Hermann Duncker: Einführung in das Studium des Marxismus

H_Duncker

Hermann Duncker (1874-1960)

Müssen wir vorausschickend noch besonders begründen, daß der Marxismus des Studiums wert ist? – fragt Hermann Duncker seine Schüler. Am Anfang jeder Erkenntnis steht die Frage. Und mit jeder Erkenntnis läßt sich die Welt besser verstehen und beherrschen. Der Marxismus-Leninismus ist eine hervorragende Möglichkeit, um sich in der immer komplizierter werdenden Welt zurechtzufinden. Das Geheimnis des Kapitalismus verbirgt sich …

… in der Entstehung des Profits. Das macht sich die herrschende Ausbeuterklasse zunutze, und sie weiß es zu verschleiern. Erst wenn die Lohnempfänger dies verstanden haben, werden sie es sich nicht länger gefallen lassen und den Kapitalismus mit der Wurzeln beseitigen. Und diese Wurzel ist das Privateigentum an Produktionsmitteln. Was man dazu wissen muß, beschreibt Hermann Duncker im folgenden. Sein Lehrbrief aus dem Jahre 1931 wurde hier der besseren Lesbarkeit halber mit Zwischentiteln versehen.  Das Original kann als pdf-Datei am Schluß heruntergeladen werden.

I. EINLEITUNG.

Der Marxismus hat die richtigen Antworten. In einer Zeit des totalen Bankrotts aller bürgerlichen Weltanschauungen, in einer Zeit, in der sich der geängstigte, hilflose „Geistes-Mensch“ wieder in den Schoß der mittelalterlichen Kirche flüchtet, und das Haupt der katholischen Christenheit in geradezu grotesken Rundbriefen dokumentiert, daß es nicht von dieser Welt ist, in einer Zeit, in der alles fest Geglaubte im Wirbel sprunghafter Entwicklung jählings dahinschießt, Millionen selbst die schmälste Lebensbasis schwindet, und die herrschende Klasse ausrufen kann: Mit uns die Sintflut! – in einer solchen Zeit ist eine festgefügte, in sich geschlossene, wissenschaftlich fundierte Weltanschauung, die die Gegenwart begreifen und die Zukunft erkennen läßt, von größter Lebenswichtigkeit. Daß aber gerade der Marxismus diese Weltanschauung ist, bezeugt sowohl der vereinte Sprechchor seiner wütenden Gegner, vom Papst über Severing bis Hitler, wie auch die Tatsache, daß die welthistorische, erste Durchbrechung der kapitalistischen Front durch die proletarische Revolution in der Sowjetunion einzig unter der roten Fahne des Marxismus erfolgt ist.

Nur der Marxismus führt aus der Misere heraus! Aber zwischen den reaktionären Anti-Marxismus und den revolutionären Marxismus, die sich offen als Todfeinde gegenüberstehen, schiebt sich noch der reformistische PseudoMarxismus: der hinterhältige Angriff auf den Marxismus unter der Maske des Marx-Freundes. Da muß man schon in das innere Wesen des Marxismus eingedrungen sein, um Original und Surrogat, Wahrheit und Fälschung sicher unterscheiden zu können. Man kommt also um ein ernsthaftes Studium des Marxismus nicht herum.

Nicht nur lesen, sondern auch kämpfen! Zuerst gibt es da noch den sehr verbreiteten Irrtum zu bekämpfen, als ob der Marxismus durch wissenschaftliches, literarisches Studium vollauf errungen werden könnte. Der Marxismus ist nicht nur in den Büchern und Schriften von Marx und Engels und ihrem größten Schüler Lenin niedergelegt, sondern er ist vor allem auch in der Bewegung des klassenbewußten Proletariats verkörpert. So ist Marxismus Theorie und Praxis zugleich. Das bekannte Leninsche Wort „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben“ kann man auch so lesen: ohne revolutionäre Bewegung keine revolutionäre Theorie! Und das heißt, auf den einzelnen angewandt, du kannst dir den Marxismus nicht ausschließlich durch wissenschaftliches Studium, Bücher und schulmäßige Unterweisung zu eigen machen, du mußt auch mit beiden Füßen in die Praxis der marxistischen Bewegung hineinspringen.

