Klaus Hesse: So werden Konterrevolutionen gemacht

Hesse2014
Die herrschende Kapitalistenklasse hat im Laufe der letzten Jahrzehnte ihren Mechanismus zur Bekämpfung und Beseitigung revolutionärer Bewegungen und zur Stabilisierung ihrer Herrschaft immer mehr vervollkommnet. Nicht erst seit der sogenannten „friedlichen Revolution“ in der DDR beschäftigt nicht nur die Kommunisten die Frage, nach welchem Prinzip Konterrevolutionen gemacht werden. Der Gesellschaftswissenschaftler Dr. Klaus Hesse ist dieser Frage nachgegangen und hat detailliert zahlreiche Fakten und Belege zusammengetragen, um sichtbar zu machen, was durch imperialistische Institute erdacht, Geheimdienste geplant und deren Söldlinge letztlich umgesetzt wurde und wird. Und wie gleichzeitig das Gift des Revisionismus immer mehr in die marxistisch-leninistische Partei eindringen konnte und dazu führte, was auch Kurt Gossweiler in seiner „Taubenfußchronik“ [1] beschrieb: „Die Entartung kommt, wie man zu sagen pflegt, auf Taubenfüßen.“ Doch nichts ist so fein gesponnen, als daß es nicht doch irgendwann ans Licht kommt. Wenngleich auch die Methoden immer stringender und brutaler werden, läßt sich die öffentliche Meinung nicht mehr so leicht manipulieren und der Betrug durch die Medien funktioniert nicht mehr so ganz. Je mehr darüber bekannt ist, desto besser. Hier nun ein Auszug aus dem Buch „Die Revolutions-GmbH“ (Arbeitsfassung), welcher den Zustand in der damaligen DDR beschreibt:

DDR 1989 – die ‚friedliche Revolution’

In den Jahrzehnten nach der Gründung der DDR waren mehrere Generationen heran gewachsen. Die Gründergeneration hatte Bombennächte, KZ und Gefängnis überlebt, fand sich nach der Kriegsgefangenschaft, nach Antifa-Schulung oder antifaschistischem Widerstand in der Arbeit beim Aufbau mit allgegenwärtigen Entbehrungen und allen denkbaren Hindernissen konfrontiert. Jüngere hatten keine eigenen Erfahrungen mit Krieg und Nachkrieg und Kriegsfolgen machen müssen. Für sie wurden geschlossene Grenze und die Umverteilung von Defiziten ebenso allgegenwärtige Realität, wie steigende Anforderungen an die berufliche Qualifikation, Kohleheizung und die Wartezeiten bei Trabant und Wartburg.

Der ritualisierte Sozialismus

In den sechziger Jahren Geborene kamen von der polytechnisch erweiterten Oberschule, machten mit und ohne Abi ihre Berufsausbildung, dienten in der Nationalen Volksarmee, arbeiteten in volkseigenen Betrieben, LPG-s, studierten an technischen und anderen Universitäten, Ingenieurhoch- und -fachschulen, oder im sozialistischen Ausland. Sie wurden in eine Welt hineingeboren, die zwischen den Anstrengungen zur Realisierung der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, des Wohnungsbauprogramms, zwischen (für manchen nur noch ritualisierten) Bekenntnissen zum Sozialismus, zur Arbeiterklasse und ihrer Partei, den Nachrichten aus dem Westfernsehen, durch Heuchelei, unausgesprochene Fragen und fehlende Offenheit charakterisiert war. Ihre Ausbildung wurde an Herausforderungen der wissenschaftlich-technischen Revolution und an den Maßstäben einer sozialistischen Gesellschaft orientiert. Aber ihre Arbeit und ihr Alltag waren durch fehlende Roh- und Werkstoffe, Werkzeuge und Waren, durch moralisch oder technisch verschlissene Maschinen, zu hohe Planziele, durch das dünner werdende Netz allgegenwärtiger Improvisation, durch Intershop, GENEX, Westgeld, unausgesprochene Fragen, Heuchelei und Lügen charakterisiert.

Entwicklungshindernisse

Die darin eingeschlossenen Konflikte konnten auf Dauer weder durch den Besuch von KZ-Gedenkstätten noch durch den sozialistisch und antifaschistisch orientierten Unterricht in Staatsbürgerkunde resp. die Verleihung des Titels ‚Kollektiv der sozialistischen Arbeit’ kompensiert werden. Das Leben und die Lebensverhältnisse in der DDR wurden immer weniger und schließlich kaum noch aus der Sicht der historischen Erfahrungen der Gründergeneration erlebt. Immer öfter wurde das eigene Leben mit dem verglichen, was aus dem Fernsehen als die Realität des anderen Teils Deutschlands wahrgenommen und als solche angesehen wurde. Unter diesen Bedingungen wurden hierzulande (so wie auch in anderen Teilen der Welt und insbesondere in den Staaten der sozialistischen Gemeinschaft) die Ankündigungen der Perestrojka von breiten Kreisen der DDR-Bevölkerung mit wachsendem Interesse und unverhüllter Sympathie verfolgt.

Konnte man von der Sowjetunion noch lernen?

Daß angesichts selbst erlebter Mißstände auch Vorstellungen von einer gerechteren und demokratischeren sozialistischen Wirklichkeit eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten, daß das Ausmaß der anstehenden Probleme ebensowenig bekannt war, wie die damit verbundenen Gefahren, daß die Erwartungshaltungen der nun antretenden Generation sich von denen der vorangehenden unterschied – all das trug dazu bei, daß sich im Spannungsfeld zwischen dem hierzulande wahrgenommenen Erscheinungsbild der Perestroika und der immer deutlicher werdenden offiziellen Skepsis Unverständnis, Frust und Empörung aufbaute. Diese Haltungen waren durchaus nicht nur in der Traditionslinie eines sozialistisch orientierten Selbstverständnisses begründet: Unter der Losung ‚Von der Sowjetunion lernen – heißt Siegen lernen’ fanden sich jetzt auch Personen zusammen, deren Interessen alles andere als sozialistisch orientiert waren.

