Prof. Karl Linser: Die Ärzte in der DDR

LinserIn den Anfangsjahren der DDR wurden, um die DDR zu schädigen, durch den westdeutschen Staat Tausende Fachleute, darunter vor allem Ingenieure, Wissenschaftler und Ärzte, abgeworben. Diesen Abwerbeversuchen folgten leider auch einige gewissenlose Ärzte. Auf der Tagung des Nationalrats der Nationalen Front des demokratischen Deutschland am 18. Oktober 1958 hielt Professor Dr. Karl Linser, Direktor der Hautklinik der Berliner Charite und Verdienter Arzt des Volkes, den folgenden, stark beachteten Diskussionsbeitrag:

Prof. Dr. Karl Linser:
Warum wir Ärzte unserem Staat vertrauen

Wenn ich mein bisheriges Leben betrachte, dann möchte ich nochmals ein junger Mensch sein und von den Ausbildungsmöglichkeiten Gebrauch machen können die heute in der Deutschen Demokratischen Republik in so reichem Maße gerade unserer Jugend zur Verfügung stehen.

Als Schüler besuchte ich einst das humanistische Gymnasium. Es war aber gar kein Humanismus, der dort gelehrt wurde. Man pflegte den Standesdünkel. Systematisch trennte man uns schon in der Schule von der Arbeiterschaft. Wir deklamierten: „Odi profanum vulgus et arceo“, d.h. „ich hasse das gemeine Volk und halte mich fern von ihm“. Immer wieder versuchte man, uns für ein Heldentum zu begeistern, von dem wir heute wissen, daß es Deutschland in den Abgrund gebracht hat. Wir saßen oft bis in die Nächte und schrieben Aufsätze über Kriegsherren, sogar über die Pferde, die den Tod des Achilles beweinten. Zu unserer Literatur gehörten auch die Kriegsgeschichten des Herrn von Liliencron. Endlich hatte man uns dann soweit, daß wir in das geplante Morden und Sterben geschickt werden konnten. Das war damals die sogenannte humanistische Erziehung.

Im Gegensatz dazu wird unserer heutigen Jugend nunmehr ein echter Humanismus geboten. Sie wird nicht, wie wir, für Raubkriege vorbereitet, sondern sie wird zur friedlichen Arbeit und zur Lebensbejahung erzogen. Nicht zuletzt vertieft der polytechnische Unterricht die Verbindung aller Schichten der Bevölkerung.

Als ich nach dem ersten Weltkrieg Medizin studierte, empfand ich noch in stärkerem Maße die Kluft, die absichtlich zwischen die Intelligenz und die Arbeiter gebracht wurde. Vorbilder waren uns Medizinstudenten damals die Ärzte mit einer reinen Privatpraxis. Den Kassenarzt betrachtete man als einen zweitrangigen Mediziner. Bemitleidet und bespöttelt wurde der Arzt im Arbeiterviertel. Verächtlich sprach man vom Bauerndoktor.

Wie hat sich das nun seit 1945 bei uns alles geändert?

Die Heilkunde in der alten überlieferten Form konnte in dem Nachkriegselend nicht das leisten, was das Volk in seiner Gesamtheit von ihr erwarten mußte. Das wurde mir und zahlreichen anderen Ärzten klar, als wir seinerzeit gegen den Seuchentod ankämpften, der unser Volk bedrohte. Begeistert setzten wir uns für die Errichtung moderner Ambulatorien und Polikliniken ein. Sie wurden speziell an den Brennpunkten der Produktion entwickelt. Ich selbst durfte jetzt eine der schönsten Hautkliniken in Deutschland bauen. In dieser Klinik kann ich wirklich frei arbeiten und mich ganz meinen Patienten, der Lehre und der Forschung in meinem Fachgebiet widmen.

