Der Nürnberger Prozeß und seine Bedeutung für heute

Nuremberg_1945

Quelle: BI-Universal-Lexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1987, Bd.4, S.93

Quelle: BI-Universal-Lexikon in 5 Bd., VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1987, Bd.4, S.93

Zehn Jahre nach der Urteilsverkündung gegen die Hauptkriegsverbrecher erschien im Verlag Rütten & Loening, Berlin, eine zweibändige Ausgabe mit Protokollen, Dokumenten und Materialien dieser Prozesse, in der alle wesentlichen, für die Zukunft bedeutenden Aspekte dieses bisher einmaligen Verfahrens festgehalten wurden. Noch nie zuvor war durch ein internationales Gericht der Völker ein ganzer Staat verurteilt und das Handeln dessen Führer bestraft worden. Die vollstreckten Todesurteile gegen einige der Hauptverantwortlichen an diesem Völkermord in Europa waren exemplarisch. Und angesichts des auch heute wieder in verschiedenen Ländern herrschenden Faschismus sind die damaligen Feststellungen leider wieder sehr aktuell. In seinem ausführlichen Vorwort, wovon wir hier aus Platzgründen nur die ersten Seiten wiedergeben können, schreibt der Rechtswissenscahftler Prof. Dr. Steiniger folgendes:

Am 1. Oktober 1946 endete der vor dem Internationalen Militär-Tribunal in Nürnberg geführte Prozeß gegen Göring, Heß, Ribbentrop, Ley, Keitel, Kaltenbrunner, Rosenberg, Frank, Fridc, Streicher, Funk, Schacht, Dönitz, Raeder, Schirach, Sauckel, Jodl, Bormann, Papen, Seyss-Inquart, Speer, Neurath und Fritzsche, nachdem sich Hitler, Himmler und Goebbels der Verantwortung für ihre Verbrechen durch Selbstmord entzogen hatten. Göring folgte ihrem Beispiel am Tage nach der Verkündung des Urteils, das auf Tod durch den Strang lautete. Ley sprach bereits im Laufe des fast ein Jahr lang durchgeführten Verfahrens das Todesurteil über sich selbst. Bormann, den das Gericht in Abwesenheit zum Tode durch Erhängen verurteilte, mag den gleichen Weg gegangen sein. Krupp schied von vornherein als lebender Leichnam aus dem Verfahren aus. Der übriggebliebenen Vorhut des Nazistaates, der ihm dienenden deutschen Militaristen, der ihn „rechtfertigenden“ Ideologen und der von ihm profitierenden Wirtschaftsführer sowie der Parteikamarilla machten die Ankläger der vier Staaten, welche die Hauptlast des Befreiungskampfes getragen hatten, der UdSSR, Frankreichs, Englands und der USA, den Prozeß. Er hatte zugleich die Aufgabe, den verbrecherischen Charakter solcher Gruppen und Organisationen zu ermitteln wie der Reichsregierung, des Korps der politischen Leiter der Partei, der SS, des SD, der Gestapo, nicht zuletzt des Generalstabes und des Oberkommandos der Wehrmacht.

Gibt es eine Rechtfertigung für millionenfachen Mord?

