Kleines Lexikon: Produktionsweisen

In der DDR war der Unterricht an den Schulen wissenschaftlich, einheitlich und systematisch aufgebaut. Auf den ersten Blick fällt auf, daß die DDR-Lehrbücher für Geschichte heute zu wesentlich höheren Preisen gehandelt werden, als die entsprechenden Schulbücher der BRD. Warum wohl? Man will die westlichen Lügen offenbar nicht mehr lesen. Der DDR-Schulpreis für das Lehrbuch Geschichte Klasse 10 betrug übrigens damals 3,20 M (also etwa das dreifache eines Dreipfundbrotes).

Geschichte Klasse 10
In der Unterrichtshilfe für Lehrer im Geschichtsunterricht heißt es: „Im Prozeß der sozialistischen Bildung und Erziehung der heranwachsenden Generation ist dem Geschichtsunterricht in den Klassen 5 bis 10 vor allem die Aufgabe gestellt, überzeugend die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung zum Sozialismus und Kommunismus und die Rolle der Menschen, insbesondere der Produzenten in diesem Entwicklungsprozeß nachzuweisen, die Schüler zur bewußten Parteinahme für den gesellschaftlichen Fortschritt und für die fortschrittlichen Kräfte zu erziehen und sie zu befähigen, ihr Leben in den den Dienst des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus zu stellen.“ [1] Und in der Einführung in das Lehrbuch der 7. Klasse können die Schüler dann lesen:

Wenn du beginnst, dieses Lehrbuch zu lesen, dann hast du schon zwei Jahre Unterricht in Geschichte gehabt. Du weißt, wie die Menschheit entstanden ist und wie viele Jahrtausende sie gebraucht hat, um aus Familien und Sippen größere Gemeinschaften zu bilden und verschiedene Formen des gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenlebens zu entwickeln. Du hast gelernt, wie sich am Ende der Urgesellschaft Klassen herausbildeten und daß es seitdem die erste Klassengesellschaft im Alten Orient, die Sklavereigesellschaft im Alten Griechenland und Rom und danach die Feudalgesellschaft gegeben hat. In allen diesen Gesellschaften gab es herrschende und unterdrückte Klassen. Die Klassenkämpfe zwischen ihnen waren es, die die geschichtliche Entwicklung nun hauptsächlich vorantrieben. Immer dauerte es aber Jahrtausende oder zumindest viele Jahrhunderte, bevor eine Gesellschaftsordnung durch eine andere abgelöst wurde.

Der Feudalismus bestand auch schon fast 1000 Jahre, ehe sich in seinem Schoße frühe kapitalistische Verhältnisse auszubreiten begannen und eine frühbürgerliche Revolution ausbrach. Noch waren aber der Kapitalismus und das Bürgertum nicht so weit entwickelt, daß es ihnen möglich gewesen wäre, den Feudalismus zu beseitigen und eine neue, kapitalistische Gesellschaft zu errichten.

Bis dahin war es auch kein gerader Weg. Du wirst erfahren, daß es auf diesem Weg des Bürgertums ernste Rückschläge gab. So konnten sich in Deutschland der Feudalismus und die Macht der feudalen Fürsten nach der frühbürgerlichen Revolution wieder festigen. Das führte schließlich sogar zu einer der schlimmsten Katastrophen der deutschen Geschichte, zum Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648. Danach dauerte es lange, ehe der Kapitalismus und das Bürgertum sich erholen und wieder ausbreiten konnten. Du wirst lernen, was die Gründe dafür waren und warum eine bürgerliche Umwälzung hier erst nach 1800 zustande kam.