Ungelöste Probleme unter den Tisch gekehrt

Dabei kann aber auch nicht ignoriert werden: In der überwiegenden Mehrzahl waren das Menschen, denen es ernsthaft um eine effektivere Gestaltung des Sozialismus ging. Bloß viel zu viele hatten keine realistischen Vorstellungen von den Lebensverhältnissen in der UdSSR. Ihre Vorstellungen von der Sowjetunion waren durch das idealisierte Bild der propagandistischen Darstellung von den Erfolgen beim Aufbau des Kommunismus geprägt. Nicht nur der Aufbau einer entwickelten sozialistischen Gesellschaft in der DDR schien deutlich zu machen, daß es hier um qualitative Unterscheide im Entwicklungsniveau und im Reifegrad der gesellschaftlichen Beziehungen ging. Und wenn denn angesichts der dortzulande angenommenen Fortschritte die Notwendigkeit einer grundlegenden Umgestaltung regierungs- und parteioffiziell anerkannt wurde – wie viel notwendiger mußte das denn hier sein. Und ungelöste Probleme in der wirtschaftlichen Entwicklung, bei der Versorgung der Bevölkerung und bei der Realisierung der Vorhaben, die mit dem Programm der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik verbunden waren, gab es auch hierzulande mehr als genug.

Ein erstarrter Denk- und Arbeitsstil

Die Führung der SED versuchte, Lösungswege für die aufgelaufenen Probleme zu finden, indem eine eigene Antwort sichtbar wurde. Zu diesem Zweck wurden im gehabten Stile Expertengruppen gebildet, die über die Analyse der verschiedensten Probleme eine Gesamtlösung vorbereiten sollte. Aber Czichon und Marohn verweisen zurecht darauf hin, daß es damals „nicht in das protokollarische Szenario“ paßte, dies alles in einer öffentlich geführten Diskussion zu erörtern, an der die Betroffenen unmittelbar beteiligt waren: „Es gehörte zum Denk- und Arbeitsstil der SED-Führung, daß solche grundsätzlichen Überlegungen zunächst unter ‚Fachleuten’ bzw. ‚Experten’ ausreifen sollten, um sie anschließend in den Beschlußgremien der Partei ‚abzusegnen’.“ Dabei kann und darf nicht übersehen werden, daß die Parteiführung offensichtlich durchaus zurecht befürchtete, „daß eine offene Diskussion unter dem – tatsächlich existierenden – politischen Druck des Klassengegners destabilisierend wirken könnte.“ [2]

Kritik und Selbstkritik – nein, danke!

Hier rächte sich aber auch ein Selbstverständnis und eine Berichterstattung, die sowohl im eigenen Lande als auch bei den Informationen über die Entwicklung in der UdSSR und den anderen Bruderländern an Erfolgen und nicht an den herangereiften Entwicklungs-problemen orientiert war. Immer öfter wurde eine sachlich begründete Kritik als ‚Fehlerdiskussion’ diffamiert. Auch dort, wo Probleme nicht mehr zu übersehen waren, war statt einer sachlich-nüchternen Analyse das ‚positive Beispiel’ gefragt. Aus der damit verbundenen Absicht, dem Gegner keine Anknüpfungspunkte zu liefern, hatte sich eine latente Unfähigkeit zu offener Aussprache über längst herangereifte Probleme entwickelt: Insider bezogen privilegierte Informationen. Wer dazu gehörte wußte ‚zwischen den Zeilen zu lesen’. Aber auch hier gab es bemerkenswerte Unterschiede: Die einen beobachteten den verhängnisvollen Verlauf der Auseinandersetzungen um die Perestrojka und die nicht weniger problematische Entwicklung der sowjetischen Außenpolitik mit wachsender Sorge. Andere wollten daraus resultierende Konsequenzen schon deshalb nicht zur Kenntnis nehmen, weil dadurch auch eigene Interessen bedroht waren. Zwischen Desinteresse, Verdrängung von Problemen und unausgesprochenen Sorgen entwickelte sich in immer breiteren Kreisen der Bevölkerung eine Atmosphäre der Unzufriedenheit, die sich im selben Maße ausbreitete, in dem sich der Eindruck verfestigte, daß sich ‚da oben’ sowieso nichts mehr ändert.

Wer war schuld am Sturz der DDR?

Daß man in dieser Situation nicht nur der außerordentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch des aktiven Eingreifens der ‚Dienste’ aller Couleur sicher sein konnte, bedarf keiner besonderen Erklärung: Jetzt boten sich nicht nur für diese Organisationen zuvor nie gekannte Möglichkeiten zur Realisierung einer Politik, die mit der ‚Veränderung durch Annäherung’ von Anbeginn die Liquidierung des Sozialismus verfolgt hatte. Doch es war und es ist eine irreführende Übertreibung, wenn die Entwicklung der Ereignisse im Herbst 1989 in erster Linie oder gar ausschließlich als eine unmittelbare Folge der Aktivitäten dieser Kräfte beurteilt wird. In der DDR agierenden Residenten des CIA, des BND und des KGB (hier ist an die aus der sowjetischen Botschaft operierende Arbeitsgruppe Lutsch [‚Луч’ = ‚Strahl’] zu erinnern [3]) konnten nur deshalb organisiert und schließlich auch wirksam werden, weil es alternativ und oppositionell denkende Personen und Personengruppen gab, deren Organisationen unterstützt und personell unterwandert werden konnten. (…)

…die angeblichen „Alt-Stalinisten“?

