„Mord in Lwow“ – Reportage über einen deutschen Massenmörder

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Der Dokumentarist Walter Heynowski

Leider liegt uns zu diesem Film von Walter Heynowski aus dem Jahre 1960 nur eine Filmkritik vor. Und die ist von keinem Geringeren als von Karl-Eduard von Schnitzler. Auch ist es wohl kaum zu erwarten, daß dieser Reportage-Film heute erneut im bundesdeutschen Fernsehen gezeigt würde, falls überhaupt eine Kopie davon noch auffindbar ist. Der Kommunist Walter Heynowski hatte schon immer ein sicheres Gespür für entlarvende Tatsachen. Mit dem Blick eines klassenbewußten Filmemachers schuf er nicht wenige aufrüttelnde Reportagen und Dokumentationen, die den Imperialismus, so wie wir ihn auch heute tagtäglich erleben, entlarvten. Die Reportage „Mord in Lwow“ (1960) beleuchtet die Nazi-Vergangenheit eines der schlimmsten, blutigsten und eiskalten deutschen Massenmörders in der Ukraine, des sogenannten Bundesvertriebenenminsters der Ära Adenauer, Theodor Oberländer. Hier nun die Rezension von Karl-Eduard von Schnitzler. Allein schon diese erschütternde Darstellung zeigt uns das wahre Gesicht dieses Staates BRD…

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Das ist ein aufwühlender, von Anfang bis Ende mitreißender Film und könnte als geglückte, spannende Abendunterhaltung im Sinne eines guten Kriminalstreifens gelten – wenn es nicht eine so schrecklich ernste Sache wäre, um die es geht, um Leben und Tod, um einen Mann, dem von seinem Eintritt ins politische Leben an bis heute lückenlos Verbrechen um Verbrechen nachgewiesen wird – bis heute, da er immer noch einer Regierung angehört: Bundesminister Professor Dr. Dr. Theodor Oberländer.

Der Kritiker war in seiner Eigenschaft als Kommentator seit der Enthüllung des Beweismaterials gegen Oberländer durch den Ausschuß für Deutsche Einheit mehr als einmal gezwungen, über ihn zu schreiben und zu sprechen. Ich kenne also die Akten Oberländers und die Fakten seines Lebens sehr genau. Trotzdem gehört der Fernsehfilm „Mord in Lwow“ zum Erschütterndsten, was ich je gesehen habe. Der Streifen wurde – vor allem für Millionen Menschen in Westberlin und Westdeutschland – ein halbes Dutzend Mal im Deutschen Fernsehfunk gezeigt. Er wird in allen Lichtspieltheatern der DDR laufen. Amerikanische und andere westliche Journalisten haben ihn sich in Sondervorführungen zeigen lassen. Amerikanische, englische und französische Fernseh- und Filmgesellschaften sind an ihm interessiert. Er ist von fast allen Fernsehstationen des sozialistischen Lagers ausgestrahlt worden. Das Bundeskanzleramt in Bonn hat sich zwei Kopien anfertigen lassen. Im sogenannten Bundeshaus in Westberlin veranstaltete Adenauers Vertreter Dr. Vockel bei der Uraufführung einen Gemeinschaftsempfang, in dessen Verlauf er den Film für „gefährlich“ erklärte, „weil er sich auf Dokumente stützt“. Seit der Uraufführung haben viele Tausende westdeutscher und Westberliner Fernsehzuschauer spontan geschrieben und sich über die Verschwörung des Schweigens empört, durch die sie von der Wahrheit über Oberländer und die ganze Bonner Politik, von der Wahrheit auch über die DDR, unseren Aufbau und den Brief Walter Ulbrichts ferngehalten werden sollen.

Selten hat ein Film innerhalb der ersten Woche seiner Existenz ein derartiges Echo ausgelöst. Das liegt einmal an den Tatsachen, die ebenso ungeheuerlich wie unwiderleglich sind. Dokumente, Filmaufnahmen, Tonzeugnisse, Fotos, Landkarten, Zeugenaussagen, Montagen. Aber alle diese Elemente machen noch keinen guten, überzeugenden Film aus. Dokumente zumal – und sie sind das Beweiskräftigste – sind schwer zu lesen; oft ist es nur ein Satz, auf den es ankommt; das Studium ist umständlich, langwierig und erfordert wissenschaftliche Kenntnisse von Einzelheiten und großen Zusammenhängen. Es war also die schwere Aufgabe der Schöpfer dieses Films – dazu noch in kürzester Zeit – diesen Dokumenten Leben einzuhauchen, sie nicht nur nüchtern und trocken wiederzugeben und aneinanderzureihen, sondern sie mit allen künstlerischen Mitteln miteinander in Bezug zu bringen und insgesamt zu einem dramatisch ablaufenden, den Zuschauer zum Mitgehen und Weiterdenken zwingenden Ganzen zu formen. Das Ergebnis der Arbeit des Regisseurs, Buch- und Textautors Walter Heynowski, des Sprechers Herwart Grosse und der über 120 Mitarbeiter des Deutschen Fernsehfunks, die an diesem Film beteiligt waren, ist ein dokumentarisches Kunstwerk hohen Ranges.

