Marx/Engels: Revolution und Konterrevolution

Maerz1848_berlin
„Der erste Akt des revolutionären Dramas“, schreibt Karl Marx 1851, „auf dem europäischen Kontinent ist zu Ende. Die ‚Mächte der Vergangenheit‘ vor dem Sturm von 1848 sind wieder die ‚Mächte der Gegenwart’…“ –  so oder ähnlich könnten wir auch heute schreiben. Nur daß es nicht der erste Akt, sondern der zweite, wenn nicht sogar der dritte Akt war (wenn man die DDR mitzählt). Wiederum haben die ‚Mächte der Vergangenheit‘ die Macht ergriffen über uns. Marx analysiert die Geschichte sehr genau. Und – was uns nicht verwundern muß – er kommt zu sehr heutigen, sehr zeitgemäßen Ergebnissen. Karl Marx schreibt nun weiter:

Eine schwerere Niederlage als die, welche die Revolutionspartei – besser die Revolutionsparteien – auf dem Kontinent an allen Punkten der Kampflinie erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was will das besagen? … Die Zeiten des Aberglaubens, der Revolutionen auf die Bösartigkeit einer Handvoll Agitatoren zurückführt, sind längst vorüber. Alle Welt weiß heute, daß überall, wo eine revolutionäre Erschütterung eintritt, ein gesellschaftliches Bedürfnis dahinterstecken muß, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen verhindert wird. Das Bedürfnis mag noch nicht so dringend, so allgemein empfunden werden, um einen unmittelbaren Erfolg zu verbürgen; aber jeder Versuch einer gewaltsamen Unterdrückung wird es nur immer stärker hervortreten lassen, bis es seine Fesseln zerbricht.

Die Suche nach den Ursachen der Niederlage

Sind wir nun einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrscheinlich sehr kurze Ruhepause, die uns zwischen dem Schluß des ersten dem Anfang des zweiten Aktes vergönnt ist, gibt uns zum Glück Zeit zu einem sehr notwendigen Stück Arbeit: zur Untersuchung der Ursachen, die wie die letzte Erhebung so auch ihr Mißlingen unvermeidlich machten; Ursachen, die nicht in den zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtümern oder Verrätereien einiger Führer zu suchen sind, sondern in dem allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und in Lebensbedingungen einer jeden der von Erschütterungen betroffenen Nationen. Daß die plötzlichen Bewegungen des Februar und März 1848 nicht das Werk von Einzelpersonen waren, sondern der spontane, widerstehliehe Ausdruck von Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Völker, mehr oder weniger klar verstanden, aber von einer ganzen Anzahl von Klassen in allen Ländern sehr deutlich empfunden, ist ein gemein anerkannte Tatsache; wenn man aber nach den Ursachen der Erfolge der Konterrevolution forscht, so erhält man von allen Seiten bequeme Antwort, Herr X oder Bürger Y habe das Volk „verraten“.

Wer hat das Volk verraten? Gorbatschow?!

Diese Antwort kann durchaus zutreffen oder auch nicht, je nach den Umständen, aber unter keinen Umständen liefert sie eine Erklärung, ja, sie macht nicht einmal verständlich, wie es kam, daß das „Volk“ sich derart verraten ließ. Und wie jämmerlich sind die Aussichten einer politischen Partei, deren ganzes politisches Inventar in der Kenntnis der einen Tatsache besteht, daß dem Bürger Soundso nicht zu trauen ist. Überdies ist es vom historischen Standpunkt aus von größter Bedeutung, daß sowohl die Ursachen der revolutionären Erschütterung wie die ihrer Unterdrückung untersucht und klargestellt werden. All die kleinlichen persönlichen Zänkereien und Beschuldigungen, all die einander widersprechenden Behauptungen, daß Marrast oder Ledru-Rollin oder Louis Blanc oder ein anderes Mitglied der Provisorischen Regierung es war oder alle zusammen, die die Revolution mitten in die Klippen hineingesteuert, an denen sie scheiterte – welches Interesse können sie bieten, welches Licht auf die Ereignisse werfen für einen Amerikaner oder Engländer, der all diese verschiedenen Bewegungen aus einer Entfernung beobachtete, die zu groß war, um ihn irgendwelche Einzelheiten der Vorgänge unterscheiden zu lassen?