Im Spiegel wurden die mit dem ‚Wandel durch Annäherung’ verfolgten und mittlerweile erreichten Ziel offen ausgesprochen: „Während in anderen Teilen des einst monolithischen Ostblocks längst schon Kapitalismus, Freiheit, Demokratie oder zumindest Reformansätze auf der Tagesordnung von Treffen, Parteigründungsversammlungen und gar Parlamentssitzungen stehen, werden in der von Alt-Stalinisten regierten DDR nun die ersten schwachen Regungen von Perestrojka erkennbar.“ [4]

Schlachtruf der Konterrevolution: „Freiheit und Demokratie“

Man beachte die dynamische Entwicklung in den Beziehungen zwischen der Entwicklung der politischen Ereignisse, den hinter wohlklingenden Phrasen verborgenen eigentlichen Zielen der handelnden Seiten und der dabei verwendeten Sprache: Zwar war hier offizielle die Rede vom notwenigen ‚Wandel’, von einer längst überfälligen ‚Reform’, von Freiheit und Demokratie. Aber dabei ging es nicht um die Freiheit derer, die um den Erhalt ihres Lebens arbeiten mußten, nicht um eine Demokratie, die wirklich und ernsthaft als Herrschaft des Volkes praktiziert wurde. Deren Wünsche und Hoffnungen auf die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, auf die Beseitigung bürokratischer Hindernisse, auf die großzügigere Gestaltung von Reisemöglichkeiten und alles das, was die unter mehr Demokratie und Freiheit verstanden, dienten nur als Anknüpfungspunkt für ganz anders geartete politische Zielstellungen.

Die wahren Ziele der Perestrojka

Was sich viele derer, die im Herbst 1989 für eine bessere DDR auf die Straße gingen, gar nicht vorstellen konnten und/oder wollten: Hier ging es nicht einmal um das vorgeschobene Gerede um Freiheit und Demokratie, weder um ihre Reisen noch um die (durch die Verfassung der DDR garantierte) Versammlungs-, noch um Meinungsfreiheit, sondern um die Freiheit der unbehinderten Umverteilung des Kapitals. Das war nicht mehr nur eine Reform des Sozialismus, kein ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz’, sondern die Liquidation dieses Hindernisses auf dem Wege zu einer uneingeschränkten globalisierten Kapitalverwertung.

Mittlerweile konnte Klartext gesprochen werden: Was damals als Reform und heute als ‚friedliche Revolution‘ gepriesen wurde resp. wird, war das alte Ziel: Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um die Beseitigung der sozialistischen Eigentumsverhältnisse, es ging um eine Konterrevolution. Praktisch umsetzbar war das nur mit den Händen derer, die immer noch von einer Erneuerung des Sozialismus mit den Mitteln und Instrumenten der Marktwirtschaft träumten….

Quelle:
Klaus Hesse: Die Revolutions-GmbH … auf dem Weg in den dritten Weltkrieg?? Eigenverlag, Leipzig 214, S.153-157. (als pdf-Datei / die allerdings noch fehlerbehaftete Arbeitsfassung: Revolution und Konterrevolution 8,53 MB) Der Autor ist ausdrücklich an Hinweisen zur Überarbeitung und Ergänzung ebenso wie an der Verbreitung dieses Inhaltes interessiert und legt dem Nachdruck und anderer Verwertung keinerlei Hindernisse in den Weg.

Zitate:
[1] Kurt Gossweiler: Die Taubenfuß-Chronik oder Die Chruschtschowiade 1953 bis 1956, Dokumente, Kommentare, Analysen, Briefe. St. Eggerdinger Verlag, München, 2002.
[2] E.Czichon, H.Marohn: Das Geschenk. Die DDR im Perestroika-Ausverkauf, Köln 1999, S.86.
[3] R.G.Reuth, A.Bönte: Das Komplott – wie es wirklich zur deutschen Einheit kam, a.a.O., S.210f.
[4] „Wir müssen Kurs halten“, Der Spiegel 39/1989, S.17.

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16 Antworten zu Klaus Hesse: So werden Konterrevolutionen gemacht

  1. … und noch ein Loblied auf die Fehler der DDR.
    Einfach zum Ergötzen diese Selbstbeschmutzung und dieses mittelalterliche Buße tun – und so freiwillig, gar nicht wie in einem Schauprozess der Inquisition gegen Hexen und andere Häretiker.

    Meine Fresse, wie die „Revolutionäre“ des 19. Jahrhunderts! Jammern, weinen, klagen, Selbstmitleid ohne Ende, ewige Reue und Buße. Gute Vorbilder für jeden Katholiken, aber sicher vollkommen unattraktiv …

    … und es interessiert so gut wie niemanden, vor allem nicht eine Jugend, die vollkommen orientierungslos und auf Konsum und Geld gedrillt ist. 150 Millionen spielen jede Sekunde des Tages gleichzeitig „War Craft“ und son Zeugs – und zwar international – und hier wird das nächste Loblied auf die Fehler der DDR vorgetragen. Wie weit kann man eigentlich noch von der Realität, der Lebenswirklichkeit entfernt sein???

    • sascha313 schreibt:

      Georg, das ist ein Ausschnitt – und sicher hier nicht der ‚wichtigste Teil‘ des Buches, wenn man da überhaupt etwas herausziehen will. Leider ist die Geschichte so oder ähnlich verlaufen. Das kann bestätigen, wer das – wie Klaus Hesse in Leipzig – miterlebt hat. Nun ist es ja so: Jeder, der an einer Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems interessiert ist, wird sich fragen: Wie konnte das geschehen? Was hat dazu geführt, daß die DDR so leicht beseitigt werden konnte? Wo und wann wurde schon viel früher gegen marxistische Prinzipien verstoßen?

