Landsknechtspolitik und deutscher Untertanengeist von Luther bis Hitler, ein Streifzug durch die deutsche Geschichte

Bild (6)Als Wolfram von Hanstein dieses Buch kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs schrieb und in seinem eigenen Verlag drucken ließ, war Deutschland fast völlig zerstört. Anglo-amerikanische Bomber hatten Städte wie Dresden, Leipzig und Berlin in Schutt und Asche gelegt, überall waren noch die Spuren des Krieges zu sehen. In opferreichen Kämpfen hatte die siegreiche Rote Armee Europa Stück um Stück von der braunen Pest befreit. Als der Sieg endlich nicht mehr aufzuhalten war, fanden sich auch die Alliierten bereit, in den Krieg einzugreifen. Und am 8.Mai 1945 war Deutschland vom Faschismus befreit; fast ausschließlich dank des heldenhaften Kampfes der Roten Armee. Man begann die Trümmer in den Städten wegzuräumen, allmählich kehrte auch das Leben zurück. Doch der faschistische Ungeist war nicht so leicht aus den Köpfen zu vertreiben. Und das ist auch heute noch so. In seinem Buch beschreibt W.v.Hanstein nun, wie diese deutsche Überheblichkeit, diese Herrenrassenmentalität, dieses Landsknechtsdenken und dieser Untertanengeist bereits bei Luther schon zu keimen begann. Das zog sich durch bis zu Hitler.

Nun ist von Hanstein kein Marxist, das merkt man an seinem Herangehen an das Thema, an seiner manchmal etwas abwegigen Wortwahl und an seinen unzulänglichen Schlußfolgerungen. Auch mögen sicher Kürzungen des Textes den Überblick schmälern. Dennoch sind seine Betrachtungen nicht von der Hand zu weisen, zumal eine solche Herrschaftsideologie, wie die hier aufgeführte, den typisch deutschen Untertanengeist hervorgebracht hat, der bis in unsere Tage wirkt. Wolfram von Hanstein schreibt:

Der Bauernkrieg – eine echte deutsche Revolution
Die deutsche Geschichte kennt nur eine wahrhaft große Massenerhebung … eine Erhebung fast des gesamten werktätigen Volkes, die an historischer Bedeutung die französische Revolution überragt und in ihrer Auswirkung der grandiosen Oktober-Revolution Rußlands sehr nahe gekommen, wenn ihr der Erfolg nicht versagt gebliehen wäre. Der sogenannte Bauernkrieg im Jahre 1525 brach jedoch blutig zusammen. Die Schuld daran trägt kein Geringerer als Martin Luther. (S.7)

Ein falsches Bild der Geschichte
Es gibt wohl nirgends mehr gewollte oder ungewollte Mißverständnisse oder gar bewußte Fälschungen, Verdrehungen und Färbereien, als ausgerechnet in den deutschen Geschichtsbüchern … vornehmlich in denen über das Mittelalter. Wenn auch Daten und angeführte Ereignisse der Wahrheit entsprechen, so sind diese dennoch zumeist in einer Art dem Leser serviert, daß er sich ein vollkommen falsches Bild üher die tatsächlichen Zusammenhänge macht. Ganz besonders versuchten die deutschen Geschichtsschreiber des neunzehnten Jahrhunderts und vornehmlich die um die Jahrhundertwende den Ereignissen und Erscheinungen der vergangenen Jahrhunderte eine Färbung und eine Deutung zu gehen, die sich ganz der imperialistischen oder gar faschistischen Politik einfügte. Auf diesem Wege wurde der Volksacker bereitet, in welchem jene Saat aufgehen konnte oder gar mußte, die unweigerlich Deutschland in den Ahgrund stürzte. (S.7)

Der Fluch der bösen Tat
Historisch betrachtet führt eine gerade Linie von Luther üher den Großen Kurfürsten, über Friedrich II. und seine Nachfolger, über Bismarck und die Ära wilhelminischer Zeit bis zu Hitler. Die Entwicklung dieses Abwärtsgleitens bis zum offenen Verbrechen hin ist so zwangsläufig, daß sich hier am trefflichsten Schillers Wort aus seinem Drama „Die Piccolomini“ bewahrheiten: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären.“ (S.7)

