Hermann Matern: Bedingungen für eine neue KPD

Matern - Arbeiterbewegung

Im Ergebnis der Novemberrevolution entstand am 30.12.1918 die Kommunistische Partei Deutschlands, die KPD. Sie war unter Führung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs aus der Spartacusgruppe hervorgegangen und blieb die einzige Partei, die sich ohne Schwankungen und in allen Fragen für die Interessen der Arbeiterklasse und des deutschen Volkes einsetzte und dafür kämpfte. Unter der Führung von Ernst Thälmann entwickelte sich die KPD zu einer marxistisch-leninistischen Partei – getreu den Lehren von MARX, ENGELS, LENIN und STALIN. „Die Rolle Ernst Thälmanns klarzustellen“, so sagte Genosse Hermann Matern im Jahre 1951, ist dabei nicht nur „eine Ehrenpflicht der Partei, sondern eine dringende Notwendigkeit, um die Partei weiter zu qualifizieren, die Parteimitglieder und besonders die Jugend daran zu schulen.“ [1] Wie soll nun eine künftige Partei neuen Typs aussehen? Welche grundlegenden Voraussetzungen sind dafür notwendig? Was sind die vordringlichsten Aufgaben einer kommunistischen Partei? Auf alle diese Fragen ging Genosse Matern damals ein. Und er zitierte J.W. Stalin, der sagte: „Man darf nicht vergessen, daß die Kenntnis und Beherrschung der Geschichte unserer Partei das wichtigste Mittel ist, um die revolutionäre Wachsamkeit der Parteimitglieder vollauf zu sichern.“ [2] Diese Frage hat eine entscheidende Bedeutung.

Stalins Hilfe für die deutschen Kommunisten

Eine große Hilfe für die Kommunistische Partei Deutschlands war Stalins Analyse von den zwei Stabilisierungen. Mit dieser theoretischen Verallgemeinerung der neuen Lage führte Stalin einen gewaltigen Schlag gegen die scheinrevolutionären Abenteurer und wies überzeugend nach, daß in Deutschland die revolutionäre Situation vorläufig vorüber war. „Es steht … außer Zweifel,“ sagte Stalin, „daß im Zentrum Europas, in Deutschland, die Periode des revolutionären Aufschwungs bereits beendet ist.“ [3] Zugleich wies Stalin aber auch nach, daß ebenso kein Zweifel darüber bestehen kann, „…daß mit der Zeit die für den Kapitalismus negativen, für die Revolution günstigen Tendenzen siegen müssen, denn der Imperialismus ist unfähig, die ihn zerfressenden Widersprüche zu lösen, denn er ist nur fähig, sie zeitweise zu lindern, daß sie dann wieder hervortreten und sich mit neuer vernichtende: Kraft entfalten“. [4]

Ein neuer Abschnitt hat begonnen

Vor allem verlangte die neue Periode der Sammlung der Kräfte, die Periode der Formierung und Ausbildung der proletarischen Armee unter dem Banner des Kommunismus die Schaffung eint: revolutionären Massenpartei, die Schaffung einer Partei neuen Typus, weil nur eine neue, wirklich marxistische Partei unversöhnlich gegenüber den Opportunisten und revolutionär gegenüber der Bourgeoisie, fest geschlossen und aus einem Guß, eine Partei der sozialen Revolution, eine Partei der Diktatur des Proletariat das Proletariat in den kommenden entscheidenden Klassenschlachten zum Siege führen kann. Die Kommunistische Partei Deutschlands war noch mit sozialdemokratischem Ballast und luxemburgistischen Fehlern behaftet. Es bedurfte einer ernsten und langwierigen Erziehungsarbeit. Die größte Hilfe waren dabei die zwölf Bedingungen für die Entwicklung zu einer Partei neuen Typus, die Stalin im Jahre 1925 der KPD übermittelte. [4]

Für eine neue marxistisch-leninistische Partei

Ernst Thälmann hat in seiner ganzen Tätigkeit nach diesen zwölf Bedingungen gehandelt. Er sah es als seine vordringliche Aufgabe an, um ihre Verwirklichung in der Kommunistischen Partei Deutschlands energisch und zielstrebig zu kämpfen. Der entschiedene Kampf gegen alle Abweichungen vom Marxismus-Leninismus ist ein Entwicklungsgesetz der Partei neuen Typus. Darum darf eine ernste Partei auch keine Selbstzufriedenheit, Sorglosigkeit und Überheblichkeit dulden, darum darf sie die Gegensätze nicht verkleistern und vertuschen, sondern muß sie prinzipiell, unversöhnlich und kämpferisch austragen.