Beteilige dich am Klassenkampf! Es ist der Rhythmus der proletarischen Massenbewegung, der dich mit fortreißen muß, es ist die Praxis des sozialen, des politischen und ökonomischen Geschehens, die du aktiv mitmachen mußt, um den Lebenswert der marxistischen Lehre zu erkennen. „In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, das heißt die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen.“ (2. Feuerbach-These.) [1] Das ist die Bedeutung der revolutionären, der praktisch-kritischen Tätigkeit für das Studium des Marxismus.

Kein kleinbürgerliches Außenseitertum! Gerade sein Losgelöstsein von der revolutionären Massenbewegung läßt den intellektuellen kleinbürgerlichen Außenseiter trotz allen noch so ehrlichen Studiums nicht zum Marxisten werden. Er bleibt marxistischer Individualist, während doch erst dem Kommunisten sich die grundsätzliche Einheit vom marxistischen Wissen und Schaffen offenbart, und daher nur in ihm der Marxismus wahrhaft lebendig werden kann.

Und nun zum Studium der Klassiker! Sind wir uns erst einmal über diese grundsätzliche Einheit klar geworden, so kann kein Schaden daraus entstehen, wenn wir uns zeitweilig auf die Behandlung der einen Seite im Erwerb des Marxismus beschränken. Das heißt, wir betrachten in folgendem nur die Seite des marxistischen Studiums, die sich aus der Durcharbeitung der Schriften von Marx, Engels und Lenin ergibt. Natürlich kann es sich hier auch nur um eine Anregung, eine vorbereitende Einführung handeln.

II. DER MARXISMUS ALS GANZES UND SEINE TEILE

Worum geht es? Schon bei der Erörterung der Grundfrage: Was ist der Marxismus? müssen wir gewisse irrige Antworten zurückweisen. Da der Pseudo-Marxismus – und das ist in erster Linie der Reformismus – im besten Falle nur einzelne Sätze des Marxismus anerkennen will, geht er davon aus, den Marxismus selbst als ein Stückwerk, als ein wissenschaftliches Einzelstück zu betrachten. So ist ihm der Marxismus etwa nur Forschungsmethode oder eine Spezialwissenschaft (vielleicht Ökonomie oder, etwas breiter gefaßt, Soziologie). Da hatte aber seinerzeit schon der alte Bebel im Schlußwort seines Buches „Die Frau und der Sozialismus“ den wahren Sachverhalt bei weitem richtiger gesehen: „Der Sozialismus ist die mit klarem Bewußtsein und voller Erkenntnis auf alle Gebiete menschlicher Tätigkeit angewandte Wissenschaft.“ [2]

Der Marxismus ist eine wissenschaftliche Weltanschauung. Was Bebel hier Sozialismus nennt, ist als wissenschaftlicher Sozialismus oder Kommunismus nichts anderes als Marxismus. Der Marxismus ist eben nicht eine x-beliebige Einzelwissenschaft, sondern die Universalwissenschaft, oder, populär gesprochen, eine Weltanschauung. Denn die marxistische Weltanschauung ist keine Wölkenkuckucksheim-Spekulation, keine Spintisiererei und Hirnweberei aus mystischen Urgründen und überweltlichen Ideen, sondern die wissenschaftliche Weltanschauung des dialektischen Materialismus, in der sich der Mensch über Wesen und Entwicklung der ihn umgebenden Erscheinungswelt wissenschaftlich klarzuwerden sucht.

Welche Eigenschaften hat der Marxismus? Indem ich irgendwelche Tatsachen und Tatsachenkomplexe unter folgenden Gesichtspunkten betrachte:
1. wissenschaftlich (das heißt systematisch gegliedert und folgerichtig aufgebaut),
2. materialistisch (das heißt in ihrer natürlichen Bedingtheit und Wesenheit, also ohne übernatürliche Glaubenssätze und jenseitige Voraussetzung),
3. dialektisch (das heißt in ihrem revolutionären, sprunghaften Entwicklungsprozeß), also nicht als starre, unveränderliche Gegebenheit,
4. proletarisch-kommunistisch (das heißt in ihrer Auswirkung und Auswertung für den proletarischen Befreiungskampf), so habe ich sie „marxistisch“ betrachtet, wozu aber, wie wir bereits sahen, noch kommen muß, daß ich nicht nur „betrachtend“ verbleibe, nicht nur begreife, sondern auch tätig ein- und angreife. Der Marxismus ist insofern nicht nur Weltanschauung, sondern Weltveränderung: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ (11.Feuerbach-These.) [3]

