Kurt Gossweiler: Der deutsche Imperialismus und der Platz des Faschismus in seinem Herrschaftssystem heute

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Der Historiker Dr. Kurt Gossweiler

Das 20. Jahrhundert war ausgefüllt mit dem Kampf „Wer-Wen?” zwischen dem niedergehenden Imperialismus und dem bis 1975 unaufhaltsam auf-steigenden Sozialismus. Seine für den Kampf gegen die Sowjetunion unentbehrliche Rolle gab dem deutschen Imperialismus die Möglichkeit, nach seiner totalen Niederlage am Ende seines ersten bewaffneten Griffs nach der Weltmacht mit Hilfe der Sieger in kürzester Zeit wieder so weit erstarkt und gerüstet zu sein, daß er sich in sein zweites Weltherrschaft-Eroberungs-Abenteuer stürzen konnte. Auch nach seiner noch verheerenderen Niederlage 1945 halfen ihm die Sieger – und hier vor allem die zur Supermacht aufgestiegenen USA – wieder dazu, in Kurzem erneut zur stärksten imperialistischen Macht des kapitalistischen Europas aufzusteigen als Hauptkraft im Kampf gegen die Sowjetunion und deren Verbündete, an erster Stelle gegen deren westlichsten, die Deutsche Demokratische Republik.

Der zeitweilige Sieg des Imperialismus

Als dann gegen Ende des Jahrhunderts dank der 30-jährigen Unterminierungsarbeit der revisionistischen 5. Kolonne des Imperialismus im Machtzentrum der Sowjetunion diese zusammenbrach und mit ihr ihre europäischen Partner von der politischen Landkarte Europas verschwanden, war dies für alle imperialistischen Länder – und ganz besonders für die Bundesrepublik Deutschland wegen der Annexion der DDR – ein großer Sieg. Aber dieser Sieg bedeutete für den deutschen Imperialismus zugleich einen folgenreichen Verlust: Verloren gegangen war der gemeinsame Feind des Weltimperialismus, dessen Existenz es der deutsche Imperialismus verdankt hatte, dass seine Rivalen ihn nach seinen beiden Niederlagen nicht liquidierten, sondern – immer wieder um sein rasches Erstarken besorgt – hochpäppelten.

Die Weltsituation hat sich verschärft

Nun befindet er sich in einer völlig anderen Situation: Zwar ist er noch immer „verbündeter NATO-Partner” der USA, aber der beiden gemeinsame Feind ist entschwunden, geblieben aber ist ihre Rivalität, und die ist aufgrund der neuen Weltsituation um ein Vielfaches verschärft. Denn das Ende des „Sowjetblocks” war zugleich der Startschuß für den Beginn einer neuen Runde im Kampf der imperialistischen Staaten um die Neuaufteilung der Welt. Dabei geht es jetzt

  • erstens um die Erlangung des größten Stückes der Beute aus dem Zerfall der „Zweiten Welt”, der Sowjetunion und der sozialistischen Staaten Europas; dabei geht es
  • zweitens um die Rekolonialisierung bzw. durchgängige Neo-Kolonialisierung der Länder der „Dritten Welt”, denen mit der Sowjetunion und deren europäischen Verbündeten ein wichtiger Rückhalt in ihrem Widerstand gegen die imperialistischen Aggressionen verloren gegangen ist. Verflochten damit geht es
  • drittens um den Kampf um die immer knapper werdenden Rohstoffressourcen, vor allem um jene nur noch für Jahrzehnte ausreichenden des Erdöls. Aber es zeichnet sich ab, daß auch schon jetzt und erst recht in der Zukunft das Trinkwasser zu den umkämpften Naturressourcen gehört. In diesem Kampf um die Neuaufteilung der Welt gibt es nur eine Supermacht – die USA, die es als ihr unantastbares Recht ansehen, die „neue Weltordnung” allein nach ihren Interessen und Vorstellungen der übrigen Welt aufzuzwingen.

