Strelkow – Heldenkult im Donbass

Der Heldenkult im Donbass

Von Iwan Bortnik

Posted on 08.07.2014 http://zabolshevizm.wordpress.com/2014/07/08/post1905/

Übersetzung: Florian Geißler

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Immer wieder lese ich im Internet das Geschwafel über Kurginjan, der ständig den „Helden von Slawjansk Strelkow“ rühmt. Und sowohl die „Linken“ als auch die „Rechten“ singen ein Hosianna auf die gewaltigen Verdienste ihres „Helden“. Sie heben ihn auf den Sockel und drapieren ihn mit einer Toga – ein Reiterdenkmal, das den Weg in die Zukunft weist. Wenn ich dann aber sehe, wie sich gewisse Leute zu gewissen „Helden“ verhalten (egal, wie ich selber darüber denke), so habe ich den Eindruck, daß diese Leute einen Dummkopf verehren.

Erstens, weil nicht so sehr die persönlichen Qualitäten jemanden zu einem Helden machen, sondern vielmehr die Umstände und die Umgebung. Kutusow [1], beispielsweise, war an und für sich kein überragender Heerführer. Wer Bücher über den Krieg von 1812 liest, wird feststellen, daß alle Entscheidungen Kutusows, die einen wesentlichen Einfluß auf die Strategie des Feldzuges hatten, in den Stäben der Armee gereift sind und ausformuliert wurden, bei den unterstellten Kommandeuren einer Division natürlich eine viel geringere Unterstützung fanden, dennoch aber keineswegs neu waren. Barclay de Tolle bekam für die Durchführung der gleichen Entscheidungen, wie er sie in seinem Portefeuille trug, eine wesentlich geringere Zustimmung in der Armee, und deshalb gingen sie mit so viel Getöse durch und wurden mit um so weniger Enthusiasmus erfüllt. Kutusow haben seine Untergebenen zu einem großen Heerführer gemacht – ihm war eine ganze Plejade von glänzenden Generälen unterstellt, die die ihnen übertragenen Vollmachten initiativreich umsetzen. Selbst Barclay hatte als Oberbefehlshaber einfach kein Glück gehabt, ebenso wenig wie die Marschälle Stalins ihr Glück bis Ende 1941 verschieben mußten – sie handelten unter so ungünstigen Bedingungen, daß sie tatsächlich nichts entscheiden konnten. Und niemand hätte in einer solchen Situation der systematischen Unordnung der Fronten ohne Initiative etwas entscheiden können. Hätte man am 22. Juni 1941 an die Stelle Pawlows Shukow eingesetzt, dann würden wir den General Shukow größtenteils als „Opfer der Stalinschen Repressalien“ gekannt haben. Und für mich ist es immer verwunderlich, wieso die Historiker Marschall Budjonny tadeln, als er an der Kaukasischen Front zurückwich. Aber die Dichte der Truppen war dort so gering, daß ich nicht überzeugt bin, ob Watutin oder Rokossowski es dort geschafft hätten, selbst wenn sie nicht so weit zurückgewichen wären.

Außer der Propaganda und seiner eigenen, überaus aktiven PR-Auftritte, hat vor allem die Aktivität seines Kontingents Strelkow zu Beginn der Erorberung Slawjansks zum „Helden“ gemacht, aufgrund der dort festgenommen „Soldaten des Erfolgs“ aus der Menge der faschisierenden Waräger. Dort hatten sich Menschen zusammengefunden, mit denen man gerne kämpfen wollte, im Unterschied zu den übrigen, welche sich  „Selbstverteidigunngskräfte“ nannten, die sich auf die örtlichen Kommandeure verließen. Wobei es sich die lokalen Kräfte hundertmal überlegten, bevor sie zu Hause eine Schießerei anfingen. Das Rezept dieses „Heroismus“ ist einfach: Wo einer fremd ist, da erscheint er auch als großer „Held“.

Zweitens ist Heroismus unter bestimmten Umständen keineswegs auch unter anderen Umständen garantiert. Der Held der Sowjetunion, Marinesko, der beim Untergang der  „Gustlow“, beneidenswerten Mut und Risiko bewiesen hatte, erwies sich im normalen Leben als banaler Alkoholiker und Raufbold. Es hatte sich herausgestellt, daß er weder für den friedlichen Dienst, noch für die Kaderausbildung taugte. Die Versuche, ihm gegenüber in den Jahren der „Perestrojka“ nachgiebig zu sein, haben schon sehr verwundert. Sind es wirklich so wenige – selbst bei Helden der Sowjetunion –, die das was sie im Kriege geleistet haben, auch unter anderen Umständen leisten?! Die Helden des Bürgerkrieges, die sich in den 1930er Jahren bewährt hatten, und die eine militärische Organisation zu führen hatten, wurden als ungebildete Kommandeure völlig unbegabt in den politischen Kampf geworfen, wo sie von persönlichen Sympathien und Antipathien ausgingen – auch das ist ein Beispiel. Ja, sogar im Bürgerkrieg wurden die „Helden“ erschossen, welche nicht genügend loyal waren – selbst ein Mironow [2] …

Wo ist die Garantie, daß der „Held“ Strelkow sich nicht plötzlich als ein Feigling erweist und seine Leute verrät? Woher soll das kommen? Vielleicht kann man auch aus seiner Krankengeschichte den Schluß ziehen, daß er ein so hartnäckiger Fanatiker des russischen Faschismus ist, daß er buchstäblich seinen Kopf hinhält. Wie werden diejenigen, die ihn heute loben, danach den Menschen in die Augen schauen?

