Ludo Martens: Die große Säuberung

„Man braucht viele Leute vom Schlage eines Herkules und die Umleitung mehrerer Flüsse, um die Geschichte der sozialistischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus, damit also die Namen und das Werk Lenins und Stalins von den Bergen an Lügen und Verleumdungen zu reinigen… Ihre gigantische Arbeit wird den Völkern erlauben, die Erfahrungen und das revolutionäre Schöpfertum des sowjetischen Volkes kennen zu lernen und zu nutzen.“ (Michail Kilew)

Genosse Ludo Martens (1946-2011)

Der belgische Kommunist Ludo Martens (1946-2011)

Der Kommunismus – das ist der bestgehaßte Begriff der untergehenden Bourgeoisie. Wer heute behauptet, Stalin sei ein Massenmörder gewesen, der ist entweder ein Dummkopf oder ein Antikommunist, ein Feind der unterdrückten und ausgebeuteten Arbeiterklasse, ein Feind des Fortschritts. So einfach ist das! Und wer behauptet, die Kommunisten seien Stalinisten – der hat im Grunde recht. Wer sind nun also die Kommunisten und was wollen sie? Das kann man sehr schön bei Karl Marx, bei Friedrich Engels und bei Wladimir Iljitsch Lenin nachlesen, oder einfach im Manifest der Kommunistischen Partei.

Und wer Stalin nicht ehrt, der ist es nicht wert, ein Kommunist genannt zu werden. Doch das muß man erklären. Zunächst also die Frage: Wer war eigentlich Stalin? Und dann sollte man fragen: Warum muß die Partei der Kommunisten regelmäßig „gesäubert“ werden? Dumme Gegenfrage: Warum säubern sie regelmäßig ihre Wohnung? Hätte es die sogenannte „große Säuberung“ auch in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegeben, und hätte es sie noch viel öfter gegeben, wäre den Kommunisten in aller Welt so manche Niederlage erspart geblieben. Warum gab es nun diese Säuberungen? Und was waren sie? In seinem Buch „Stalin anders betrachtet“ geht der belgische Kommunist Ludo Martens dieser Frage nach. Hier ein Auszug daraus:

Keine Episode der sowjetischen Geschichte hat in gleichem Maße all den Haß der alten Welt mobilisiert wie die Säuberung von 1937-1938. Die hemmungslose, undifferenzierte Verdammung der Säuberung kann man mit den gleichen Worten und Etikettierungen sowohl in einem Neonazi-Blatt, in einem Werk mit akademischen Ansprüchen von Zbigniew Brzezinski, in einer trotzkistischen Schmähschrift als auch aus der Feder des Chefideologen der belgischen Armee lesen.

… was so ein belgischer Geheimdienstler alles weiß

Beschränken wir uns auf den letzteren, Henri Bernard, einen altgedienten Mann des belgischen Geheimdienstes und emeritierten Professor der königlichen Militärakademie Belgiens. Dieser veröffentlichte 1982 ein Buch mit dem Titel „Der Kommunismus und die westliche Blindheit“. In dieser Arbeit mobilisierte Bernard die „gesunden“ Kräfte des Westens gegen eine seiner Meinung nach drohende russische Invasion. Auf die Geschichte der UdSSR eingehend äußert Bernard eine Meinung über die Säuberung von 1937, die aus mehreren Gründen interessant ist. Er führte aus:

„Stalin wandte Methoden an, die Lenin verworfen hatte. Bei dem Georgier (Stalin) finden wir keinerlei Züge menschlicher Gefühle. Seit dem Mord an Kirow im Jahre 1934 lebte die Sowjetunion in einem Blutbad und man wohnte einem Schauspiel der Revolution bei, die ihre eigenen Kinder verschlang. Stalin, so erklärte Deutscher, unterwarf das Volk einem Regime aus Terror und Illusionen. So kollidierten neue liberale Maßnahmen mit dem Blutrausch der Jahre 1936-1939. Das war der Augenblick der schrecklichen Säuberungen und der Schreckensherrschaft. Von nun an begann eine unendliche Serie von Prozessen. Die alte Garde aus heroischen Zeiten wurde so vernichtet. Der Hauptangeklagte aller dieser Prozesse war der abwesende Trotzki. Der ins Exil Verbannte setzte den Kampf ohne Fehl und Tadel gegen Stalin fort, entlarvte seine Machenschaften und brachte seine Zusammenarbeit mit Hitler ans Tageslicht.“ [1]

So liebte es also der Historiker der belgischen Armee, Trotzki und die Trotzkisten im Übermaß zu zitieren, er machte sich zum Verteidiger „der alten bolschewistischen Garde“ und hatte selbst ein gutes Wort fiir Lenin übrig, aber unter Stalin, diesem Monster, der angeblich nichts Menschliches an sich hatte, habe ein blinder und entsetzlicher Terror geherrscht.