Inzwischen hatten in anderen Ländern bereits bürgerliche Revolutionen gesiegt. Schon 1566 hatten die Niederlande einen Unabhängigkeitskrieg gegen die spanische Herrschaft begonnen und nach rund 20 Jahren des Kampfes die erste bürgerliche Republik in der Weltgeschichte begründet. Sechs Jahrzehnte später, während in Deutschland und den umliegenden Staaten gerade der Dreißigjährige Krieg zu Ende gegangen war, schlugen in England erstmals bürgerliche Revolutionäre einem feudalen, selbstherrlich regierenden König den Kopf ab. Weitere 125 Jahre später begannen die britischen Kolonien in Nordamerika einen Unabhängigkeitskrieg gegen England, der 1776 mit der Unabhängigkeitserklärung endete und aus dem bis 1783 die bürgerliche Republik der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) hervorging. Und noch einige Jahre später, 1789, begann in Frankreich eine Revolution, die die Macht des Feudalismus endgültig brach und der Herrschaft der Bourgeoisie zum Durchbruch verhalf.

Während noch Kapitalismus und Feudalismus, Bourgeoisie und Feudaladel um die Vorherrschaft kämpften, entstand im Schoße des Kapitalismus schon wieder eine neue gewaltige Kraft: die Arbeiterklasse. Und mit ihrer Entstehung begann sie sogleich den Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung. Sie schuf sich eigene Organisationen. Ihre fortgeschrittensten Vertreter begannen darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft ohne kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung aussehen könnte. Karl Marx und Friedrich Engels fanden mit der Begründung des wissenschaftlichen Sozialismus die Antwort. Seine Geburtsurkunde war das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Wie das alles vor sich ging und warum, das erfährst du in diesem Lehrbuch. Wie sich all diese Ereignisse in die Geschichte einordnen, zeigt dir die folgende Zeitleiste:
Zeitleiste[2]

Und daß Kinder in der DDR auch ernst genommen wurden, und nicht behandelt wurden wie Hilfsschüler, zeigt das folgende Beispiel aus einem Lexikon für Kinder:

Die älteste Produktionsweise ist die der Urgesellschaft. In der Urgesellschaft ver­fügen die Menschen nur über einfache Werkzeuge, Waffen und Geräte. Sie haben kaum Kenntnisse von ihrer Umwelt und wenig Erfahrung bei der Herstellung le­bensnotwendiger Güter. Sie können mit einfachen Geräten und geringem Wissen nur so viel herstellen. daß sie sich am Leben erhalten. Sie sind weitgehend von der Natur abhängig. Die Fruchte ihrer Ar­beit sind so spärlich, daß es nicht möglich ist, Überfluß anzuhäufen. Die geringen Vorräte werden im Winter oder in Not­zeiten verbraucht. Unter den harten Bedingungen der Urgesellschaft können die Menschen nur bestehen, wenn sie ge­meinsam arbeiten und das, was sie schaf­fen, gleichmäßig verteilen.

Mit den wachsenden Arbeitserfahrungen der Menschen und der Verbesserung der Werkzeuge und Geräte werden auch die Ergebnisse ihrer Arbeit besser. Die Men­schen stellen mehr her, als sie brauchen. So entsteht die Grundlage zur Bildung von Reichtum. Diesen Reichtum eignen sich wenige Menschen an. Das gibt ihnen Macht über die anderen Menschen. Diese Macht bauen die Besitzer des von der ganzen Gesellschaft geschaffenen Reich­tums immer weiter aus. So entstehen Gruppen von Menschen – Klassen – , die sich durch Besitz oder Nichtbesitz von Produktionsmitteln – den Werkzeugen und Geräten – voneinander unterscheiden. Mit der Entstehung von Klassen entsteht auch der Staat, den die Mächtigen, die Besitzenden schaffen, um ihre Herrschaft über die Mehrheit der Menschen zu erhalten und auszuweiten.

Es gibt drei Produktionsweisen, in denen eine Minderheit über die Mehrheit der Gesellschaft herrscht und diese Mehrheit ausbeutet: die Sklaverei, den Feudalismus und den Kapitalismus. In der Sklaverei standen sich Sklavenhalter und Sklaven als Hauptklassen gegenüber. Für die Sklavenhalter waren die Sklaven nur »sprechende Werkzeuge«. Im Feudalismus herrschten Feudalherren – die Adligen – über die leibeigenen Bauern. Den Feudalherren gehörten mit dem Grund und Boden auch die Bauern, die auf diesem Boden arbeiteten. Mit dem Grund und Boden konnten die Feudalherren auch die leibeigenen Bauern verkaufen. Sie beuteten sie durch harte Frondienste und Eintreibung der Abgaben aus.