Drittens: Victor Hugo hat zu seiner Zeit eine großartige Formulierung des Heroismus gefunden. Er sagte: „Man kann kein Held sein, wenn man gegen das eigene Volk vorgeht.“ Wenn man diesen Gedanken von der rhetorischen Schlacke der Großen Französischen Revolution befreit, so sah Hugo in dieser qualitativen Komponente des Heroismus das Ziel des Heldentums. Je nachdem, welche Ziele gestellt werden, ist das Handeln entweder Heroismus oder ein Verbrechen. Oder, was noch schlimmer ist – eine Idiotie (wenn die erklärten Ziele nicht erreicht werden).

Das Ziel von Girkin-Strelkow war: a) den kleinen Krieg in der Ukraine zu lösen; b) die Russische Föderation in in diesen Krieg hineinzuziehen und c) ein Stück des Gebietes für die Russische Föderation abzutrennen.

Dieser Ziele sind äußerst bürgerliche Ziele, da man die Übertragung des Eigentums von einer Jurisdiktion in eine andere mit einer Umverteilung unter Oligarchen keinesfalls ein proletarisches Ziel nennen kann. Mit anderen Worten, Girkin handelt hier gegen die Interessen der werktätigen Mehrheit der Russischen Föderation und der Ukraine insgesamt, und gegen den Donbass im Besonderen. Was ist er also für ein Held? Vor allem, weil er keines seiner Ziele erreicht hat und nicht erreichen konnte, wegen seiner geplatzen Rechnung auf einen Einmarsch der Truppen der Russischen Föderation. Was ist er also für ein Held?!

Ein Idiot – ja. Ein Verbrecher – ja.

P.S. Besonders verwundert, wenn die Mitglieder RKRP-RPK für den Strelkow-Kult sind, weil er „gegen Kurginjan“ spricht. Was der „Held“ Strelkow mit den Mitgliedern RKRP-RPK machen würde, wenn er an die Macht kommen sollte, das verheimlicht er im allgemeinen. Koltschak verhielte sich im Vergleich zu Strelkow wie ein artiges Kind….

Iwan Bortnik

[1] Michail Illarionowitsch Kutusow-Smolenski, Generalfeldmarschall der russischen Armee. Kutusow gilt in Rußland als Held des Vaterländischen Krieges gegen Napoleon Bonaparte.
[2] Filipp Kusmitsch Mironow, 1872–1921, Kommandeur des 32. Donkosakenregiments und baute später an der Südfront ein Expeditionskorps aus Kosaken auf. Held des Bürgerkriegs in Sowjetrußland.

(mit freundlicher Genehmigung übernommen von Kommunisten-online)

Siehe auch:
Lehren aus dem „Aufstand im Donbass“

Dieser Beitrag wurde unter Arbeiterklasse, Kapitalistische Wirklichkeit, Ukraine, Verbrechen des Kapitalismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Strelkow – Heldenkult im Donbass

  1. Pingback: Die Lehren aus dem „Aufstand im Donbass“ | Sascha's Welt

  2. „Vor allem, weil er keines seiner Ziele erreicht hat und nicht erreichen konnte, wegen seiner geplatzen Rechnung auf einen Einmarsch der Truppen der Russischen Föderation. Was ist er also für ein Held?!“
    Nun, der Krieg ist weder zu Ende noch entschieden.
    Ich kann nur vermuten, als das Deutsche Reich die Sowjetunion überfiel, daß Stalin ähnliche Vorwürfe gemacht wurden: „Ziele nicht erreicht“, „geplatzte Rechnung“ (überhaupt was für ein Verb im Zusammenhang mit diesem Krieg im Donbas).

    „Das Ziel von Girkin-Strelkow war: a) den kleinen Krieg in der Ukraine zu lösen; b) die Russische Föderation in in diesen Krieg hineinzuziehen und c) ein Stück des Gebietes für die Russische Föderation abzutrennen.“

    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dem Autor offenbar entgangen ist, daß ein Putsch in Kiew stattgefunden hat und eine Junta Gewalt ausübt, die von Anfang an mit dem Ziel angetreten ist, den Donbas ethnisch von russisch-sprechenden Menschen zu säubern, weil diese Menschen den Interessen des Regimes in Kiew zuwider laufen.