      Der Aufbau des Sozialismus geschieht nunmal direkt im Leben. Und jeder Fehler, der nicht erkannt wird, rächt sich bitter. Nicht umsonst hat Lenin genauestens die von Marx und Engels erkannten Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Gesellschaft studiert und Stalin seinerseits tat das auch mit Lenin. Und Chruschtschow? …das kann man nachlesen!

      Ich kann Dir sagen, wie bei uns in der DDR ein Parteilehrjahr abgelaufen ist. Das war oft ein Lacher! Und es war beschämend, wie leicht es sich da einige Genossen gemacht haben. Da gab es Scheißkerle, die haben ihre Pflichtstunde da abgesessen, ab und zu eine kluge Bemerkung gemacht, und eine Viertelstunde später waren sie schon in ihrem Kleingarten oder haben nebenbei irgendwo „gepfuscht“. Vorfinder hat absolut recht, wenn er sagt, daß die Gefährlichkeit des Imperialismus sehr wohl bekannt war. Übrigens: In unserer Bibliothek war nicht ein einziges Buch von Stalin zu finden! Auch da hätte man vieles nachlesen können.

      Man mag über die Gründung der DDR denken was man will. Wer jedoch die Geschichte kennt, der wird leicht feststellen, daß die einstigen Verbündeten der Sowjetunion nach dem überragenden Sieg der Sowjetunion über den deutschen Faschismus sich nunmehr als deren erbittertste Feinde zeigten. (Sie waren es nebenbei bemerkt auch schon vorher!) Unter diesen Umständen entstand die DDR.

      Und was die Sowjetunion betrifft, schreibt Kurt Gossweiler: „Ich kenne aus der Geschichte kein Beispiel, daß ein Staat und ein Gesellschaftssystem einer härteren Prüfung unterworfen gewesen wäre und sie so überzeugend bestanden hätte. Als daher das Fazit dieser Prüfung mit den Worten gezogen wurde, der Sieg bedeute, daß die sowjetische Gesellschafts- und sowjetische Staatsordnung gesiegt und ihre Lebensfähigkeit bewiesen habe, da konnten dieser Feststellung einer vor aller Augen liegenden Tatsache auch nicht die erbittertsten Feinde der Sowjetunion widersprechen. Was immer an der Sowjetgesellschaft in dieser Zeit auszusetzen und korrekturbedürftig war – es hat diese Gesellschaft nicht daran gehindert, unermeßliche Kräfte zu entfalten und Leistungen zu vollbringen, wie sie bisher kein Land der bürgerlichen Gesellschaft zu vollbringen vermocht hatte.“ (Kurt Gossweiler: Rückblick auf den Rückschlag: Hatte der Sozialismus nach 1945 keine Chance? – Januar 1991)

      • „Nun ist es ja so: Jeder, der an einer Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems interessiert ist, wird sich fragen: Wie konnte das geschehen? Was hat dazu geführt, daß die DDR so leicht beseitigt werden konnte? Wo und wann wurde schon viel früher gegen marxistische Prinzipien verstoßen?

        Sascha, das verstehe ich. Und das gehört sicher zu jeder Analyse dazu. Nun ist aber bereits ein Vierteljahrhundert vergangen. Für die Weltgeschichte ein vorübergehender Schatten, als Mensch aber „eine Ewigkeit“. Ich lese das aber alles mit einem gewissen Entsetzen. Mir klingt da zuviel Bitterkeit, Reue wegen eines angeblichen eigenen Versagens und ein Bedauern mit, das zu Selbstmitleid führen muss. (Lot’s wife „syndrom“ in der Psychologie genannt, führt in die Erstarrung).

        Ich will ja nicht nur das „kapitalistische Wirtschaftssystem“ überwinden, sondern das System selbst – also die „Matrix“ dahinter – und diese ist „kulturell-religiös“ und wird von einer ganz furchtbar schrecklichen Organisation „behütet“, die vorgibt, es würde sich um eine „Religion“ handeln.
        Erst wenn diese kriminelle Organisation vernichtet ist, können sozialistische Staaten oder kommunistische Gesellschaften überhaupt auf Dauer Bestand haben. Wer aber meint, den Träumenden (nach Plato/Sokrates) ihr Opium (Religion) nehmen zu können, legt sich geradezu mit der gesamten Menschheit selber an.

        Der Mensch ist derart archaisch konditioniert und empirisch vorbelastet, dass die meisten ihr ganzes Leben in einer „Glocke“ verbringen, die ein Bewusst werden seiner Selbst verhindert. Und die „Nahrung“ erhält der Mensch unseres Kulturkreises eben von dieser Verbrecherbande. Daher ist es erforderlich, diese Organisation nicht nur zu ächten, sondern vollkommen zu vernichten. Ansonsten wird es ihr wieder und wieder gelingen sozialistische Staaten, wie die Sowjetunion oder die DDR entweder zu verhindern oder nachdem sie entstanden sind, nach kurzer Zeit wieder aus der Welt zu schaffen.
        Immerhin hat diese kriminelle Organisation seit 1400 Jahren damit Erfahrungen … und wäre Engels, Lenin, Marx, Mao, Stalin usw. in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung geboren worden, würde sie sich Kommunistische Kirche und marxistisch/leninistische Religion nennen.

      • prkreuznach schreibt:

        Man muss sich Gedanken darüber machen, wieso Kuba und Nordkorea überlebt haben.

