Wie Lenin mit artikelschreibenden Spitzbuben umging …

Nun gibt es ja ganz unterschiedliche Gründe, warum Bücher oder polemische Artikel geschrieben werden, und wir wollen uns mit den Ursachen nicht allzu lange aufhalten. Wie alles, was der Mensch tut, so ist auch das Bücherschreiben zugleich ein Handwerk, als auch ein Gewerbe. Und es folgt bestimmten Interessen, die den Autor dazu treiben, sein Werk der Öffentlichkeit zu übergeben, damit es am Ende honoriert werde. Auch soll man die konkrete gesellschaftliche Situation nicht außer acht lassen, welche den Anlaß vorgibt, daß bestimmte Meinungen verbreitet werden und andere wieder nicht. Schon der Buchhändler Phillip Erasmus Reich (1717-1787) legte auf die Feststellung Wert, man könne in jeder Gattung Wissenschaft Gelehrte finden, die sich widersprechen, und sogar solche, „die selbst keinen sichern und richtigen Geschmack haben und bloß nach ihren Einsichten oder Leidenschaften tadeln und verwerfen“ [1]. Meinungen sind bekanntlich wandelbar und müssen nicht immer objektiv und richtig sein. Da haben wir es mit Lenin einfacher, denn ihm steht nicht nur die Logik zu Gebote, sondern auch der dialektische und historische Materialismus. Und der läßt sich in der Praxis überprüfen.

Der Herr Bulgakow will Streitigkeiten provozieren

Shisn

Titelblatt der Zeitschrift „Shisn“, in der im Jahre 1900 Lenins Artikel erschien

Der deutsche Ökonom Karl Kautsky hatte 1899 ein Buch über „Die Agrarfrage“ geschrieben, in dem er den Kapitalismus in der Landwirtschaft „in hervorragender Weise“ (wie Lenin urteilte)  systematisch untersuchte. Mit seinem umfangreichen (450 Seiten starken) Buch schloß Kautsky damit eine Lücke, die dem Marxismus bisher gefehlt hatte. Und nun hatte der russische Schriftsteller S. Bulgakow dem einen längeren Artikel gewidmet, in welchem er das Buch Kautskys in Bausch und Bogen verriß. Das erscheint uns aus heutiger Sicht dem vergleichbar, was heute von bürgerlichen Schreiberlingen fabriziert wird, wenn sie wiedermal den Marxismus „entdecken“ und zu widerlegen suchen, indem sie neue Biographien, polemische Artikel oder Kommentare verfassen, die im Grunde nichts anders sind als eine Entstellung oder ein Verriß marxistischer Gedanken und eine Fälschung der Geschichte. Ein ähnlicher Spitzbube war auch der galizische Adlige Ludwig von Mises, über den wir bereits an anderer Stelle berichteten [2]. Was erwiderte nun Lenin dem russischen Schritsteller? Lenin schrieb:

In Nummer 1-2 des „Natschalo“ (Abt. II, S. 1-21) ist ein Artikel von Herrn S. Bulgakow, betitelt „Zur Frage der kapitalistischen Entwicklung der Landwirtschaft“, erschienen, der sich mit einer Kritik des Kautskyschen Werkes über die Agrarfrage befaßt. Herr Bulgakow sagt mit vollem Recht, daß „das Buch Kautskys eine ganze Weltanschauung darstellt“, daß es von großer sowohl theoretischer als auch praktischer Bedeutung sei. Dies sei wohl die erste systematische und wissenschaftliche Untersuchung einer Frage, die in allen Ländern selbst unter Schriftstellern, die den allgemeinen Anschauungen übereinstimmen und sich als Marxisten zu bekennen, heftige Streitigkeiten hervorgerufen habe und noch hervorrufe. Bulgakow „beschränkt sich auf eine negative Kritik“, auf die Kritik einzelner Thesen des Buches Kautskys“ (dessen Inhalt er den Lesern des „Natschalo“ „kurz“ – wie wir sehen werden, allzu kurz und sehr ungenau – darlegt). „Zu gegebener Zeit“ hofft Herr Bulgakow „eine systematische Darstellung der kapitalistischen Entwicklung der Landwirtschaft zu geben“ und somit Kautsky „ebenfalls eine ganze Weltanschauung“ entgegenzustellen. [3]