Wie ist das internationale Kräfteverhältnis heute?

Gewöhnlich spricht man davon, daß es für die USA nur noch zwei ernstzunehmende imperialistische Rivalen gibt – Deutschland und Japan. Aber von den beiden kann gegenwärtig wohl nur von Deutschland als einem wirklich ernsthaften Rivalen gesprochen werden; denn Japan steht noch immer unter einer starken USA-Kontrolle und hat keineswegs die Bewegungsfreiheit wie die BRD. Und zum anderen hat Japan im Unterschied zu seiner Position vor dem zweiten Weltkrieg seine Vorherrschaft über den ostasiatischen Kontinent verloren, sieht sich vielmehr der in atemberaubendem Tempo zur stärksten ökonomischen Macht Asiens heranwachsenden Volksrepublik China gegenüber. Ganz anders die Position der BRD.

Was hat der deutsche Imperialismus aus seinen Niederlagen gelernt?

Der deutsche Imperialismus hat aus den zwei Niederlagen – die er erlitt, als er im Alleingang bzw. mit nur so schwachen Bundesgenossen wie Österreich und Türkei im ersten, Italien und den Satellitenstaaten der „Achse” Berlin-Rom in Europa im zweiten Weltkrieg glaubte, die ganze übrige Welt niederringen zu können – gelernt und daraus die Schlußfolgerung gezogen: Er kann den dritten Anlauf zum Griff nach der Weltherrschaft nicht mehr mit einem durch Waffengewalt unterworfenen Europa als Hinterland unternehmen, sondern nur mit einem Europa, das Deutschland als die stärkste ökonomische und politische Macht des Kontinents als Führungskraft einer Europäischen Union anzuerkennen bereit ist. In der Tat hat die BRD als stärkste ökonomische Macht in Europa und dritt- oder gar zweitstärkste ökonomische Macht in der Welt die Vorherrschaft in der Europäischen Union erlangt und strebt danach, die Europäische Union unter deutscher Führung zur ökonomisch, politisch und militärisch den USA zunächst ebenbürtigen, dann aber sie überholenden Macht auszubauen. (…)

Welche Zukunft hat Europa?

Wenn der deutsche Imperialismus diese Europäische Union zu der Basis gestalten will, von der aus er den Kampf mit dem USA-Imperialismus als Kampf aller Mitglieder der EU und des ganzen Kontinents Europa um die Nummer Eins im Weltmaßstabe mit Erfolg führen kann, dann muß er die Empfindlichkeit der europäischen Völker, die er im zweiten Weltkrieg unter seine Stiefel getreten hat, berücksichtigen, dann gefährden schrille revanchistische und nationalistische „Deutschland über alles!”-Töne noch mehr als die Duldung von Antisemitismus das Vorhaben. An ihre Stelle muß die Propagierung eines „Europa-Patriotismus” treten, zu dem jedoch gehören darf und soll, daß die „deutschen Tugenden” tragende Elemente eines Europas auf dem Wege „zur modernsten, sich am raschesten entwickelnden und wissenschaftlich führenden Region” sind.

Auszug aus „Der deutsche Imperialismus und der Platz des Faschismus in seinem Herrschaftssystem heute“, in Roland Bach u.a. (Hrsg.), „Antifaschistisches Erbe in Europa – Festschrift zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Rolf Richter”, Eigenverlag, Berlin 2005, S. 121-133

(Danke an Theorie & Praxis)