  2. Nadja schreibt:

    Hallo Genosse Norbert,
    Habe hierzu einen Hinweis gemacht in „Politiek en Cultuur“.
    http://politiekencultuur.blogspot.be/2014/09/dr-klaus-hesse-so-werden.html
    Freundschaft,
    Nadja

  3. Reinhardt Koblischke schreibt:

    Erstmals habe ich eine so komprimierte Einschätzung zur DDR von deren Gründung bis zum „Untergang“ gelesen. Ich bin Jahrgang 1950, selbst „Kind“ der DDR und stimme aus eigenem Erleben dem Buchauszug von Klaus Hesse zu. Allerdings vermisse ich Erklärungen, weshalb die Partei- und Staatsführung der DDR desöfteren so unverständliche Entscheidungen getroffen, Erklärungen abgegeben hat u.a.m. Hatten es diese Funktionäre nicht in der „Hand“ es besser zu machen? Der Personenkult, die oft einseitige Berichterstattung über Erfolge, die Unterdrückung kritischer Stimmung, der Missbrauch des Rechts in Einzelfällen (diese Reihe ließe sich fortsetzen) waren doch nicht „gottgegeben“! Abschließend noch ein Satz zu mir: Ich bin parteilos, stehe aber den wirklich „Linken“ sehr nahe.
    Mit freundlichen Grüßen
    Reinhardt Koblischke

  4. Hanna Fleiss schreibt:

    Reinhardt, nein, sie hatten es nicht „in der Hand“. Vieles, was in der DDR geschah, kam als Befehl aus der Sowjetunion. Die DDR war ja auf zweierlei Weise an die Sowjetunion gebunden. Da war das sozialistische Weltsystem. Die Sowjetunion als das stärkste, größte und erste Land der Welt, das den Sozialismus aufbaute, war natürlich richtungsweisend für alle kommunistischen Parteien. Überspitzt kann man sagen, Moskau war die Heimat aller Kommunisten der Welt.

    Die DDR war aber zugleich auch ein besetztes Land, und zwar von der Sowjetunion besetzt. Zwischen diesen beiden Polen bewegte sich die Politik. Die Partei war immer gezwungen, dazwischen zu lavieren. Jeder wusste: Ohne die Sowjetunion hätte es nie eine DDR gegeben. Und als die Sowjetunion vom marxistisch-leninistischen Weg abging, war auch die DDR gezwungen, ihr gleichzutun. Walter Ulbricht hatte sich lange gewehrt dagegen, sah aber auch keine Möglichkeit, den revisionistischen Weg der DDR zu verhindern. Ein Auftreten gegen die Sowjetunion war unter Kommunisten eine Unmöglichkeit, für die Kommunisten der DDR ganz besonders. Und das hatte Folgen. Und was dir unverständlich war an Entscheidungen der Partei, geht auf diese Entwicklung zurück.

    Aber das schlimmste war, dass die Partei den Kontakt zur Arbeiterklasse mehr und mehr verloren hatte. Wie Arbeiter dachten, wie sie sprachen, wo sie sich orientierten, wusste jeder. Aber die leitenden Genossen waren nicht mehr die Menschen der Aufbauphase, sie waren selbst schon vom Revisionismus angekränkelt, sie hatten gar nicht die Kraft oder auch gar nicht den Willen, wirklich etwas zu ändern, es ging alles seinen „sozialistischen Gang“. Am Ende hatte sich die ganze DDR daran gewöhnt. Und als dann Gorbatschow auftrat mit seinen scheinbaren „neuen Ideen“, die in Wahrheit die alten Ideen waren, nämlich die von Bucharin, Trotzki und Co., empfand das kaum jemand noch als unmarxistisch oder antikommunistisch. Wir hatten in der DDR auch viel zuwenig Informationen, was sich seit 1985 in der Sowjetunion wirklich tat, die antikommunistischen Schriften, in denen sich jetzt die Feinde der sozialistischen Sowjetunion äußerten, wurden auch gar nicht mehr als solche erkannt, denn sie kamen ja aus der Sowjetunion. Und weil plötzlich weite Teile der Bevölkerung der Ansicht waren, es musste sich etwas ändern. Gorbi, die „Lichtgestalt“.

    Eben weil wir alle viel zuwenig wussten, was an Antikommunismus seit 1985 Regierungspolitik der Sowjetunion war. Ich kann mich daran erinnern, es war 1987, als Gorbatschow in Moskau eine große Rede hielt, und alle meine Kollegen und Genossen mit leuchtenden Augen vor dem Fernseher saßen. 1987 musste Gorbatschow seine wahren Absichten noch verbergen. Ich kann nicht sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon skeptisch war, skeptisch wurde ich erst später. Aber wir hatten schon 1987 nicht genau hingehört, da tauchten plötzlich Begriffe auf, die so nie in der kommunistischen Weltbewegung benutzt wurden. Und die Partei blieb stumm.

    Klaus Hesse schreibt ja davon, dass die westlichen Geheimdienste schon lange in der DDR tätig waren, nun kam auch noch der gorbatschowistische KGB in Gestalt dieses „Lutsch“ dazu. Ich weiß es nicht, vermute es nur, dass die Absetzung Erich Honeckers als Befehl aus Moskau kam und Krenz diensteifrig diese Palastrevolution betrieb. Aber das hatte ihm nichts geholfen, die Antikommunisten der BRD zerrten auch ihn in einem politischen Prozess vor Gericht, obwohl er genau das getan hatte, was sie wollten. Krenz entschuldigte sich später damit, dass er sagte, er habe Gorbatschow wohl zu lange vertraut. Und ab diesem Zeitpunkt gab es im Grunde keine DDR mehr.