Es geht um die Zukunft der Menschheit. Aus der Betonung der Weltveränderung im Marxschen Schaffen geht schon hervor, daß der Schwerpunkt des Marxismus nicht in der Naturforschung, sondern in der Gesellschaftsforschung liegt. Da alle ernsthafte Gesellschaftswissenschaft in erster Linie Geschichtswissenschaft ist, ergibt sich die materialistische Geschichtsauffassung als der wichtigste Teil der marxistischen Weltanschauung.

Was sind die Bestandteile des Marxismus? Es ist für das Studium des Marxismus geradezu unerläßlich, im Marxismus gewisse Hauptgebiete zu unterscheiden. Lenin hat in seinem sehr lesenswerten populären Aufsatz „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ (1913) [4] die Philosophie, die Ökonomie und den Sozialismus als solche drei Bestandteile dargestellt. Wir möchten in Anlehnung an diese Einteilung, die bereits auf Engels zurückgeht (siehe Engels, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“), die marxistische Philosophie, die marxistische politische Ökonomie und die Lehre vom Klassenkampf und vom Sozialismus unterscheiden.

Nur darf man nie vergessen, daß diese drei Gebiete nicht in gleicher Weise nebeneinander geordnet stehen. Die marxistische Philosophie stellt ja eigentlich bereits das Ganze des Marxismus dar. Aus ihrer Grundlehre ergibt sich erst das besondere Gewicht, das auf die Aufdeckung der ökonomischen Grundlagen bei allen gesellschaftlichen Erscheinungen gelegt werden muß. Daher erstreckte sich die wissenschaftliche Hauptarbeit von Marx auf spezielle ökonomische Untersuchungen (Marx, „Das Kapital“). Und insoweit rechtfertigt sich nun auch die Hervorhebung der marxistischen politischen Ökonomie als eines besonderen Hauptteiles. Die ökonomische Kritik ist für Marx jedoch nur Mittel zum Zweck. Dieser Zweck aber – die Befreiung des Proletariats – ist eine ausgesprochen politische Aufgabe. Und somit haben wir die Lehre vom Klassenkampf und vom Sozialismus als dritten Abschnitt. Ihre Grundlehren erwachsen natürlich auch unmittelbar aus dem Studium der marxistischen Welt- und Geschichtsauffassung. Im historischen Materialismus stehen ja das Wesen der Klasse, des Klassenstaates und des Klassenkampfes im Mittelpunkt aller Untersuchung. Daher kann man auch das Studium der Lehre vom Klassenkampf und Sozialismus sogleich an die Durcharbeitung des ersten Abschnittes anschließen.

Buchtip: Einen guten Oberblick über den Gesamtinhalt des Marxismus finden wir bei Lenin in seinem 1914 für ein russisches Lexikon geschriebenen Aufsatz „Karl Marx“ [5], auch die größere Streitschrift von Engels, „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“, gibt einen Gesamtumriß des Lehrgebäudes des Marxismus, wenn da natürlich auch besonders die Teile in den Vordergrund geschoben worden sind, in denen sich eine Richtigstellung der Dühringschen Irrtümer notwendig machte.

III. DIE MARXISTISCHE PHILOSOPHIE (dialektischer Materialismus)

Wie fand Marx zum Materialismus?  Wollen wir die Weltanschauung des Marxismus kennen lernen, so haben wir uns zuerst mit dem Gegensatz Idealismus und Materialismus zu befassen. Es ist das nichts anderes als die Gegenüberstellung aller übernatürlichen Weltbilder und der natürlichen Weltanschauung. Marx hat einmal (sicherlich auch im Rückblick auf seine eigene Entwicklung) gesagt: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ (1844). [6] Auch der geistige Entwicklungsgang von Engels, wie er durch seine Jugendbriefe illustriert wird, zeigt anschaulich, in wie unablässiger, zum Teil geradezu quälerischer Selbstkritik der religiös erzogene Jüngling zum atheistischen Materialisten wurde.