Wie war das mit der Konterrevolution?

Kein vernünftiger Mensch wird jemals glauben, daß elf Männer, zumeist von recht mittelmäßiger Begabung zum Nutzen wie zum Schaden, imstande gewesen seien, im Verlauf von drei Monaten eine Nation von sechsunddreißig Millionen zugrunde zu richten, wenn sich diese sechsunddreißig Millionen über den einzuschlagenden Weg nicht genauso im Unklaren waren wie jene elf. Aber wie es kam, daß diese sechsunddreißig Millionen, obwohl sie zum Teil im Ungewissen umhertappten, auf einmal berufen waren, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, welcher Weg beschritten werden solle, wie sie in die Irre gerieten und wie ihre alten Führer vorübergehend die Möglichkeit erhielten, wieder die Führung zu erlangen – das ist gerade die Frage. …

Welche Rolle spielen die Kleinbürger?

Die große Masse der Nation, die weder dem Adel noch der Bourgeoisie angehörte, bestand in den Städten aus der Klasse der Kleinbürger und der Arbeiterschaft, auf dem Lande aus der Bauernschaft. Die Klasse der Kleingewerbetreibenden und Kleinhändler in Deutschland ist außerordentlich zahlreich, eine Folge des Umstands, daß die Großkapitalisten und Großindustriellen als Klasse in ihrer Entwicklung gehemmt waren. In den größeren Städten bildet sie Mehrheit der Bevölkerung, in den kleineren überwiegt sie vollständig, da es dort an reicheren Mitbewerbern um den maßgebenden Einfluß fehlt.

Das Kleinbürgertum, in jedem modernen Staat und bei allen modernen Revolutionen von höchster Bedeutung, ist besonders wichtig in Deutschland, wo es bei den jüngsten Kämpfen meist die entscheidende Rolle gespielt hat. Seine Zwischenstellung zwischen der Klasse der größeren Kapitalisten, Kaufleuten und Industriellen, der eigentlichen Bourgeoisie, und dem Proletariat oder der Arbeiterklasse ist für seinen Charakter bestimmend. Es strebt nach der Stellung der Bourgeoisie, aber das geringste Mißgeschick schleudert die Angehörigen des Kleinbürgertums hinab in die Reihen des Proletariats.

In monarchischen und feudalen Ländern bedarf das Kleinbürgertum, um existieren zu können, der Kundschaft des Hofes und des Adels; der Verlust dieser Kundschaft würde es zu einem großen Teil zugrunde richten. In kleineren Städten bildet häufig eine militärische Garnison, eine Kreisregierung, ein Gerichtshof und deren Anhang die Grundlage seines Wohlstands; entzieht man sie ihm, so ist es um die Krämer, Schneider, Schuhmacher, Schreiner geschehen.

Dieses ewige Hin- und Hergerissensein zwischen der Hoffnung, in die Reihen der wohlhabenderen Klasse aufzusteigen, und der Furcht, auf das Niveau von Proletariern oder gar Paupers hinabgedrückt zu werden; zwischen der Hoffnung, seine Interessen durch Eroberung eines Anteils an der Leitung der Staatsgeschäfte zu fördern, und der Furcht, durch ungelegene Opposition den Zorn einer Regierung erregen, von der seine Existenz abhängt, da sie die Macht hat, ihm die besten Kunden zu entziehen; die Geringfügigkeit seines Besitzes, dessen Unsicherheit im umgekehrten Verhältnis steht zu seiner Größe – all dies macht das Kleinbürgertum äußerst wankelmütig in seinen Anschauungen.

