Wo ist die Arbeiterklasse?

Arbeiterklasse
Da haben die Arbeiter wieder einmal lächerliche zwei Prozent mehr Lohn erkämpft? Doch was ist das schon? Es wird heute so oft davon gesprochen, daß es keine Arbeiterklasse mehr gäbe und daß die Partei der Kommunisten versagt habe, daß Marx sich schließlich doch geirrt habe und daß der Kapitalismus doch die effizientere Gesellschaft sei usw. usf. Nicht nur, daß wir dieses Geschwätz schon nicht mehr hören können – es ist einfach falsch und mutet an, wie das laute Pfeifen im finsteren Wald, um die existentielle Unsicherheit und die Angst vor Veränderungen zu vertreiben. Der bürgerliche Staat greift nun schon zu den extremsten Mitteln, um seine Herrschaft zu verewigen: Lüge, Betrug, Meinungsmanipulation, Abhörskandale unter „Verbündeten“, er schreckt vor nichts zurück: nicht vor Massenmord, nicht vor Gewalt und nicht vor Faschismus. Was ist das nur für eine Gesellschaft, die solches nötig hat, um überleben zu können? Nun wissen wir allerdings, daß der Marxismus nicht die Erfindung eines einsamen, bartwüchsigen Eremiten ist, sondern eine wissenschaftliche Weltanschauung, eine praktische Anleitung zum Handeln, um die Welt zum Nutzen aller Menschen (und nicht nur einiger privilegierter!) zu verändern. Also fragen wir: Wo ist nun die Arbeiterklasse, und welche Rolle spielt sie heute?

Die Bestimmung der weltgeschichtlichen Rolle der Arbeiter­klasse als des Schöpfers der neuen, sozialistischen Ordnung ist, wie Lenin hervorhebt, das Wichtigste in der Marxschen Lehre. Mit der Begründung der historischen Mission der Arbeiterklasse bewiesen die Klassiker des Marxismus, daß der Sozialismus keine Utopie, kein Hirngespinst von Träumern ist, sondern Endziel und notwendiges Resultat der Entwicklung der Produktivkräfte in der kapitalistischen Gesellschaft.

Das Proletariat – eine hilflose Klasse?

Wenn der Marxismus-Leninismus lehrt, daß die Arbeiter­klasse zum revolutionären Schöpfer der neuen Gesellschaft wird, so geschieht das nicht aus irgendwelchen subjektiven Wünschen oder weil die Proletarier für besondere Menschen gehalten werden. Im Unterschied zu den utopischen Sozia­listen, die auch die Vernichtung der kapitalistischen und die Errichtung einer besseren Ordnung anstrebten, die aber im Proletariat nur eine leidende, hilflose Klasse sahen und darum die Reichen von der Unsittlichkeit der Ausbeutung zu überzeugen suchten, wiesen Marx und Engels wissenschaft­lich nach, daß das Proletariat jene gesellschaftliche Kraft ist, die infolge ihrer ökonomischen und sozialen Stellung in der kapitalistischen Gesellschaft dazu berufen ist, durch ihren Kampf den Kapitalismus zu beseitigen und damit zu­ gleich sich selbst und alle Werktätigen zu befreien und ihre unmenschliche Lage aufzuheben. Marx und Engels schrieben in ihrer Arbeit „Die heilige Familie“: „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eignen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet.“ [1]

Warum ist die Arbeiterklasse die revolutionärste Klasse?