  5. Hanna Fleiss schreibt:

    Jauhuchanam, du wunderst dich, dass wir immer noch über den Untergang der DDR sprechen. Das ist aber kein Nachtraben, kein Nichtlosreißenkönnen oder was auch immer, sondern der Grund ist, dasss es bisher keine grundsätzliche Analyse dazu gibt. Es gibt sehr viele Abhandlungen, gutgemeinte, bösgemeinte, aus sozialistischer Sicht, Analysen mit einem sozialdemokratischen Drall, auch viel Stückwerk, und es gibt verdammt viele antikommunistische „Analysen“.

    Aber DIE ANALYSE aus marxistisch-leninistischer Sicht, die alles umfasst, die weder sozialdemokratisch noch antikommunistisch ist, diese Analyse gibt es bisher noch nicht. Es ist kein Jammern, wie du glaubst, es ist die Suche nach den wahren Ursachen des Untergangs des Sozialismus. Du hast nicht in der DDR gelebt, hast also eine gänzlich andere Beziehung zu ihr, wirst sicher auch vieles antikommunistische Zeugs aufgenommen haben, dein Problem ist die Weltverschwörung des Christentums, wie ich annehme. Das aber, nimm es nicht übel, geht aber an den wirklichen Weltproblemen vorbei.

  6. Harry 56 schreibt:

    Klingt ja alles gut und schön… manches plausibel, aber bitte:
    Was taten eigentlich die Herren und Damen Proletarier in den kapitalistischen Ländern Europas für den Frieden, für den Fortschritt, den Sozialismus? Wo waren sie Anfang der 80 er Jahre bei der erneuten NATO-Aufrüstung? Wie viele Streiks gab es dagegen? Wo waren da alle die angeblichen „Opfer der deutschen Faschisten“ in den so vielen NATO-Staaten West- und Nord-Europas, als es gegen die atomare Erpressung der UdSSR, also erneut gegen die UdSSR, wie anno 1941, gegen jenes Land, dem auch die ach so „versklavten“ West- und Nord-Europäer letztlich ihre Befreiung zu verdanken hatten?

    Ja, es gab gewaltige „Friedens-Demos“, aber wurde auch nur eine einzige NATO-Regierung damals zum Teufel geschickt, gestürzt??? Nichts, nichts, gar nichts… Ob der „Revisionismus“ der damaligen „Ostblock-Führer“ nicht AUCH eine Reaktion darauf gewesen sein KÖNNTE? Hat denn der „Reale Sozialismus“ auf dem Mars existiert? Wo bleibt eigentlich bei allen diesen Revisionisten, den sich selbst kasteienden Vorwürfen, der DIALEKTISCHE MATERIALISMUS, welcher doch immer wieder so gerne zitiert, aber im eigenen Denken und Handeln so oft vernachlässigt wird?

    Die DDR, letztlich auch die UdSSR, waren von Faktoren umgeben und eingebunden, denen auch die „standhaftesten Genossen“ nicht ihren „Tribut“ hätten verweigern können… Insofern gebe ich diesem komischen Theologen „Georg“ mal ausnahmsweise recht, diese peinlichen Selbstkasteiungen ehemaliger ???? – sind eher eines hartgesottenen Katholiken würdig als Anhängern, Verfechtern einer wissentschaftlchen Weltanschauung, sprich Sozialisten, Kommunisten, Marxisten, oder.. oder…

    Beste wissenschaftlich- soz. Grüße in diesem Sinne an alle hier!

    • sascha313 schreibt:

      Na, klar Harry. Und wo sind denn die ganzen Partei- und FDJ-Funktionäre, die sich damals so gerne als „Berufsrevolutionäre“ titulierten und große, kämpferische Reden hielten (wo sie doch nicht einmal mehr wußten, was eine Revolution ist!). Sie haben es nicht einmal gemerkt, als die Konterrevolution bereits in der eigenen Wohnung stand! Was haben sie denn z.B. gegen das Drecksblatt „Sputnik“ unternommen??? Daß die damaligen Dissidenten nun alle weggelaufen sind, oder sich in irgendwelche Ämter verkrochen haben, ist ja nicht weiter verwunderlich (Schwerter zu Pflugscharen usw.)
      Eine Lüge hält die andere nicht auf…

      P.S. Ich muß Georg da ein bißchen in Schutz nehmen: es ist alles ein Lernprozeß!

  7. Hanna Fleiss schreibt:

    Harry, ohne eine wirklich kämpferische Partei, wie sollten da die „Damen und Herren Proletarier“, so verbürgerlicht, wie sie schon damals waren, irgendeine NATO-Regierung stürzen? Du vergisst die Propaganda, die den Bevölkerungen ganz Westeuropas die Angst vor einem „kommunistischen Überfall“ eingehämmert hatte, da standen die Leute mit ihrem eingeübten Antikommunismus zusammen – die dachten nicht im geringsten daran, irgendeine NATO-Regierung zu stürzen.
    Und das fandest du nicht nur bei den verbürgerlichten Proletariern, sondern auch bei den Studenten und Intellektuellen, von der CDU wirst du ja nicht erwartet haben, dass sie sich selber stürzt. Die „gewaltigen Friedensdemos“ übten sich in Äquidistanz – wenn die NATO-Atomraketen weg sollten, dann sollten auch die SS-20 weg, diese Friedensbewegung war weitgehend eine bürgerliche Aktion, das waren Pazifisten reinsten Wassers. Die dachten doch nicht im Traum daran, ernsthaft gegen die NATO vorzugehen, die glaubten doch das Märchen von der „Schutzmacht USA/NATO“.