Ein Jahrzehnt ist seit der Urteilsverkündung vergangen. Es ist nicht üblich, den Spruch, die Anklage, Protokolle der Beweisaufnahme und andere Materialien eines so weit zurückliegenden Prozesses einer breiten Offentlichkeit zugänglich zu machen. Es wäre wohl auch in diesem Falle unangebracht, fänden sich nicht in einflußreichen Kreisen des Westens immer mehr Stimmen, die sich herausnehmen, diesen Prozeß wider das blutigste Verbrechen der bisherigen Geschichte „moralisch“ zu revidieren, vollzöge sich dieses unglaubliche Vorgehen nicht im Rahmen einer Politik, deren Erfolg ein noch blutigerer Massenmord (der USA-Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki, Anm. N.G.) wäre als der, für den 12 der 24 angeklagten deutschen Hauptkriegsverbrecher den Weg zum Galgen antreten mußten, stünden die heute vorgebrachten Rechtfertigungs- und Entschuldigungsversuche weitgehend unter den gleichen ideologischen Vorzeichen wie einst, entsprächen sie nicht den gleichen ökonomischen Interessen wie das in Nürnberg abgeurteilte Verbrechen und gäbe nicht das westdeutsche Adenauer-Regime mit dem erklärten Einverständnis der amerikanischen NATO-Führung heute erneut den Kommandostab und Waffen, die für den Bestand der Menschheit noch weitaus gefährlicher sind, den gleichen Kräften und teilweise sogar den gleichen massenweise begnadigten und rehabilitierten Menschen [1] in die Hand, deren historische Schuld in Nürnberg und den anderen Prozessen gerichtsnotorisch wurde.

Die Kriegsschuld des deutschen Imperialismus

In einem dieser Verfahren, dem sogenannten Flick-Prozeß, erklärte der amerikanische Hauptankläger Brigadegeneral Telford Taylor, zugleich einer der Mitarbeiter der amerikanischen Anklagebehörde im Hauptkriegsverbrecherprozeß: „Die Diktatur des Dritten Reiches stützte sich auf die unselige Dreieinigkeit des Nationalsozialismus, Militarismus und Wirtschaftsimperialismus.“ [2] Diese in der Nürnberger Praxis gewonnene Erkenntnis eines nach anderen Äußerungen ausgesprochen antikommunistischen Mannes verdient festgehalten zu werden, da sie mit größerer Exaktheit auch von einem Marxisten nicht hätte ausgesprochen werden können, und noch aus einem anderen Grund. Ideologisch nur ein wenig anders drapiert, in eine überaus schlissige pseudodemokratische Toga gehüllt, greifen nämlich heute der gleiche deutsche Militarismus und der internationale Wirtschaftsimperia:lismus – unter den verschärften Bedingungen des Atomzeitalters – wiederum nach dem Frieden der Welt, wobei Deutschland von ihnen als Hauptkriegsschauplatz ausersehen ist.

Westliche Theoretiker versuchen Nürnberg zu revidieren

Der Sinn und die Gefährlichkeit der Revision von „Nürnberg“ sind leicht zu durchschauen. Es ist kein Zufall, daß aggressive amerikanische und englische Ideologen [3] und bestimmte westdeutsche Theoretiker [4] die Führer in diesem Streite sind, was freilich nicht ausschließt, daß auch Verteidiger des französischen Landesverrates der Petain-Laval-Ara [5] der deutschen Revanche-Ideologie abermals Vorschub leisten. Kennzeichnend ist, daß der als Bonner Regierungsjurist bekannte Professor Grewe – unter dem Widerspruch fortschrittlicher westdeutscher Juristen – bereits im Herbst 1946 die Stichworte zu fast allen später gegen die Rechtmäßigkeit des Nürnberger Urteils erhobenen Einwänden ausgab. [6] Diese Sachlage macht bereits die Popularisierung des Prozesses von Nürnberg aktuell, aber nicht sie allein.

Ankläger Jackson: „Tatsachen durch glaubhafte Beweise fundieren“

Die Frage nach dem Sinn einer solchen Veröffentlichung stellen heißt die Frage nach der historischen, und nach der bleibenden Bedeutung des Nürnberger Prozesses selbst stellen. Lassen wir einen durch seine Sachkenntnis legitimierten und durch seine ideologische Position keiner Sympathien für den „Osten“ verdächtigen Mann wie den 1954 verstorbenen amerikanischen Hauptankläger von Nürnberg, Robert H. Jackson, sprechen. Jackson sah theoretisch sehr klar die zwei Hauptaufgaben des Nürnberger Prozesses: die Sicherung der Beweise für das große historische Verbrechen des Nazi-Regimes sowie die Klärung und Fixierung der neugewonnenen Grundsätze des Völkerrechts. Er sagte: „Wir müssen unglaubliche Tatsachen durch glaubhafte Beweise fundieren“ [7] und er erkannte zugleich: „Nürnbergs Wert für die Welt wird weniger davon abhängen, wie treu es die Vergangenheit interpretiert, als wie gewissenhaft es für die Zukunft vorsorgt.“ [8]