Kommentar: Das internationale Kräfteverhältnis hat sich verändert. Angesichts der Folgen der atomaren Katastrophe von Fukushima erweist sich Japan als ein geschwächter Konkurrent. Mit seinen blutigen Angriffen auf Gaza rückt wiederum das zionistische Israel ins Blickfeld. Nach der infamen Rede des Stratfor-Chefs Friedman wurde auch deutlich, daß die USA,  einem Europa unter deutscher Führung keinesfalls zustimmen. Mit der drohenden Zahlungsunfähigkeit Griechenlands und der Ukraine spitzt sich die finanzielle Lage in Europa weiter zu. Das wird vermutlich nicht ohne Auswirkungen auf die Stabilität des Euro bleiben. Ebenso hat der von den USA forcierte Krieg in der Ukraine in Verbindung mit der Etablierung eines faschistischen Regimes die militärische Lage in Europa weiter verschärft. Das Waffengeklirr der USA und der NATO an den Grenzen zu Rußland stellt eine erhebliche Bedrohung für den Weltfrieden dar.

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2 Antworten zu Kurt Gossweiler: Der deutsche Imperialismus und der Platz des Faschismus in seinem Herrschaftssystem heute

  1. Vorfinder schreibt:

    Gerade in heutiger Zeit ein passender Artikel. Und Genosse Gossweiler gibt die richtige Antwort. Zudem:
    „Es gibt allerdings die geschichtliche Garantie dagegen, daß dieses Erfolge (des Imperialismus: Konterevolution, aktuelle Geschehnisse etc. Anm.: Vorfinder) am Gang der Geschichte, d.h. am Untergang des Imperialismus, etwas zu ändern vermöchten …“ (Kurt Gossweiler Die Taubenfuß-Chronik, Bd.II, S.470)

  2. „Das 20. Jahrhundert war ausgefüllt mit dem Kampf „Wer-Wen?” zwischen dem niedergehenden Imperialismus und dem bis 1975 unaufhaltsam aufsteigenden Sozialismus.“

    Dies halte ich für den klassischen Fall des „Zustandes einer Illusion“, wie Marx das nannte, denn mit der Ermordung Stalins begann der unaufhaltsame Niedergang des Sozialismus in den Sozialistischen Staaten. Wenn in der Geschichte die eigene Position aufgegeben wurde, hat immer die Position des Gegners obsiegt. Es ist also so, dass der Niedergang des Sozialismus den Imperialismus erst wirklich hat aufsteigen lassen.

    Mit einem Wort, der Kapitalismus wurde als wirklicher Feind vollkommen unterschätzt. Nach meiner Auffassung liegt nun dieses Unterschätzen im Wesentlichen daran, dass der bestimmende Einfluß der „Religion“ bei der kulturellen Dressur des Menschen verkannt wurde. Eines ist es nämlich, „zu erkennen“, dass es sich bei der Feststellung „das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“ um eine wahre Aussage handelt, ein anderes ist es, zu begreifen und zu verstehen, was dies für das praktische Leben eines Menschen überhaupt bedeutet: denn der Mensch wird ja in ein solches gesellschaftliches Sein hineingeboren und MUSS dieses für WAHR, für die Wirklichkeit selbst – eben die Realität – halten.

    „Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Societät. Dieser Staat, diese Societät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Compendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur (Ehrgefühl), ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.

    Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.

    Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“
    – Karl Marx: Einleitung zu Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: Deutsch-Französische Jahrbücher 1844, S. 71f, zitiert nach MEW, Bd. 1, S. 378-379 / Quelle: Wikipedia

    Aber die Feststellung „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.“ bedeutet ja nicht, dass sie nicht als Dressur-Mittel benutzt wird!!! Denn weder Religion noch Philosophie noch Weltanschauung oder Ideologie „MACHEN“ etwas, es sind IMMER Menschen, die aber auf Grundlage dessen Denken, Reden, Handeln und Tun. Im Grunde muss also die Religion nicht nur „als des illusorischen Glücks des Volkes aufgehoben werden“, sondern sie muss überwunden, abgeschafft und verboten werden, da es doch die Religion ist, die den Menschen erst in den Zustand der Illusion versetzt. Ich finde Nietzsche hat dies sehr treffend und wahr zusammengefasst, als er das Christentum ALS Religion ein Verbrechen nannte und die Priester:

    „[Gesetz] Gesetz wider das Christenthum.

