Eine bibliophile Kostbarkeit: Die Minibücher der DDR

In der DDR wurden zahlreiche kleine bibliophile Kostbarkeiten herausgegeben. Diese Minibücher waren in hervorragender Qualität verarbeitet und sie erfreuen sich bis heute nicht nur bei Sammlern reger Beliebtheit. So wurden beispielsweise im volkseigenen Graphischen Großbetrieb Leizig kleine Büchlein über sämtliche Bezirke der DDR hergestellt, Auszüge aus Werken der Klassiker (u.a. Lenin, Marx, Engels, Clara Zetkin)  sowie diverse andere wertvolle Exemplare von bleibendem literarischen oder kulturhistorischem Wert. Eines davon ist die Sammlung Roter Witze aus der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung von 1926 bis 1933.

Verfassung Lenin Exif_JPEG_PICTUREPalast Witze
Hier daraus ein Beispiel:

Vorbemerkung: «Die AIZ ist eine der besten aktuellen Bilderzeitschriften, sie ist reichhaltig, technisch gut, vor allem aber ist sie ungewöhnlich und neu. Zur Anschauung bringt sie die proletarische Welt, die für andere illustrierte Blätter merkwürdigerweise nicht vorhanden zu sein scheint, obwohl sie doch die größere Welt ist. Was im Leben vorgeht, wird hier mit den Augen des Arbeiters gesehen, und es ist Zeit, daß so gesehen wird. Gemäß der Lage des Proletariats drücken ihre Bilder seine Klage und seine Drohung aus – zugleich aber auch schon das Selbstvertrauen, das seine tatkräftige Selbsthilfe überall bewelst.» Mit diesen Worten würdigte Heinrich Mann 1926 die «AIZ».

Die «AIZ» (Arbeiter-Illustrierte Zeitung) war die erste und bedeutendste proletarische Illustrierte Deutschlands. Sie entwickelte sich als Publikationsorgan im Rahmen der proletarischen Hilfsorganisation «Internationale Arbeiterhilfe» (IAH). Ihre Vorläufer waren die IAH-Mitteilungsblätter «Sowjetrußland im Bild» (1921 bis 1922) und «Sichel und Hammer» (1922 bis 1924). Als «AIZ» erschien sie von 1925 bis 1936, ab 1936 nannte sie sich «Volksillustrierte» und erschien in Prag im Exil.

Kaum eine andere illustrierte Zeitung aus der damaligen Zeit vermag uns heute ein so anschauliches Bild vom Leben der Werktätigen, der Arbeiter, Bauern und Angestellten, zu vermitteln, wie die «AIZ». Diese Tatsache erklärt sich auch daraus, daß die «AIZ» aufs engste mit der Arbeiterkorrespondenten- und Arbeiterfotografenbewegung zusammenarbeitete, ihr Bild- und Textmaterial mit dem unmittelbaren Lebensmilieu der Werktätigen verband und ihre Leserschaft erfolgreich zur ständigen Mitarbeit an der Zeitschrift aufforderte. Aufgrund dieserQualität erzielte die «AIZ» relativ hohe Auflagen und erreichte einen noch breiteren Leserkreis.

Ab November 1926 erschienen in der Rubrik «Humor und Satire» zahlreiche Karikaturen, Witze, Glossen und Satiren. Sie werteten in ihrer spezifischen Form verschiedene Erscheinungen der Weimarer Republik. Die Aktualität dieser Beiträge war beispielgebend und ausschlaggebend für deren Wirkung – es waren «Witze für den Tag», ebenso wie Weinert, Tucholsky und Slang «Gedichte für den Tag» für die «AIZ» schrieben. Gerade diese unmittelbare Aktualität ist für uns heute aufschlußreich, weil wir dadurch Auskünfte erhalten über den ganzen Alltag der Werktätigen von ihren politischen und ökonomischen Klassenkämpfen bis hin zu ihren tagtäglichen Alltagssorgen und -problemen.

Interessant ist: Was wurde der Lächerlichkeit preisgegeben, was wurde ätzender Satire und beißender Ironie ausgesetzt?