Lenin war ein Meister der dialektischen Logik (wie übrigens Kurt Gossweiler auch). Sein Scharfsinn und seine Treffsicherheit in der Auseinandersetzung mit gegnerischen Angriffen sind auch heute noch äußerst lesenswert. Sie sind eine Schule des dialektischen Materialismus. Doch nun zur Sache selbst. Wir wollen es kurz machen, damit auch verstanden wird, warum wir dies hier aufgreifen. Hier also weiter Lenin:

Noch bevor Herr Bulgakow Kautsky zu Leibe geht, bekommt Marx im Vorbeigehen eins ausgewischt. Selbstverständlich betont Herr Bulgakow die gewaltigen Verdienste des großen Ökonomen, doch bemerkt er, daß bei Marx „teilweise“ sogar „falsche Vorstellungen…, die von der Geschichte schon zur Genüge widerlegt worden sind“, vorkommen. „Zu diesen Vorstellungen gehört zum Beispiel die, daß in der Landwirtschaft das variable Kapital relativ zum konstanten ebenso abnehme wie in der Fertigungsindustrie und sich somit die organische Zusammensetzung des agrarischen Kapitals ständig erhöhe.“ Wer irrt hier, Marx oder Herr Bulgakow? Herr Bulgakow hat die Tatsache im Auge, daß in der Landwirtschaft der Fortschritt der Technik und die Intensivierung der Wirtschaft oft zu einer Erhöhung des Arbeitsaufwandes führen, der für die Bearbeitung der gegebenen Bodenfläche erforderlich ist. Das ist unbestreitbar, aber von hier ist es noch weit bis zur Verneinung der Theorie von der Abnahme des variablen Kapitals relativ zum konstanten, im Verhältnis zum konstanten. Die Marxsche Theorie behauptet lediglich, daß das Verhältnis v/c (v = variables Kapital, c = konstantes Kapital) im allgemeinen die Tendenz hat, sich zu verringern, selbst wenn v pro Flächeneinheit zunimmt – wird etwa die Marxsche Theorie widerlegt, wenn hierbei c noch schneller zunimmt? In bezug auf die Landwirtschaft der kapitalistischen Länder, im großen und ganzen genommen, sehen wir eine Abnahme von v und eine Zunahme von c. Die Landbevölkerung und die Zahl der Landarbeiter nehmen sowohl in Deutschland als auch in Frankreich und in England ab, während die Zahl der in der Landwirtschaft angewandten Maschinen zunimmt. [4]

Man muß schon etwas davon verstehen, wenn man sich auf eine solche Polemik einläßt, und seine Argumente auch beweisen. Es reicht eben nicht, wenn man nur Behauptungen aufstellt, und versucht, mit Andeutungen oder aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten den Marxismus zu widerlegen bzw. Marxisten des „Revisionismus“ zu beschuldigen, wie es im folgenden Kommentar geschah. Hier schrieb der anonyme Verfasser:

„Es war 1945 keine Revolution der deutschen Arbeiterklasse, die Besten waren von den Faschisten umgebracht worden, in der SU hielt sich für die DDR die Revionistenclique um Ulbricht und Pieck bereit, die wie der Erstere schon immer mit den Sozis anbandelten, oder wie der Letztere eine versöhnlerische Linie vertraten. Ulbricht war nicht zufällig Brandleranhänger in der Zeit des Hamburger Aufstandes, Pieck war Anfang der 30iger einer der Initiatoren, die Thälmann stürzen wollten. Zu Honecker braucht man eigentlich nicht viel zu sagen, außer auf das Buch ‚Der Sturz‘ hinzuweisen. Der ganze Mann war eigentlich ein verkappter Sozi.“ (Kommentar gelöscht)

Es ist witzlos und unsinnig, sich hier auf eine Diskussion einzulassen, da sie zu nichts führt, da der Verfasser sich ohnehin auf dubiose Aussagen stützt, die keine echten Quellen sind, sondern zum Zwecke der Verleumdung des Marxismus oder der Marxisten verfaßte bürgerliche Auftragswerke [5]. Wir erinnern uns noch sehr gut der Fälscher im russischen Staatsarchiv, die seitenweise ganze Dokumente nebst Stempel und Unterschrift hergestellt hatten, um die Goebbelsschen Lügen in der Katyner Sache zu „beweisen“, was sehr schnell ans Licht kam, nachdem einer der Fälscher offenbar ein schlechtes Gewissen bekommen hatte und sich dem russischen Duma-Abgeordneten Prof. Iljuchin offenbarte. [6]

80269-16

Diese Stempel und gefälschten Papiere legte Genosse Prof. Iljuchin der Öffentlichkeit vor, nachdem einer der Fälscher sich ihm anvertraut hatte.

