Über die Einfalt und geistige Leere der Literatur

Johannes R. Becher (22.5.1891-11.10.1958)

Johannes R. Becher (22.5.1891-11.10.1958)

Im Jahre 1926 schrieb der Dichter Johannes R. Becher schon einmal darüber, mit welcher Falschheit, mit welcher Standpunktlosigkeit und Seichtigkeit die Literatur ihre Leser zu beglücken versucht, Bestsellermarken zu erreichen, Umsätze zu generieren. Eine Wegwerf-Lektüre, beliebig, unterhaltsam, und doch wertlos – nicht anders als die täglich die Briefkästen verstopfenden Werbeprospekte beliebiger Handelsketten und Einkaufsparadiese. Erstaunlich, wie aktuell dies dem erscheint, der besseres gewohnt war – Literatur nämlich, die beispielhaft mitgestaltet, die überzeugt und bildet. Hätten wir nicht Besseres verdient, als diesen geistigen Müll? Johannes R. Becher schrieb:

Der „tote Punkt“

Die heutige Situation der deutschen Literatur ist dadurch gekennzeichnet, daß sie weder inhaltlich noch formell Probleme zu stellen vermag, geschweige denn, daß sie an der ernsthaften und verantwortlichen Lösung von Problemen mitarbeitet und teilhat. Die deutsche Dichtung hat in der Praxis längst auf den Anspruch verzichtet, auf dem Gebiete der Ideologie mitführend und mitbestimmend zu sein.

… an der Wirklichkeit vorbei

Eines der auffallendsten Merkmale der heutigen Dichtung ist ihre „Unwissenschaftlichkeit“, eine Verachtung des Wissens, was immer mit dem vollständigen Verfall einer Kunstrichtung identisch ist. Wüstester Egoismus auf der einen, steriles Kraftprotzentum auf der anderen Seite; was haben sie auch mit Wahrheit, die immer „entwickeltes Wissen“ ist, zu tun? Man ist gezwungen, um sich nicht selbst zu vernichten, sich krampfhaft vor der Wahrheit zu verschließen.

Welchen Wert hat Literatur?

Wir fragen: stellt die bürgerliche Literatur von heute Probleme, die wirklich Welt- und Zeitprobleme sind und für die man sich ernsthaft interessieren kann; schafft sie Formen, an die eine Zukunft anknüpfen kann; formuliert sie etwa exakt den bürgerlichen Verfall, führt sie weiter oder ergänzt sie wesentlich die Werke der großen Formulierer des bürgerlichen Verfalls, wie er in einem gewaltigen Aufwurf schon vor Jahrzehnten von einem Zola, Flaubert, Dostojewski gestaltet wurde!? Die Antwort lautet auf jeden Fall: Nein. …

Beliebigkeit und Plattheit

„Jeden Standpunkt zu Wort kommen lassen!“ Ein derartiger Standpunkt der Standpunktlosigkeit ist das Programm der besten literarischen Revuen der Gegenwart (zum Beispiel der „Literarischen Welt“). Ein interessanter, mit allerlei amüsantem Klatsch zubereiteter Mischmasch, in dem jeder Ansatz von Ernst mit wahren Orgien von Plattheit, frivolstem Zynismus, hohlster Pathetik kombiniert wird; das nennt sich (und kann sich mit Recht nennen) eine repräsentative Vertretung der deutschen Literatur.

Wer gab den Auftrag dazu?

Auch das Gefährlichste wird in solch einer Gesellschaft bei der üblichen Aufmachung gefällig. (Nicht sprechen wollen wir von der Kritik, die schon ganz offen auf Korruption, das heißt auf eine sogenannte „Inseratenkritik“, hinausläuft.) Diese Literaten sind bestenfalls noch Arrangeure, geistige Schaufensterdekorateure. Die Welt ist ihnen ein Potpourri, ein sensationelles Ragout von Dingen, Menschen und Meinungen, zu weiter nichts da, als einem ein wenig die eigene Langeweile, Gehirnöde und Herzensarmut zu vertreiben. Zu feige, das offen auszusprechen, wird diese Tatsache dekorativ umschrieben.

Wozu einen Standpunkt haben, wer weich gebettet ist?

Unsere Aufgabe aber ist es, das offen auszusprechen, was unausgesprochen in den Äußerungen dieser Literaturcliquen enthalten liegt. Daß es „auch“ eine Aufgabe des Menschen ist, die Welt zu verändern, das Leben des Menschen bewußt zu gestalten – ach, das hat man längst vergessen oder mit ein paar billigen Witzen als „Pubertätsromantik“ über Bord geworfen. Man nimmt, „reif“ und „vernünftig“ geworden, nur mehr flüchtig Notiz von der Welt, nicht einmal Kenntnis, oh, das wäre ja schon zu anstrengend und zuviel und lohnte sich nicht. Man wird abgefunden und findet sich damit ab. Stellung nehmen!? Wozu? Einen Standpunkt haben? Vollendeter Blödsinn … Denn ihre Welt ist ein „Weiches, in das sich jeder Standpunkt eindrückt“.