Folgende Schwerpunkte lassen sich aus der Vielzahl der Beiträge erkennen: proletarische Lebensweise und Lebensbedingungen, Imperialismus und kapitalistische Ausbeutung, Wesen und Erscheinungsformen des Faschismus. Aber auch die bürgerlich-«demokratische» Rechtsprechung, der Polizeiapparat, die heuchlerischen Formen bürgerlicher Politik, Erscheinungsformen kleinbürgerlicher Lebensweise sowie die Verschmelzung von Religion und Kirche mit den imperialistischen Machtmechanismen wurden entlarvt. Viele der Witze kamen aus dem alltäglichen Erfahrungsbereich der Arbeiter, sie wurden von den Arbeitern an die «AIZ» gesandt, und die besten Witze wurden veröffentlicht. Aber auch aus anderen Zeitschriften wurden Beiträge übernommen, beispielsweise aus: «Simplizissimus», «Eulenspiegel», «Roter Pfeffer», «Daily Worker», «Prawda», «Iswestija» und andere. Das Spektrum der Witze ist überaus vielgestaltig, niemals sind sie oberflächlich und versöhnlerisch, sondern vom Geist der Klassenauseinandersetzungen dieser Zeit geprägt.

Hans Sonntag
Juli 1984

1930
Das ist Gerechtigkeit.
Unterrichtsstunde: Bürgerkunde! Der Lehrer will den Begriff «Gerechtigkeit» von den Kindern erläutert haben. «Was ist Gerechtigkeit?» fragt er also. Schweigen. Das Überlegen der Kinder dauert dem Lehrer zu lange, deshalb sagt er: «Aufgepaßt. Die Ordnung im Staat beruht auf dem Gesetz. Vor dem Gesetz aber sind alle gleich. Verstanden? Deshalb wird jeder, der sich irgendwie gegen das Gesetz vergeht, einerlei wer und was er sei, und einerlei ob es sich um einen kleinen Diebstahl oder einen großen Betrug handelt, dem Gesetz entsprechend bestraft. Das ist Gerechtigkeit … »
Emil meldet: «Herr Lehrer, das stimmt nicht.»
Lehrer (ärgerlich): «Weißt Du es etwa besser??»
Emil: «Herr Lehrer, mein Vater sagt immer so: Biste en armes Luder und nimmst eene Leberwurst ausm Laden, dann biste en Dieb und wirst eingelocht. Biste reich und schiebst Aktien und klaust Dividenden für Hunderttausend … dann biste en äußerst geschäftstüchtiger Mann und wirst Aufsichtsrat oder Generaldirektor. DAS ist heutzutage Gerechtigkeit.»

Rote Witze

Siehe auch:
Klara Zetkin: Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist

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10 Antworten zu Eine bibliophile Kostbarkeit: Die Minibücher der DDR

  1. Einar Schlereth schreibt:

    Diese bibliophilen Ausgaben habe ich nie gesehen. Aber vor ein paar Tagen diskutierte ich mit einem Freund über die AIZ und zeigte ihm die Seite im Internet. Was war das für ein tolles Blatt.

    • sascha313 schreibt:

      Ja, Einar, diese Büchlein sind wirklich schön gemacht: fadengeheftet, oft ledergebunden und im Schuber. Wenn man Glück hat, bekommt man noch einiges übers Internet. Ich habe hier eins von Klara Zetkin – 43×50 mm. Das steht noch der Preis drin: 20,- M. (Heute kostet das viel mehr – und in Euro.) – Ja, die AIZ war genial gemacht, den Nazis schon vor 33 ein Dorn im Auge…

      • Ja, und ich verdanke der DDR „Das Handbüchlein des Heiligen Augustinus“, 1. Auflage 1982 Printed in the German Democratic Republic, Druckwerkstätten Stollberg VOB und VOB Buchbinderei Südwest Leipzig, DDR, „fadengeheftet, gebunden und im Schuber“ – „Nur zum Vertrieb und Versand in der Deutschen Demokratischen Republik und den sozialistischen Ländern bestimmt“

        … geeignet diesen „abendländischen Religionskult zu entblößen, wie ich beim Lesen dann feststellte und mich „damals“ hirngewaschen, wie ich war, wunderte: „Was, so etwas gibt es in der DDR, wird dort gedruckt und sogar verkauft?“

  2. sascha313 schreibt:

    Stimmt. Leider hat die DDR aber auch den übertriebenen Lutherkult mitgemacht, und damit Müntzer in den Schatten gestellt…