Die Verbrechen der Nazis und ihre Bestrafung

Beides: das exakte Ergebnis der Sektion des zusammengebrochenen militaristischen Regimes der nazistischen Monopolherrschaft wie die in aller Zukunft jedem Regime imperialistischer Aggressoren, Kriegs- und Menschlichkeitsverbrecher drohenden Sanktionen des Völkerrechts sollen aus dieser Dokumentation hervortreten. Wir sehen uns dabei nicht nur in Übereinstimmung mit der Theorie und Praxis des Marxismus-Leninismus und der sozialistischen Staaten, sondern z. B. auch mit Äußerungen verantwortlicher Führer der Christenheit.

Nazibonzen  palach_06    Jodl   Ribbentrop
oben: die angeklagten Nazibonzen, Hinrichtung; unten: Jodl, Ribbentrop

Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit

Marx lehrte bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Arbeiterklasse, „die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen.“ [9]. Lenin erklärte im Entwurf des Dekrets über den Frieden,das am 8. November (26.10.) 1911 erging, inbezug auf den ersten Weltkrieg: „Diesen Krieg fortzusetzen, um die Frage zu entscheiden, wie die starken und reichen Nationen die von ihnen annektierten schwachen Völkerschaften unter sich aufteilen sollen, hält die Regierung für das größte Verbrechen an der Menschheit…“ [11] Ende des zweiten Weltkrieges aber stellte der damalige sowjetische Außenminister Molotow auf der ersten Vollsitzung der Pariser Friedenskonferenz am 31. Juli 1946 namens der Sowjetunion fest: „Aggression und Invasion fremder Länder dürfen nicht unbestraft bleiben, wenn man tatsächlich bestrebt ist, neuen Aggressionen und Invasionen vorzubeugen.“ [12]

Das Urteil von Nürnberg ist ein scharfes Richtschwert!

Wider das Recht aber ist nach der Erkenntnis bereits der durch das Fegefeuer des ersten Weltkrieges gegangenen Völker, erst recht nach der Höllenfahrt des zweiten Weltkrieges: der Angriffskrieg. Die Profitgier der großen Monopole und der Blutdurst der Militaristen versuchen heute erneut, ihn herbeizuführen, aber die Kraft der Völker ist unter den Bedingungen unserer Epoche…, stark genug, ihn zu verhindern. Für diesen Kampf gegen Aggression und kalten Krieg, den die Völker aller Erdteile heute führen, ist „Nürnberg“ eine scharfe Waffe. Auch und insbesondere darum ist der Zehnjahrestag der Urteilsverkündung Anlaß genug, diesen Dokumentenband zusammenzustellen und ihm viele nachdenkliche Leser in ganz Deutschland zu wünschen.

auschwitz

Schon die Anstiftung zum Krieg ist ein Verbrechen

Die Versuche, das Nürnberger Urteil gegen die Hauptkriegsverbrecher und ihre Organisationen als einen Bruch des Rechts und damit als einen Akt der Willkür und der Rache hinzustellen, richten sich vor allem gegen die zum ersten Mal praktisch gewordene Aburteilung des Verbrechens gegen den Frieden und der darauf abzielenden Verschwörung an den Überlebenden unter den Ministern, Militärs und Parteiführern des Hitlerstaates. Die Bestrafung der während des Krieges begangenen Verbrechen und der im Zusammenhang mit ihnen begangenen Menschlichkeitsverbrechen stößt auf eine nicht entfernt so heftige prinzipielle Kritik wie die Bestrafung des Verbrechens der Anzettelung des Krieges selbst. Das ist nicht erstaunlich. Denn die über den systematischen Anstiftern neuer Angriffskriege schwebende Drohung, die der Galgen von Nürnberg sehr drastisch zum Ausdruck bringt, kann zwar allein neue Aggressionskomplotte nicht verhindern, lähmt aber doch in bestimmtem Umfang den verbrecherischen Tatendrang derjenigen, die bis zu den Prozessen von Nürnberg und Tokio die von ihnen angezettelten Gemetzel stets überlebt hatten.

