Ein Leben in der DDR: Der Schriftsteller Hermann Kant

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Leben im Sozialismus – Berlin (Hauptstadt der DDR)

Hermann Kant … Wir haben in der DDR sein Buch „Die Aula“ in der Schule gelesen, nein – wir haben es verschlungen; denn es war unsere Zeit, es war unser Leben, es war unser Land. Und wir waren lebensfroh und glücklich. Ein ganzes Leben stand vor uns, zu Ende war der schreckliche Krieg, die Eltern hatten noch geholfen, die Trümmer wegzuräumen. Als Kinder spielten wir – obwohl wir das nicht durften – noch in den Ruinen. Zu Hause lag auf dem Tisch die deutschsprachige Zeitschrift „Die Sowjetunion“, die der Vater mitgebracht hatte. Auch ein Stalinbüchlein fand sich noch in der Schublade. Ein neues Leben hatte begonnen. Noch wurde zwar die Milch auf Marken im Laden drei Straßen weiter mit der Milchkanne geholt. Und jeden Freitag war große Wäsche. Im Keller wurde der Waschkessel angeheizt und ein paar Stunden später flatterte die Wäsche lustig im Winde. Doch blieb uns trotz all der Beschwerlichkeiten dieser Zeit eine schöne, eine sorglose Erinnerung. Ein Leben in der DDR. Und es war selbstverständlich, daß wir dieses Land liebten. Wir sahen, wie alles wieder aufgebaut wurde, neue Häuser entstanden – der Sozialismus wurde immer greifbarer für uns: es war ein Friedensstaat, ein Staat der sozialen Gerechtigkeit, wo man sich keine Sorgen machen mußte um den nächsten Tag, um das Brot und um die Miete. Es war ein Arbeiter- und Bauernstaat. Ein gerechter und ein friedlicher Staat, ein Staat ohne Ausbeutung, wo jeder eine Arbeit hatte, und wo der Arbeiter hochgeachtet war. Und warum wird nun in so einem Land ein junger Mensch ein Kommunist? Der Elektriker und spätere Schriftsteller Hermann Kant beschreibt, wie es ihm damit erging …

Wie wird so einer Kommunist … ?

Hermann Kant

Der Schriftsteller Hermann Kant

Obwohl ich von Berufs wegen zu genauem Erinnern beinahe verpflichtet bin, fällt es mir schwer zu sagen, wie das war, als ich vom Marxismus noch keine Ahnung hatte. Die Hemmung rührt unter anderem von dem Wissen her, daß ich ein Großteil meines Erlebens zumindest zweimal bedacht habe: zuerst, als ich mitten in ihm steckte und allenfalls mit einigem Verstand ausgestattet war, und dann wieder, als ich, auf eine marxistische – also kritische Haltung gebracht, meinen bisherigen Wandel überprüfte.

Es ist, als sollte ich den Analphabeten beschreiben, der ich ja auch einmal gewesen bin: Die Mittel, derer ich mich dann bediente, die Schriftzeichen also, die grammatikalischen Regeln, die syntaktischen Kniffe, sind in einem mühevollen Prozeß erworben, und während dieses Prozesses hat sich in mir mehr verändert als nur der Stand meiner Kenntnisse von der deutschen Sprache; die Beschreibung des Analphabetentums geschieht mit Hilfe des Alphabets, und sie wird geliefert von einem, der, weil er nunmehr lesen und schreiben kann, als ein völlig veränderter Mensch gelten muß. Der Übergang zu einer marxistischen Denkweise, will ich sagen, ist mir in seinem Gewicht gleichbedeutend mit meiner Alphabetisierung; beide waren gleich anstrengend, beide ziehen sich schon schrecklich lange hin, beide befreiten mich, und beide brachten mich in neue Pflichten.

Das klingt auch mir reichlich allgemein, aber konkreter, zugespitzter oder gar dramatischer habe ich es nicht da; Marxismus stellt sich nicht auf dem Wege der Erleuchtung ein, obwohl … Obwohl die Art, in der unsereiner an Marx und Engels und Lenin geriet, gelegentlich etwas abenteuerlich war oder hierzulande doch so anmuten muß, hier, in diesem sozialistischen Lande, wo dialektischer und historischer Materialismus und politische Ökonomie sozusagen auf dem Verordnungswege daherkommen, auf dem Weg durch die Schule nämlich. Und das ist wahrhaftig nicht schlecht, wie vielleicht ersichtlich wird, wenn man bedenkt, daß wir auf dem gleichen Wege in den Besitz von Zahlen und Buchstaben gelangten ..

Sicher, wenn die revolutionäre Theorie zum allgemeinen Bildungsgut geworden ist, nimmt sie sich manchmal etwas weniger aufregend aus als in Zeiten, da ihre Aneignung schärfer geahndet wurde als die Aneignung fremden Eigentums – doch die marxistische Theorie nur deshalb geringer zu achten, weil sie inzwischen im Schulbuch steht und nicht mehr in gefährdeten Zirkeln weitergeflüstert werden muß, das fände ich nicht nur nicht sehr marxistisch, das fände ich einfach blöd.

Die Vorstellung, die Marxsche Art zu denken könnte einmal zur Denkungsart aller geraten, hat eben noch, ein paar Kalenderblätter zurück, als völlig phantastisch gelten müssen – nun können wir uns dieselbe Vorstellung schon einmal leisten, denn, immerhin, wir sind unterwegs.