In der dumpfen Brühe der „Kommunismusforschung“ 

Bevor die Begriffe dargelegt werden, mit welchen die Bolschewiki die Säuberung der Jahre 1937-1938 definierten, betrachten wir zunächst, was ein bürgerlicher Experte, der einen gewissen Respekt vor Fakten hatte, bezüglich dieses Zeitraums der sowjetischen Geschichte mitzuteilen hat.  Gábor Tamás Rittersporn, geboren in Ungarn in Budapest, hat 1985 eine Studie über die Großen Säuberungen unter dem Titel „Stalinsche Vereinfachungen und sowjetische Komplikationen“ veröffentlicht. [2] Er brachte dabei klar seine Opposition gegenüber dem Kommunismus zum Ausdruck und bekräftigte, daß er die

„sehr realen Schrecken der untersuchten Epoche nicht leugnen könne und daß er sich zweifellos unter den ersten befinden würde, alles ans Tageslicht zu bringen, wenn sich das noch als notwendig erweisen würde.“ [3]

Allein die übliche bürgerliche Version über diese Zeit ist so vergröbert und ihre Unrichtigkeit so augenscheinlich, daß diese letztlich riskiert, die ganze westliche Interpretation über die sowjetische Revolution in Frage zu stellen. Rittersporn definiert in anerkennenswerter Weise die Probleme, auf die er gestoßen ist, als er die gröbsten bürgerlichen Fälschungen ausräumen wollte.

„Wenn man schüchtern die Analyse von fast vollständig ignorierten Materialien öffentlich zu machen und in ihrem Lichte die sowjetische Geschichte seit den 30er Jahren und die Rolle, die Stalin dabei spielte, neu zu interpretieren versucht, wird man entdecken, daß die offizielle Meinung die Infragestellung der verinnerlichten Ideen in viel engeren Grenzen als zu vermuten war, akzeptiert. ( … )

Das traditionelle Bild des ‚Stalinschen Phänomens‘ ist in Wirklichkeit so mächtig und die Urteile über die politischen und ideologischen Werte, die ihm zugrunde liegen, sind von einem so emotionalen Charakter, daß jeder Versuch, dieses Bild zu korrigieren, fast unvermeidlich als die Einnahme einer Gegenposition im Verhältnis zu den allgemein akzeptierten Normen, die es impliziert, erscheinen muß. ( … ) Sich der Aufgabe widmen zu wollen, aufzuzeigen, daß die traditionelle Darstellung der Stalinschen Epoche in vieler Hinsicht sehr ungenau ist, kommt dem Versuch einer verzweifelten Herausforderung nicht nur gegenüber heiligen Denkrastern und Denkmustern gleich, nach denen es über sowjetische Realitäten zu argumentieren üblich ist, sondern widerspricht auch den gewöhnlichen sprachlichen Praktiken.“

„Ein Problem, das eine Untersuchung dieser Art rechtfertigen kann, ist vor allem die extreme Widersprüchlichkeit, Unbeständigkeit, Ungenauigkeit und Unhaltbarkeit der Literatur, die einem der betrachteten Phänomene gewidmet ist, nämlich der Großen Säuberung der Jahre 1936-1938. Hier zeigt sich eine sehr große historische Vulgarität. Trotz des gegenteiligen Anscheins gibt es nämlich wenige Perioden der sowjetischen Geschichte, die so oberflächlich untersucht wurden.“