Und Engels? Dem Manne, der ihm – wie Marx – in diesem Werdegang einen entscheidenden Anstoß gegeben hat, hat Engels in seinem Büchlein „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ (1888) ein unvergängliches Denkmal gesetzt. In dieser Schrift und in Engels‘ „Anti-Dühring“ (Engels’ „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ ist ein Auszug der wichtigsten Kapitel dieser Schrift!) finden wir die ausführlichste Darstellung der Weltanschauung des Marxismus. Eine wesentliche Ergänzung nach der naturwissenschaftlichen Seite hin brachte die Veröffentlichung eines großen Fragments aus Engels‘ Nachlaß „Dialektik und Natur“, [7] (s. Marx-Engels-Archiv II. Band, 1927).

Wie steht es mit der Religion? Die Stellung des Marxismus zur Religion wird erschöpfend und populär beleuchtet in dem kleinen Büchlein von Lenin „Über Religion“ (Kleine Lenin-Bibliothek, Band 4) [8]. Der Materialismus von Marx und Engels ist kein metaphysisches Hirngespinst – wie das Max Adler und andere glauben machen wollten –, es werden da keinerlei Spekulationen, keine phantastischen Aussagen über verborgene Qualitäten des Weltstoffes usw. gemacht. Die Weltwirklichkeit als objektive Realität, das ist der einfache und klare Ausgangspunkt der „materialistischen“ Betrachtung von Marx-Engels.

Lenin:  Weiterentwicklung des Marxismus. So kennzeichnete auch Lenin den Sachverhalt in seiner großen Streitschrift „Materialismus und Empiriokritizismus“ (1909) in dem Satz: „Die Anerkennung der objektiven Gesetzmäßigkeit der Natur und der annähernd richtigen Widerspiegelung dieser Gesetzmäßigkeit im Kopf des Menschen ist Materialismus.“ [9] In der Entwicklung der Weltwirklichkeit, insbesondere der sogenannten belebten Natur, sehen wir die Stufenfolge auch der geistigen Erscheinungen auftauchen: das materielle Sein bedingt alles Geistige.

Der Marxismus ist kein Dogma! Gegenüber der Behauptung (von Adler u.a.), daß der Marxismus keine erkenntniskritische Einstellung besäße, daß ihm der Kantsche Standpunkt nicht klargeworden sei, wonach alles Erkennen nur beschränktes subjektives Erkennen sei, wird gerade die Lektüre der Schrift von Engels über Feuerbach in Verbindung mit Marx‘ Feuerbach-Thesen [10] zur Genüge erweisen, daß sich Marx und Engels sehr wohl über die Relativität der menschlichen Einzelerfahrung klargewesen sind, daß sie aber andererseits auch anerkannten, daß alle Fehlschlüsse einer in die Irre gehenden Subjektivität in steigendem Maße durch die menschliche Praxis, das heißt durch die gesellschaftliche Entwicklung selbst, korrigiert werden.

Die Lehre von den Veränderungen. Der Materialismus von Marx und Engels bekommt daher sein besonderes und entscheidendes Gesicht durch die Dialektik, denn das ist die Lehre von der ständigen revolutionären Entwicklung alles Seins (in der Natur, Geschichte und im Denken). Man lese darüber vor allem das 2. Kapitel in Engels‘ „Entwicklung des Sozialismus…“ Wichtig ist, daß der Entwicklungsbegriff des Marxismus nicht nur gleichförmig-stetige Veränderungen kennt, sondern, daß er in den sprunghaft auftretenden Entwicklungsmomenten entscheidende Knotenpunkte der Entwicklungslinie erfaßt. Revolutionen sind also Teilstücke der Evolution!

Hinweise von H.Duncker: Am häufigsten haben sich natürlich Marx und Engels über den wichtigsten Teil ihrer Weltanschauung, über ihre revolutionäre Geschichts-auffassung ausgesprochen. In meinem Quellenbuch: Marx-Engels über den historischen Materialismus, Teil l und 2, sind die wichtigsten Stellen aus allen ihren Schriften zur Veranschaulichung der Geschichtsauffassung von Marx-Engels vereinigt worden, zusammen mit noch sieben größeren Aufsätzen von ihnen, die Grundgedanken des historischen Materialismus aussprechen. [11] Von überragender Bedeutung ist dabei der von Marx und Engels 1845/46 gemeinsam verfaßte erste Teil der deutschen Ideologie (Gegensatz von materialistischer und idealistischer Anschauung). Aus dem zweiten Teil des Quellenbuches dürften die Leser in erster Linie interessieren die Briefe von Engels über historischen Materialismus (1890-1894), und vor allem das berühmte, nicht oft genug zu lesende Vorwort von Marx zur Kritik der politischen Ökonomie (1859).