Die Arbeiterklasse ist also auf Grund ihrer Klassenlage und der sich daraus ergebenden Klassenziele objektiv die revolutionärste gesellschaftliche Klasse und darum zum Führer des Volkes im Kampf um die Beseitigung des Kapitalismus und für den Aufbau des Sozialismus berufen. Engels schrieb darüber: „… die geschichtliche Leitung (ist) übergegangen … auf das Proletariat, eine Klasse, die sich nach ihrer ganzen Gesellschaftslage nur dadurch befreien kann, daß sie alle Klassenherrschaft, alle Knechtschaft und alle Ausbeutung überhaupt beseitigt; … um einen Zustand herzustellen, der jedem Gesellschaftsmitglied die Teilnahme nicht nur an der Erzeugung, sondern auch an der Verteilung und Verwaltung der gesellschaftlichen Reichtümer ermöglicht und durch planmäßigen Betrieb der gesamten Produktion die gesellschaftlichen Produktivkräfte und deren Erträge derart steigert, daß die Befriedigung aller rationellen Bedürfnisse einem jeden in stets wachsendem Maße gesichert bleibt.“ [2]

Wodurch ist die Lage der Arbeiter im Kapitalismus bestimmt?

Jegliche gesellschaftliche Produktion ist dadurch gekenn­zeichnet, daß im Produktionsprozeß die Produktionsbedin­gungen (Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstände) mit den Produzenten verbunden werden müssen. Die Art und Weise dieser Verbindung charakterisiert das Wesen der jeweiligen Gesellschaftsordnung. Im Kapitalismus befinden sich die Produktionsbedingungen (die wichtigsten und entscheidenden Produktionsmittel) in den Händen der Klasse der Kapitalisten. Die Arbeiterklasse dagegen ist im Kapitalismus vom Besitz an Produktionsmitteln ausgeschlossen. Um leben zu können, ist sie daher gezwungen, ihre Arbeitskraft als Ware an die Besitzer der Fabriken, des Bodens und der übrigen Arbeitsmittel zu verkaufen. „Die Klasse der gänzlich Besitzlosen, welche darauf angewiesen sind, den Bourgeois ihre Arbeit zu verkaufen, um dafür die zu ihrem Unterhalt nötigen Lebensmittel zu erhalten … heißt die Klasse der Proletarier oder das Proletariat.“ [3]

Wie funktioniert eigentlich die Ausbeutung?

Für seine Arbeitskraft, die der Proletarier dem Kapitalisten verkauft, erhält er einen Arbeitslohn. Dieser erscheint dem Arbeiter aber so, als wäre er der Preis für seine geleistete Arbeit, als ein Quantum Geld für ein Quantum Arbeit. Da die Arbeiter erkennen, daß sie, die den Reichtum der Gesellschaft schaffen, nicht in den Genuß dieses Reichtums kommen, daß im Gegensatz zu ihnen die Fabrikbesitzer, die nicht zu arbeiten brauchen und dazu noch verschwenderisch leben, immer reicher werden, kämpfen sie für höhere Löhne. Aber dieser Kampf allein reicht nicht aus, ihre Lage tatsächlich zu verbessern. Denn solange der Kapitalismus nicht angetastet wird, bleibt die Ausbeutung bestehen. Die Kapitalisten gebrauchen zudem ihre Macht dazu, erkämpfte Lohnerhöhungen mit verschiedensten Maßnahmen wieder zunichte zu machen. Die Erfahrungen lehren die Arbeiter auch mehr und mehr, daß die „Wohlstandsversprechungen“ imperialistischer Regierungen, das Gerede rechter sozialdemokratischer Führer über „Förderung sozialer Gerechtigkeit“, von „Chancengleichheit“ nur wohlklingende Phrasen sind, die dazu dienen, sie von ihrem gerechten Kampf gegen ihren Todfeind, die Bourgeoisie, abzuhalten. Diesem Ziel der Bourgeoisie, die kapitalistische Gesellschaftsordnung vor dem revolutionären Klassenkampf des Proletariats abzuschirmen, den Kapitalismus am Leben zu erhalten, widmen sich rechte sozialdemokratische Führer. Dies widerspiegelt sich deutlich im Godesberger Programm der SPD. In ihm wird der Schutz und die Förderung des kapitalistischen Privateigentums gefordert, jenes Eigentums, das die Ursache der Ausbeutung des Proletariats ist.

Warum ist das kapitalistische Eigentum die Ursache der Ausbeutung?