Demütig und kriecherisch unterwürfig unter einer feudalen oder monarchischen Regierung, wendet es sich dem Liberalismus zu, wenn die Bourgeoisie im Aufstieg ist; sobald die Bourgeoisie ihre eigene Herrschaft gesichert hat, wird es von heftigen Anwandlungen befallen, fällt aber sofort in klägliche Verzagtheit zurück, sobald die Klasse unter ihm, das Proletariat, eine selbständige Bewegung unternimmt. Wir werden im weiteren sehen, wie das Kleinbürgertum abwechselnd aus dem einen dieser Stadien ins andere übergeht.

Und die Arbeiterklasse?

Die Arbeiterklasse Deutschlands ist in ihrer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung ebensoweit hinter der Englands und Frankreichs zurück, wie die deutsche Bourgeoisie hinter der Bourgeoisie jener Länder. Wie der Herr, so’s Gescherr…

Quelle:
Karl Marx/Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland I – London September 1851, in: Marx/Engels/Lenin/Stalin: Zur deutschen Geschichte, Band II, Dietz Verlag, Berlin 1954, S.353-359. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Siehe auch:
Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

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4 Antworten zu Marx/Engels: Revolution und Konterrevolution

  1. Harry 56 schreibt:

    Wie immer wieder Revolutionen gemacht, inszeniert und natürlich auch machtvoll finanziert werden, dazu ein sehr interssanter Beitrag von „Freeman“ von Alles Schall und Rauch.

    http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2014/10/wie-man-eine-revolution-organisiert-und.html

    Interessant und aufschlußreich auch deshalb, weil diese Rezepte, welche Freeman vor allem für die „farbigen“, vom westlichen Imperialismus gesteuerten Revolutionen seit 1990 aufführt, in großen Zügen auch gelten für die Konterrevolutionen, sogn. „friedlichen Revolutionen“ in den ehemals sozialistisch-revisionistischen Staaten Europas.
    Nach diesen Rezepten läiuft es natürlich für NATO, EU und einheimische ukrainische Handlanger bisher recht erfolgreich weiter in der Ukraine……..
    Dass alle diese Rezepte nicht erfolgreich wirken können ohne einheimische Handlanger, Fünfte Kolonnen aus UNTERSCHIEDLICHSTEN MOTIVEN, muss hier ganz besonders im Auge behalten werden.

    • rheinlaender schreibt:

      Hallo und Danke Harry,
      1) dieser ASR Beitrag ist super. Freeman schreibt kurz, logisch, faktenreich, humorvoll und leicht verständlich; emotional mit Anfassfaktor. Von seiner Art zu schreiben kann man NUR viel lernen.
      2) Über die fünfte Kolonne gibt es aktuell interessantes von evgeny fedorov.
      3) In der DDR vor 1989 waren nicht nur einheimische und ausländisch, bezahlte Konterrevolutionäre am Werk. Es waren auch die vielen Reisenden aus der BRD. Diese armen Willies und Looser sind oft mit geliehenem Auto, Geld, dazu Schlips und Kragen in die DDR gereist und haben ihre Verwandschaft belogen. In den Lügen haben die ihr Gehalt verdoppelt, von einem Freiheitsparadies BRD erzählt. Von ihrer kalten Behausung im Winter ohne Bad haben die nicht erzählt. Dass es kaum Fleisch gab auch nicht. Auch nicht von den Demütigungen am Arbeitsplatz oder den Selbstmorden wegen Überschuldung. Irgendwie hat die BRD (in anderen Länder hab ich diese DDR Feindlichkeit damals nicht kennengelernt) es geschafft, eine einheimische, lumpenproletarische Armee (Springers Blödzeitung ?) zu schaffen. Und in deren kleinem Roboterhirn ein antikommunistisches Programm zu installieren.

    • Erfurt schreibt:

      ASR: Da werden die Begriffe verdreht. Genauso wie in ARD+ZDF. Ja eben, Alles Schall und Rauch 😉

  2. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Revolution und Konterrevolution

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