Man mag es für falsch halten, wenn Kommunisten sich heute (wie zu anderen Zeiten auch) mit theoretischen Fragen der Weltanschauung und des Klassenkampfes, mit philosophischen und mit ökonomischen Problemen herumschlagen und die Geschichte studieren, anstatt unter die Arbeiter zu gehen und mit ihnen über den Kapitalismus zu diskutieren. Doch Karl Marx hatte seine Gründe dafür, daß er sich zeitweise von derlei Aktivitäten gänzlich fernhielt, zumal die Zusammensetzung der Partei, ihre allgemeine Stimmung alles andere als harmonisch war, und es nicht selten vorkam, daß wilde Revoluzzer gegen Sozialdemokraten, und Kommunisten gegen Anarchisten antraten und miteinander stritten. Und nicht selten kam es vor, daß man auch Marx deswegen harte Vorwürfe machte. In der Tat sind die Aufgaben, welche die künftigen revolutionären Kämpfe und der (erneute) Aufbau des Sozialismus an uns stellt, größer geworden, schwieriger und schwerer zu durchschauen. Und deshalb ist es notwendig und unumgänglich, keine Zeit zu verlieren, um allergenauestens die wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zu untersuchen, die Zusammenhänge aufzudecken und die Hintergründe zu klären, welche die ökonomischen und politischen Vorgänge in der Gesellschaft bedingen und bestimmen.
Karl Marx – die Partei und die theoretische Arbeit
von Iwan Bortnik
Regelmäßig wiederholen die Gegner in verschiedenen Tonlagen das Mantra, daß ihre „Praxis“, die aus Kundgebungen, Beratungen und allen möglichen Protestveranstaltungen besteht, viel wichtiger sei, als die Herausgabe einer theoretischen Zeitschrift – nach dem Motto „Internetbeiträge gibt es viele, Kommunisten aber nur wenige“ –, in der Annahme, wir müßten doch vor Kummer darüber, daß wir so wenige sind, nicht in den Schlaf finden. Aber Karl Marx verhielt sich in dieser Frage beispielsweise viel einfacher, und er litt auch – angesichts der im Sprechchor rufenden Menge – nicht an Vereinsamung.
Es geht darum, daß der „Bund der Kommunisten“ bis zum Ende seiner Existenz eine Versammlung der unterschiedlichsten Leute war – von wirklichen Kommunisten, die sich um die strategische Entwicklung sorgten, bis hin zu Gaunern und Abenteurern, sowie katastrophal ungebildeten Weitlingianern, Proudhonisten, Saint-Simonisten und anderen, welche die trübe Welle der bürgerlichen Revolution auf die Seite des Kommunismus verschlagen hatte. Mit einem Wort, ungefähr ein ebensolches buntes Gemüse, das wir jetzt in jeder der mit seinen Losungen laut klappernden Organisationen haben.
Marx mußte sich tatsächlich in seiner gesamten Tätigkeit im „Bund der Kommunisten“ mit der Abwehr gegen Angriffe dieser oder jener „Genossen“ herumschlagen, worüber er sich später sehr ungehalten äußerte, und keineswegs begeistert war. Bis 1851 hatte sich bei ihm die feste Meinung herausgebildet, daß sich mit solchen Aktivisten kein Bündnis schmieden ließe, um so mehr, als ihn das Schreiben von Briefen, die das Aktionskomitee betrafen, von der Arbeit am „Kapital“ abhielt, und für ihn Kinderspiele waren, im Vergleich zu seiner wissenschaftlichen Arbeit. Man beachte nur die Wortwahl „daß die Partei … für mich … zu existieren aufgehört hat“. Ferner motiviert er, daß er „der festen Überzeugung sei, meine theoretischen Arbeiten nützten der Arbeiterklasse mehr als Einlassen in Verbindungen, deren Zeit auf dem Kontinent vorüber“ ist.
Interessant ist auch die Erwähnung von Levy, der Marx einlud, Führer der Düsseldorfer Arbeiter zu werden. Marx verzichtete darauf, da er dies als ein bürgerliches Abenteuer betrachtete. Die Praxis hat später gezeigt, daß es dies auch war, und nicht etwa, weil er Jude war, sondern weil Levy ein Gauner war. Nach dem Besuch von Levy schrieb er an Freiligrath einen langen Brief, in dem er auch diese Episode erwähnt.