Die 95 Thesen von Wittenberg
Martin Luther? Es lohnt sich schon, auf die Persönlichkeit dieses Mannes näher einzugehen, der sich mit der ganzen Kraft seines Wirkens für eine Landsknechtspolitik einsetzte, die in der Person Adolf Hitlers ihre Krönung fand. Ganz zu Unrecht wird Luther als der große Reformator gefeiert. In Wahrheit ist er in eine Rolle hineingedrängt worden, die er dann allerdings in großartiger Vollendung zu spielen wußte. Am 1. November 1517 feierte die Schloßkirche zu Wittenberg ihre Kirchweihe. Als Luther am Vorabend zu diesem Fest seine bekannten 95 Thesen an die Kirchtür anschlug, war dies keineswegs eine revolutionäre Tat, wie man dies Schulkindern weiszumachen versucht. In jener Zeit gehörte es zu den Gepflogenheiten, seine Publikationen dort anzubringen. Es handelte sich bei solchen Veröffentlichungen zumeist um Themen, die man zur öffentlichen Diskussion stellte. Mehr beabsichtigte auch Luther nicht. (S.8) …

Wie wurde die Geschichte verfälscht?
Unter Geschichtsfälschung darf man nicht verstehen, daß etwa Tatsachen oder Ereignisse nicht aufgezeichnet oder falsch überliefert werden, sondern daß aus den gegebenen Tatsachen mehr oder weniger erzwungen falsche Schlußfolgerungen dem Leser oder Lernenden aufoktroyiert werden. Man kramt irgendwelche angebliche Motive zu den einzelnen Handlungen zusammen, verkündet sie als der Offenbarung weisesten Schluß, man sammelt irgendwelche Schlagworte, die dann als „geschichtliche Tatsache“ proklamiert werden, und verwischt so das echte und natürliche Bild. (S.22)

Martin_LutherWegbereiter des deutschen Chauvinismus
Luther war kein Reformator. Er hat auch niemals diese Rolle spielen wollen, die ihm deutsche Gelehrte bewußt oder unbewußt falsch zuerkannten, um so der deutschen Landsknechtspolitik das Fundament zu schaffen, das sie in Verfolg ihrer imperialistischen Raubdoktrinen, das eigene Volk verdummend, benötigte. Luther war Politiker. Nur um Politik war es ihm zu tun. Er ist es gewesen, der den deutschen Imperialismus als erster verkündete, er war es, der den deutschen Chauvinismus predigte: er war der eigentliche Zerstörer europäischer Einheit. Auf ihn gehen alle politischen Folgen und Folgerungen zurück, die Deutschland schließlich in den Abgrund rissen. (S.22)

Welche Ziele verfolgte Luther?
Machen wir uns erst einmal von dem wahrhaft absurden Gedanken frei, daß Luther der Schöpfer und Gestalter einer neuen Konfession, daß er ein Anti-Katholik in religiösem Sinne gewesen sei, dann erhellt sich für uns schlagartig die ganze politische Tragödie, in die unser Volk von gewissenlosen Landsknechtstypen gezerrt worden ist. Luthers Ziel ist der deutsche Absolutismus gewesen. Hier der Beweis dafür, wie sehr es ihm auf die Verfolgung seiner politischen und nicht etwa irgendwelcher reformatorischen Pläne ankam. (S.23)

Der Katholizismus als herrschende politische Macht
In der modernen Geschichte kennen wir das Parteiwesen. Im Mittelalter gab es indessen nur eine Partei, nämlich die katholische. Unter ihr begriff man den Zusammenschluß aller Nationen unter der Herrschaft des päpstlichen Roms. Sie war die allein Seligmachende. Nicht etwa in geistlicher, sondern in rein irdischer Bedeutung. Eine Gegenpartei bestand nicht. Wollte man eine solche schaffen; so konnte auch diese nur im Rahmen der damaligen geistlichen und geistigen Grundauffassung bestehen. Sie bedurfte eines christlichen Mantels. Einer antichristlichen Partei hätte sich kein vernünftiger Mensch angeschlossen. (S.23)