Im Kapitalismus stehen sich als Hauptklassen die Arbeiterklasse und die Kapitalistenklasse gegenüber. Die Kapitalisten sind Eigentümer der Fabriken mit allen Maschinen und Gebäuden. Der Arbeiter muß, um leben zu können, seine Arbeitskraft dem Kapitalisten verkaufen. Der Kapitalist eignet sich an, was der Arbeiter schafft. Er beutet den Arbeiter aus. In der heutigen Zeit hat sich der Kapltalismus zum Imperialismus entwickelt. Die Imperialisten sind die gefährlichsten Feinde des Friedens. Bei allen, Unterschieden der drei Produktionsweisen Sklaverei, Feudalismus und Kapitalismus ist ihnen gemeinsam, daß eine Minderheit über die Mehrheit der Menschen herrscht und die Mehrheit ausbeutet. Das ist ungerecht. Deshalb haben zu allen Zeiten die Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker gekämpft. Diese Kämpfe nennen wir Klassenkämpfe. Der Kapitalismus ist die letzte Gesellschaftsordnung, die auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, auf der Ausbeutung einer Klasse durch die andere beruht. Die revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse gegen die Kapitalisten erzwingen schließlich die Beseitigung des Kapitalismus und die Beendigung der Ausbeutung, sie führen zur Errichtung des Sozialismus.

Anton

Im Sozialismus herrscht zum erstenmal die Mehrheit des Volkes unter Führung der Arbeiterklasse. Fabriken, Grund und Boden, Bodenschätze, Maschinen usw. sind Volkseigentum oder genossenschaftliches Eigentum. Der Spaltung der Gesellschaft in sich feindlich gegenüberstehende Klassen, in Besitzer und Nichtbesitzer von Produktionsmitteln, ist durch die sozialistischen Eigentumsverhältnisse der Boden entzogen. Es entwickelt sich die sozialistische Gesellschaftsordnung. Im Kampf gegen die überlebten kapitalistischen Verhältnisse beweist der Sozialismus seine Überlegenheit. In der sozialistischen Ordnung reifen die gesellschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Voraussetzungen für die Produktionsweise des Kommunismus heran.

Im Kommunismus ist der erzeugte Reichtum so groß, daß alle Mitglieder der Gesellschaft ihren Bedürfnissen entsprechend daran teilhaben können. Im Sozialismus und im Kommunismus entfalten sich die Schöpferkräfte der Völker. Mit dem Sozialismus beginnt ein neues Zeitalter in der Geschichte der Menschheit, ein Zeitalter der Gleich-berechtigung, des Friedens und des Glücks. Wir leben in dieser großen, revolutionären Umwälzung. In unserer Republik arbeiten die Werktätigen unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei erfolgreich am umfassenden Aufbau des Sozialismus. [3]

Quellen:
[1] Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik, Ministerium für Volksbildung, Lehrplan Geschichte, Klassen 5 bis 7, Volk und Wissen, Volkseigener Verlag Berlin, 1986, S.5.
[2] Prof.Dr.sc. Adolf Laube (Leiter des Autorenkollektivs): Geschichte, Lehrbuch für Klasse 7, Volk und Wissen, Volkseigener Verlag Berlin, 1989, S.5f.
[3] Autorenkollektiv: Von Anton bis Zylinder, Kleines Lexikon für Kinder, Der Kinderbuchverlag Berlin, DDR 1968, S.301f.

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2 Antworten zu Kleines Lexikon: Produktionsweisen

  1. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Kapitalismus und Feudalismus

  2. Artur schreibt:

    „…und nicht behandelt wurden wie Hilfsschüler…“

    Da musste ich direkt an das Geschichtsbuch von meinem Bruder denken: fast nur Bilder, wenig Text und er geht aufs Gymnasium!

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