IV. DIE MARXISTISCHE POLITISCHE ÖKONOMIE

Eine Einführung in das „Kapital“ von Marx. Die ökonomische Lehre des Marxismus liegt in den großen ökonomischen Hauptwerken von Marx – dem „Kapital“ und den „Theorien über den Mehrwert“ – in systematischem Aufbau vor. Doch der Leser wird da gut tun, sich zuerst einmal aus den beiden kleineren Schriften von Marx – „Lohnarbeit und Kapital“ und „Lohn, Preis und Profit“ – die ökonomischen Grundlehren des Marxismus herauszuarbeiten. Eine Unterstützung dabei gibt mein „Wegweiser zum Studium der ökonomischen Grundlehren von Karl Marx“ (2. Auflage 1931). Aus den dort im Anhang abgedruckten Besprechungen des I. „Kapital“-Bandes aus der Feder von Engels und des II. und III. Bandes von Rosa Luxemburg gewinnt der Leser sodann eine gute vorläufige Obersicht über das Hauptwerk von Marx.

Hinweis: Marx hat einmal einem wenig wissenschaftlich geschulten Freunde den Rat gegeben, zuerst das 8., 11., 12., 13. und 24. Kapitel des I. Bandes zu lesen. Aber man sollte doch nicht davon ablassen, auch das ganze Werk in seinem mächtigen Aufbau auf sich wirken zu lassen und sich den Eingang durch die gewißlich nicht ganz leicht zu erschließende Pforte der ersten Kapitel („Ware und Geld“) zu erzwingen. Alle ökonomischen Untersuchungen von Marx drehen sich im wesentlichen um zwei Punkte, die auch heute noch den Ausgangspunkt jeder grundsätzlichen Kritik des Kapitalismus bilden müssen:

1. Worin besteht die kapitalistische Ausbeutung?
2. Was ist der Weg der kapitalistischen Entwicklung?

Das Geheimnis der Ausbeutung. Die Entschleierung des Geheimnisses vom Mehrwert nennt Engels eine Großtat, durch die der Sozialismus eine Wissenschaft wurde. Es ist ja keine Frage, daß das Wesen der Ausbeutung in überaus geschickter Weise im Mechanismus des kapitalistischen Systems versteckt ist. Daß diese ungeheure Produktionsmaschine des Kapitalismus einzig durch die Knochen von Millionen und aber Millionen Proletariern geheizt wird, das wollen viele Proletarier noch nicht einsehen und befinden sich doch selbst bereits in dem feurigen Ofen. Es ist eben die Hauptaufgabe des Reformismus, die kapitalistische Ausbeutung zu verhüllen. Die ganze sozialdemokratische und gewerkschaftliche Lohntheorie ist ein ebenso blödes wie gemeingefährliches Anti-Marx-Sammelsurium.

Was ist Kapitalismus? Der zweite Hauptangriffspunkt des Marxismus gegen den Kapitalismus bezieht sich auf die zwangsläufige Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise. Die Tatsache, daß die Güterproduktionsmaschine des Kapitalismus ökonomisch immer rückständiger, unproduktiver und für die Gesellschaft ruinierender wird, das ist Marx‘ Lehre von der Akkumulation des Kapitals, die sowohl die Verelendungstheorie wie die Lehre von der unvermeidlichen Umwandlung der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft in sich faßt.

Woher kommen die Krisen? Eine wissenschaftliche Untersuchung, die jetzt, in der Zeit der fürchterlichsten Krise, die je in der Welt getobt hat, von ganz besonderem Interesse für jeden Werktätigen ist. Die Akkumulation des Kapitals mußte mit innerer Notwendigkeit den Kapitalismus in seine allgemeine Krise hineintreiben, die aber in ihrer schärfsten Zuspitzung für das Proletariat zum Ausgangspunkt seiner Befreiung aus den Fesseln des Kapitalismus werden wird. Einen meisterhaften Überblick über die Gesamtlinie der ökonomischen Entwicklung gibt das 3. Kapitel von Engels, „Entwicklung des Sozialismus…“.