Warum ausgerechnet das Christentum?
Wurde indessen eine christliche Partei geschaffen, die zwar das Christentum auf ihre Fahne schrieb, aber der katholischen politischen Auffassung widersprach, so lagen die Dinge ganz anders. Einer solchen neuen Partei mußten, der damaligen politischen Situation entsprechend, nicht wenige Persönlichkeiten zuströmen. Welche Aufstände, welche Erhebungen auch immer in jener Epoche stattgefunden haben, stets segelten sie unter der Flagge des Christentums. Man kann sich diese in unseren Tagen besonders gut verständlich machen. Welche Partei auch immer wir in Deutschland nach dem zweiten verlorenen Weltkrieg kennen, stets tritt sie unter dem Motto Demokratie auf. Jede behauptet für sich, die wahre und ausschließliche Demokratie zu vertreten. Genau wie heute das Wort Demokratie die einzelnen Anschauungen unter einen Nenner bringt, so brachte damals das Wort Christentum die verschiedenen Auffassungen unter einen Begriff. (S.23)

LandsknechteDas Landsknechtsunwesen
Im Jahre 1486 erscheint zum erstenmal der Name Landsknecht urkundlich. Die Landsknechtsgilde entwickelte sich zu einem regelrechten Beruf. Genau wie Handwerker mußen sie ihr, eigenes Handwerkszeug mitbringen. Wer komplett ausgerüstet erschien, erhielt einen Doppelsold. In diese Gilde traten nun keineswegs nur Leute aus den einfachsten Schichten des Volkes ein, sondern auch Adlige, die dann allerdings gleich führende Posten erhielten. … Die Einrichtung der „Landsknechtsvölker“ ist eine typisch deutsche, entstanden unter Kaiser Maximilian I., organisiert und errichtet von dem ersten Landsknechtsobersten Georg von Frundsberg. Aus seinem Munde stammt jenes berüchtigte Leitwort, das fortan Motto aller deutschen Katastrophenpolitiker werden sollte: „Je mehr Feind, je mehr Ehr!“ (S.48)

Luther war „der rechte Mann“ für den Krieg
Für jeden Menschen, der nicht gerade blind war, konnte kein Zweifel bestehen, daß das Auftreten Luthers blutige Auseinandersetzungen heraufbeschwören mußte. Darum war Luther der rechte Mann für Frundsberg und für die Landsknechte überhaupt. Darum aber ist seine Politik eben eine typische Landeknechtspolitik gewesen. Diese Landsknechtspolitik hat sich in Deutschland bis auf die heutigen Tage erhalten. … Luther hat sich übrigens bewußt mit den Landsknechten gemein gemacht. Er sprach ihre rohe Sprache. Landsknechte lieben derbe, ja gemeine Worte. Ihnen ist die saubere, vornehme Ausdrucksweise zuwider. Mit ihren Worten wühlen sie gern im Dreck. Auch Luther hat sich stets befleißigt, seine Gedanken in möglichst rohe, wenn nicht gar unflätige Ausdrücke zu kleiden. Man braucht nur diese oder jene seiner Schriften zu lesen, so wagt man nicht mehr zu widersprechen. (S.49)

Das Volk wird aufgehetzt zu nächsten Krieg
Es ist nun keinesfalls so, daß allein die Herrscher, allein die Politiker von jenem durch Luther eingeführten Landsknechtsgeist beseelt waren. Auch das Volk war von jenem Bazillus infiziert … das Kleinbürgertum ganz besonders. Konnte Friedrich II. noch selbstherrlich regieren, so hatte der Absolutismus seit den Befreiungskriegen denn doch einen erheblichen Schlag erlitten. Es wurden Parlamente. es wurden Volksvertretungen eingeführt. Parteien gründeten sich. Gewiß, allzu bedeutend ist deren Einfluß nicht gewesen. Aber gewisse Funktionen besaßen sie doch. Gewisse Möglichkeiten ergaben sich auch für sie. (S.111)

