Über das Lernen

Lesen und Lernen - ein Leben lang!

Lesen und Lernen – ein Leben lang!

Wir begegnen mitunter Menschen, die sich eine Meinung gebildet haben, von der sie überzeugt sind, und wovon sie nie und nimmer abgehen. Sie sind nicht mehr lernbereit. Nun kann man sagen: das ist vielleicht Altersstarrsinn. Aber das stimmt nur zum Teil. Einen sehr großen Einfluß auf die Meinungsbildung haben heute die Massenmedien. Im Laufe der letzten zwanzig Jahre wurden (neben durchaus Richtigem und Wichtigem) vor allem was die jüngere Geschichte betrifft, massenhaft scheindokumentarische Filme und Spielfilme voller Halbwahrheiten produziert, Bücher voller Lügen und durch nichts begründeter Behauptungen, Ablenkungen von der Wirklichkeit und sogenannte Verschwörungstheorien. Ob was dran ist, weiß man nicht. Doch alles das prägt das Bewußtsein und bestimmt das Weltbild. Folglich hat sich ein tiefsitzender Skeptizismus und ein Vertrauensschwund breitgemacht. Das ist durchaus verständlich. Doch Informationsmöglichkeiten gibt es zur Genüge. Was also sollten wir lernen, und worauf kann man sich heute noch verlassen? Was sind eigentlich die Motive, weshalb wir lernen sollten? Hier schreibt der sowjetische Psychologe S.L. Rubinstein:

Das Hauptmotiv des bewußten Lernens, das mit dem Bewußtwerden seiner Aufgaben verbunden ist, ist das natürliche Streben, sich auf eine kommende Tätigkeit vorzubereiten. Da das Lernen ein vermitteltes Welterkennen ist, bei dem die von der Menschheit angesammelten Kenntnisse angeeignet werden, äußert sich dieses Hauptmotiv als Interesse am Wissen. Neben diesem Hauptmotiv treten im Lernprozeß natürlich auch noch andere Motive auf, angefangen von dem Bestreben, seine Kräfte und Fähigkeiten zu erproben und zu zeigen. Da nämlich die Organisation des Unterrichts die öffentliche Kontrolle der Kenntnisse einschließt (Examina und Abschlußprüfungen), kann das Lernen für den Schüler leicht zu einem persönlichen Problem werden. Da das Lernen außerdem an Hand eines Systems vom Lehrer gestellter Aufgaben oder Lektionen verläuft, kann es dem Schüler als Aufgabe erscheinen, die ihrer ganzen Motivation nach darauf hinausläuft, die Pflichten gegenüber dem Lehrer, der Schule und auch dem Staat zu erfüllen. (Dem Staat gegenüber insofern, als dieser den obligatorischen Unterricht einführt und von den künftigen Staatsbürgern verlangt, daß sie lernen.)

Dem Schüler kann es ferner als Aufgabe erscheinen, seine Pflicht gegenüber den Eltern zu erfüllen, sofern diese sich die Erfolge und Mißerfolge ihres Kindes beim Lernen zu Herzen nehmen. Schließlich, auf den höheren Entwicklungsstufen, kann er auch aus Verpflichtung gegenüber sich selbst die gebotenen Möglichkeiten der eigenen Selbstvervollkommnnung ausnutzen. In all diesen Fällen wird das Erwerben von Kenntnissen im Lernprozeß gleichsam zum Mittel beziehungsweise zum Verfahren bei der Lösung von Aufgaben, die – über die reine Lerntätigkeit hinausgehend – für den Schüler den Sinn der von ihm im Lauf Lernens zu lösenden Aufgaben umgestalten. Auf den verschiedenen Entwicklungsstufen sind unterschiedliche Motive wirksam als Anregungen für den Heranwachsenden, aktiv am Unterricht teilzunehmen.

Die wesentliche Aufgabe des Pädagogen besteht darin, auf jeder Entwicklungsstufe die passendsten Motive zu finden, die die dem Schüler gestellen Aufgabe umwandeln und ihr einen neuen Sinn verleihen. Ein bewußtes Lernen setzt erstens das Bewußtwerden der Grundlagen und des Sinngehalts der anzueignenden Sätze voraus – im Gegensatz zum formalen, mechanischen Auswendiglernen leerer Form und unbegründeter Thesen. Es äußert sich besonders auch in den Motiven des Lernens und in der Einstellung des Schülers zum Lernen und zum Lehrstoff. Damit sich der Schüler wirklich in die Arbeit hineinfindet, müssen die Aufgaben, die man ihm stellt, nicht nur verstanden, sondern auch innerlich von ihm aufgenommen werden, das heißt, sie müssen für ihn bedeutsam werden und ihren Widerhall im Erleben finden. [1]

Welche Motive für das Lernen gab es in der sozialistischen Gesellschaft?

Ein Leningrader Schüler der VII.Klasse faßt auf die Frage, was ihn zum Lernen anreizt, alle Motive in einer kurzen Formel zusammen: „Erstens interessiert mich das Lernen; zweitens will ich, wenn ich gelernt habe, arbeiten und beim Aufbau des Sozialismus nützlich sein; und drittens will ich meinen Eltern helfen.“ [2]

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Das beste Bildungssystem der Welt: Die Schule in der Sowjetunion

Was aber, wenn es alle diese Motive nicht mehr gibt? Was ist, wenn es keinen Anreiz gibt zum Lernen? Stattdessen aber, wie das im Kapitalismus üblich ist:
– Ellbogengesellschaft
– eine ungewisse Perspektive,
– drohende Arbeitslosigkeit,
– unerträglicher Leistungsdruck,
– geplatzte Hoffnungen und Träume,
– die Aussicht auf eine schlechtbezahlte Tätigkeit,
– das Gefühl der Sinnlosigkeit aller Bemühungen usw.

