Welche Bedeutung haben Streiks in der heutigen Zeit?

strikeIm Jahre 1899 hat sich Lenin sehr intensiv mit der Frage beschäftigt: Welche Bedeutung haben Streiks? Oder: Welche Methoden gibt es und was sind Aufgaben der Kommunisten? Daß diese Fragen sehr aktuell sind, zeigt sich bei den Streiks der Lehrer, der Piloten usw. Bekanntlich gehören im Kapitalismus der Grund und Boden, die Betriebe, die Maschinen und Werkzeuge, die Betriebsfahrzeuge usw.  einer ganz kleinen Anzahl von Unternehmern, während die Masse des Volkes kein oder doch fast kein Eigentum besitzt und sich deshalb als Lohnarbeiter verdingen muß. Die Unternehmer stellen also Arbeiter ein, lassen sie irgendwelche Produkte herstellen, die dann auf dem Markt verkauft werden. Davon wird der Lohn bezahlt — und das sind auch nicht immer 8,50 €, wie das Gesetz verlangt, sondern so wenig Lohn, daß die Arbeiter mit ihren Familien gerade so über die Runden kommen. Die meisten haben sogar ein bis zwei Jobs zusätzlich, während der Unternehmer alles, was der Arbeiter über diese Produktenmenge hinaus erzeugt, in seine Tasche steckt; dies bildet seinen Profit.

normal_TR_ZARIn der kapitalistischen Wirtschaft arbeitet somit die Masse des Volkes für Lohn bei anderen Leuten, sie arbeitet nicht für sich selbst, sondern gegen Bezahlung für die Unternehmer. Es ist klar, daß die Unternehmer stets bestrebt sind, den Lohn zu senken: je weniger sie den Arbeitern geben, desto mehr Profit verbleibt ihnen. Die Arbeiter dagegen sind bestrebt, einen möglichst hohen Lohn zu erhalten, um die ganze Familie mit ausreichender und gesunder Nahrung versorgen, in einer guten Wohnung leben, sich nicht wie Bettler, sondern so wie alle anderen Menschen kleiden zu können. Somit wird zwischen Unternehmern und Arbeitern ein ständiger Kampf um den Arbeitslohn geführt: Der Unternehmer hat die Freiheit, sich den Arbeiter, den er einstellen will, nach Belieben zu wählen, und deshalb sucht er stets den billigsten. Der Arbeiter hat die Freiheit, sich den Unternehmer, von dem er sich einstellen lassen will, nach Belieben zu wählen, und er sucht sich den aus, der am meisten bietet, der ihn möglichst hoch bezahlt.

Lohndrückerei, wachsende Arbeitslosigkeit, Kinderarmut …

Nun ist es so, daß die Arbeiterbevölkerung immer zahlreicher wird: Kleinunternehmer gehen pleite, Bauern werden ruiniert und fliehen aus den Dörfern in die Städte. Die Unternehmer führen Maschinen ein, die den Arbeitern die Arbeit wegnehmen. In den Städten gibt es immer mehr Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Obdachlose. Hinzu kommt eine große Zahl von Migranten. Die Kinderarmut nimmt zu. Gleichzeitig gibt es mehr und mehr Minijobs und Probearbeitsverhältnisse, die Löhne werden geringer.

Was kann der Arbeiter dagegen tun?

StreikrechtZunächst erst einmal kann er nichts dagegen tun. Es wird für den Arbeiter unmöglich, allein gegen den Unternehmer zu kämpfen. Wenn ein Arbeiter guten Lohn verlangt oder sich mit einer Lohnkürzung nicht einverstanden erklärt, so antwortet der Unternehmer ihm: Scher dich weg, es stehen viele Hungernde vor dem Tor, sie sind froh, auch für niedrigen Lohn arbeiten zu können. Wenn die Verelendung des Volkes so weit geht, daß es sowohl in den Städten als auch auf dem Lande ständig Massen von Arbeitslosen gibt, wenn die Fabrikanten riesige Reichtümer anhäufen und die kleinen Unternehmer von Millionären verdrängt werden, dann wird der einzelne Arbeiter dem Kapitalisten gegenüber völlig machtlos. … Doch die Unzufriedenheit, die Wut wird immer größer!

Selbst unter der Sklaverei und unter der Leibeigenschaft gab es niemals eine so furchtbare Knechtung des arbeitenden Volkes wie die, bis zu der die Kapitalisten gehen, wenn die Arbeiter ihnen keinen Widerstand leisten können, wenn sie sich keine Gesetze erkämpfen können, die die Willkür der Unternehmer beschränken.

Die Arbeiter beginnen damit, sich zu organisieren

Um sich nun nicht in diese äußerste Lage treiben zu lassen, beginnen die Arbeiter einen verzweifelten Kampf. Da sie sehen, daß jeder von ihnen für sich allein ganz machtlos ist und daß ihm unter dem Joch des Kapitals der Untergang droht, beginnen die Arbeiter, sich gemeinsam gegen ihre Unternehmer zu erheben. Es beginnen die Arbeiterstreiks. Anfänglich begreifen die Arbeiter häufig nicht einmal, was sie erreichen wollen, sie sind sich nicht bewußt, weshalb sie das tun …

Welche Bedeutung haben nun die Streiks?