Der deutsche Untertanengeist blieb…
Auf jeden Fall bestand eine öffentliche Meinung. Gerade diese aber wurde mißbraucht. Eine Erziehung, die mehrere hundert Jahre hindurch dem Volke. eingebläut worden ist, läßt sich nicht von heute auf morgen verleugnen. Sklaven, die plötzlich frei sind, verstehen zumeist nichts mit ihrer Freiheit anzufangen. Der Untertanengeist blieb. Die Landsknechtspsychose saß und sitzt im deutschen Untertan zu fest. Immer noch galt in der Politik als höchster Weisheit letzter Schluß die Faust. War schon während des ersten Weltkrieges die Rede vom zweiten Kriege, in welchem die Schlußabrechnung mit England gehalten werden sollte .,. und dies nach einem mutmaßlich siegreich beendeten Feldzug … , wie tief mußte da erst das Bestreben nach einem neuen Kriege im Volke verwurzelt sein, nachdem sich die Hoffnungen im ersten nicht nur nicht erfüllten, sondern im Gegenteil Deutschland sich von seinem von Geschlchet zu Geschlecht vererbten Weltmachtsziele weiter denn je abgedrängt sah. (S.111f.)


Verbrennung1933Der Anbruch einer finsteren Zeit
Mit dem Fackelzug am 30. Januar 1933 wurde Deutschland in Brand gesteckt, wurden die verheerenden Flammen über ganz Europa getragen. Mütter ließen sich das Mutterverdienstkreuz an den Busen heften, um stolz aller Welt zu zeigen, wieviel Soldaten sie dem Staat geschenkt, stellten sich preis wie bei einer Viehschau, auf daß sie offenbarten, wie oft sie „geworfen“ hatten. Frauen drückten in Ostpreußen ihre nackten Brüste in die Autospuren des Wagens Hitlers, auf daß sie fruchtbar würden. In Bayern gab es Familien, die unter das Bild des „Führers“ einen Altar aufbauten, dort niederknieten und beteten. In schamlosester Weise traf man eine Auswahl von Mädchen in „Glaube und Schönheit“, die nach „biologischen Grundsätzen“ mit SS-Leuten gepaart wurden. Es entstand eine Sittenlosigkeit, die selbst im dunkelsten Mittelalter nicht ihresgleichen hat. Es begann der Mord. (S.118)

Ideologische Kriegsvorbreitung
Ein Hexensabbat wurde in Deutschland inszeniert, der die Menschen zielbewußt von dem ablenkte, was sich nun in Wahrheit vorbereitete. Wohl selten ist mit einem derartigen Eiltempo mitten in den Krieg hineingesteuert worden wie jetzt. Die alten, abgedroschenen Phrasen von Großdeutschland, von der Einkreisungspolitik eines Eduard VII., von der Erbfeindschaft Frankreichs, von der Infamie Albions, von der Blutherrschaft des Bolschewismus wurden plump neu serviert. Wer diese Lügen als Lügen brandmarkte, wurde bestenfalls, als Landesverräter eingesperrt, schlimmstenfalls als Bolschewist gehenkt oder vergast. Die Wahrheit galt als Ketzerei, historische Wahrheit insonderheit. (S.118)

Geheime Rüstungspläne der Nazis
Die Soldateska feierte Triumphe. Sie hatte einen Führer gefunden, der so recht den Herzen der Landsknechte entsprach. Zielbewußt steuerte er auf den großen Krieg zu. Mit der Schaffung der Reichswehr, mit der Inangriffnahme des abermals neuen Flottenbauprogramms fing es an. Die Industrie erhielt neuen „Auftrieb“, das Verkehrsnetz wurde nach strategischen Gesichtspunkten ausgebaut. Man schuf neue Werke. So plante man vor allem, ein großes Werk im Harz zu errichten, in welchem Roherze veredelt werden sollten. Die Hermann-Göring-Stadt bei Salzgitter entstand. Um jedoch die technischen und chemischen Voraussetzungen für den kühnen Plan zu schaffen, mußte man die ausgesucht trockene Gegend von weither mit Wasser versorgen. Entfernungen von 80 Kilometer spielten dabei keine Rolle. Die Ingenieure, die diese Voraussetzungen schaffen sollten, erhielten im August 1938 die streng geheimzuhaltende Anweisung, die Anlagen innerhalb Jahresfrist hergestellt zu haben. Es hieß in diesem Befehl: bis zum 31.August 1938 habe alles fertig zu sein, da an diesem Tage mit „weittragenden Ereignissen“ zu rechnen sei. (S.119)