Der Kapitalist, im Besitz der Produktionsmittel, kauft sich, um sie in Gang zu setzen, die Arbeitskraft des Arbeiters. Hiermit nimmt der Kapitalist einen für ihn selbst äußerst nutzvollen Kauf vor. Wir wissen, daß jeder in der Regel nur dann eine Ware kauft, wenn sie für ihn einen Gebrauchswert besitzt. Wie Karl Marx nachwies, besitzt die Arbeitskraft für den Kapitalisten, die er wie eine Ware dem Arbeiter abkauft, einen ganz besonderen Gebrauchswert. Sie besitzt für ihn den spezifischen Gebrauchswert, Quelle von Mehrwert zu sein, das heißt, sie erzeugt mehr Wert, als sie selbst hat. Dies erklärt sich daraus, daß durch die Anwendung der Arbeitskraft im kapitalistischen Produktionsprozeß ein Neuwert geschaffen wird, der größer ist als der Wert der Ware Arbeitskraft, der sich im Arbeitslohn ausdrückt.

Was ist die Arbeitskraft heute wirklich wert?

Der Wert der Ware Arbeitskraft wird bestimmt durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die aufgewandt werden muß, damit der Arbeiter die nnanziellen Mittel erhält, die er für sich und auch für seine Familie Zum Leben notwendig braucht. Dazu benötigt er aber nicht die gesamte Arbeitszeit, die er beim Kapitalisten arbeitet. Das heißt, er arbeitet einen Teil des Tages unentgeltlim für den Kapitalisten. In seinem Vorwort Zur englismen Ausgabe der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ schrieb Engels hierüber: „Der Lohnarbeiter verkauft dem Kapitalisten seine Arbeitskraft für eine gewisse tägliche Summe. Nach der Arbeit weniger Stunden hat er den Wert jener Summe reproduziert. Aber sein Arbeitsvertrag lautet dahin, daß er nun noch eine weitere Reihe von Stunden fortschanzen muß, um seinen Arbeitstag voll Zu machen. Der Wert nun, den er in diesen zusätzlichen Stunden der Mehrarbeit produziert, ist Mehrwert, der dem Kapitalisten nichts kostet, trotzdem aber in seine Tasche fließt.“ [4]

Woher kommt eigentlich der ganze Reichtum der Bourgeoisie?

Diese Mehrarbeit der Arbeitskraft bezeichnete Karl Marx als Gratisarbeit, für die der Kapitalist kein Äquivalent zahlt und die für ihn Mehrwert bildet. Der Mehrwert ist also nichts anderes als die unbezahlte Arbeit des Lohnarbeiters, die sich der Kapitalist aneignet. Der Arbeiter ist ökonomisch gezwungen, unbezahlte Arbeit für den Kapitalisten zu leisten. Solange kapitalistisches Eigentum an den Produktionsmitteln existiert, muß der Proletarier seine Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufen, um leben zu können. Dadurch verliert er zugleich jeden Ansprum auf den Ertrag seiner Arbeit. Seine Arbeitsergebnisse sind Eigentum des Kapitalisten. Der Kapitalist verkauft die vom Arbeiter produzierten Waren und realisiert im Preis der Waren seinen Profit. So ist der Mehrwert die Quelle des Profits, die Quelle des Einkommens und des Reichtums der Kapitalistenklasse. [5]

Was ist die Ursache der kapitalistischen Geldgier?