Quelle:
Hermann Matern, Aus dem Leben und Kampf der deutschen Arbeiterbewegung, Dietz Verlag Berlin, 1958, S.156f. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

[1] Hermann Matern, Die Rolle Ernst Thälmanns bei der Schaffung der revolutionären Massenpartei der Arbeiterklasse, Dietz Verlg Berlin, 1951, S.4.
[2] Geschichte der Kommunistishen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Dietz Verlag Berlin, 1951, S.409.
[3] J.W.Stalin, Zur internationalen Lage und zu den Aufgaben der kommunistischen Parteien; Werke, Bd.7, S.44.
[4] Ebenda, S. 47.
[5] Siehe J.W.Stalin, Über die Perspektiven der KPD und über die Bolschewisierung, Werke, Bd.7, S.32-34.

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DIE 12 STALINSCHEN BEDINGUNGEN

Um die Bolschewisierung durchzuführen, ist es notwendig, wenigstens einige grundlegende Voraussetzungen zu schaffen, ohne die überhaupt eine Bolschewisierung der kommunistischen Parteien unmöglich ist.

1. Es ist notwendig, daß die Partei sich nicht als Anhängsel des parlamentarischen Wahlapparats betrachtet, wie es im Grunde genommen die Sozialdemokratie tut, und auch nicht als Gratisbeilage zu den Gewerkschaften, wovon zuweilen gewisse anarcho-syndikalistische Elemente faseln, sondern als die höchste Form der Klassenvereinigung des Proletariats, die berufen ist, alle übrigen Formen der proletarischen Organisationen, von den Gewerkschaften bis zur Parlamentsfraktion, zu führen.
2. Es ist notwendig, daß die Partei, besonders ihre führenden Elemente, sich der revolutionären Theorie des Marxismus, die mit der revolutionären Praxis untrennbar verbanden ist, voll bemächtigen.
3. Es ist notwendig, daß die Partei die Losungen und Direktiven nicht auf Grund eingelernter Formeln und geschichtlicher Parallelen, sondern als Ergebnis einer sorgfältigen Analyse der konkreten Bedingungen der revolutionären Bewegung im Lande und im internationalen Maßstab ausarbeitet, wobei die Erfahrungen der Revolutionen aller Länder unbedingt mit in Rechnung gestellt werden müssen.
4. Es ist notwendig, daß die Partei die Richtigkeit dieser Losungen und Direktiven im Feuer des revolutionären Kampfes der Massen überprüft.
5. Es ist notwendig, daß die gesamte Arbeit der Partei, besonders wenn in ihr die sozialdemokratischen Traditionen noch nicht überwunden sind, auf neue, revolutionäre Art umgestellt wird, darauf berechnet, daß jeder Schritt der Partei, jede ihre Aktion naturgemäß zur Revolutionierung der Massen, zur Vorbereitung und Erziehung der breiten Massen der Arbeiterklasse im Geiste der Revolution führt.
6. Es ist notwendig, daß die Partei es in ihrer Arbeit versteht, die höchste Prinzipienfestigkeit (nicht zu verwechseln mit Sektierertum!) mit einem Maximum an Verbundenheit und Kontakt mit den Massen (nicht zu verwechseln mit Nachtrabpolitik!) zu verbinden, da es ohne diese Bedingung für die Partei unmöglich ist, nicht nur die Massen zu lehren, sondern auch von ihnen zu lernen, nicht nur die Massen zu führen und sie auf das Niveau der Partei emporzuheben, sondern auch auf die Stimme der Massen zu lauschen und ihre brennendsten Nöte zu erkennen.
7. Es ist notwendig, daß die Partei es versteht, in ihrer Arbeit eine unversöhnliche revolutionäre Einstellung (nicht zu verwechseln mit revolutionärem Abenteurertum!) mit einem Maximum an Elastizität und Manövrierfähigkeit (nicht zu verwechseln mit Anpassungspolitik!) zu verbinden, da es ohne diese Bedingung für die Partei unmöglich ist, alle Formen des Kampfes und der Organisation zu meistern, die Tagesinteressen des Proletariats mit den grundlegenden Interessen der proletarischen Revolution zu verbinden und in ihrer Arbeit den legalen Kampf mit dem illegalen Kampf zu verknüpfen.
8. Es ist notwendig, daß die Partei ihre Fehler nicht verhüllt, daß sie die Kritik nicht fürchtet, daß sie es verstellt, ihre Kader an Hand ihrer eigenen Fehler zu verbessern und zu erziehen.
9. Es ist notwendig, daß die Partei es versteht, in die grundlegende führende Gruppe die besten Elemente der fortschrittlichen Kämpfer aufzunehmen, die genügend Hingabe besitzen, um wahrhafte Vertreter der Bestrebungen des revolutionären Proletariats zu sein und die genügend Erfahrung haben, um wirkliche Führer der proletarischen Revolution zu werden, die fähig sind, die Taktik und die Strategie des Leninismus anzuwenden.
10. Es ist notwendig, daß die Partei die soziale Zusammensetzung ihrer Organisationen systematisch verbessert und sich von zersetzenden opportunistischen Elementen reinigt, wobei sie die Erreichung einer maximalen Einheitlichkeit als Ziel vor Augen haben muß.
11. Es ist notwendig, daß die Partei eine eiserne proletarische Disziplin entwickelt, die auf der Grundlage der ideologischen Einheit, der Klarheit der Ziele der Bewegung, der Einheit des praktischen Handelns und des bewußten Verhaltens der breiten Parteimassen zu den Aufgaben der Partei erwächst.
12. Es ist notwendig, daß die Partei die Durchführung ihrer eigenen Beschlüsse und Direktiven systematisch überprüft, da ohne diese Bedingung die Gefahr besteht, daß sie sich in leere Versprechungen verwandeln, die nur geeignet waren, das Vertrauen der breiten proletarischen Massen zur Partei zu untergraben.