Der Krieg „ist ausgebrochen“
Es gab nicht einen, der nicht gewußt oder doch geahnt hätte was unter solchen „weittragenden Ereignissen“ zu verstehen war. Am 31. August 1939 war es dann ja auch so weit. Am 1. September 1939 erfolgte der Überfall auf Polen. Die Behauptung, der Krieg sei ausgebrochen, weil das Ausland dem deutschen Volke Danzig mißgönnt habe, ist ebenso lächerlich wie absurd. Jenes Dokument über die Errichtung der Hermann-Göring-Anlage im Harz zeigt und beweist nur zu deutlieh wie haarscharf Hitler den Tag für den Kriegsausbruch vorher bestimmt; ja befohlen hat. Unleugbar bleibt die Tatsache, daß Hitler unbedingt  genau wie seine Vorgänger auf Biegen oder Brechen  den Krieg wünschte, um an seine Fahnen glorreiche Ruhmesblätter zu heften. (S.119)

wilhelmstrasse1939…ohne eine Kriegserklärung
Man war in der Wilhelmstraße erstaunt, daß seitens des Auslandes keine Kriegserklärungen eintrafen. Aus propagandistischen Gründen für die Jetztzeit und für die Nachwelt wäre das äußerst sympathisch gewesen. Man hätte das deutsche Volk, wie seinerzeit 1914, verdummen und in einen Sturm der Begeisterung peitschen können, wenn sich irgendein Nachbarstaat in irgendeine angeblich rein innerdeutsdie Angelegenheit eingemischt hätte. Die Staatsmänner des Auslandes waren indessen viel zu weitblickend, als daß sie der Wilhelmstraße einen solchen Gefallen erwiesen hätten. So töricht, wie Hitler die ausländisdien Politiker ansah, waren sie eben doch nicht. (S.119)

Der Krieg war der Großindustrie versprochen
Als nun gar bei der Einverleibung des Sudetenlandes kein so erwünschter Schritt vom Ausland erfolgte, wurde man geradezu fassungslos. Ribbentrops Reizversuche in London wurden ignoriert. Es ist verbürgt, daß das Schweigen aus dem Ausland in der Wilhelmstraße nahezu Verwirrung anrichtete. Der Krieg war der Großindustrie versprochen. Der Krieg sollte Groß-Deutschland zum Beherrscher Europas und zum Beherrscher der Meere machen. Also mußte er kommen. Man konnte aber doch unmöglich Kriegserklärungen gleich Visitenkarten, in die Welt hinaussenden. Wenigstens der Schein einer Berechtigung mußte vorliegen oder geschaffen werden. Das Auswärtige Amt geriet wirklich in peinliche Verlegenheit. (S.120)

Chamberlain warnte vor Konsequenzen
Es kam keine Kriegserklärung. Aber es kam Chamberlain nach Deutschland. Er erklärte, daß man den augenblicklichen Stand der Dinge anerkennen werde, wenn Deutschland es nun genug sein ließe. Solange Hitler deutsche Volksstämme ins Reich heimhole, wolle man das im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens gelten lassen. Wenn aber Interessen benachbarter Länder in ihrem Bestande angegriffen würden, dann müsse Großbritannien daraus ernste Konsequenzen ziehen.

Der britische Imperialismus  … schweigt
Schweigend hatte man die Einverleibung des Saarlandes am 1. März 1935 geduldet. Man hatte sich der Wiederherstellung der deutschen Wehrhoheit am 7. März 1936 nicht widersetzt. Man protestierte nicht, als Deutschland unter Mißachtung des Versailler Friedensvertrages die allgemeine Wehrpflicht am 16. März 1936 zum Gesetz erhob. Man hatte geschwiegen, als am 1. Oktober 1938 das Sudetenland ins Reich einverleibt wurde. Hitler versicherte, daß er weitere Annexionspläne nicht hege. Es hat in der Welt wahrscheinlich nur Chamberlain gegeben, der einem Hitler-Versprechen Glauben schenkte. (S.120)