    Und nach diesem Muster der westdeutschen Friedensbewegung fand übrigens auch am 8. 10. die Antikriegsdemo in Berlin statt. Die stand nämlich unter der Losung „Die Waffen nieder!“ Was hieß denn das? Das hieß doch vor allem, Russland solle aufhören mit dem Kämpfen gegen den IS und für den syrischen Staat, und das war genau das, was der Westen wollte. Und genau das war der Tenor der Rede von Sahra Wagenknecht vorm Brandenburger Tor.

    Aber wie meinst du das mit der „Reaktion der Ostblock-Führer“? Meinst du, die dachten, na, wenn die im Westen nicht reihenweise NATO-Regierungen stürzen, müssen wir auch nichts tun? Da könntest du recht haben, dem Imperialismus war ja die Friedensfähigkeit bescheinigt worden, die Welt lebte jetzt in „friedlicher Koexistenz“.

    In einem Punkt allerdings irrst du dich: Hier ist kein Wort von Selbstkasteiung gefallen. Und die Realität erkennen, wie sie ist, Wünsche nicht zur Realität machen, ist eine Grundbedingung des dialektischen Materialismus, um überhaupt Schlussfolgerungen ziehen zu können. Wo siehst du da Peinlichkeit? Und was sollen das für „Faktoren“ gewesen sein, von denen die UdSSR und die DDR „umgeben waren“, denen sie ihren „Tribut nicht hätten verweigern können“? Ja, die sozialistischen Staaten hatten sich schon viel zu sehr in die Hände ihrer Gegner gegeben, zu erinnern sei an Korb III, Menschenrechte. Vielleicht haben sie erkannt, dass damit die Menschenrechte instrumentalisiert wurden, aber haben sie sich, falls sie dagegen protestierten, den Korb III entlarvt als das, was er war – eine antikommunistische Bombe gegen den Sozialismus? Nein, das haben sie nicht. Und nun sag nicht, sie hätten sich nicht durchsetzen können, sie wollten es nicht, was hätte denn da die antikommunistische Welt von ihnen denken sollen?

    Ich weiß nicht, ob ich es überhaupt ansprechen sollte: Als Kuba vor schwierigen Situationen stand, und Kuba hatte jede Menge schwierige Situationen, sprach Fidel vom Rednerpult zum Volk, erklärte die Zusammenhänge, damit das Volk die Handlungen der kubanischen Regierung verstand und akzeptierte. In der DDR wurde das nicht gemacht, der Gegner hätte ja mithören können und seine Propagandamaschine anschmeißen, und ich bin der Ansicht, dass das einer der wesentlichen Faktoren war, weshalb es mit der DDR so gekommen ist, wie es kam. Selbstverständlich gibt es Themen, die nicht für die breite Öffentlichkeit gedacht sind, völlig unbestritten. Das wurde ja auch in Kuba nicht gemacht.

    Wir hier sollten so nicht weitermachen nach dem Slogan „Keine Fehlerdiskussion“. Fehler sind dazu da, dass man aus ihnen lernt und sie nicht wiederholt. Dazu muss man sie allerdings erst kennen. Und das Erkennen von Fehlern ist keine Schwäche, sondern verhilft uns zur Stärke im Kampf für unsere Ziele.

  8. Harry 56 schreibt:

    Hallo Hanna und Sascha, danke für eure Antworten.
    Das entscheidende Schlachtfeld im Kampf um den Sozialismus zwischen bereits existierenden neuen sozialistischen Ländern und den schon teilweise seit Jahrhunderten bestehenden kapitalistischen Ländern ist die Ökonomie.

    Es war und ist auch heute noch eine Tatsache, dass die jungen sozialistischen Staaten aufgrund ihrer vorherigen oftmals nur sehr unzulänglichen kapitalistischen Entwicklung in ökonomischer Hinsicht den alten kapitalistischen Ländern, vor allem natürlich den am höchsten entwickelten Ländern, noch unterlegen waren. Der seit 1945 von den USA angeführte kapitalistische Weltblock verfügte einfach über ungleich größere ökonomische, zumindest teilweise auch größere technische und wissenschaftliche Möglichkeiten. Und diese Möglichkeiten wurden natürlich von den kapitalistischen Ländern, insbesondere den USA und ihren europäischen Verbündeten gegen die jungen sozialistischen Länder eingesetzt, wobei man mitunter sehr selektiv verfuhr, so Interessengegensätze zwischen den einzelnen sozialistischen Ländern hervorrief und förderte wo immer es möglich war.

    Mit diesen objektiven Faktoren hatten eben die Führungen aller sozialistischen Länder zu rechnen, waren gezwungen, mit ihnen irgend wie klar zu kommen. Die ideologische Propaganda, die psychologische Kriegsführung der kapitalistischen Länder waren dazu lediglich die entsprechende Begleitmusik. Dazu muss man auch die ständigen Kriegsdrohungen seitens der NATO, deren permanente Aufrüstung in Betracht ziehen, welche den jungen, ökonomisch noch nicht so weit entwickelten sozialistischen Ländern gewaltige Verteidigungsanstrengungen aufnötigte, insbesondere der UDSSR. Aber auch die kleine DDR wurde durch diese Politik ökonomisch schwer belastet, was Erich Honecker nach dem Untergang der DDR in einem seiner Aufzeichnungen deutlich sagte.