    • … ja, sehr bedauerlich, wo es nicht einmal notwendig gewesen ist. Dieser große Gedanken-Manipulator – ein echter „Zauber“ und Meister der Gedanken für die Jahrhunderte. Welch eine „Erlösungswelt“ er sich doch zurecht gebastelt hat in seiner Klugheit ohne echte Logik, welchen Popanz er aus „Gott“ gemacht hat – dieser Herr Luder [Nomen est Omen?] … aber, ob es denn den Kommunisten und Sozialisten „gut“ tat, dass sie nun versucht hatten, den Müntzer als „Gegengewicht“ zu Luder zu „aufzubauen“, den ich wohl als einen praktischen „Phantasten“ bezeichnen möchte, während ja Luder eher als ein theoretisch Irrender seiner Zeit zu bezeichnen ist, will ich mal nicht hier erörtern. Sie hätten jedenfalls im Umgang mit „Kirche“ und den Vertretern des „offiziellen“ Christentums besser daran getan, auf Nietzsche zu hören, der sehr richtig tat, diesen ganzen Humbug zu verfluchen.

      [Von wem wurden eigentlich die Pastoren, Priester, Bischöfe und Kardinäle in der DDR bezahlt – auch / wie in der BRD üblich / von den Steuern der Menschen?]

      … vielleicht halten Kommunisten diesen Kult des Todes für zu harmlos oder haben gar nicht erkannt, dass er die grüßte Gefahr für die Wissenschaft und das Denken der Menschen selbst darstellt. (?) Falsche Rücksichtnahme? Die Eigenart „deutschen“ Denkens, das es sogar hin bekommt aus dem Irrationalen eine Logik zu basteln? Nun gut, es ist ja dann doch eingetroffen, was der gute Nietzsche treffend analysierte, was passieren muss, wird er nicht überwunden – vor allem, wenn er mental nicht überwunden wird.

  3. sascha313 schreibt:

    …von wem die Ostkirche bezahlt wurde, weiß ich auch nicht; die haben jedenfalls immer mal ’ne „Spende“ von der Westkirche bekommen, und die Pfarrer hatten wohl auch ihre lieben Brüder und Schwestern im Westen. Die Kirchensteuer war jedenfalls freiwillig, wohl nicht allzu hoch. Und 1989 sind im Osten massenhaft Leute aus der Kirche ausgetreten. Der Luder hat ja heute wieder eine Hochkonjunktur bei den Evangelen. Man sollte aber nicht die Religion bekämpfen, denn das lenkt nur ab von Klassenkampf!

    • prkreuznach schreibt:

      Das war keine Kirchensteuer. Eher sowas, wie ein Vereinsbeitrag. Denn die Mitgliedschaft in der Kirche, wie Religion überhaupt, war in der DDR Privatsache. Wer die Pfarrer u.a. Kirchenpersonal bezahlt hatte? Keine Ahnung. Es gab kirchliche Friedhöfe und Krankenhäuser. Wie diese Einrichtungen finanziert wurden, weiss ich auch nicht. Aber das Arbeitsrecht war demokratischer. Man musste nicht Mitglied in der Kirche sein, wenn man als Arbeiter/in, Krankenschwester oder -pfleger in einer kirchlichen Einrichtung arbeiten wollte. Dass die DDR den Luther-Kult unterstützte, verstehe ich auch nicht.

  4. sascha313 schreibt:

    Das ist Quatsch, Georg! Der „Staatsfeind Nr.1“ (d.h. der Klassenfeind) war und ist der Imperialismus. Die Kirche war immer nur eine geduldete Einrichtung, und nicht selten gab es auch Pfarrer, die sozialistisch eingestellt waren!

    • Du scheinst wirklich keine Ahnung von Kirche zu haben. Wie kann man nur derart verbohrt sein, und den Feind nicht einmal wahrnehmen wollen!!!
      „Imperialismus“ das ist nichts als ein anonymes Schlagwort. Da kann ich gleich mit dem Nebel anfangen Spiegel zu fechten. Dahinter stecken Organisationen und diese werden von Menschen gemacht, geführt, geleitet – nicht von „Robotern“ oder einer „anonymen „Marktmacht““.
      Ich lebe in einer realen Welt mit echten Menschen, die sich unter anderem in „Kirche“ organisiert haben. „Kirche“ als Organisation ist der KONKRETE materielle “Staatsfeind Nr.1″

      Also, wirklich „geduldete Einrichtung“ – ich kann das gar nicht fassen, was du da geschrieben hast.

      Und dann wundert ihr euch das die DDR untergegangen und der Sozialismus vorerst aufgehalten ist. Als ob irgendeine anonyme Gewalt wie der „Liebe Gott“ oder der noch anonymere „Imperialismus“ greifbar wäre oder bezwungen werden könnte, ohne dass die sie vertretenen Organisationen zerschlagen würden.

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