Wir leben unter kapitalistischen Verhältnissen, und die herrschende Klasse ist die Bourgeoisie. Sie allein bestimmt, was in den Schulbüchern gedruckt und den Nachrichten verbreitet wird. Ihre Institute und Stiftungen  verkünden das, was als historische Wahrheit für gültig erklärt wird. Wer’s glaubt wird selig! Und wer es wagt zu widersprechen, der setzt sich der Gefahr der Verfolgung oder Diffamierung aus. Besonders deutlich wurde das stets bei der Verfolgung der Kommunisten, wie erst kürzlich, als  die faschistischen Machthaber der Ukraine den Genossen Anatoli Majewski ins Gefängnis warfen, weil er es gewagt hatte, ihren Lügen offen zu widersprechen. Wieder einmal zeigt sich, daß die Bourgeoisie die Wahrheit fürchtet und jene verfolgt, die ihr die Maske vom Gesicht reißen.

Quellen und Hinweise:
[1] Zufällige Gedanken eines Buchhändlers… In: Evi Rietschel (Hrsg.): Gelehrsamkeit ein Handwerk? Bücherschreiben ein Gewerbe? Dokumente zum Verhältnis von Schriftsteller und Verleger im 18. Jahrhundert in Deutschland. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1982, S.143.
[2] Die arbeiterfeindlichen Ansichten des Ludwig v.Mises
[3] W.I. Lenin: Der Kapitalismus in der Landwirtschaft. In: W.I. Lenin, Werke, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1955, Bd. 4, S.99.
[4] ebd. S.100
[5] Zum Thema „Beweis“ siehe: Was verstehen wir unter einem Beweis?
[6] Siehe hier: Fälscher im Russischen Staatsarchiv

DOWNLOAD: 150222 Wie Lenin mit artikelschreibenden Spitzbuben umging

Dieser Beitrag wurde unter Kleines Lexikon, Marxismus-Leninismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Wie Lenin mit artikelschreibenden Spitzbuben umging …

  1. Vorfinder schreibt:

    Ich setze diesen Hinweis mal hier unter den Artikel, weil gerade jetzt AKUT dieser Vorgang doch sehr bezeichnend ist für die militarisierte, faschistoide Gesellschaft der BRD. Die Gesinnung dieser verantwortlichen Leute an dieser Schule ist nicht zufällig und keine Ausnahme. So soll die Gesellschaft systemisch auf Gesinnung getrimmt werden, die nun mal gebraucht wird um die Menschen in imperialistischen Kriegen zu verheizen.

    Der jw Artikel beschreibt einen extra krassen Fall von Unrechtsstaat BRD. Aber auch eine hohe Courage und Aufgeklärtheit von einem 17jährigen Schüler.

    Sympathie und Solidarität für Niklas Hatzold!

    jW vom 23. Februar
    Johannes Supe
    »Direktor hat uns aufgefordert, mit Offizieren zu posieren«

    Schüler bekommt Verweis wegen »linksorientierter Gesinnung« nach Protesten gegen Bundeswehr. Ein Gespräch mit Niklas Hatzold

    Der 17jährige Niklas Hatzold ist Schüler der Graf-Stauffenberg-Wirtschaftsschule im bayrischen Bamberg. Er ist in der Jugendgruppe der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) aktiv.

    Bayern, Bildung und die Bundeswehr: Ende Januar kam ein Jugendoffizier an Ihre Schule. Friedensorganisationen haben vor dem Schulgelände mit einem Stand protestiert. Doch dann wurde die Polizei gerufen. Wie kam es zu der Eskalation?

    Der Werbeoffizier kommt seit mehreren Jahren im Rahmen eines Berufswahlseminars, das für die 9. und 10. Klassen verpflichtend ist. Den Vortrag habe auch ich besucht, bin danach allerdings kurz zu unserem Stand vor der Schule gegangen und habe mich mit Freunden unterhalten. Zusammen mit anderen Organisationen haben wir als VVN-BdA einen Infostand organisiert, um den Schülern auch eine andere Perspektive auf die Bundeswehr zu zeigen. Als ich wieder zurückkommen wollte, wurde ich von drei Hausmeistern aufgehalten. Einer von ihnen stand mit Springerstiefeln und Armeehose da. Der hatte im vorletzten Jahr das Schultor schon als »Reichsgrenze« bezeichnet. Ich sollte ihnen meinen Rucksack öffnen, und sie wollten sogar eine Leibesvisitation machen. Das habe ich natürlich abgelehnt. Auf Nachfrage sagte man mir dann, ich stünde im Verdacht, Aufkleber anzubringen – also eine Straftat zu begehen. Und dann rief man die Polizei.

