Chikatsugu Iwasaki: Die Idee des Friedens und der Marxismus

JapanJapan ist nicht nur ein Land reicher kultureller Traditionen und modernster Technik. Es ist auch ein Land, in dem die Arbeiterbewegung auf bedeutende Erfolge im Kampf gegen das Kapital zurückblicken kann, ein Land in dem der Marximus seit Jahrzehnten einen gewichtigen Platz im geistigen Leben einnimmt. Lange Zeit gab es freundschaftliche Kontakte zwischen marxistischen Wissenschaftlern in der DDR und in Japan, zwischen der Karl-Marx-Universität in Leipzig und der Hitotsubashi-Universität Tokio. Auch Genosse Dr. Kurt Gossweiler hielt in Japan mehrere wissenschaftliche Vorträge.  Im folgenden nun der Beitrag eines japanischen Philosophen zum Thema Frieden:

Seit alter Zeit gehört ein friedliches Leben zu den sehnlichsten Wünschen der Völker, Dieser Wunsch kommt bereits in zahlreichen frühen literarischen Werken zum Ausdruck, wie zum Beispiel in den Dichtungen des alten China oder in den Komödien des Aristophanes im antiken Griechenland. In dem indischen buddhistischen Sutra „Dhammapada“ heißt es:

„…allen ist das Leben lieb;
vergegenwärtige dir, daß du ihnen ähnlich bist:
Töte nicht (und) laß nicht töten!“

„Nicht wird hienieden zu irgendeiner Zeit
Feindschaft durch Feindschaft geschlichtet.
Doch durch Nichtfeindschaft wird sie geschlichtet!
Das ist ein Gesetz von alters her.“ [1]

So wird im Buddhismus das Streben nach Frieden und Liebe zum Ausdruck gebracht. Von denen, die im Europa der Neuzeit zum Friedensproblern Steilung genommen haben, seien hier Erasmus von Rotterdam, Jean Jacques Rousseau und Immanuel Kant genannt. So hebt Erasmus vom Standpunkt des Volkes hervor:

„Der größte Teil des Volkes verwünscht den Krieg und betet um Frieden. Nur ganz wenige, deren verruchtes Glück vom allgemeinen Unglück abhängig ist, wünschen den Krieg.“ [2]

Rousseau hat in seinen Exzerpten aus dem „Traktat vom ewigen Frieden“ des Abbe de Saint-Pierre und in seiner Kritik dieses Friedensprojekts seine Konzeption dargelegt, wie man einen dauerhaften Frieden herbeiführen könnte. Und Immanuel Kant schrieb 1795 in seinem philosophischen Entwurf „Zum ewigen Frieden“:

„so ist der ewige Friede … keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele, beständig näher kommt.“ [3]

Nach dem zweiten Weltkrieg erreichte die Friedensbewegung mit dem erklärten Ziel, alles zu tun, damit es keinen Krieg mehr gibt, einen großen Aufschwung. Heute, im Zeitalter des nuklearen Wettrüstens und der Gefahr eines nuklearen Krieges, der die Existenz der Menschheit auf der Erde bedroht, ist das Recht der Völker auf ein friedliches Leben von Grund auf gefährdet. Krieg oder Frieden – das ist heute eine Frage von Leben und Tod der ganzen Menschheit. In dieser gefährlichen Situation gilt es, der Gefahr eines Kernwaffenkrieges entschieden entgegenzutreten und den Weg zu einem dauerhaften Frieden zu wählen. Dabei weisen uns die klassischen Werke des Marxismus die Richtung. Im „Manifest der Kommunistischen Partei“ heißt es:

„In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufqehoben.“ [4]

Auch in der „Ersten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“ schrieb Marx:

„die Allianz der Arbeiter aller Länder wird schließlich den Krieg ausrotten“, so daß „im Gegensatz zur alten Gesellschaft mit ihrem ökonomischen Elend und ihrem politischen Wahnwitz, eine neue Gesellschaft entsteht, deren internationales Prinzip der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht – die Arbeit!“ [5]

Lenin betonte im Zusammenhang mit dieser Aufgabe besonders die Bedeutung der Demokratie und des Selbstbestimmungsrechts der Nationen. Wie er schreibt,

„hob Marx in erster Linie … das grundlegende Prinzip des Internationalismus und des Sozialismus hervor: Nie kann ein Volk, das andere Völker unterdrückt, frei seln.“ [6]

„Erst nachdem wir die Bourgeoisie in der ganzen Welt, und nicht nur in einem Lande niedergeworfen, vollständig besiegt und expropriiert haben, werden Kriege unmöglich werden.“ [7]

„Der siegreiche Sozialismus muß die volle Demokratie verwirklichen, folglich nicht nur vollständige Gleichberechtigung der Nationen realisieren, sondern auch das Selbstbestim-mungsrecht der unterdrückten Nationen durchführen, das heißt das Recht auf freie politische Abtrennung anerkennen.“ [8]

Von diesem Standpunkt aus wird im Friedensprogramm der Kommunistischen Partei Japans von 1981 formuliert: Bei der Verteidigung des Weltfriedens ist das Recht auf nationale Selbstbestimmung, das heißt das Recht des Volkes, den Kurs des eigenen Landes zu bestimmen, die elementarste Voraussetzung und das Fundament, auf dem dauerhafter Friede gegründet werden kann. [9]

Zusammenfassend kann man sagen: Die Entfaltung der menschlichen Freiheit als Grundgedanke des Marxismus bedeutet

1. das Ziel, durch die Überwindung des Kapitalismus bzw. Imperialismus den Kommunismus zu verwirklichen, und damit
2. nichts anderes als die Beseitigung des Krieges und die Verwirklichung einer Gesellschaft des Friedens. Beide Aufgaben sind untrennbar miteinander verbunden.

Quelle:
Siegfried Bönisch/Frank Fiedler/Chikatsugu Iwasaki (Hrsg.): Marxistische Dialektik in Japan. Beiträge japanischer Philosophen zu Problemen der dialektisch-materialistischen Methode. Dietz Verlag Berlin, 1987, S.8-10.

Zitate:
[1] Zit. nach: Die vier edlen Wahrheiten. Texte des ursprünglichen Buddhismus, hrsg. von Klaus Mylius, Leipzig 1983, S.210, 209.
[2] Erasmus von Rotterdam: Klage des Friedens. In: Ausgewählte Schriften, Bd.5, Darmstadt 1968, S.449.
[3] Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. In: Kant’s Werke, Bd. VIII, Berlin 1912, S.386.
[4] Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei.
In: Marx/Engels: Werke (im folgenden MEW), Bd.4, S.479.
[5] Karl Marx: Erste Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg. In: MEW, Bd. 17, S.7.
[6] W. I.  Lenin: Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Thesen. In: Werke, Bd.22, S.151.
[7] W.I. Lenin: Das Militärprogramm der proletarischen Revolution. In:
Werke, Bd.23, S.74. 8 Ebenda, S.144.
[9] Siehe: Sixty-year History of Japanese Communist Party 1922-1982.
Hrsg. vom Zentralkomitee der KPJ, Tokio 1984, S. 624. – Zur Friedensstrategie der KP Japans siehe auch den Bericht über den XVI. Parteitag der KPJ. In: Neues Deutschland (B), 28. Juli 1982.

Siehe auch:
Dr.Kurt Gossweiler: Der Faschismus an der Macht (Vortrag in Japan)

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