Maxim Gorki: Warum sind wir für den Sozialismus?

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Maxim Gorki (28.3.1868 – 18.6.1936), eigentlich Alexej Maximowitsch Peschkow, war einer der bedeutendsten sowjetischen Gegenwartsschriftsteller. Er war eng befreundet mit Lenin und Stalin, und er schuf eine Vielzahl kraftvoller und volkstümlicher Werke der russischen Literatur. Gorki hatte schon sehr zeitig seine Eltern verloren und erlebte die bittere Not eines armen Jungen im zaristischen Rußland; darum nannte er sich Gorki, zu deutsch: der Bittere. Die Landstraßen über die er zog, nannte er „Meine Universitäten“. Er wurde zum Revolutionär und zu einem der größten Schriftsteller der Weltliteratur. Aus der Zeit vor der russsichen Revolution 1905 erzählt sein Roman Die Mutter“, aus dem der folgende Ausschnitt stammt. Gorki schrieb Erzählungen, Theaterstücke, Romane. Den Kindern galt seine ganz besondere Liebe. Er besuchte sie, tauschte Briefe mit ihnen, aber vor allem sorgte er dafür, daß gute Kinderbücher für sie geschrieben wurden. Viele Schriftsteller sahen in ihm ihren Lehrer. [1]

Jetzt erhob sich Pawel, und es wurde plötzlich still. Die Mutter beugte sich mit dem ganzen Körper vor. Pawel begann ruhig: „Als Parteimitglied erkenne ich nur das Gericht meiner Partei an und werde nicht zu meiner Verteidigung sprechen, sondern dem Wunsch meiner Genossen, die ebenfalls auf eine Verteidigung verzichtet haben, entsprechen und versuchen, Ihnen das zu erklären, was Sie nicht verstanden haben. Der Staatsanwalt hat unsere Kundgebung unter der Fahne der Sozialdemokratie eine Auflehnung gegen die Staatsgewalt genannt und uns die ganze Zeit als Rebellen gegen den Zaren betrachtet. Ich muß erklären, daß die Selbstherrschaft in unseren Augen nicht die einzige Kette ist, die dieses Land fesselt, sie ist nur die erste und nächste Kette, von der wir das Volk befreien müssen …“

Die Stille wurde tiefer, während seine feste Stimme erklang, die den Raum zu weiten schien; Pawel rückte gleichsam weit von den Menschen fort und wurde dabei noch deutlicher sichtbar. In die Richter kam eine schwerfällige Unruhe, Der Adelsmarschall flüsterte dem Richter mit dem schlaffen Gesicht etwas zu, der nickte und wandte sich an den Alten, dem gleichzeitig von der anderen Seite der kranke Richter etwas ins Ohr sagte. Der Alte drehte sich in seinem Sessel nach rechts und nach links und sagte etwas zu Pawel, aber seine Stimme ging in dem gleichmäßigen, breiten Redestrom Wlassows unter.

„Wir sind Sozialisten. Das besagt, daß wir Feinde des Privateigentums sind, welches die Menschen entzweit, sie gegeneinander bewaffnet und unversöhnliche Interessengegensätze schafft, das im Bemühen, diese Feindschaft zu verbergen oder zu rechtfertigen, lügt und alle durch Lüge, Heuchelei und Bosheit demoralisiert. Wir sagen: Eine Gesellschaft, die den Menschen nur als Mittel zu ihrer Bereicherung ansieht, ist gegen die Menschen gerichtet, sie ist uns feindlich, wir können uns mit ihrer heuchlerischen, lügenhaften Moral nicht aussöhnen. Ihr Zynismus und die Grausamkeit ihres Verhaltens der einzelnen Persönlichkeit gegenüber sind uns verhaßt, wir wollen und werden gegen alle Pormen physischer und moralischer Knechtung der Menschen durch eine solche Gesellschaft kämpfen, gegen alle Methoden, die den Menschen der Habgier zuliebe zermalmen. Wir Arbeiter sind diejenigen, durch deren Arbeit alles geschaffen wird, von Riesenmaschinen bis zum Kinderspielzeug, wir sind diejenigen, die man des Rechtes beraubt hat, für ihre Menschenwürde zu kämpfen, uns will und kann jeder in ein bloßes Werkzeug verwandeln, um seine Zwecke zu erreichen. Wir wollen jetzt soviel Freiheit haben, daß wir durch sie die Möglichkeit erhalten, mit der Zeit alle Macht zu erobern. Unsere Losung ist einfach: Nieder mit dem Privateigentum, alle Produktionsmittel dem Volk, alle Macht – dem Volk, die Arbeit – eine Pflicht für alle! Sie sehen, wir sind keine Rebellen!“