V. DIE LEHRE VOM KLASSENKAMPF UND VOM SOZIALISMUS

Ein paar gute Lesetips! Hier wartet auf den Leser die Fülle der größeren und kleineren politischen Zeit- und Streitschriften von Marx und Engels: „Das Kommunistische Manifest“, „Grundsätze des Kommunismus“, „Die Inaugural-Adresse“, die „Klassenkämpfe in Frankreich“, „Der 18. Brumaire“, „Revolution und Konterrevolution“ (behandelt die deutschen Ereignisse von 1848), „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ und vor allem Lenins „Staat und Revolution“, „Der Imperialismus“, der „Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ und „Über den Reformismus“ [12]. Wertvolle Fingerzeige geben auch die beiden Kritiken von Marx und Engels zum Gothaer Programm (1875) und von Engels am Vorentwurf zum Erfurter Programm (1891). (Sie sind als „Programm-Kritiken“ in einem Bändchen zusammen mit einer größeren Anzahl politischer Beurteilungen und Ratschläge von Marx und Engels in ihrem Kampf gegen den politischen Opportunismus in der alten deutschen Sozialdemokratie vereinigt worden. [13])

Wichtig: Die Dikatatur des Proletariats. Der politische Marxismus gipfelt in der Lehre vom proletarischen Klassenkampf und seinem Ziel: die Aufrichtung der proletarischen Diktatur. Alle historischen Darstellungen von Marx und Engels sind in erster Linie Klarlegungen bestimmter Klassenverhältnisse, die erst die politischen Formen und Zielsetzungen begreifen lassen. (Siehe zum Beispiel Engels: „Der deutsche Bauernkrieg“.) Für den Marxisten sind alle diese Schriften prachtvolles Anschauungs- und Beweismaterial für die Richtigkeit der materialistischen Geschichtsauffassung. Die Anwendung des Marxismus auf die Gegenwart zeigt ausgiebig das Programm der Kommunistischen Internationale (1928).

ZUM ABSCHLUSS

Was ein Kommunist lesen sollte. Das Studium des Marxismus wird sich in erster Linie durch eine Lektüre ausgewählter Schriften von Marx, Engels und Lenin vollziehen, wobei die vorliegende Literatur nach ihren besonderen Schwierigkeits- und Wichtigkeitsgraden in gewisse konzentrische Studienkreise einzuordnen ist. In der ersten Stufe werden wir vor allem zu berücksichtigen haben: Engels „Entwicklung des Sozialismus“, Lenin „Über Religion“, Marx „Lohnarbeit und Kapital“ und „Lohn, Preis und Profit“, Marx-Engels „Das Kommunistische Manifest“, Engels „Die Grundsätze des Kommunismus“ (ein in Fragen und Antworten aufgebauter Vorentwurf zum Kommunistischen Manifest) und Lenin „Staat und Revolution“; als politische Ergänzung dazu das Programm der Kommunistischen Internationale.

Fortsetzung des Studiums: Bei einem zweiten Anlauf wird man zweckentsprechend hinzunehmen die Lektüre von Engels „Feuerbach …“, Marx-Engels „Über den historischen Materialismus“, Marx „Das Kapital“ (den ersten Band), Lenin „Imperialismus“ [14] und „Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ [15], Stalin „Probleme des Leninismus“, Marx-Engels „Programm-Kritiken“, Marx „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ (Marx‘ berühmte Denkschrift über die Pariser Kommune 1871).

Für Fortgeschrittene: Bei einer dritten, noch umfangreicheren Wanderung durch das Gebiet des Marxismus würde man dann auch hineinziehen: Lenins sehr umfangreiche Kampfschrift gegen allen offenen und versteckten Idealismus in der modernen Philosophie „Materialismus und Empiriokritizismus“ (erschienen 1909), den 2. und 3. Band von Marx‘ „Kapital“, die übrigen historischen Schriften von Marx und Engels (so Engels‘ „Der deutsche Bauernkrieg“ usw.). Natürlich haben wir hier aus der Fülle des Schrifttums von Marx, Engels und Lenin bei weitem nicht alles nehmen können. Es ist klar, daß man auch aus den anderen, hier nicht aufgeführten Schriften außerordentlich viel über den Marxismus lernen kann. [18]