    Die ist ergebnislos wieder abgezogen. Trotzdem hatte die Geschichte für Sie noch ein Nachspiel.

    Ich wurde am Folgetag in das Zimmer des Rektors zitiert. Da musste ich mich im Beisein meines Vaters und eines Vertrauenslehrers sowie meiner Klassenleiterin gegenüber dem Direktor und seinem Stellvertreter sowie anschließend auch noch vor den Hausmeistern rechtfertigen. Nämlich dafür, dass ich meine Meinung »derart beharrlich« vertreten habe. Und dann folgte ein verschärfter Verweis. Der zählt als Androhung auf Entlassung von der Schule. Ich könnte mich noch glücklich schätzen, hat man mir gesagt, dass ich nicht vor den Disziplinarausschuss zitiert wurde. Das habe man nur meiner Mutter zuliebe gemacht, die hier ehemals Schülerin war.

    In dem Verweis steht auch, dass Sie für »einen erfolgreichen Abschluss« an Ihrer Schule darauf zu achten hätten, Äußerungen bezüglich Ihrer »extremistischen politischen Meinung zu unterlassen«. Ein Maulkorb für Sie?

    Ich soll wohl mundtot gemacht werden. Meine Klassenleiterin hat mir nun ein Redeverbot erteilt, und das nicht nur während des Unterrichts, sondern auch im Privaten. Sie würde mit allen Mitteln verhindern, so ihre Worte, dass ich meine Mitschüler von meiner Meinung überzeugen. Die würde ich angeblich »rhetorisch überfahren«.

    Gab es an der Schule denn je die Möglichkeit, sich kritisch mit der Bundeswehr auseinanderzusetzen?

    Friedensinitiativen wurden nicht eingeladen. Und die Bundeswehrsoldaten sind praktisch nicht auf die Nachfragen eingegangen. Als ich etwa den Werbeoffizier gefragt habe, wie er zum Bombardement von Oberst Klein in Afghanistan mit über 140 Toten steht, meinte der nur: »Naja, man muss eben abwägen, ob man seine eigenen Jungs riskieren will oder die halt.« Dann hat man uns erzählt, wie man sich einen pflichtbewussten Deutschen vorstellen muss und wie schön es bei der Bundeswehr ist. Das fand ich schon sehr dreist.

    Und dazu hat Ihr Rektor, Martin Mattausch, kein Wort verloren?

    Der kam während des Vortrags noch herein und hat uns aufgefordert, mit den Werbeoffizieren zu posieren und Fotos zu machen.

    Schriftlich wird Ihnen eine »zweifelhaft linksorientierte Gesinnung« vorgeworfen, mit der Sie die Lehrkräfte bedrängen. Wie schafft man das?

    Das ist nun das erste Mal gewesen, dass man mir das gesagt hat. Ich hatte mich mit Lehrern schon kritisch unterhalten, wenn ich nicht mit ihnen der gleichen Meinung war. Das war aber nie negativ aufgefasst worden. Aber jetzt wird mir vor den Latz geknallt, dass ich meine Lehrer rhetorisch in eine Ecke dränge. Und ich werde nun oft zu Einzelgesprächen mit den Lehrern gerufen. Kurz vor dem Zwischenzeugnis ist dann auch auf einmal meine Sportnote von einer zwei auf eine vier gefallen. Aber mit diesem Zeugnis muss ich mich bewerben!

    Trotz dieser Einschüchterungsversuche trauen Sie sich nun an die Öffentlichkeit.

    Ich habe absolut nicht vor, mir das gefallen zu lassen. Auch die VVN-BdA-Jugendgruppe sieht in diesem Fall einen wirklichen Skandal und einen Verstoß gegen die Meinungsfreiheit. Dagegen braucht es eine Öffentlichkeit, denn solche Schikanen gegen Schüler darf es einfach nicht geben. Herr Mattausch muss diesen Verweis zurücknehmen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s