Ob sie auch glauben, was sie schreiben?

Es ist eine Tatsache, daß es auch heute noch eine kleine Minderheit bürgerlicher Schriftsteller gibt, die nur sehr widerwillig und voll tiefen Ekels und Abscheus in diese geschäftstüchtigen Kreise mit einbezogen werden. Eine Gruppe von ihnen hat erst neulich gegen den inhaltsleeren Salonbetrieb der Veranstaltungen des PEN-Clubs, einer internationalen bürgerlichen Schriftstellervereinigung, protestiert. Viel Schmerz, Enttäuschung und Empörung wird von diesen Menschen hinuntergewürgt, die Schritt um Schritt sich selbst aufzugeben gezwungen werden und die, um nur notdürftig vegetieren zu können, ein Ideal um das andere sich abhandeln lassen müssen. Glauben sie wirklich noch an den Tag der „Rache“, an die Zeit, wo es von Grund auf anders wird!?

Den „toten Punkt“ überwinden, wenn man ändern will

Mancher von ihnen befindet sich heute in einer Situation, die man den „toten Punkt“ nennen kann. Ihr Motor läuft Leerlauf. Sie haben sich, durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen getrieben, von der revolutionären Welle der Ereignisse getragen, aus der bürgerlichen Gesellschaft herausgewagt. Sie sind diesen Schritt aber nicht zu Ende gegangen, der, bei konsequenter Verfolgung des Wegs, in die Reihen des Proletariats münden müßte. So stecken die Lebendigsten und Besten von ihnen, fest eingerammt, In einer Atmosphäre, die weder ein „Vorwärts“ noch ein „Zurück“ kennt. Man kann bei einigen beinahe bis auf das Werk genau den Punkt fixieren, wo der Durchbruch durch die „Schranke“ hätte erfolgen müssen und nicht erfolgt ist.

Das Wesentlichste und Wichtigste unserer Zeit

Bei Georg Kaiser zum Beispiel „Gas“, bei Leonhard Frank „Der Mensch ist gut“. Alle Werke, die dahinter liegen, bedeuten gegenüber der in diesen Werken errungenen Position ein langsames, unaufhaltsames Zurückweichen, einen Rückzug unter bestimmten sprachlichen Formen und Manövern, ein Unsicherwerden und Tasten in der Problemstellung, die Akzente verschieben sich das was ihnen einst das Wesentlichste und Wichtigste war: die soziale Revolution, löst sich als Hintergrund, als Beiwerk, als Episode auf. Und das Resultat ist ein unentschiedenes „Zwischen-den-Klassen-Hängenbleiben“, ein „Weder-Noch“. Diese Atmosphäre hat die ihr eigene Sprache. Albert Ehrenstein, einer der begabtesten Dichter dieser Art, hat in der Lyrik diesem Zwischenzustand den vollendetsten Ausdruck verliehen.

Für eine lebendige Zukunft!

Eine Hoffnungslosigkeit und Apathie, Müdigkeit, ein Zynismus und Sarkasmus, die einer tiefen Einsicht in die Abgrundlosigkeit und Sinnlosigkeit des eigenen Daseins entspringen. Ungelöst unlösbar – ein monoton leiernder Rhythmus – kreist der Widerspruch. Aussichtslos, ausweglos. Die „Schranke“ ist zu einer Mauer, zu einem Gebirgsmassiv geworden, das dem Auge den Blick in jede lebendigere Zukunft entzieht. Sie sind trunken aus Schwermut und Verzweiflung. Sie schaffen unter einem Druck der aus ihrem Blut noch einen Rest letzten Blühens hervorpreßt. Ihre Schöpfungen sind wohl Blüten, aber „Blüten an einem tauben Ast“.

Die Lehren unserer großen Meister Marx, Rosa Luxemburg, Lenin haben die Stellung der bürgerlichen Literatur in ihrer ganzen Tiefe und Breite längst sturmreif gemacht. Im Sturm der revolutionären Entwicklung wird auch der „tote Punkt“, die Dichtung und die Philosophie, die sich darauf aufbaut, überwunden, im selben Maß, wie im Feuer der Klassenschlacht die bürgerliche Gesellschaft selbst aus den Fugen geht.

„Die Rote Fahne“, 28. August 1926, Nr. 189.