Mit der Lehre vom Mehrwert, dem Grundpfeiler seiner ökonomiscben Theorie, wies Karl Marx nach, daß die Produktion von Mehrwert der spezifische Zweck und das einzige Ziel der kapitalistischen Produktion ist; denn Mehrwert bildet „in letzter Instanz die Wertsumme … aus der sich die stets wachsende Kapitalmasse in den Händen der besitzenden Klassen anhäuft.“ [6]. Das kapitalistische Privateigentum an Produktionsmitteln ist somit die sozialökonomische Grundlage der immer stärkeren Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten. Die Erzielung von Mehrwert, von Profit für den Kapitalisten, ist das ökonomische Grundgesetz der kapitalistischen Produktionsweise. Daher nimmt im Kapitalismus, in den kapitalistischen Betrieben jede Vereinigung von Produktionsmitteln und Arbeitskraft den Charakter eines antagonistischen Klassenverhältnisses an: Auf der einen Seite der Klassenbarriere steht als Eigentümer der wichtigsten Produktionsmittel die Kapitalistenklasse, eine Klasse von Nichtproduzenten und Ausbeutern. Auf der anderen Seite steht die Arbeiterklasse, die als Schöpfer des wesentlichen Reichtums der kapitalistischen Gesellschaft vom Besitz an Produktionsmitteln und von der Verfügungsgewalt über sie ausgeschlossen ist. Sie ist gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen und sich ausbeuten zu lassen. Dieser unversöhnliche Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Bourgeoisie und Proletariat, besteht so lange, wie das kapitalistische Eigentum an Produktionsmitteln existiert. Jede „Klassenharmonie“ oder „Sozialpartnerschaft“ zwischen ihnen ist daher objektiv ausgeschlossen.

Im Interesse immer höherer Profite sind die Kapitalisten bestrebt, immer mehr unbezahlte Arbeit der Arbeiter in ihre Verfügungsgewalt zu bekommen. Mit dieser unbezahlten Arbeit vergrößern sie ihr Kapital, um sich noch mehr unbezahlte Arbeit aneignen und noch größere Profite machen zu können. Auf diese Weise stellt der kapitalistische Reproduktionsprozeß die Trennung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsbedingungen des Arbeiters auf immer höherer Stufe wieder her und vertieft damit den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ständig weiter.

Quelle:
I.Grasemann/F.Matho (Leiter des Autorenkollektivs): Politisches Grundwissen, Dietz Verlag Berlin, 1972, S.57-61.

Zitate:
[1] Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: Marx/Engels: Werke Bd.2, S.38.
[2] Friedrich Engels: Karl Marx. In: Marx/Engels: Werke, Bd.19, S.104.
[3] Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus. In: Marx/Engels: Werke, Bd.4, S.365.
[4] Friedrich Engels: Vorwort [zur englischen Ausgabe (1892) der „Lage der arbeitenden Klasse in England“]. In: Marx/Engels: Werke, Bd.22, S.267.
[5] Siehe W.I. Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. In: Werke, Bd.19, S.6.
[6] Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. In: Marx/Engels: Werle, Bd.19, S.209.

Anmerkung: Und um die eingangs gestellte Frage noch einmal klar zu beantworten: Die Arbeiterklasse, das sind alle diejenigen Lohn- oder Gehaltsempfänger, die in den Diensten kapitalistischer Unternehmer arbeiten, ob in der Industrie, im Verkehrswesen, in kommunalen Ämtern oder Verwaltungen, ob im Handel oder im Handwerk. Egal ob als Mechaniker, als Vertreter oder als Lehrer. Ausgebeutet und unterdrückt werden sie überall. Das Klassenbewußtsein ist allerdings noch längst nicht überall vorhanden, selbst wenn die allgemeine Unzufriedenheit groß ist. Erst wenn der gemeinsame Widerstand, der Kampf gegen die Herrschaft der Bourgeoisie beginnt, wenn aus dem ökonomischen Kampf ein politischer wird, dann entwickelt sich zunehmend auch das proletarische Bewußtsein. Erst dann begreift das Proletariat, daß seine Stärke im gemeinsamen Kampf liegt. Dazu bedarf es der Führung durch eine kommunistische Partei. Und erst dann verspricht dieser Kampf auch, ein erfolgreicher Kampf zu werden! Der Sozialismus siegt!

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Eine Antwort zu Wo ist die Arbeiterklasse?

  1. In der Versenkung verschwunden und anderweitig beschäftigt.

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