Und da ich mich von Berufs wegen zu einigem Optimismus für befugt halte, ist es für mich denkbar, daß es eines Tages unserer ganzen Gesellschaft schwerfallen wird, sich jener versunkenen Zeiten zu erinnern, da sie vom Marxismus noch kaum eine Ahnung hatte. Ich glaube, dann etwa liegt das Mittelalter hinter uns. Ich weiß auch, bis dahin bleibt noch einige Arbeit, und ich finde, das ist keine schlechte Aussicht.

Quelle:
Der Sozialismus – Deine Welt. Verlag Neues Leben Berlin, 1975, S.28.

* * *

Über eines der bekanntesten Bücher des Kommunisten Hermann Kant:

Kants Roman „Die Aula“, der 1964 in der Zeitschrift „Forum“ vorabgedruckt und 1965 als Buch veröffentlich wurde, war ein weiteres, für die literarische Entdeckung und Ausformung sozialistischen Lebens charakteristisches Werk. Die Bildungsrevolution in der DDR diente dem Autor als Grundlage für die epische Bilanzierung der gesellschaftlichen Veränderungen und für die Überprüfung der gegenwärtigen Positionen. In dem Roman folgt der Journalist Rohert Iswall den Spuren seiner Erinnerung an die Nachkriegszeit, in der er und seine Kommilitonen von der Arheiter-und-Bauern-Fakultät in die neue Zeit hineingewachsen waren. In eindrucksvollen, nachdenklich machenden, aber auch heiteren Episoden erzählt Kant vom Wachstum und den Schwierigkeiten eines Kollektivs junger Sozialisten, die ungewohnten Anforderungen gerecht werden müssen. (…)

Die Kunst, vernünftig miteinander umzugehen

Die Konzeption des Romans und sein literaturgeschichtlicher Bezug wirdkant_aula durch das vorangesetzte Motto von Heinrich Heine angedeutet: „Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will“. Das Erforschen des „gestrigen Tages“ bedeutet nicht eine unbeteiligte Rekonstruktion vergangener Zeiten, sondern tiefe innere Auseinandersetzung mit sich selbst, etwa mit der „Kunst, vernünftig miteinander umzugehen“, mit dem, was sozialistisches Verhalten heißt. Im Roman wird sie durch die Anforderungen an das politische und moralische Bewußtsein und Handeln hervorgerufen, die an Iswall, den erfolgreichen Journalisten, in der Gegenwart gestellt werden. Damit erfahrt die Dialektik von persönlicher Verantwortung und gesellschaftlichen Umständen eine vertiefte Betrachtung; sie bildet einen wichtigen weltanschaulichen Ansatz für Fabel und Figurendarstellung. (…)

Die Gründerzeit der DDR aus der Sicht des Kommunisten Kant

Mit der Erinnerung an die „Gründerzeit“ der Republik, an die Jahre 1949/52, und der Sicht auf die Gegenwart erfaßt Kants Darstellung die Aufeinanderfolge der Zeiten als dialektische Bewegung. Sie wird kompositorisch durch das Ineinander von Gegenwarts- und Vergangenheitsebene, von Geschehnisdarstellung und erzählerischer Reflexion ermöglicht. Begründeter Stolz auf die gesellschaftliche Entwicklung und Distanzierung von ihren überwundenen Erscheinungen bedingen einander. Der Romantitel, obwohl scheinbar neutral angelegt, unterstützt die inhaltliche Aussage: In der Aula, dem traditionsreichen Repräsentativraum der jahrhundertealten, meist konservativen Universität, wird in dreizehn Jahren DDR-Entwicklung zum erstenmal revolutionäre Geschichte gemacht und die Wissenschaft mit dem Volk verbunden.

… und was war das Schöne daran?

Die Mehrzahl der Romangestalten hat keine ,,Ankunft“ im Sozialismus mehr vor sich, sondern will an dessen Aufbau bewußt teilhaben. Dabei bewähren sie sich in unterschiedlichem Grade. (…) Die Widersprüche beim Aufbau der neuen Gesellschaft und der eigene Anteil daran können deshalb mit überlegener Heiterkeit und Komik dargestellt werden.

Quelle:
Hans-Günther Thalheim u.a. (Hrsg.): Gesichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Elfter Band. Literatur der Deutschen Demokratischen Republik.Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1976, S.537f. (gekürzt; Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Siehe auch:
Hermann Kant und die DDR-Literatur
Hermann Kant: Die Aula

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4 Antworten zu Ein Leben in der DDR: Der Schriftsteller Hermann Kant

  1. Pingback: Geschichtsunterricht in der DDR | Sascha's Welt

    • sascha313 schreibt:

      Das ist eine empörende Beleidigung für einen der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Dagegen sind solche Leute, wie der „Dichter“ Reiner Kunze und der „Literaturpapst“ Reich-Ranicki nichts als dümmliche, aufgeblasene Schwachköpfe!
      Man wird sie vergessen! Kant aber nicht.

      Man sollte gleich an diesen Herrn Bürgermeister Grund in Neustrelitz schreiben – mit höflichen, aber kalten Grüßen. Und voller Verachtung!!!

  2. Pingback: Bücher. Hermann Kant zum 90. | Sascha's Welt

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