… nicht nur die eigentlichen Kriegsverbrechen verfolgen!

Selbst ein so angesehener Völkerrechtler wie der englische Professor Lauterpacht [15], der die Strafbarkeit des Verbrechens gegen den Frieden (und gegen die Menschlichkeit) juristisch bejaht, hält es für angebracht, zugunsten des Nürnberger Urteils gewissermaßen entschuldigend anzuführen, daß nur ein Angeklagter – Heß – allein wegen Verbrechens gegen den Frieden, nur zwei allein wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden, die übrigen, wenn, dann nur im Zusammenhang mit Verbrechen im Kriege, wegen schwerer Verletzungen der althergebrachten Regeln und Bräuche der Kriegführung, und es erscheint ihm notwendig, in diesem Zusammenhang zu erklären, daß „möglicherweise viele, wenn auch nicht alle Kritik am Statut des Internationalen Militär-Tribunals (IMT) von Nürnberg hätte vermieden werden können, wenn man die Verfolgung auf die ‚eigentlichen Kriegsverbrechen‘ beschränkt hätte“.

Die Völker sind aber nicht in erster Linie daran interessiert, daß Kriege anständig, sondern primär daran, daß sie gar nicht geführt werden. Darum war die Bestrafung der Verschwörung gegen den Frieden und der Durchführung des Anschlags auf den Frieden für die Völker von allergrößter prinzipieller Bedeutung, selbst wenn das den Widerspruch der gewerbsmäßigen Kriegsinteressenten hervorrufen mußte und den Theoretikern des Völkerrechts neue, nicht ohne weiteres mit den alten Begriffen zu meisternde Aufgaben stellte.

* * *

Schon kurz nach den Nürnberger Gerichtsurteilen begannen westdeutsche Historiker und Juristen, die sich der Strafverfolgung entzogen hatten oder nicht verurteilt worden waren, mit juristischen Spitzfindigkeiten die Eindeutigkeit der Urteile zu relativieren, die Schärfe der Aussagen zu verwässern, um ihre Schuld (bzw. die ihrer Mittäter) von sich zu weisen, indem sie sich auf den Befehlsnotstand beriefen und damit die Alleinschuld an den Verbrechen den zum Tode Verurteilten in die Schuhe schoben. 

Zweifellos erheben sich eine ganze Reihe rechtstheoretischer Fragen, die man nicht einfach mit dem menschlich gewiß ausreichenden Argument wegfegen sollte: 55 Millionen Tote sind Beweis genug für die Richtigkeit und Gerechtigkeit des Spruches von Nürnberg und Tokio. Wohl aber möchte man manchem, vor allem der westdeutschen Theoretiker vom Schlage Knieriems, der schließIich als Vorstandsmitglied und Chefjurist der IG-Farben und trotz seines Freispruches durch ein amerikanisches Militärgericht wohl nicht nur aus unparteiischem Forscherdrang 1953 seine viele hundert Seiten umfassende Studie über „Nürnberg“ [16] veröffentlichte, ein gewisses Empfinden dafür wünschen, daß ihnen diese 55 Millionen Toten und andere Opfer der Hitleraggression bei ihrem juristisch-theoretischen Hinundherrechnen sozusagen über die Schulter sehen. Manchem bekam eben der zweite Weltkrieg nicht so gut wie den Großaktionären der IG-Farbenindustrie AG.

Sind Soldaten Mörder?