Es ist klar, daß Marx die wissenschaftlichen Interessen immer höher einordnete, viel höher als alle lokalen Aufstände und hungernden Arbeiter, weil er ganz klar erkannt hatte, daß es unmöglich ist, irgendetwas aufzubauen, was nicht auf wissenschaftlicher Grundlage beruht, selbst wenn sich breite proletarische Massen damit beschäftigen.
Das gilt insbesondere auch in der Frage des Donbass, wohin uns empfohlen wird, zu fahren.
Hier nun ein Ausschnitt aus dem Brief:
Ich bemerke vorweg, daß, nachdem der „Bund“ [47] auf meinen Antrag im November 1852 aufgelöst wurde. ich nie mehr irgendeiner geheimen oder öffentlichen Gesellschaft angehört habe oder angehöre; daß also die Partei in diesem ganz vorübergehenden Sinne für mich seit 8 Jahren zu existieren aufgehört hat. Die Vorlesungen über politische Ökonomie, die ich seit dem Erscheinen meiner Schrift [„Zur Kritik der Politischen Ökonomie“] (seit Herbst 1859) einigen auserwählten Arbeitern, worunter auch ehemalige Bundesmitglieder, hielt, hatten nichts gemein mit geschloßner Gesellschaft, weniger sogar als etwa Herrn Gerstenbergs Vorträge im Schillerkomitee.
Du wirst Dich erinnern. daß von den Vorstehern des New-Yorker ziemlich verzweigten Kommunistenvereins [595] (unter denen Albrecht, Komp. manager der General Bank, 44, Exchange Place, New York), ein Brief an mich kam, der durch Deine Hände ging. und worin ich gewissermaßen um Reorganisation des alten Bundes angegangen ward. Ein ganzes Jahr ging vorüber, bevor ich antwortete, und dann antwortete ich, daß ich seit 1852 mit keiner Verbindung mehr in Verbindung stehe und der festen Überzeugung sei, meine theoretischen Arbeiten nützten der Arbeiterklasse mehr als Einlassen in Verbindungen, deren Zeit auf dem Kontinent vorüber. In der Londoner „Neuen Zeit“ des Herrn Scherzer ward ich dann noch wiederholt. wenn nicht namentlich, so doch verständlich, bitter angegriffen wegen dieser „Tatlosigkeit“.
Als Levy (das erste Mal) von Düsseldorf kam, der auch Dich damals häufig besucht hat. bot er mir sogar auf dem Präsentierteller eine Fabrikarbeiterterinsurrektion in Iserlohn, Solingen usw. an. Ich sprach mich derb gegen solche nutzlose und gefährliche Narrheit aus. Ich erklärte ihm ferner, daß ich keinem „Bund“ mehr angehöre; auch der Gefahren wegen, die [durch] solche Verbindung den Leuten in Deutschland drohe, mich unbedingt nicht auf sie einlassen könne. Levy kehrte nach Düsseldorf) zurück, sprach sich, wie mir bald darauf geschrieben ward, sehr lobend über Dich aus, während er meine „doktrinäre“ Indifferenz denunzierte. [506]
Also von „Partei“ in dem Sinn Deines Briefs weiß ich nichts seit 1852. Wenn Du Poet bist. so bin ich Kritiker und hatte wahrhaftig genug an den 1849-52 gemachten Erfahrungen. Der „Bund“, wie die société des saisons [507] zu Paris, wie hundert andre Gesellschaften, war nur eine Episode in der Geschichte der Partei, die aus dem Boden der modernen Gesellschaft überall naturwüchsig sich bildet.
Quelle: Karl Marx/Friedrich Engels: Marx an Ferdinand Freiligrath. In: Marx/Engels, Dietz Verlag Berlin Werke, 1974, Bd.30, S.489f.
Anmerkungen:
(Fremdsprachliche Ausdrücke stillschweigend durch deutsche Begriffe ersetzt, N.G.)