USA-StreikUm diese Frage zu beantworten, müssen wir hier zunächst auf die Streiks etwas ausführlicher eingehen. Wenn der Lohn eines Arbeiters, wie wir gesehen haben, durch einen Vertrag zwischen Unternehmer und Arbeiter festgesetzt wird und der einzelne Arbeiter sich dabei als ganz machtlos erweist, so ist es klar, daß die Arbeiter ihre Forderungen unbedingt gemeinsam vertreten müssen, daß sie unbedingt Streiks organisieren müssen, um die Unternehmer an einer Lohnkürzung zu hindern oder einen höheren Lohn für sich zu erkämpfen. …

Es gibt immer mehr Uneinigkeit über den zu zahlenden Lohn

Aber die Streiks, die sich aus dem ganzen Wesen der kapitalistischen Gesellschaft ergeben, bedeuten den Anfang des Kampfes der Arbeiterklasse gegen diese Gesellschaftsordnung. Wenn den reichen Kapitalisten die besitzlosen Arbeiter einzeln gegenüberstehen, so bedeutet das die völlige Versklavung der Arbeiter. Wenn diese besitzlosen Arbeiter sich aber zusammensdiließen, so ändert sich die Sache.

Gibt es einen Ausweg aus dieser Lage?

Wenn die Arbeiter einzeln mit den Unternehmern zu tun haben, so bleiben sie richtige Sklaven, die ewig um eines Stückchens Brot willen für einen fremden Menschen arbeiten, bleiben ewig gefügige und keinen Widerspruch wagende Lohnsklaven. Wenn die Arbeiter aber gemeinsam ihre Forderungen stellen und es ablehnen, sich dem zu fügen, der einen dicken Geldsack hat, dann hören die Arbeiter auf, Sklaven zu sein, sie werden Menschen, sie beginnen zu fordern, daß ihre Arbeit nicht nur zur Bereicherung eines Häufleins von Schmarotzern verwendet werde,

Was bewirken nun die Streiks?

ArbeiterstreikStreiks flößen den Kapitalisten eben deshalb stets solchen Schrecken ein, weil sie ihre Herrschaft zu erschüttern beginnen. „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will”, heißt es von der Arbeiterklasse in einem deutschen Arbeiterlied. Und in der Tat: Die Fabriken, die Werke, die großen Güter, die Maschinen, die Eisenbahnen usw. usf., alles das sind gleichsam Räder eines einzigen riesigen Mechanismus — dieser Mechanismus erzeugt die verschiedenen Produkte, bearbeitet sie, transportiert sie an den notwendigen Ort. Diesen ganzen Mechanismus bewegt der Arbeiter …

Die Arbeiter merken, daß sie mit Streiks etwas bewirken können

In gewöhnlichen, friedlichen Zeiten trägt der Arbeiter schweigend sein Joch, streitet nicht mit dem Unternehmer, äußert nicht Unzufriedenheit mit seiner Lage. Während eines Streiks meldet er laut seine Forderungen an, erinnert er die Unternehmer an alle ihre Tyranneien, fordert er seine Rechte, denkt nicht mehr nur an sich allein und an seinen Lohn — er denkt auch an seine Kollegen, die gemeinsam mit ihm die Arbeit niedergelegt haben und ohne Furcht vor Entbehrungen für die Arbeitersache einstehen.

Hat denn ein Streik nicht auch erhebliche Nachteile?

Klar, es gehört schon Mut dazu und eine gewisse Überwindung: Jeder Streik bringt dem Arbeiter eine Masse von Entbehrungen, und zwar so furchtbare Entbehrungen, daß man sie nur mit den Heimsuchungen des Krieges vergleichen kann: Hunger der Familie, Verlust des Verdienstes, häufig Verhaftung, Ausweisung aus der Stadt, wo er sich eingelebt und Arbeit gefunden hat. Und trotz aller dieser Leiden verachten die Arbeiter diejenigen, die ihre Kollegen im Stich lassen und sich auf einen Kuhhandel mit dem Unternehmer einlassen.

Es ändert sich die Einstellung zum kapitalistischen System

Jeder Streik erweckt in den Arbeitern mit großer Kraft den Gedanken an den Sozialismus — den Gedanken an den Kampf der ganzen Arbeiterklasse für ihre Befreiung vom Joch des Kapitals. … Ein Streik lehrt die Arbeiter verstehen, worin die Kraft der Unternehmer und worin die Kraft der Arbeiter liegt, er lehrt sie, nicht allein an ihren eigenen Unternehmer und nicht allein an ihre nächsten Kollegen zu denken, sondern an alle Unternehmer, an die ganze Klasse der Kapitalisten und an die ganze Klasse der Arbeiter.

Kann der Kapitalist die Arbeiter bestechen? Oder kann er sie zwingen?