Legen wir uns einmal die einfache Frage vor: Warum wird der Soldat, der – unter Achtung aller Regeln des Kriegsrechtes – einen Feind tötet, nicht wegen Mordes bestraft? Mord wird doch nach dem Strafgesetz aller Staaten mit höchster Strafe bedroht. Warum straft den Soldaten sein eigener Staat nicht (etwa nach dem Sturz der Kriegspartei, die rechtswidrig den Krieg angezettelt hat)? Warum straft ihn nicht der Staat, auf dessen Gebiet oder an dessen Bürgern er diese Tat beging (sobald er seiner habhaft wird, wie im Falle der Kriegsgefangenschaft, der Auslieferung oder unter ähnlichen Umständen)? In keinem Strafgesetzbuch der Welt heißt es etwa: „Der Mord ist strafbar … außer für Soldaten im Krieg.“ Die Antwort ist einfach genug: Weil das Töten durch Soldaten im Krieg völkerrechtlich erlaubt ist, ohne daß dies in den nationalen Strafgesetzbüchern ausdrücklich ausgesprochen zu werden braucht.

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Was besagt das Völkerrecht im Krieg?

Wenn nun aber das Völkerrecht, wie das seit dem Briand-Kellogg-Pakt mit unbestreitbarer internationaler Allgemeinverbindlichkeit der Fall ist, diesen ungeschriebenen Rechtfertigungsgrund einengt durch den einschränkenden Zusatz: außer in Aggressionskriegen, dann soll es für den insoweit eintretenden Wegfall des ungeschriebenen völkerrechtlichen Rechtfertigungsgrundes plötzlich einer ausdrücklichen geschriebenen Verlautbarung des nationalen Gesetzgebers bedürfen? Sowenig je auch ohne ausdrücklichen Hinweis in irgendeinem Strafgesetzbuch die Tötungshandlung eines Soldaten im Kriege gerechtfertigt war, der die Kriegsregeln mißachtete (z. B. wehrlose Zivilisten wahllos niederschoß), sowenig ist es erst recht die Tötungshandlung eines Soldaten im verbrecherischen Aggressionskrieg, wobei selbstverständlich wie bei jeder Straftat das Handeln, um strafbar zu sein, noch schuldhaft sein muß. Ebenso selbstverständlich ist es, daß auch gegenüber dem Soldaten einer Aggressionsarmee die in jedem Krieg anzuwendenden völkerrechtlichen Kriegsregeln gelten, und daß daher sein Gegner ihn nicht – etwa unter Berufung auf die Notwehrlage seiner Person, seines Staates oder dessen Verbündeter – als vogelfrei behandeln darf. Das alle Staaten verbindende Kriegsgewohnheitsrecht gilt in allen internationalen militärischen Auseinandersetzungen, was auch immer ihre Ursache gewesen und ihr Charakter sein mag.

Die Mordschuld trifft die deutschen Faschisten!

Niemand aber kann es mit Aussicht auf Erfolg wagen, angesichts der von den Nürnberger Angeklagten selbst zur Zeit ihrer Macht geschaffenen und von den Anklägern im IMT-Prozeß vorgelegten Beweisen daran zu zweifeln, daß die deutschen Faschisten bewußt und unter zynischer Mißachtung des Völkerrechts den zweiten Weltkrieg ohne Rücksicht auf die allgemeinen und die speziellen völkerrechtlichen Bindungen Deutschlands als Aggressionskrieg planten und führten. Die verantwortlichen Staatsmänner, Parteileiter, Wirtschaftsführer und Militärs wußten, daß das, was sie organisierten, Mord war. Sie sind sowohl nach den Gesetzen ihres eigenen Staates, der selbst in der Nazizeit nie so weit gehen konnte, den allgemeinen Mordparagraphen aufzuheben, wie – bei ausländischem Tatort und Ermordung ausländischer Bürger – nach den Gesetzen dieser Staaten des millionenfachen Mordes in mittelbarer Täterschaft schuldig. Als Organe des völkerrechtlich gebundenen Staates, an den sich die Verbotsnorm wandte, haben sie, unter Mißachtung der insoweit erfolgten Aufhebung des völkerrechtlichen Rechtfertigungsgrundes Krieg, die Bürger ihres Staates, die in der Masse rechtmäßig zu handeln glaubten, objektiv zu Mördern gemacht. Die Mordschuld trifft sie und niemanden sonst.

