; Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Die Alternative:

Leben in der DDR – Lebensweise und Familie
Ein Tag im Leben der DDR
Gab es einen Sozialismus in der DDR?

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2 Antworten zu Anders leben aber wie?

  1. Petra Reichel schreibt:

    Das hier ist alles wichtig und richtig. Doch leider sieht die Mehrheit die DDR negativ. Insbesondere in den alten Bundesländern. Das blockiert das Nachdenken über Alternativen zum derzeitigen kapitalistischen System.

  2. sascha313 schreibt:

    Danke, Petra, das regt mich an, noch mehr über die DDR – über meine DDR – zu schreiben! Ich weiß das. In die gleiche Richtung ging 1933 die Nazi-Ausstellung „Das Sowjetparadies“ – und läuft ähnlich auch heute die Faschisten-Ausstellung in der Ukraine „Die Russen“: Es wird blinder Haß geschürt, der auf Unkenntnis beruht…

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