Man wende nicht ein: Wenn es um einen Mörder wie Oberländer geht, komme es nicht auf die Kunst an, sondern auf die Fakten. Das ist ein Irrtum. Denn wir Zuschauer, die wir mit dokumentarischen Tatsachen vertraut gemacht werden sollen, sind keine Wissenschaftler. Daß diese Dokumente in dem Film „Mord in Lwow“ so leicht zu verstehen, so überzeugend sind und so fesselnd, daß sich wirklich nahtlos eins ins andere fügt und ein vollständiges, unwiderlegliches Porträt Oberländers entsteht – das ist so, weil die Schöpfer dieses Films wußten: Die Kunst nimmt den Weg zum Verstand des Menschen, zu seinem Bewußtsein, über das Gefühl. Dazu muß der Künstler Thema und Fakten nicht nur wissenschaftlich und politisch bewältigen, sondern künstlerisch umsetzen, übertragen. Und das ist gelungen: Herz und Hirn des Zuschauers folgen dem Film und erfassen die Tatsachen, weil der Streifen inhaltlich genauso wie in der künstlerischen Form glaubwürdig und wahrhaftig ist.

Ich sprach eben von einem „Porträt“ Oberländers. Ich muß mich berichtigen: Es ist der Steckbrief einer der widerlichsten Kreaturen, die je existierten. Wenn jetzt jemand meinen sollte, das sei Hetze oder geschmacklos, ich würde mich mit einer solchen Bezeichnung im Ton vergreifen: Wer diesen Film gesehen hat, kennt Oberländer und wird zugeben müssen: Es ist ein Vieh, das da Bonner Minister ist, ein Untier, das den ganzen Staat diskreditiert, in dessen Regierung es sitzt. Oberländer sitzt da nicht durch Zufall. In der Nummer 33 des christlich-demokratischen „Tags“ in Westberlin, Organ des Bundesministers Lemmer, lesen wir am 9. Februar den Satz: „So, wie die Dinge jetzt liegen, hat die Regierung keinen triftigen Grund, ihn (Oberländer) in die Wüste zu schicken. A l l e s, was gegen ihn vorgebracht wird, ist auch im Jahre 1953, als er Minister wurde, schon bekannt gewesen …“ Und dennoch wurde er Minister. Dennoch? Nein: Deswegen! Man braucht ihn – mit seiner „Osterfahrung“, seiner Fähigkeit, jenseits der Grenzen zu wühlen, Kriegsanlässe zu schaffen; man braucht seinen mörderischen Antikommunismus! Dieser Oberländer ist eine gesetzmäßige Erscheinung im Bonner System.

Wie sagte Robespierre: „Die Unterdrücker der Menschheit bestrafen, ist Gnade! Ihnen verzeihen, ist Barbarei!“ Wenn jemand wissen will, wie Kriege gemacht werden, der studiere Oberländers Lebenslauf! Wenn jemand noch im Zweifel ist, wo der Bonner Kurs hinführen soll, der sehe sich „Mord in Lwow“ an! Wenn jemand die Wahrheit wissen will über Oberländer, über die Bonner Politik, über die politische Lage – der höre auf die DDR! Dieser Staat ist sauber. Er ist der Anwalt der ganzen Nation. Von hier gehen Wahrheit und Frieden in Deutschland aus!
(FS 7.1960, Nr. 5)

Erataufführung: Januar/Februar 1960
Länge: 60 Min.
Regie: Walter Heynowski
Produktion: Deutscher Fernsehfunk

Quelle:
Karl-Eduard von Schnitzler: Meine Filmkritiken. 1955-1960. Eine Auswahl. Nordost-Verlag, 1999, S.64f.

Siehe auch: Der Henker von Lwow

Karl-Eduard von Schnitzler

Karl-Eduard v.Schnitzler

Nachbemerkung: 64 Filmkritiken hat Karl-Eduard von Schnitzler in den Jahren 1955-60 in der Zeitschrift Filmspiegel veröffentlicht. Karl-Eduard von Schnitzler schrieb darüber selbst: „Wenn man meine Kritiken liest, wird man feststellen, daß von einer Kommando-Diktatur: Lobe dies, verurteile jenes! nicht die Rede sein kann. Schon gar nicht von eienr Lobhudelei des sozialistischen Films um jeden Preis. Mir hat niemand befohlen oder ‚empfohlen‘, einen Flm positiv oder negativ einzuschätzen. Ich war auf mein eigenes Urteilsvbvermögen angewiesen und hörte natürlich Meinungen in der Redaktion, in Fachkreisenund im Publikum an. Nicht in d er Abteilung Kultur im Zentralkomitee. … Wenn man heute von ‚Zensur‘ spricht: Jawohl, revanchistische, militaristische, menschenverachtende, sozialismusfeindliche Filme waren verboten. Das gebot die sozialistische Dekmokratie. …“
Resumee kled

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