„Alles berechtigt zu der Annahme, daß, wenn man während so langer Zeit dazu tendierte, die elementarsten Regeln der Quellenanalyse auf diesem wichtigen Gebiet zu vernachlässigen, das sehr wahrscheinlich so sein mußte, weil die Endergebnisse exakter Arbeiten in einem großen Maße von den üblichen historischen Forschungen ziemlich entfernt wären. In der Tat, nach einer so wenig sorgfältigen Lektüre der klassischen Literatur entzieht man sich nur schwerlich dem Gedanken, der in vieler Hinsicht derjenige ist, der oft mehr von den Geisteshaltungen inspiriert ist, die in gewissen westlichen Kreisen vorherrschen, als von den sowjetischen Realitäten der Stalinzeit. Die Verteidigung der heiligen Werte des Westens gegen alle Arten von realen und imaginären Bedrohungen sowjetischen Ursprungs, die Bekräftigung unzweifelhafter historischer ebenso wie apriori ideologischer Erfahrungen aller Art gilt als selbstverständlich.“ [4]

Im Klartext sagt Rittersporn folgendes: Ich kann beweisen, daß die meisten umlaufenden und in Mode befindlichen Auffassungen über Stalin absolut falsch sind. Aber Rittersporn will auch zum Ausdruck bringen, daß die Wahrheitssuche ein fast verzweifeltes Unternehmen ist. Wenn man selbst schüchtern und verschämt gewisse unleugbare Wahrheiten über die Sowjetunion der 30erJahre aufzeigt, wird man als „stalinistisch“ abgestempelt. Die Absurdität der Situation besteht darin, daß man bereits durch den Versuch der Darstellung der Wahrheit riskiert, als Stalinist denunziert zu werden.

Die fettesten Lügen über den Kommunismus

Die bürgerliche Propaganda hat der öffentlichen Meinung ein falsches, aber extrem mächtiges Bild über Stalin eingehämmert. Es ist ein falsches Bild, dessen Korrektur unmöglich gemacht werden soll. Es ist nicht machbar, sich diesem Thema sachlich zuzuwenden, da es so sehr mit Emotionen besetzt ist, daß sie die Meinungsfreiheit von vornherein außer Kraft setzen. Die Bücher, die von solchen „großen westlichen Spezialisten“ wie Conquest, Payne, Deutscher, Schapiro und Fainsod über die Säuberungen geschrieben wurden, sind nichts wert. Sie sind oberflächlich und wurden unter Mißachtung der elementarsten Regeln verfaßt, die jeder Student der Geschichte schon in den ersten Semestern bzw. schon vor der Studienbewerbung erlernt. In der Tat wurden diese Werke geschrieben, um der antikommunistischen Politik der führenden westlichen Kreise einen akademischen Außenanstrich zu geben, ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen. Sie tragen mit wissenschaftlichem Schein die Verteidigung der kapitalistischen und apriori ideologischen Interessen und Werte der Großbourgeoisie vor.

Was sagen die Kommunisten über ihre Partei?

Betrachten wir jetzt, wie von Kommunisten die Säuberung dargestellt wird, die ihre Durchführung 1937-1938 als notwendig erachteten. Hier sei die zentrale These vorgestellt, die Stalin in seinem Referat vom 3. März 1937 entwickelte, durch das die Säuberung eingeleitet wurde. Stalin stellte fest, „daß sich gewisse Parteifunktionäre sorglos, allzu nachsichtig und naiv erwiesen haben“ und daß sie es an Wachsamkeit bezüglich der Feinde und Antikommunisten fehlen ließen, die sich in die Partei eingeschlichen haben. Stalin sprach über den Mord an Kirow, der Nummer 2 in der bolschewistischen Partei in dieser Zeit:

„Der ruchlose Mord an Kirow war die erste ernste Warnung, die davon zeugte, daß die Feinde des Volkes Doppelzüngigkeit betreiben und sich bei ihrem doppelzüngigen Treiben als Bolschewiki, als Parteimitglieder tarnen werden, um sich Vertrauen zu erschleichen und sich den Zutritt zu unseren Organisationen zu erschließen. ( … ) Der Prozeß gegen den sinowjewistisch-trotzkistischen Block (von 1936) hat die Lehren aus den vorhergegangenen Prozessen erweitert und augenfällig gezeigt, daß die Sinowjewleute und Trotzkisten alle feindlichen bürgerlichen Elemente um sich scharen, daß sie sich in eine terroristische Spionageagentur der deutschen Geheimpolizei verwandelt haben, dass Doppelzünglerei und Maskierung das einzige Mittel der Sinowjewleute und Trotzkisten sind, um in unsere Organisationen einzudringen, daß Wachsamkeit und politischer Scharfblick das sicherste Mittel sind, um ein solches Eindringen zu verhüten.“ ( … )