Ein Überfall nach dem anderen
Im Gegensatz zu dem Chamberlain gegebenen Wort besetzte Hitler Böhmen und Mähren. Am 16. März 1939 wurde bereits das Gesetz über das Protektorat Böhmen und Mähren erlassen. Nun ging es Schlag auf Schlag. Am 22. März desselben Jahres wurde das Memelland einverleibt. Am 22. Mai 1939 erfolgte der Militärpakt mit Italien… in niemals mißzuverstehender Fehdehandschuh wider Frankreich und England. Aber immer noch nicht trafen die Kriegserklärungen ein. Zum Verzweifeln war das! Und da wurde der große betrügerische Clou mit Polen gestartet. Man log hier in der Presse die phantastischsten Greuelmärchen über das angeblich gehässige Betragen der Polen gegen deutsche Volkselemente zusammen. (S.120f.)

Niederträchtige deutsche Propaganda
Nachdem nun einmal die Danziger Frage mit Gewalt zugunstcn Deutschlands gelöst war, nachdem man robust die Korridorfrage aufgerollt hatte, bestand natürlich keine überschwengliche Liebe zu Deutschland in Polen. Daß aber nun Deutsche drangsaliert oder gar eingesperrt worden wären, ist einfach unwahr. Alle angeblichen Greueltaten sind glatt erfunden gewesen. Die von der Auslandsorganisation der NSDAP in niederträchtigster Weise aufgehetzten Deutsdien haben sich zum großen Teil wie Rowdies betragen, aber die Polen haben sie dennoch gentlemanlike behandelt. Natürlich hat man sich gegen deutsche Übergriffe und Beleidigungen zur Wehr gesetzt .. . aber immer im Rahmen der Gesetze eines Kulturvolkes. Polen hat noch nicht einmal. die letzte Hoffnung der Wilhelmstraße erfüllt. Es hat verhandelt und verhandelt … den Krieg aber hat es nicht erklärt. (S.121)

Auf …zur Schlachtbank
Nun hatte man genug Erfahrung in der Wilhelmstraße gesammelt. Wenn damals die Entsendung der Freiwilligen nadi Spanien, wenn alle selbständigen und herausfordernden Handlungen, wenn nicht einmal das Annektieren fremder Länder die gewünschten Kriegserklärungen einbrachten, dann mußte man eben handgreiflich werden. Jetzt hieß es marschieren. Am 1. September 1939 setzte sich das Heer programmäßig in Bewegung, überschritt die deutsdi-polnisdie Grenze, brach den Frieden der Welt. Jetzt erst trafen die Kriegserklärungen am 3. September von Frankreich und England ein. Aber sie kamen zu spät. Propagandistisch ließen sie sich nicht mehr verwerten. Die Umstände waren beim besten Willen nicht dazu angetan, den erwünschten Begeisterungssturm, wie dereinst 1914, zu erwecken. Sanglos, klanglos wurde darum das Volk mit einer wahren Friedhofsstille in die Katastrophe geführt … zur Schlachtbank. (S. 121f.)

Von der Etsch bis an den Belt…
Selbst die letzte mit großer Ironie vorgetragene Propaganda, diese Pro-Patria-Mär, zerbrach in ihren an sich schon schlecht geleimten Fugen … die Mär vom Heimbringen der Deutschen ins Reich. Selbst dem Dümmsten konnte man nicht mehr vormachen, daß auch Polen zu den Reichsgebieten gehörte, die man in das gewaltige Familienbett des Reiches heimführen müsse und wolle. Denn nun erhob sieh die Frage, warum man ausgerechnet kerndeutsches Land nicht ins Reich heimzuführen trachtete: Bozen und Meran: ganz Südtirol überhaupt. Man sang doch noch das Lied vom Andreas Hofer, man sang doch noch die Strophen vom deutschen Land Tirol, man sang doch noch in der Nationalhymne „von der Etsch bis an den Belt“. Die Etsch aber ist bekanntlich ein Südtiroler Flüßchen. Ausgerechnet auf dieses Land, das in der Nationalhymne einen so bevorzugten Platz einnahm, verzichtete derselbe Mann, der behauptete, nichts anderes zu wollen, als das alte große Deutsche Reich, das Dritte Reich, wieder erstehen zu lassen. (S. 122)

