Hermann Kant und die DDR-Literatur

Als ob wir es nicht längst schon gewußt hätten: die DDR-Literatur und einer ihrer Hauptakteure, die selbige und mit ihr zugleich unsere Wirklichkeit mitgestaltet haben, wurde von den heutigen Herrschern, der Bourgeoisie und ihren arroganten, selbstherrlichen Lakaien, eingemottet auf Nimmerwiedersehen. Keiner versteht mehr, oder will mehr verstehen, was diese Wirklichkeit uns bedeutete, die wir damit aufwuchsen, mitgestalteten und auflebten nach der Nacht des Krieges und des Faschismus in Deutschland. Und keiner glaubt mehr, daß es angesichts des allgemeinen Wohlfühl-Gefühls, welches über die wahrlich brennenden Probleme unserer Zeit, die faschistischen Grausamkeiten in der Ukraine, in Syrien und anderswo gewischt wird, jemals mehr zu einer Änderung dieser so unerträglich gewordenen Gesellschaft kommen werde. Nicht einmal das Papstwort erscheint glaubhaft, der dies auch ausspricht. Man lebt vor sich hin, erträgt, erduldet und vergißt. Hermann Kant wurde 88. Ihm sei dieses Gedenken gewidmet … und der Ruf: Wir werden es nie vergessen, was du uns gegeben hast! Die Aula, das Impressum, der Aufenthalt, Eine Übertretung … und eines Tages wird ein neues Impressum erscheinen, eine neue Wirklichkeit, ein neuer Sozialismus. Und wir werden sie wieder hervorholen, die Aula, und alle die anderen uns so wertvollen Dinge, die schon einmal eine neue Zeit ankündigten: die Zeit des Aufbruchs aus der Unterdrückung der einfachen Menschen, des Ausbruchs der Arbeiterklasse aus der Ausbeutung, und eine Zeit der Expropriation der Expropriateure (Marx).
Alles Gute, lieber Hermann Kant, zu deinem Geburtstag!

Am Schreibtisch
Der Schriftsteller Hermann Kant

Die DDR war ein Leseland allererster Güte. Nicht nur, daß Klassiker der Weltliteratur (von Mark Twain bis Tucholsky, von Flaubert bis Fadejew, Ostrowski, Goethe und Brecht) in der DDR schon Pflichtlektüre eines jeden Schulkindes zu sein pflegten – Bücher also, die man in manchem westlichen Bücherschrank vergeblich sucht … wenn es da neben Perry Rhodan oder Konsalik überhaupt etwas Lesbares gibt. Auch die neueren DDR-Schriftsteller konnten, soweit die Papierknappheit es zuließ, mit größeren Auflagen rechnen. Und ihr Beruf ließ sie nicht gerade am Hungertuch nagen. Das heißt, sie konnten nicht schlecht davon leben.

Doch hin und wieder gab es auch mal Auseinandersetzungen mit solchen Schriftstellern, die einen anderen, sagen wir mal, einen etwas schrägen Begriff von schriftstellerischer Freiheit hatten. Nämlich den, daß sie glaubten, ihre Kritik an der Regierung ihres Landes – des Landes also, in dem sie lebten – vermittels westlicher, also bekanntlich gegnerischer Medien kundtun zu müssen. Ihnen hielt Hermann Kant gelegentlich entgegen: „Als ob es nicht seit langem bekannt wäre, daß ein Manuskript auf dem Wege von Ost nach West Veredelung erfährt, wenn vom ihm und seinem Autor Systemkritisches zu vermuten steht…“ [1]

Kant hatte die Eigenheit, die Dinge beim Namen zu nennen, und was noch wesentlicher war, er fand auch die treffenden Worte: „Wer seine Post über westliche Agenturen zustellt, kann nicht erwarten, daß der Adressat sie ohne allen Argwohn liest – den Argwohn etwa, es gehe den Schreibern gar nicht um das Gespräch mit ihm, sondern eher schon darum, sich wieder einmal ins Gespräch zu bringen.“ [2] Und er nannte auch die Namen der betreffenden Autoren. Es sind Leute, denen erst die bürgerliche Verwertungsgesellschaft zu einigem zweifelhaften Ruhm verhalf, weil sie eben weniger aus literarischen, so doch aus politischen Gründen gegen die DDR brauchbar waren. Man muß deren Namen nicht kennen. Dennoch schrieb Kant: „Weil wir gerade bei Kennern sind: Herr Kunze – ich denke, man wird sich noch erinnern – hat unlängst der Vermutung Ausdruck verliehen, unserer Literatur bleibe nur ein schrecklicher Rückschritt übrig. Was immer damit gemeint sein mag – Herr Kunze ist insofern ein glücklicher Mensch, als er, sollte er jemals noch einer Bewegung fähig sein, ausschließlich Fortschritte machen könnte. Wenn die Darmstädter Akademie ihren Literaturpreis auf den Kunze bringt, muß sie selber sehen, wie sie damit zurechtkommt, und … aber lassen wir das, kommt Zeit, vergeht Unrat, und schließlich sind Fehlgriffe bei Preisverleihungen kein Darmstädter Privileg.“ [3] (auch den kann man getrost vergessen!)