    Der reale Sozialismus hatte es eben in dieser realen Welt, einer Welt, deren größter Teil mit seinen ungeheueren Resourcen vom internationalen Imperialismus beherrscht wurde, nicht gerade leicht. Dazu kamen natürlich auch jede Menge hausgemachter Fehler. Dazu zählen die oft nur mangelhafte Kooperation bei der Entwicklung von Wissenschaft und Technik, eine oft nur ungenügende Arbeitsteilung der sozialistischen Länder untereinander. Auch wurden ganz klar die großen Gefahren der seit 1969 angeleierten „Entspannungspolitik“ des NATO-Blocks geradezu sträflichst außer acht gelassen. Die ökonomischen Lockangebote des NATO-Blocks wurden gern angenommen in der Hoffnung, so eigene strukturelle Schwächen zumindest ausgleichen zu können. Und natürlich spielten auch die immer gehobeneren Konsumwünsche der Bürger der sozialistischen Länder eine große Rolle in der Politik der damaligen Partei- und Staatsführungen, ob in der DDR und anderswo.

    Der 8.Parteitag der SED mit seinem gravierenden ökonomischen Kurswechsel mag hierzu nur als ein von vielen Beispielen wirken. Und da es in den Ländern des NATO-Blocks auch nirgends ernstgemeinte, zielstrebige Klassenkämpfe gab, die Masse des dortigen Proletariats den Herrschenden als willige ausbeutbare Manövriermasse (bis auf den heutigen Tag!) zur Verfügung stand, konnten die Herrschende des Kapitalismus munter ihren hybriden Kalten Krieg munter bis zum siegreichen Ende fortführen.

    So sahen doch damals die Dinge wirklich aus! Dialektischer Materialismus meint eben, alle Dinge und Erscheinungen in allen ihren Verkettungen und Wechselwirkungen zu erkennen. Ideologie allein ist hier wenig hilfreich, eher nur störend, die klaren Erkenntnisse vernebelnd.
    In diesen Sinn beste soz. Grüße an alle hier!

  9. Hanna Fleiss schreibt:

    Harry, selbstverständlich, die Ökonomie war das Schlachtfeld des Imperialismus, auf dem er sich Vorteile und Siege versprechen konnte, denn er hatte einen riesenhaften Vorsprung in der technischen Entwicklung. Wenn du aber, völlig richtig, der Ansicht bist, dass dialektischer Materialismus meint, alle Dinge und Erscheinungen in allen ihren Verkettungen und Wechselwirkungen zu erkennen, kannst du doch die Ideologie nicht als störend in der Einschätzung der Situation der sozialistischen Länder bezeichnen, du sprichst sogar von „vernebelnd“. Damit stellst du dir doch selber ein Bein.

    Natürlich wirkte die Ideologie immer im Zusammenspiel mit der Ökonomie. Viele der „hausgemachten“ Fehler basieren doch auf Ideologie, nämlich auf dem Abgehen von Marxismus-Leninismus. Im RGW gab es keine wirkliche Zusammenarbeit der sozialistischen Staaten, die die Nachteile der wirtschaftlichen Entwicklung gegenüber den westlichen Hauptmächten hätte überwinden können – auch dies eine Folge der „Ideologie“, nämlich wiederum dem Abgehen der Sowjetunion vom Marxismus-Leninismus.

    Du kannst nicht die Grundlagen der kommunistischen Weltanschauung voneinander trennen, das tust du aber, wenn du einen Bestandteil von dreien zum Schwerpunkt erklärst. Es ist klar, ökonomisch musste unter diesen „inneren“ Bedingungen der Sozialismus auf ökonomischem Gebiet schlecht dastehen und verlieren. Die Linken versteifen sich nun darauf, dass es an der sozialistischen Planwirtschaft lag. Nein, an der Planwirtschaft lag es nicht, sondern an der schlechtgemachten sozialistischen Planwirtschaft lag es, weil eben Grundlagen des Marxismus-Leninismus nicht beachtet wurden, sondern lediglich pragmatisch gehandelt wurde. Die Dinge, die du aufführst, sind nicht falsch beobachtet, aber die sozialistischen Staaten hätten darauf richtig reagieren müssen! Und das haben sie nicht! Und das hatte eben mit der Ideologie zu tun, die du, wenn ich dich richtig verstehe, als nicht besonders wichtig für die ökonomische Entwicklung der sozialistischen Länder ansiehst.

    Ich finde auf die Schnelle nicht die Quelle, wo Lenin von den drei Bestandteilen des Kommunismus spricht. Wenn ich mich richtig erinnere, waren das die Ökonomie, der dialektische Materialismus und die Ideologie, die zur einheitlichen kommunistischen Weltanschauung gehören. Vielleicht kann mich jemand korrigieren und sogar die Quelle benennen.

    • sascha313 schreibt:

      Hanna, Du meinst sicher: Philosophie, politische Ökonomie und Sozialismus (aus: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. Lenin, Werke, Bd.19, S.3-9).🙂 Und Ideologie ist ja an sich nichts Schlechtes, nichts Verwerfliches. Nur muß man eben auseinanderhalten, um wessen Ideologie es sich handelt. Marx schreibt: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse , welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“ (Marx/Engels: Deutsche Ideologie, MEW Bd.3, S.46)
      Die bürgerliche Ideologie ist freilich vernebelnd, Harry!

  10. Hanna Fleiss schreibt:

    Sascha, danke, aber das meine ich nicht. Ich kann mich sehr gut an Ökonomie und Ideologie erinnern, ich habe es gelesen, weiß jetzt aber nicht genau, wo. Beim dialektischen und historischen Materialismus bin ich mir nicht ganz sicher. Harry ging es ja um unsere Ideologie, die er als „vernebelnd“ bezeichnete. Was mich tatsächlich sehr verwunderte, ist doch all unser Leben ohne Ideologie – diese oder jene – nicht vorstellbar. Der Westen argumentiert ja nicht ohne Grund gegen „Ideologie“ und behauptet, er selbst habe keine. Die er natürlich hat.

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