Sehr häufig kommt es vor, daß ein Unternehmer mit allen Kräften bestrebt ist, die Arbeiter zu betrügen, sich als ihr Wohltäter hinzustellen, seine Arbeiterausbeutung mittels eines lumpigen Almosens, mittels irgendwelcher verlogener Versprechungen zu verschleiern. Jeder Streik macht stets mit einem Schlage diesen ganzen Betrug zunichte, weil er den Arbeitern zeigt, daß ihr „Wohltäter“ ein Wolf im Schafspelz ist. Ein Streik öffnet aber den Arbeitern die Augen nicht nur über die Kapitalisten, sondern auch über die Regierung und über die Gesetze. … Arbeitern die Augen öffnen, und deshalb hat sie solche Angst vor Streiks, ist sie bemüht, sie um jeden Preis so schnell wie möglich abzuwürgen.

Hinter jedem Streik lauert die Revolution!

ed5Nicht umsonst erklärte einmal ein deutscher Innenminister, der besonders dafür berüchtigt ist, Sozialisten und klassenbewußte Arbeiter mit allen Kräften verfolgt zu haben, vor den Volksvertretern: „Hinter jedem Streik lauert die Hydra” (das Ungeheuer) „der Revolution”; mit jedem Streik erstarkt und entwickelt sich in den Arbeitern die Erkenntnis, daß die Regierung ihr Feind ist, daß sich die Arbeiterklasse zum Kampf gegen die Regierung, zum Kampf für die Rechte des Volkes rüsten muß.

Ist das schon alles? Ist mit 3% Lohnerhöhung der Kampf beendet? Was muß geschehen? Und welche Schlußfolgerungen kann man daraus ziehen?

  1. Natürlich ist das noch nicht alles. Einige glauben, man brauche nur eine andere Regierung zu wählen, dann werde alles besser. Andere wiederum sind davon überzeugt, mit einem Generalstreik könne man alles erreichen. Das ist aber ein sehr großer Irrtum! Streiks sind eines der Mittel des Kampfes der Arbeiterklasse für ihre Befreiung, aber nicht das einzige Mittel, und wenn die Arbeiter den anderen Kampfmitteln keine Aufmerksamkeit schenken, so verlangsamen sie dadurch die Entwicklung und die Erfolge der Arbeiterklasse.
  2. Zweitens führen die Streiks nur dort zum Erfolg, wo die Arbeiter bereits ziemlich klassenbewußt sind, wo sie es verstehen, den Zeitpunkt für Streiks zu wählen, es verstehen, ihre Forderungen zu stellen, wo sie Verbindungen mit den Sozialisten haben, um Flugblätter und Broschüren zu erhalten. Solche Arbeiter aber gibt es in Rußland noch wenige, und es müssen alle Kräfte aufgeboten werden, um ihre Zahl zu erhöhen, um die Arbeitermassen bekannt zu machen mit der Arbeitersache, um sie mit dem Sozialismus und dem Kampf der Arbeiterklasse bekannt zu machen. Diese Aufgabe müssen die Sozialisten und die klassenbewußten Arbeiter gemeinsam übernehmen, indem sie zu diesem Zweck eine sozialistische Arbeiterpartei gründen.
  3. Drittens zeigen die Streiks den Arbeitern, wie wir gesehen haben, daß die Regierung ihr Feind ist, daß gegen die Regierung gekämpft werden muß. Und die Streiks haben wirklich in allen Ländern die Arbeiterklasse allmählich gelehrt, den Kampf gegen die Regierungen, für die Rechte der Arbeiter und für die Rechte des ganzen Volkes überhaupt zu führen. Einen solchen Kampf kann, wie wir eben sagten, nur eine sozialistische Arbeiterpartei führen, die unter den Arbeitern richtige Auffassungen von der Regierung und von der Arbeitersache verbreitet.

Was muß sich verändern, wenn die Lage für die Arbeiter, die Lohnempfänger ein für alle mal besser werden soll? Wie kann man die Situation ändern?

Der einzige Ausweg ist die Abschaffung des Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung.  Denn es gibt keinen irgendwie gearteten „Marktsozialismus!” Opportunismus ist immer gefährlich und schädlich! Der Aufbau des Sozialismus im Interesse der Mehrheit des werktätigen Volkes kann aber nicht auf dem sogenannten „demokratischen Weg“ erfolgen, sondern nur durch eine tiefe und radikale Umgestaltung, durch die Zerstörung des bürgerlichen Staatsapparates, durch die Liquidierung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Es steht ein schwerer Weg bevor, aber einen anderen Weg gibt es nicht! Gerade deshalb ist die Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels, und das Werk ihres Fortsetzers Wladimir Iljitsch Lenin heute aktuell wie niemals zuvor!

Quelle:
Unter Verwendung eines Textes von W.I. Lenin: Über Streiks. In. W.I. Lenin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1955, Bd.4, S.305-315 (Zwischenbemerkungen kursiv von mir, N.G.)

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2 Antworten zu Welche Bedeutung haben Streiks in der heutigen Zeit?

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