Und schließlich schrieb Hermann Kant über die sozialistische Gesellschaft, also über diese DDR, in der wir damals lebten:

… klar ist auch, daß wir uns von unseren gemeinsamen politischen Gegnern nicht verleiten lassen werden, einen übergroßen Teil unserer Zeit und unserer Energien auf die Entzerrung ihrer Darstellungen und die Widerlegung ihrer Lügen zu wenden.

Der Sozialismus als Bewegung und Ordnung kann sich vor jedermann auf seine Humanität befragen lassen; in ihm erst ist Menschlichkeit nicht mehr allein angewiesen auf den Mut oder Edelmut Einzelner oder niedergehaltener Minderheiten, in ihm erst ist Menschlichkeit gesellschaftliches Prinzip. Erst wo der Mensch nicht mehr ausgebeutet wird durch seinesgleichen, ist umgreifende Menschlichkeit möglich.

Erst, mit den bekannten Worten, erst wo die Äcker denen gehören, die sie bebauen, und die Fabriken denen, die sie erbauten, und die Maschinen denen, die sie bedienen – erst dort kann Menschlichkeit ganz zu Hause sein. Menschlichkeit ist erst, wenn weder Geldbeutel noch Hautfarbe darüber entscheiden, ob einer satt und gesund und mit Wissen ausgestattet und von Furcht befreit und mit sinnvoller Arbeit versehen und in Frieden leben kann.

Der Sozialismus, wie er von Marx und Lenin aus den Zuständen der bisherigen Welt gefolgert und als künftiger Weltzustand entworfen wurde, ist die wahrhaft humanistische Bewegung gegen den Terror, der Hunger heißt oder Rassismus, Unwissenheit oder Kolonialismus, Massenelend oder Völkerhaß.

Sozialismus also ist die humanistische Antwort auf alle bisherige Unmenschlichkeit, und da höre man doch besser auf, uns, die wir in unseren Staaten, über den bloßen Traum und das nur gedachte Wort und den blutigen Kampf längst hinaus, mit dem Aufbau und Ausbau eines wirklichen, konkreten, wirksamen, realen, anfaßbaren, praktischen Sozialismus beschäftigt sind – da höre man doch auf, uns in unsere Arbeit hineinzureden, uns Freunde zuzuordnen, die wir nicht wollen, und uns Feinde zu melden, die wir gar nicht haben, und vor allem höre man auf, uns die Nöte der Kunst in der alten Gesellschaft als die Tugend der Kunst in der neuen, der unsrigen, vorzuführen.

Auch reicht es uns langsam an Freiheitsrufen, Brüderlichkeitsgesten und Gleichheitszeichen, denn als Sozialisten und Kommunisten sind wir Teilnehmer an der gründlichsten, energischsten und auch erfolgreichsten Freiheitsbewegung der Geschichte, und da unsere Arbeit mitgedacht und mitgetan wird für die Unterdrückten in aller Welt, haben wir eine über jede Phrase erhabene Vorstellung von Brüderlichkeit; und in Gleichheit und Gemeinsamkeit kann uns nur holen, wer den gleichen Zorn wie wir empfindet gegenüber Ausbeutung und Unterdrückung und doch ähnliche Freude über die Siege der Unterdrückten und Ausgebeuteten.

Wir wissen schon sehr gut: So einfach, wie diese Formeln klingen, liegen die Dinge nicht allzuoft; und angenehmer ist es auch, Streit nicht zu haben und freundlich zu sein mit beinahe allen und guten Willen zu vermuten bei fast jedem Gegenüber.

Doch vorerst und wohl auf länger noch ist es nun einmal so, daß unsere Haltungen, unsere Worte, unsere Bücher als Teile der Klassen-auseinandersetzungen wirken, verstanden werden und auch gemeint sein sollten. [4]

Quelle:
[1] Hermann Kant, Zu den Unterlagen, Publizistik1957-1980, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1980, S.237
[2] ebd. S.238
[3] ebd. S.227
[4] ebd. S.196f.

Siehe auch folgenden Beitrag:
Hermann Kant – Die Aula
Schulbücher in der BRD und in der DDR

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10 Antworten zu Hermann Kant und die DDR-Literatur

  1. Nadja schreibt:

    Hallo Genosse Norbert,
    Über Hermann KANT äußerte ich mich schon mal in „Sascha’s Welt“ in Juni 2011. Meine Meinung und Abneigung sind unverändert. Den Kant kannst Du behalten (Lach)
    Freundschaft,
    Nadja

  2. sascha313 schreibt:

    ..ist ja nicht so schlimm 🙂

  3. Einar Schlereth schreibt:

    Prima, Sascha, den Geburtstagswünschen für Hermann Kant schließe ich mich gerne an. Ihn habe ich schon in den 60-er Jahren gerne gelesen.

  4. sascha313 schreibt:

    Danke Einar, … „Die Aula“ war mein Lieblingsbuch 🙂

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