Ohne diese und ähnliche Bedingungen ist die Bolschewisierung ein leerer Schall.

Quelle:
J.W. Stalin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1952, Bd.7, S.32-34.

DOWNLOAD: Hermann Matern Bedingungen für eine neue KPD

Siehe auch:
Hermann Matern, Erfahrungen der KPD (Über die Stabilisierungen)

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12 Antworten zu Hermann Matern: Bedingungen für eine neue KPD

  1. Solveigh Calderin schreibt:

    Könntest Du mir bitte erklären,
    a) was luxemburgistische Fehler sind und
    b) anarcho-syndikalistisch ist?

    Den ersten Ausdruck habe ich noch nie gehört und kann darum damit nichts anfangen. Der zweite Ausdruck ist mir heute in einer Diskussion begegnet, konnte jedoch nicht darauf eingehen, weil ich den Ausdruck und seinen Inhalt nicht kenne.

    Vielen Dank!

    • sascha313 schreibt:

      a) dabei ging es um die Auseinandersetzung von Luxemburg mit Lenin und die sog. Juniusbroschüre:
      http://sascha313.blog.de/2012/05/05/freiheit-andersdenkenden-13632297/
      b) gegen Ende des 19. Jahrhunderts wirkte der Anarchismus vor allem in Form des Anarchosysndikalismus. Er war eine kleinbürgerliche, halbanrachistische Strömung innerhalb de Arbeiterbewegung, die von Frankreich ausgingund in den Gewerkschaften hauptsächlich der romanischen Länder und Südamerikas Einfluß gewann.

      • Tobi schreibt:

        Was mich interessiert, warum die meisten deutschen Kommunisten die Nationale Frage nicht mehr so vertreten wie damals 1918-1933 oder bei den heutigen Kommunisten in Portugal und Griechenland? Auch die Ausländerfrage wird nur von wenigen Kommunisten thematisiert. Siehe hier:
        http://rotefahne.eu/2013/09/imperium-will-weitere-millionenfache-einwanderung-nach-europa/

      • Harry 56 schreibt:

        Über die Fehler des „Luxemburgismus“ wurde schon sehr früh in der kommunistischen Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg diskutiert.
        Besonders Rosa’s Disput mit Lenin über die „Nationale Frage“, die „Unabhängigkeit der Nationen“ erregte die Gemüter.
        Schaut man sich nun diesen Disput so im Nachhinein an, nach allen Erfahrungen seit 1919, dem Versailler Vetrag, den Verträgen von Saint Germain, so kommen wir nicht umhin, wenn wir ehrlich sind, festzustellen, dass sich viele der Befürchtungen bezüglich einer „Unabhängigkeit“ kleinster Natiönchen und sonstiger „Nationen“ im Zeitaleter des Imperialismus leider voll bewahrheitet haben.
        Rein, auf dem „Papier“ , ideologisch-abstrakt, hatte Lenin „im Prinzip“ recht gegen Rosa, aber in der Wahrheit, in der konkrten Wirklichkeit des Imperialismus von 1919 bis zum heutigen Sonntag, dem 26.Oktober 2014, hat Rosa leider in den meisten Fällen recht behalten.
        Welche Rolle spielten alle diese neuen Natiönchen ab 1919 sowohl zwichen Weltkrieg 1 und Weltkrieg 2 denn tatsächlich?
        Man schaue sic h doch die Politik, Politiker der meisten dieser „Nationen“ damals und heute mal genauer an?
        Was für eine „Unabhängigkeit“ existierte denn im einstigen Völkerbund, oder heute in der UNO, der EU, gar der NATO?
        Warum beteiligen sich heutige so viele kleine „unabhängige Nationen“ (mit und ohne NATO-Mitgliedschaft) und „Völker“ an Sanktionen gegen Russland, jenes Land, in gewisser Hinsicht Nachfoger der einstigen UDSSR, einem Land, dem sie eigemntlich verdanken, nicht auch heute noch deutsche Nazi-‚Ärsche und blank gewichste SS-Stiefel abschlecken zu müssen?
        Also viele dieser Natiönchen, welche zwischen 1940 und 1945 von Deutschland besetzt oder zumindest Vasallen waren? (Ich könnte sie ALLE schnell nennen, erspare es mir aber lieber)
        Wie viele dieser nach 1919 ach so „unabhängigen“ Natiönchen unterstützten 1941 Deutschland beim Krieg gegen die UDDSR? (und heute den zunächst noch Sanktions-Krieg eben gegen Russland)
        Mit den „Fehlern“ von Rosa Luxemburg sollte man mal so langsam sachkundiger umgehen!

        Sorry, wenn manchen Leuten meine Überzeugung gerade zu diesen Fragen nicht schmecken mag.😦

  2. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Eine neue marxistisch-leninistische Partei

  3. Tobi schreibt:

    Könnte ich mal auf meinem Kommentar vom 26. Oktober eine Antwort bekommen?

    Danke!

    • sascha313 schreibt:

      Entschuldige Tobi, für die späte Antwort auf deine Frage. Du wolltest wissen, warum „die meisten deutschen Kommunisten“ die nationale Frage nicht thematisieren; der Link übrigens verweist auf die private Website eines gewissen „Stephan Steins“ – keine Ahnung, wer der Mensch ist. Aber ein Kommunist ist er jedenfalls nicht. Seine Rhetorik belegt das – auch wenn er hier den Namen der einstigen KPD-Zeitung für sich in Anspruch nimmt, aber das tut die MLPD ja auch. Der Begriff „Überfremdung“ gehört bspw. zum rechtsradikalen Sprachgebrauch, und ist ebenso fremdenfeindlich wie die Formulierung „getürkt“ oder „entartet“ (was sich ja auf die „arische Rasse“ bezieht).

      Die nationale Frage ist stets eine Klassenfrage. Der Imperialismus verschärft diese Frage auf zweierlei Weise. 1. durch die nationale und koloniale Versklavung des größten Teils der Welt (was diese Flüchtlingsströme zur Folge hat), 2. durch die Bedrohung der eigenen Nation infolge seines Verfalls und seiner abenteuerlichen Rüstungs- und Kriegspoltik (wie das sich auswirkt, sieht man deutlich in der Ukraine).

      Die führende Kraft vieler nationaler Befreiungsbewegungen – besonders in ihrer ersten Etappe – ist i.a. nicht das Proletariat, sondern es sind revolutionär-demokratische Kreise des Kleinbürgertums und der Intelligenz sowie Teile der nationalen Bourgeoisie. Das ist auch bei uns der Grund für die oftmals gespaltene antiimperialistische Bewegung. Die Weiterführung dieses Kampfes und der Fortschritt auf dem eingeschlagenen Weg hängt jedoch davon ab, welche Rolle die Arbeiterklasse spielt. Bei einer revolutionären Entwicklung führt die Arbeiterklasse gemeinsam mit den patriotischen Kräften den Kampf um die Befreiung der Nation vom Imperialismus. Den Kommunisten geht es dabei um den proletarischen Internationalismus, und nicht so sehr um die nationale Frage. Im Manifest der Kommunistischen Partei heißt es: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

  4. guenter 47 schreibt:

    Lieber Sascha, besser kann man das nicht erklären, vor allem wirklich allgemeinverständlich.

  5. Pingback: Lenin: Womit beginnen? | Sascha's Welt

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