attack-russia-advanceDer Überfall auf die Sowjetunion
Statt sich Südtirol zu holen, ließ er die Heere in slawisches Land einmarschieren. Was bedarf es da noch eines weiteren Beweises für die Tatsache, daB die Wilhelmstraße hitlerischer Prägung nur das eine Bestreben kannte, den Krieg vom Zaune zu brechen. Ein Einmarsch in Südtirol hätte gewiß keinen Weltkrieg heraufbeschworen. Mussolini hatte sich mit seinem äthiopischen Abenteuer in der Welt unbeliebt genug gemacht. Seinetwegen wären bestimmt keine Kriegserklärungen in der Wilhelmstraße eingetroffen. Der Appetit kommt mit dem Essen. Die Begeisterung kam mit den Siegen. (S.122)

Das deutsche Volk im Siegestaumel
Als das verbrecherische Abenteuer zu gelingen schien, da stellte sich das ganze Volk mit leidenschaftlicher Kraft den Landsknechtskreaturen zur Verfügung. Nur die wenigen, denen der Verstand nicht eingenebelt war, nur die mehreren hunderttausend Männer und Frauen, welche sich in Gruppen und Grüppchen zu einer unterirdischen Widerstandsbewegung zusammenfanden, standen zur Seite. Angefeindet, verfolgt, gehaßt und beschimpft. Diese wahrhaft vaterländisch gesonnenen Menschen wurden als Landesverräter gebrandmarkt und erschlagen, gemordet oder eingesperrt. (S.122f.)

Ein räuberisches Verlangen nach fremdem Eigentum
Nun gab es Geschäftsmöglichkeiten. Reiche Landwirte freuten sich auf Ländereien im Osten. Handeltreibende gierten nach Firmen im Ausland, von denen sie Besitz ergreifen konnten und auch ergriffen haben. Handwerker konnten sid; nun kleine Industrien erwerben. Die Großindustrie sah den Himmel voller Geigen hängen. Junker träumten von unermefllich großen Gütern. Beamte machten Karriere. Kurz und gut … Beute war erreichbar allen denen, die guter nationalsozialistischer Gesinnung gewesen sind. Der Taumelkeim ging um. Man fühlte sich schon als Beherrscher der Welt … Europas zumindest. Belgien und Luxemburg und die Niederlande, Dänemark und Norwegen waren besetzt, wurden ausgebeutet. Ganz Frankreich war in deutscher Hand, ebenso Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien. Die Reichtümer Rußlands lagen zum Greifen nahe. Kolonien in Afrika und Indien winkten. Daheim florierten die Geschäfte … Heil Hitler! (S.123)

Der Kreis schließt sich: Von Luther bis zu Hitler
Und keiner sah oder wollte sehen, daß es ein Tanz auf dem Vulkan war, den die Landsknechte ausführten. Man kannte ja weder die Geschichte des deutschen Volkes noch gar die der Welt. Historische Lehren blieben ein Geheimnis. Die Begriffe von Moral und Unmoral verwischten sich wie während des Dreißigjährigen Krieges, in dem ebenfalls die Landsknechte herrschten und der Landsknechtsgeist seine Blüten trieb.

Der Circus vivendi ist geschlossen, der Ring von Luther bis Hitler ist geknüpft. Die Landsknechtslehre aus mittelalterlicher Zeit, daß der Krieg den Krieg ernährt, hat sich als Lüge erwiesen. Die Kriegsverbrecher standen endlich vor Gericht. Mit ihnen angeklagt und verurteilt sind aber auch die Geschichtsfälscher. (S. 123)

horosho_v_sssrHoffnung auf eine friedliche Zukunft?
Nun ist wohl endlich jene grausame Epoche für Deutschland abgeschlossen, die so viel Blut und Tränen nicht nur dem eigenen Lande, sondern der ganzen Welt gekostet hat, jene Epoche, an deren Anfang ein Luther predigte; an deren Ende ein Hitler Deutschland mordete. Dieser kurze Abriß aus deutscher Geschichte soll weder eine Anklage- noch eine Verteidigungsschrift sein. Sie ist die historische Wahrheit, welche die Grundlage der Erneuerung des Geistes, die Erweckung des wirklichen demokratischen Deutschtums bildet. Wer sich dieser historischen Wahrheit widersetzt, hat sich vom faschistischen, hat sich vom landsknechtischen Geist noch nicht freimachen können … der verträgt die Wahrheit noch nicht, der erkennt noch nicht, daß der Politik und der Geschichte letzter Weisheit Schluß eben die Wahrheit ist. Auf solchem Grundstein aber wollen wir Deutschland wieder aufbauen. (S. 123-124)