Das Lernen erfordert heute mehr denn je: Willen und Charakter.

Und so schreibt Rubinstein über die Notwendigkeit und den Sinn des Lernens:
Das Lernen zieht sich durch das ganze Leben des Menschen hindurch. Der Mensch lernt und muß lernen. Er erhöht dabei seine Qualifikation und vervollkommnet sich auch dann, wenn er in die Arbeitstätigkeit eingespannt ist. Aber in den Schul- und Lernjahren fällt dem Lernen eine ganz besonders wesentliche Rolle zu. Für diese Periode gilt in seiner ganzen Bedeutung der Satz: Das Kind entwickelt sich, indem es lernt. In dieser Periode ist das Lernen die Grundform der Tätigkeit, durch die der Mensch geformt wird. In der Arbeit, im Spiel und im Lernen, in allen zusammen und in jedem für sich, tritt die Persönlichkeit in Erscheinung und wird geformt. [3]

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Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924)

Um die Gesellschaft verändern zu können, braucht es gebildete Menschen, keine Dummköpfe!

Darüber äußerte sich Lenin in seiner Rede an die Jugendverbände. Ausschnitte davon:
Auf diese Frage müssen wir um so mehr eingehen, als man in einem gewissen Sinne sagen kann, daß gerade vor der Jugend die eigentliche Aufgabe steht, die kommunistische Gesellschaft zu schaffen. Denn es ist klar, daß die in der kapitalistischen Gesellschaft erzogene Generation der Arbeitenden bestenfalls die Aufgabe lösen können wird, die Grundlagen der alten, kapitalistischen, auf Ausbeutung beruhenden Lebensweise zu zerstören. Sie wird im besten Falle die Aufgabe lösen können, eine solche gesellschaftliche Ordnung zu schaffen, die dem Proletariat und den werktätigen Klassen helfen würde, die Macht zu behaupten und ein festes Fundament zu errichten, auf dem nur eine Generation weiterbauen kann, die bereits unter neuen Bedingungen an die Arbeit geht, nämlich wenn kein Ausbeutungsverhältnis mehr zwischen den Menschen besteht. [4]

Wir können den Kommunismus nur aus jener Summe von Kenntnissen, Organisationen und Institutionen aufbauen, mit jenem Vorrat an menschlichen Kräften und Mitteln, die uns die alte Gesellschaft hinterlassen hat. [5]

Eines der größten Übel, eine der größten Plagen, die uns die alte, kapitalistische Gesellschaft hinterlassen hat, ist die tiefe Kluft zwischen Buch und praktischem Leben; denn wir hatten Bücher, in denen alles aufs schönste beschrieben war, aber diese Bücher waren in den meisten Fällen widerlichste heuchlerische Lüge, die uns ein falsches Bild von der kapitalistischen Gesellschaft zeichnete. [6]

Ohne Arbeit, ohne Kampf ist das aus den kommunistischen Broschüren und Werken geschöpfte Bücherwissen über den Kommunismus keinen Pfifferling wert, denn es würde nur die alte Kluft zwischen Theorie und Praxis neu aufreißen, jene alte Kluft, die der widerwärtigste Zug der alten, bürgerlichen Gesellschaft war. Noch gefährlicher wäre es, wollten wir anfangen, uns lediglich die kommunistischen Losungen anzueignen. Würden wir diese Gefahr nicht rechtzeitig erkennen und würden wir nicht unsere ganze Arbeit darauf richten, diese Gefahr zu beseitigen, so würde die halbe Million oder die Million junger Burschen und Mädchen, die sich nach einer solchen Schulung im Kommunismus Kommunisten nennen würden, der Sache des Kommunismus nur schweren Schaden zufügen. [7]

Quelle: W.I. Lenin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1966, Bd.31, S.272-290.
Lesen Sie die ganze Rede hier. (pdf-Datei anklicken zum Herunterladen!)

Zitate:
[1] S.L. Rubinstein: Grundlagen der Allgemeinen Psychologie, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1966, S.745f.
[2] ebd. S.747.
[3] ebd. S.760.
[4] W.I. Lenin: Die Aufgaben der Jugendverbände. In: Lenin, Dietz Verlag, Berlin, 1966, Werke Bd.31, S.272
[5] ebd. S.272.
[6] ebd. S.274.
[7] ebd. S.274.

Dieser Beitrag wurde unter Marxismus-Leninismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Über das Lernen

  1. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Lesen und Lernen

  2. Harry 56 schreibt:

    Ein sehr guter und wichtiger Beitrag!
    Von Rubinstein habe ich selbst einmal vor sehr langer Zeit ein interessantes Buch über Psychologie gelesen.
    Ob aber „Hella“ dies alles noch rafft in seinen wenigen verbleibenden Jahren, oder wird er noch in der Kiste den Kommunismus & Bonzen lautlärmend „verdammen“ ? :-), :-)…………

  3. Pingback: Richtig studieren! | Sascha's Welt

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