    Gegeben am Tage des Heils, am ersten Tage des Jahres Eins
    (— am 30. September 1888 der falschen Zeitrechnung)

    Todkrieg gegen das Laster: das Laster ist das Christenthum.

    Erster Satz. — Lasterhaft ist jede Art Widernatur. Die lasterhafteste Art Mensch ist der Priester: er lehrt die Widernatur. Gegen den Priester hat man nicht Gründe, man hat das Zuchthaus.

    Zweiter Satz. — Jede Theilnahme an einem Gottesdienste ist ein Attentat auf die öffentliche Sittlichkeit. Man soll härter gegen Protestanten als gegen Katholiken sein, härter gegen liberale Protestanten als gegen strenggläubige. Das Verbrecherische im Christ-sein nimmt in dem Maße zu, als man sich der Wissenschaft nähert. Der Verbrecher der Verbrecher ist folglich der Philosoph.

    Dritter Satz. — Die Fluch würdige Stätte, auf der das Christenthum seine Basilisken-Eier gebrütet hat, soll dem Erdboden gleich gemacht werden und als verruchte Stelle der Erde der Schrecken aller Nachwelt sein. Man soll giftige Schlangen auf ihr züchten.

    Vierter Satz. — Die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff „unrein“ ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.

    Fünfter Satz. — Mit einem Priester an Einem Tisch essen stößt aus: man excommunicirt sich damit aus der rechtschaffnen Gesellschaft. Der Priester ist unser Tschandala, — man soll ihn verfehmen, aushungern, in jede Art Wüste treiben.

    Sechster Satz. — Man soll die „heilige“ Geschichte mit dem Namen nennen, den sie verdient, als verfluchte Geschichte; man soll die Worte „Gott“, „Heiland“, „Erlöser“, „Heiliger“ zu Schimpfworten, zu Verbrecher-Abzeichen benutzen.

    Siebenter Satz. — Der Rest folgt daraus. Der Antichrist“

    Es ist WAHR: Das Christentum ALS Religion ist das größte VERBRECHEN an der gesamten Menschheit! Denn das IRRSINNIGE DOGMA dieser sogenannten christlichen Religion ist, dass der Mensch ein Böses-Sein wäre und dies ist Grundlage der SKLAVEREI, die durch die drei Paradigmen aufrechterhalten wird, die den Zustand der Illusion schaffen, fördern und mental und emotional absichern und zur Dressur des Menschen verwendet werden: Schulden-Geben, Forderungen-Haben und Zinsen-Nehmen (Ablässe, Bußen, Gebühren und Steuern) – davon ist das ganze System durchdrungen, weshalb die Anthropologen es eine Schuldkultur nennen, die nicht veränderbar ist, sondern nur überwunden und abgeschafft werden kann, da sie immer den Menschen zum falschen und schizophrenen Denken dressiert, der deshalb falsche Handlungen begehen MUSS!

    Noch mal Karl Marx: „Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat.“

    … und diese Art von Selbstbewusstsein ist eben nicht nur falsch, sondern vollkommen verkehrt, da es sich dabei um ein andressiertes „Bewusstsein“ handelt, eine Illusion eben, die durch Gedanken-Halluzinationen (Dawkins) erzeugt wird, die ganz besonders dem höheren Säugetier aus der Familie der Menschenaffen, nämlich dem Primaten der letzten überlebenden ART Mensch der Gattung homo angedeihen lassen werden kann. Und dies war schon seit Jahrtausenden das „Geheimnis“ der Menschen-Halter – ein wenig komplexer als das Halten gewöhnlicher Hausschweine oder sonstiger Haus- und Wildtiere aus der Klasse der Säugetiere. Siehe hierzu auch die „Rede“ in der Einleitung Animals Farm von George Orwell.

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