Quellenangaben:

[1] Vgl. hierzu: Arzinger, Rehabilitierung der faschistischen Kriegsverbrecher – eine Gefahr für den Frieden in Europa (1954).
[2] Flick-Prozeß, Deutsches Protokoll, S. 37 (Privatdruck).
[3] Zum Beispiel: Belgion, Victor’s Justice (1949); Utley, The high Cost of Vengeance (1949); Veale, Advance to Barbarism (1953); Grenfell, Unconditional hatred (1953).
[4] Jescheck, Die Verantwortlichkeit der Staatsorgane nach Völkerrecht (1952); v. Knieriem, Nürnberg (1953). mit einem Vorwort von Prof.Dr.Wahl, Mitglied des Bundestages (CDU).
[5] Bardeche, Nuremberg ou la Terre promise (1948), ferner: Die Politik der Zerstörung (deutsch – 1950).
[6] Grewe und Küster, Nürnberg als Rechtsfrage (1947).
[7] U.S.Dep. of State, International Conference on Military Trials (1949), S.48.
[8] Jackson, Nuremberg in Retrospect: Legal Answer to International Lawlessness, in: 35 A.B.A.J. 813, 886/89 (1949).
[9] A.N.Trainin, The Criminal Responsibility of the Hitlerites (Moskau 1944); Romaschkin, Wojennyje postuplenija imperialisma, Kap.VIII, S.148ff. (russisch-1953); Muszkat, Zum zehnjährigen Bestehen der Nürnberger Grundsätze, in: Neue Justiz (1955), S.611ff. (auch: Energia atomowa a wałka o pokpój i postep, S. 117ff. polnisch-1952); Talalajew, Ein holländischer Jurist über die Prinzipien des Nürnberger Prozesses, in: Sowjetstaat und Sowjetrecht (1955), Nr.3, S.148ff. (russisch).
[10] Marx, Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Werke (1951), Bd.I, S.359.
[11] Lenin, Rede über den Frieden, in: Lenin-Stalin, Das Jahr 1917 (1949), S.693.
[12] Molotow, Fragen der Außenpolitik (1949), S.76.
[13] Papst Pius XII., Adresse an den VI. Internationalen Strafrechtskongreß vom 3.10.1953.
[14] Zitiert nach Tay1or, The Nuremberg Trials, in: Columbia Law Reviews, Bd.55, Nr.4, S.498 (1955).
[15] Oppenheim, International Law, 7.Aufl. (1952, Neudruck 1955), hg. von Lauterpacht, Bd.II, S.257 und S.579, Anm.5.

Quelle des zitierten Buches:
Der Nürnberger Prozeß, Aus den Protokollen, Dokumenten und Materialien des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Ausgewählt und eingeleitet von Prof. Dr. P.A.Steiniger; Rütten & Loening, Berlin, 1957, S.7-11 u. 19-20. (Zwischenüberschriften von mir N.G.)

pdfimages   Die Bedeutung des Nürnberger Prozesses

Siehe auch:
Die Kriegsschuld Deutschlands und die Mitschuld des deutschen Volkes
Der Nürnberger Prozeß: Zitate aus dem Gerichtsverfahren
Der Nürnberger Prozeß: Die Fiktion von einer „sauberen Wehrmacht“
Ungesühnte deutsche Verbrechen: Das Massaker von Distomo/Griechenland
Nürnberger Epilog

Heutige Kriegsverbrechen (USA-gesteuerte Banditen in Syrien, Israelischee Militär in Gaza, faschistische Truppen im Donbass, USA-Truppen in Irak, Libyen…)
USA-Kriegsverbrechen

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4 Antworten zu Der Nürnberger Prozeß und seine Bedeutung für heute

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