[47] Der Bund der Kommunisten war die erste erste internationale und zugleich erste deutsche revolutionäre Arbeiterpartei, die auf dem Boden des wissenschaftlichen Kommunismus stand. Er entstand 1847 unter der Führung von Marx und Engels und existierte bis 1852. (Siehe Friedrich Engels, „Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten“, Band 21 unserer Ausgabe, S. 206 – 224.)
[595] Augenscheinlich ein Hinweis auf den Klub „Athenäum“, der Literaten und Gelehrte vereinigte. Solche Klubs gab es in London, Manchester und anderen Städten Englands.
[506] Gustav Levy, ein deutscher Sozialist aus der Rheinprovinz, später einer der aktiven Funktionäre des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, besuchte Marx das erste Mal im Dezember 1853, das zweite Mal im Februar 1856 im Auftrage der Düsseldorfer Arbeiter. Beide Besuche zeugen davon, daß die deutschen Arbeiter der Rheinprovinz auch nach der Auflösung des Bundes der Kommunisten im Jahre 1852 Marx und Engels als ihre Führer anerkannten und daß sie sich bemühten, die Verbindung mit ihnen aufrechtzuerhalten. Schon bei seinem ersten Besuch hatte Levy versucht, Marx davon zu überzeugen, daß ein Aufstand in Deutschland notwendig und die Bereitschaft der Fabrikarbeiter der Rheinprovinz hierzu vorhanden sei. Marx bewies Levy jedoch, daß ein solcher Aufstand ebenso wie der von Levy gemachte Vorschlag, die Tätigkeit des Bundes der Kommunisten in Deutschland wiederaufzunehmen, unzeitgemäß sei. Marx ging davon aus, daß bei der zu jener Zeit in Deutschland herrschenden politischen Reaktion, bei dem Fehlen einer revolutionären Situation in Frankreich und England und bei der für die Bourgeoisie günstigen ökonomischen Konjunktur nicht davon die Rede sein konnte, in Deutschland einen erfolgreichen Aufstand durchzuführen und die Tätigkeit des Bundes der Kommunisten wiederaufzunehmen.
[507] Société des saisons (Gesellschaft der Jahreszeiten) – republikanisch-sozialistische geheime Gesellschaft, die in Paris von 1837 bis 1839 unter Leitung von Auguste Blanqui und Armand Barbès tätig war.
(Mit freundlicher Genehmigung übernommen von Kommunisten-Online u. ergänzt.)
Siehe auch:
Karl Marx (1818-1883)
Karl Marx un der Umgang mit Menschen

Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
Karl Marx und die theoretische Arbeit
Liebe Mitkämpfer,
zwar nicht zu diesem richtigen Artikel hier, da der Zorn auf die Konterrevolution mit Termin sichtbar gemacht werden soll, hier dieser Hinweis auf diese Aktion am Sonntag. Wer in der Nähe ist …
http://november2014aktion.wordpress.com/
Und hier schaut auch mal.
Die Initiatoren dort behaupten über die Konterrevolution gegen die DDR zwar falsch, dämlich und Geschichtsvergessen, (wie kriegen die das Falsche und das Richtige zugleich in ihren Kopf? – wahrscheinlich versäumen die diesen Blog(!) hier)
„Nicht durch die Politik, sondern durch den Druck einer mutigen Zivilgesellschaft wurde die innerdeutsche Mauer porös, die 28 Jahre lang als unüberwindlich galt.“, beim Abriss der EU-Außengrenzen muß man ihnen aber die Hand reichen. Falls wer reiselustig ist, kann er den Leuten dann auch einiges über antifaschistischen Schutzwall und Konterrevolution gegen Sozialismus und Frieden vermitteln. Diese Leute da formulieren ja richtige Absichten, nur auf die Bildung haben die wenig geschaut. Da hat es die Indoktrination der Bourgeoisie dann eben leicht, selbst dort ihre Lügen einzuweben.
https://www.indiegogo.com/projects/erster-europaischer-mauerfall#home
Und diesen Artikel mit einer klaren Stimme hier auch noch zum Termin.
http://www.ossietzky.net/21-2014&textfile=2849
Sorry, Sascha, für diese Pinnwand unter Deinem Artikel 🙂
Grüße in die Runde