„Je mehr wir voranschreiten, je mehr wir Erfolge erringen, desto größer wird die Wut der Überreste der zusammengebrochenen Ausbeuterklassen, desto schneller greifen sie auf die schärfsten Kampfformen zurück, desto mehr schädigen sie die Sowjetunion, desto mehr klammern sie sich an die verzweifelsten Kampfmethoden, wie an einem letzten Zufluchtsort von Menschen, die ihrem Untergang geweiht sind.“ [5]

Quelle:
Ludo Martens: Stalin anders betrachtet. Zambon Verlag, 2013, S.197-201. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)
Bestellungen des Buches von Ludo Martens über: http://www.zambon.net

Zitate:
[1] Henri Bernard, Le communisme et I’aveuglement occidental (Der Kommunismus und die westliche Blindheit), Ed. Andre Grisard, 1982, S.50 und 52-53.
[2] Gabor Tamas Rittersporn, Simplifications staliniennes et complications sovietiques, (Stalinsche Vereinfachungen und sowjetische Komplikationen), Editions des archives contemporaines, Paris, 1988.
[3] ebd., S.39.
[4] ebd. S.13-15. 38.
[5] J. Stalin, Über die Mängel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistisehen und sonstigen Doppelzüngler, Dietz Verlag, Berlin 1954, S.4-5.

Erinnerung an Ludo Martens

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3 Antworten zu Ludo Martens: Die große Säuberung

  1. Artur schreibt:

    „Viele Personen, die in Magnitogorsk verhaftet und aus politischen Gründen verhaftet wurden, waren in Wirklichkeit Diebe, Betrüger und Schurken und würden in allen anderen Ländern als solche behandelt werden. Das politische Etikett sollte lediglich Propaganda- und Erziehungszwecken dienen.““
    John Scott: Jenseits des Ural, S. 220, 1944.

    Anmerkung: John Scott war ein amerikanischer Arbeiter, der während der großen (kapitalistischen) Weltwirtschaftskrise in die Sowjetunion gelebt und gearbeitet hat. Dort hat er insbesondere beim Aufbau und Inbetriebnahme des großen Stahlwerkes in Magnitogorsk im Ural geholfen. Er war keineswegs ein Sympathisant der Sowjetregierung, hat sich aber bemüht ein objektives Bild über das Leben in Magnitogorsk wiederzugeben.

    Im Übrigen bedeuten ‚Sabotage‘ und ‚konterrevolutionäre Tätigkeiten‘ Im Kapitalismus und Sozialismus was komplett anderes, wird aber in den westl. Medien meist verschwiegen oder behauptet die soz. Staaten seien alle Unrechtsstaaten, da sie nicht die gleichen Gesetze anwenden.

    Im Strafgesetzbuch der Sowjetunion ist zu finden:
    1. für konterrevolutionäre Tätigkeit (Paragraph 58, 1): „Als konterrevolutionär wird jede Handlung angesehen, die beabsichtigt, die Macht der Arbeiter und Bauern zu stürzen, zu unterminieren oder zu schwächen . . . oder die beabsichtigt, die äußere Sicherheit der Sowjetunion oder die durch die proletarische Revolution geschaffenen administrativen und nationalen Vergünstigungen zu schwächen.“
    2. für Sabotage (Paragraph 58, 7): „Unternimmt jemand Maßnahmen mit der Absicht, durch konterrevolutionäres Ausnutzen staatlicher Institutionen oder Betriebe, der Staatsindustrie, dem Transportwesen, dem Handel, der Geldzirkulation, dem Kreditwesen oder auch den Genossenschaften zu schaden, . . . oder die normale Tätigkeit der Gesellschaft oder Fabriken im Interesse der früheren Eigentümer auszunutzen, . . . so ist der Betreffende mit der höchsten Sanktion der gesellschaftlichen Schutzes zu bestrafen – mit dem Tod durch Erschießen.“
    Ebenfalls aus John Scott: Jenseits des Ural, S. 230 – 231, 1944.

    Jetzt ist wohl klar warum Konterrevolutionäre und Saboteure in der DDR und der UdSSR von der BRD und den USA als Revolutionäre und Freiheitskämpfer angesehen werden.

  2. Pingback: War Stalin ein „Massenmörder“ – oder war er die bedeutendste Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts? | Sascha's Welt

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