Pawel lächelte verächtlich, fuhr sich langsam mit der Hand durch das Haar, und das Feuer in seinen blauen Augen flammte heller auf. „Ich bitte Sie, nur zur Sache zu sprechen!“ sagte der Vorsitzende vernehmlich und laut. Er hatte sich Pawel zugewandt und blickte ihn an, und der Mutter war es, als brenne in seinem linken, trüben Auge ein böses, gieriges Feuer. Und alle Richter betrachteten ihren Sohn so, als wenn ihre Augen an seinem Gesicht klebten, sich an seinem Körper festsogen, nach seinem Blut dürsteten, um damit ihre verbrauchten Leiber neu zu beleben. Er aber stand aufrecht, fest und stark in seiner ganzen Größe da, streckte die Hand nach ihnen aus und sagte nicht laut, aber deutlich:

„Wir sind Revolutionäre und werden es so lange bleiben, wie die einen nur befehlen, die anderen nur arbeiten. Wir sind gegen die Gesellschaft, deren Interessen zu verteidigen man Ihnen anbefohlen hat wir sind unversöhnliche Feinde dieser Gesellschaft und Ihre auch, und eine Aussöhnung zwischen uns ist uns so lange unmöglich, bis wir gesiegt haben. Siegen werden wir, die Arbeiter. Ihre Auftraggeber sind durchaus nicht so stark, wie Sie glauben. Dasselbe Eigentum, für dessen Anhäufung und Erhaltung Sie Millionen geknechteter Menschen hinopfern, dieselbe Kraft, die Ihnen Macht über uns gibt, erregt unter Ihnen feindselige Reibungen, zermürbt Sie physisch und moralisch. Das Eigentum erfordert zu seinem Schutz allzu große Anstrengungen, und im Grunde genommen sind Sie alle, unsere Gebieter, mehr Sklaven als wir. Sie sind geistig versklavt, wir nur körperlich. Sie können dem Druck der Vorurteile und der Gewohnheiten nicht entrinnen, einem Druck, der Sie geistig getötet hat; uns hindert nichts, innerlich frei zu sein. Das Gift, mit dem Sie uns vergiften, ist schwächer als das Gegengift, das Sie, ohne es zu wollen, in unser Bewußtseih träufeln … Das wächst, entwickelt sich unaufhaltsam, entzündet sich immer schneller und reißt alles Beste, alles geistig Gesunde selbst aus Ihren Reihen mit sich fort. Blicken Sie nur um sich – Sie haben schon keine Leute mehr, die mit Ideen für Ihre Macht kämpfen könnten. Sie haben alle Argumente, die Sie vor dem Ansturm der historischen Gerechtigkeit schützen können, restlos verausgabt. Sie vermögen im Reich der Ideen nichts Neues zu schaffen, Sie sind geistig unfruchtbar. Unsere Ideen dagegen wachsen und flammen immer heller auf, sie ergreifen die Volksmassen und organisieren sie zum Freiheitskampf. Das Bewußtsein von der großen Rolle des Arbeiters vereinigt sämtliche Arbeiter der ganzen Welt zu einem Ganzen – Sie können diesen Prozeß der Erneuerung des Lebens durch nichts aufhalten, außer durch Grausamkeit und Zynismus. Aber dieser Zynismus springt in die Augen, diese Grausamkeit erbittert. Und die Hände, die uns heute würgen, werden bald brüderlich die unseren drücken. Ihre Energie ist die mechanische Energie des zinstragenden Goldes. Sie vereinigt Sie in Gruppen, die berufen sind, einander zu vernichten; unsere Energie ist die lebendige Kraft der stetig zunehmenden Erkenntnis von der Solidarität aller Arbeiter. Alles, was Sie tun, ist ein Verbrechen, denn es ist darauf gerichtet, die Menschen zu Sklaven zu machen. Unsere Arbeit dagegen befreit die Welt von den Gespenstern und Ungeheuern, die von Ihrer Lüge, Ihrer Bosheit, Ihrer Habgier gezeugt wurden und das Volk in Schrecken hielten. Sie haben den Menschen vom Leben losgerissen und ihn zugrunde gerichtet. Der Sozialismus vereint die von Ihnen zerstörte Welt zu einem großen, einigen Ganzen, und das – wird kommen!“

Pawel hielt einen Augenblick inne und wiederholte leise, aber kraftvoller: „Das – wird kommen!“ [2]

Zitate:
[1] nach: Von Anton bis Zylinder. Das Lexikon für Kinder. Der Kinderbuchverlag Berlin, 1985, S.154.
[2] Maxim Gorki: Die Mutter, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1974, S.366-369.

Bilder:
oben links: Gorki und Stalin; oben rechts: Gorki mit Kindern; unten links: Lenin und Bogdanow beim Schachspiel auf Capri, dahinter Gorki (1908). unten rechts: Woroschilow, Gorki und Stalin;

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3 Antworten zu Maxim Gorki: Warum sind wir für den Sozialismus?

  1. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Europapolitik rebloggt und kommentierte:
    Maxim Gorki – Sozialismus

  2. Pingback: Maxim Gorki: Plädoyer für den Kommunismus. | Sascha's Welt

  3. Pingback: Corona – die Wahrheit, das Recht und der Kapitalismus | Sascha's Welt

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