Quelle:
Wolfram von Hanstein: Von Luther bis Hitler. Ein wichtiger Abriß deutscher Geschichte. Voco Verlag, Republikanische Bibliothek, Dresden, 1947. (Text stark gekürzt und mit Zwischenüberschriften und Seitenangaben versehen, N.G.)


[1] Die anglo-amerikanischen Luftangriffe: Am 21. Juni 1944 bombardierten 2.000 amerikanische Maschinen den Raum Berlin. Am 7. Oktober 1944  waren 3.000 anglo-amerikanische Maschinen gleichzeitig über Deutschland im Einsatz. Opfer der Bombenangriffe war vor allem die Zivilbevölkerung. Mehr als 400.000 Wohngebäude wurden im damaligen Reichsgebiet  durch Bomben bis auf die Grundmauern zerstört, etwa ebensoviel Menschen fanden dabei den Tod, wie überall vorwiegend Frauen, Kinder und Greise.

Dresden1945Ein mehrtägiger Luftangriff von insgesamt 300.000 anglo-amerikanischen Bombern auf die mit Flüchtlingen überfüllte Kunststadt Dresden stützt die Behauptung der Nazis, die Alliierten wollten vor allem das deutsche Volk vernichten. Auf dem Altmarkt verbrennt man wegen der Seuchengefahr auf riesigen Rosten die Toten, deren Zahl auf fünfunddreißigtausend geschätzt wird.

(Siehe: Heinz Bergschicker: Deutsche Chronik 1933-45. Ein Zeitbild der faschistischen Diktatur. Verlag der Nation, Berlin, 1985, S.444f., S.507)

[2] Die verspätete Zweite Front: Das Ausbleiben der Zweiten Front ermöglichte der Wehrmacht  einen neuen Feldzug in der südlichen Sowjetunion. Im Vorstoß zu Wolga  und Kaukasus verfolgten ihre Armeen ein zwar variiertes, doch ebenso hochfliegendes Programm wie im Vorjahr. Sie sollten dort die erstrangigen Wirtschaftszentren erobern, die zu deren Schutz zusammengezogenen sowjetischen Hautptkräfte vernichten, die Türkei zum Kriegseintritt bewegen und den Weg in den Nahen Osten öffnen. Tatsächlich wurden sie durch die  Sowjetstreitkräfte in einer sich über Monate hinziehenden Abwehrschlacht restlos ausgeblutet. Eine bei Stalingrad beginnende, dann die gesamte Ostfront erfassende sowjetische Gegenoffensive traf sie vernichtend; im Süden wurden fünf faschistische Armeen zerschlagen und auf ihre Ausgangsstellungen zurückgeworfen. Damit hatte die Sowjetunion, auf sich allein gestellt, den grundlegende Umschwung im zweiten Weltkrieg eingeleitet. (Quelle: H.Bergschicker, ebd. S.325.)

[3]  Das Nürnberger Gericht: Vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg begann Ende November 1945 der zehn Monate dauernde Prozeß gegen einundzwanzig deutsche Hauptkriegsverbrecher. Zehn der Angeklagten wurden gehenkt; Göring nahm Gift. Zwölf Nachfolge-Prozesse fanden vor US-Militärgerichten gegen verbrecherische Gruppen von Ärzten, Juristen Diplomaten, Industriellen, Militärs und SS-Führern statt. (Siehe: H.Bergschicker, ebd. S.525.  Siehe: Der Nürnberger Prozeß )

[4] Die Deutsche Demokratische Republik: Dazu wurde bereits viel geschrieben, siehe auch hier Ein Tag im Leben der DDR oder – oben rechts Suchbegriff „DDR“ eingeben!

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