Klassiker im Original lesen! Auf alle Fälle soll man sich klar sein, daß man den Marxismus aus den Quellen erarbeiten muß. Wir sagten einmal (im Vorwort zu Marx-Engels „Über historischen Materialismus“, Teil 1): „Ein Satz von Marx ist gemeinhin wichtiger und aufschlußreicher als zwanzig Sätze über ihn.“ Wir möchten hier hinzufügen, daß ein Buch von Marx oder Engels, gründlich und allseitig erfaßt, uns tiefer in den Marxismus hineinführt als soundso viele Schriften von Marx und Engels, die nur so obenhin gelesen, nur durchgeblättert worden sind. Die peinliche Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit der jeweiligen Lektüre muß gerade beim Studium des Marxismus-Leninismus die erste Regel sein. Lieber weniger, aber besser.

Aus: „Der Marxist“ (Blätter der Marxistischen Arbeiterschule); Jahrgang 1 (1931), Nr. 1.
Duncker, Hermann: Einführung in den Marxismus, Bd. 1, Berlin 1958, S. 3 – 15

Anmerkungen:

[1] Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Dietz Verlag, Berlin 1957, Bd. II, S. 376
[2] August Bebel, „Die Frau und der Sozialismus“, Dietz Verlag, Berlin 1946, S. 624.
[3] Marx/Engels, Ausgewählte Schriften, Bd. II, S. 378.
[4] Abgedruckt im Anhang zu Lenin, „Karl Marx“ (Kleine Leninbibliothek, Bd. 1. 1931); W. I. Lenin, „Marx-Engels-Marxismus“, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1947, S. 54-60.
[5] Ebenda, S. 7-38.
[6] Marx/Engels, „Die heilige Familie . . .“, S. 11.
[7] Friedrich Engels, „Dialektik der Natur“, Dietz Verlag, Berlin 1952.
[8] Neu erschienen: Dietz Verlag, Berlin 1956.
[9] W.I. Lenin, „Materialismus und Empiriokritizismus“, Dietz Verlag, Berlin 1949. S. 144.
[10] Diese äußerst wichtigen 11 Aphorismen von Marx finden sich in Engels‘ „Feuerbach“ (neu: Marx/Engels, Ausgewählte Schriften, Bd. II, S. 376 bis 378).
[11] Vgl. I. Kapitel des vorliegenden Sammelwerkes („Einführungen in das marxistische Schrifttum“). Vorwort zum Quellenbuch: Marx-Engels über den historischen Materialismus.
[12] Lenin behandelt hier in zwei Artikeln aus den Jahren 1915 und 1916 den reformistischen Zusammenbruch der II. Internationale. Die erste grundlegende Auseinandersetzung mit der Theorie des Reformismus im deutschen Schrifttum siehe bei Rosa Luxemburg, „Sozialreform oder Revolution“ (1899, Neuauflage 1919).
[13] Vgl. I. Kapitel des vorliegenden Sammelwerkes
[14] Eine 1916 entstandene Schrift, die ein Gesamtbild der kapitalistischen Weltwirtschaft in ihren internationalen Wechselbeziehungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt mit einer sehr anschaulichen Herausarbeitung der fünf Hauptmerkmale des Imperialismus. Man vergleiche damit den von Lenin 1917 vorgeschlagenen Zusatz zum russischen Parteiprogramm (siehe Lenin: „Karl Marx“)
[15] Diese von Lenin 1920 verfaßte Schrift trägt den Untertitel „Versuch einer populären Darstellung der marxistischen Strategie und Taktik“.
[16] Gerade für marxistische Selbstbildung bieten auch die Hefte der „Marxistischen Arbeiterschule“ ein geeignetes Studienmaterial. (Zur Zeit erscheint – seit November 1930 – je ein Kursus über Politische Ökonomie und Geschichte der Arbeiterbewegung.)

Hermann Duncker (1931)

Politiker, Hochschullehrer, Publizist; Mitbegründer der KPD, hatte große Vrdienste bei der Verbreitung des Marxismus-Leninismus. Er war zuletzt seit 1949 Direktor der Gewerkschaftshochschule in der DDR.

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