    Er verkennt auch vollkommen die Geo-Strategischen Ziele der USA. Doch nicht so ein unbedeutender Mensch wie Strelkow will Russland in einen Krieg hineinziehen (es mag ja sein, dass er davon träumt, aber gut, ich kenne den Menschen nicht und weiß daher nichts von seinen Phantasien) – die USA als imperiales System will den Krieg mit Russland, niemand sonst.
    Dafür braucht die USA die Ukraine, weil die Ukraine das einzige Territorium ist, von dem überhaupt ein Krieg gegen Russland geführt werden kann.

    Also macht die USA es wie immer: Umsturz und Einsetzung eines Marionetten-Regimes. Aufrüstung. „Provokation“ durch Todes-Schwadrone – also Terror gegen Zivilisten, Säuberung des Widerstandes durch sogenannte Regierungstruppen, die verlieren müssen, damit Washington den Vorwand hat, „Freunden“ beistehen zu können. Solche Ereignisse plant Washington Jahrzehnte im Voraus – das kommt doch nicht über Nacht oder wie die Jungfrau zum Kind.

    Statt darüber zu spekulieren, welche kleinlichen Ziele ein Mensch wie Strelkow haben könnte, sollten sich Leute wie Iwan Bortnik besser mal von ihrem ideologischen Tunnelblick verabschieden. Aber vermutlich sind er und seinesgleichen in ihrer theoretischen Besserwisserei vollauf damit beschäftigt „die Haare in der Suppe“ gegen jedweden Widerstand, der sich gegen das US-Imperium erhebt „zu finden“. Selbst klein an Kraft und groß an Schwäche, aber den Schnabel weit aufmachen. Und wann haben sie auch nur einen „Oligarchen“ gestürzt? (Ah, ich verstehe: durch Wegschauen und Nichts-Tun und Haare in der Suppe finden: „so handelt man im Interesse der werktätigen Mehrheit der Russischen Föderation und der Ukraine insgesamt, und für den Donbass im Besonderen.“)

    • sascha313 schreibt:

      Ja, juchaunam, die Kritik ist berechtigt. Allerdings ist die Sache noch komplizierter, als sie sich hier darstellt. Dieser Girkin ist tatsächlich ein Anhänger des Zaren mit Verbindungen zu den Auslandsrussen, die weit in ihrer monarchistischen Vergangenheit leben und extrem kommunistenfeindlich eingestellt sind. Die enge Verbindung dieser Kreise zu den Nazikollaborateuren während der deutschen Besatzungszeit ist kein Geheimnis. Nicht zuletzt hat man auch deshalb Girkin mit dem weißgardistischen Nikolai-Orden ausgezeichnet!! Daher ist der Artikel von Bortnik zwar etwas einseitig, aber er sucht hier bei weitem nicht nur das „Haar in der Suppe“.

      • (Du kannst durchaus „Georg“ zu mir sagen.)

        Mit deinem Kommentar sagst du doch dann aber, dass Girkin „nationalistischer“ Gesinnung ist, die in motiviert und sich bei ihm dann wohl aus „religösen“ Gefühlen und Vorstellungen speist. In der Natur der Verquickung dieser beiden Komponenten, gepaart mit einem falschen Geschichtsbild, das weniger auf wissenschaftlichen Fakten, denn auf Spekulationen und Vermutungen beruht, liegt zwar die Wurzel der Kommunisten-Feindlichkeit – eine Dummheit, die auf Ignoranz beruht – aber sie ist zugleich „Trieb“ gegen Nazi-Faschismus.
        Diese oben genannte Gesinnung, weil sie gefühlsmäßig getragen wird und sich kaum rational begründet, ist also vom Wesen her Anti-Nazi-Faschismus – auch wenn es Ähnlichkeiten und Überschneidungen gibt und somit ist sie vielleicht nicht gerade als Anti-Imperialismus zu bezeichnen, aber zumindest ist sie Anti-US-Imperialismus und West-Kapitalismus. Das sollte m. E. nach dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ genutzt werden.

        Ich habe zwar keine Belege dafür, dass diese Kreise eine enge Verbindung zu den Nazikollaborateuren während der deutschen Besatzungszeit hatten, gehe aber davon aus, dass es so etwas rudimentär gegeben hat.

        Der Nazi-Faschismus wird vom Rassismus gespeist. Grundsätzlich ist er anti-national, anti-monarchisch, anti-kirchlich, anti-sozial, anti-religiös – also anti.menschlich – und damit „anti jede andere Ideologie“ (auch den Kapitalismus, den es nur als Mittel zum Zweck benutzt – vor allem aber ist er gegen den Marxismus, der ja den Antirassismus per se und de facto darstellt – wenn der Nazi-Faschismus es auch geschickt versteht mit all diesen nationalen, monarchischen, kirchlichen, sozialen, religiösen und menschlichen Regungen und Gefühlen zu spielen (weil er ja vom Wesen her vollkommen römisch-katholisch ist, hat er vom Vatikan vieles übernommen) und es sogar schafft, als Freund solcher Kreise zu wirken und es dann innerhalb solcher Kreise ausgesprochene Dummköpfe gibt, die sich mit ihm einlassen – meist aufgrund kurzfristiger persönlich Vorteile aus niederen Beweggründen, die immer mit Bestechung einhergeht.

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