Aus: Johannes R. Becher, Von der Größe unserer Literatur, Leipzig 1971
Wirklichkeitsbesessene Dichtung (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

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6 Antworten zu Über die Einfalt und geistige Leere der Literatur

  1. Nadja schreibt:

    Danke sehr Genosse Norbert,
    Dieser J.R. Becher-Aufsatz ist etwas deftiges!
    Aus dem Sammelband „BECHER ein Lesebuch für unsere Zeit“ empfehle ich „ Die sozialistische Kultur und ihre nationale Bedeutung“ (1958).
    Freundschaft,
    Nadja

  2. Harry 56 schreibt:

    Ja, da bleibt einem einfach nur die Spucke weg!
    1926 geschrieben, und heute noch so aktuell und richtig wie damals.
    Der Imperialismus als „verfaulender Kapitalismus“ (Lenin), diese Fäulnis macht natürlich auch nicht vor der Kunst, dem Film oder eben der Literatur halt.
    Was wollen Leute, bürgerliche. Intellektuelle auch sagen, filmen, schreiben, für welche es kein „Jenseits“ für diese verfaulende faulig-stinkende bürgerliche Ordnung gibt?
    Guter Text, gehörte eigentlich in jede Schule ab einer gewissen Stufe.

  3. sascha313 schreibt:

    Ja, Du hast recht, Harry. Heute ist alles oberflächlicher geworden. Die inneren Zusammenhänge, ihre Dialektik, die Gesetzmäßigkeiten, werden kaum noch beachtet. Hat man die Verpackung einmal aufgerissen, erkennt man erst den Schwindel: nur die Hälfte drin, und manchmal sogar das falsche…

  4. Vorfinder schreibt:

    AUF ANDERE ART SO GROSSE HOFFUNG, Tagebuch 1950 von Johannes R. Becher. Hatte es gestern wieder zur Hand und lese:

    „Die ganze unmenschliche Umwelt hat sich gegen das Aufständische im Menschen verschworen. Der aufständische Mensch begegnet einer Totalität des Unmenschlichen, und das Unmenschliche schlägt, indem es den Namen des Ewig-Menschlichen oder der göttlichen Ordnung mißbraucht, auf den in Aufruhr geratenen Menschen zurück, mit Drohungen und Verlockungen ihn überhäufend, bis er wieder in den gewohnten Verhältnissen unterkriecht. Trostmittel aller Art und für jedermanns Geschmack hält die Unmenschlichkeit bereit, um den Menschen mit den entmenschlichten Verhältnissen sich abfinden zu lassen, und um die Sehnsucht nach Übereinkunft mit der Welt und den Willen zur Übereinstimmung mit sich selbst innerhalb erlaubter Grenzen niederzuhalten.“
    (S. 217, Aufbau-Verlag Berlin, 1951)

    Lassen wir uns von den Moden der Imperialisten und Gangarten des daraus kriechenden Barbarischen nicht täuschen, bis der Menschenfeind nicht zerschmettert, nicht gänzlich besiegt ist, haben die Menschen keine Rettung.

    Aber es schaudert schon, wie viele Menschen sich, bei allem Lauf der Geschichte, noch immer mit „Trostmittel“ übertölpeln lassen. Lehrmittel haben wir reichlich, es ist auch nicht verkehrt uns untereinander zu erinnern. Die Aufgabe, die unerlässlich zu lösen ist, steht jedoch unverändert, wir müssen die Masse ihren Mördern entreißen. Wenn man Bechers Aufzeichnungen von 1950 liest, sieht man, es war erkannt. Und doch stehen wir nun heute wieder am Rande der Barbarei.

    Aber denkt eine Vielzahl von Menschen nicht erst an Rettung (Sozialismus), wenn ihnen eben die Barbarei droht?

  5. sascha313 schreibt:

    Ja – „um die Sehnsucht … niederzuhalten.“ Was anderes, als die Ablenkung steht da bereit? Wann tritt da eine Sättigung ein? Wann haben die irregleiteten Massen diese Verarsche satt? Und diese „Trostmittel“ von Party über Volksfest, Castingshow und Superstar bis hin zum Fußballwahn, werden nicht einmal als solche empfunden. Sie werden den Massen von den verruchten Predigern als „Freiheit“ verkauft, während selbige schon die Bomben schärfen, um anderen Völkern in aller Welt ihre noch vorhandene wahre Freiheit zu rauben. Und sagt man, dies sei schlecht, so hört man von Idioten: Ja, aber die DDR war auch nicht besser! Zum Teufel, ihr Dummköpfe! Wann werdet ihr endlich erkennen, daß man den Kapitalismus abschaffen muß, um etwas besseres zu haben? Und daß wir mit der DDR schon mal was besseres hatten?

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