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Die Sorge unseres sozialistischen Staates um die Jüngsten

Das wollen die westdeutschen Professoren, die mich hin und wieder besuchen, einfach nicht glauben. Neulich besichtigte ein berühmter Dermatologe aus Westdeutschland unsere Einrichtungen. Ich hatte zuvor meinem Verwaltungsleiter gesagt, er solle mitkommen und dafür sorgen, daß die Besichtigung auch tatsächlich gut und reibungslos vor sich ginge. Der Kollege aus Westdeutschland war tief beeindruckt von dem, was er sehen konnte. Als er dann aber nachher mit mir in meinem Dienstzimmer allein war, fragte er mich: „War das nun Ihr Politkommissar, der Sie zu überwachen hat?“

Immer wieder wird man gefragt, warum trotz der skizzierten ausgezeichneten Arbeitsbedingungen immer noch Ärzte die Republik verlassen.

Ich habe vorhin schon auf die Fehlleistungen der früheren Erziehung hingewiesen. In unserer Jugend wurde uns die sozialistische Entwicklung als etwas ganz Gefährliches hingestellt. Noch immer leben manche Ärzte und auch ihre Kinder bedauerlicherweise in diesen althergebrachten Vorstellungen. Es fällt ihnen schwer, sich von ihnen zu trennen. Wir aber leben in der Gegenwart, und auch die Intelligenz, auch die Ärzte müssen sich, ob sie wollen oder nicht, schließlich der fortschrittlichen Entwicklung der Gesellschaft anpassen. Unmöglich können sie gleichsam im leeren Raum arbeiten, sonst geraten sie unweigerlich in Konflikte. Dies ist leider bei vielen Ärzten noch der Fall. Bei uns ist nicht etwa die Heilkunde in eine Krisis geraten, sondern der Arzt, der sie jetzt unter fortschrittlichen Bedingungen ausüben soll. Nun wurden bei uns tatsächlich da und dort der .Intelligenz und auch den Ärzten gegenüber Fehler gemacht. Auch ich habe mich über manches geärgert, wurde aber dann aktiv und vorstellig bei der Volkskammer oder bei Herrn Axen, d. h. bei der Presse, oder auch bei dem oder jenem Aktivisten, denn Aktivisten sind bei uns sehr maßgebende Leute. Man hat es natürlich leider zu Überspitzungen kommen lassen, und die erschwerten es, die Ärzte aus ihrer Konfliktsituation herauszubringen.

Natürlich ist eine klare Auseinandersetzung mit den Ärzten nötig. Es wäre falsch, dieser Auseinandersetzung etwa aus dem Wege zu gehen. Die Auseinandersetzung führt aber nur dann zum Ziel, wenn sie geduldig und auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgt. Am besten bewährt sich hier die Methode der praktischen Beispiele. Immer wieder soll man der neuen und erst recht auch der alten Intelligenz die großen Chancen zeigen, die sie bei uns in der DDR tatsächlich besitzen. Deshalb hat das Kommunique der Sozialistischen Einheitspartei zu den Fragen des Gesundheitswesens und der Medizin die Intelligenz, die Ärzte mit Genugtuung und mit Freude erfüllt.

Krisis in der westdeutschen Medizin

Im Gegensatz zu uns gibt es in Westdeutschland eine wirkliche Krise in der Medizin. Dort bestimmt immer mehr die amerikanische Atompolitik das gesamte Leben. Das aber wirkt sich auch auf die Tätigkeit der Ärzte aus. An den Universitäten wird ein innerer Strukturwandel beobachtet. Durch spezielle Aufgaben der den Kriegsvorbereitungen dienenden Industrie wird die notwendige Einheit von Lehre und Forschung immer mehr durchlöchert. Die Industrie bezahlt die Forschungen und zwingt zur Geheimhaltung der Ergebnisse. Das aber gefährdet die Freiheit der Forschung. Schon sprachen Voigt in Tübingen und Kiemen in München davon, daß die Risse an westdeutschen Universitäten immer größer werden, daß die Universitäten auseinanderfallen und anscheinend dem Untergang geweiht seien, sich zumindest immer mehr zu Fachschulaggregaten entwickeln.

Republikflüchtige Ärzte

Ich war jetzt in Düsseldorf, sah wieder die Oberflächlichkeit, in der zahllose Menschen in Westdeutschland dahinleben. Viele führen dort einen Tanz um das Goldene Kalb aus. Manchmal hat man aber das Gefühl, daß das nichts mehr als ein Tanz auf dem Vulkan ist. In Düsseldorf traf ich auch aus der DDR geflüchtete Ärzte. Sie klagten über die Arroganz, mit der man ihnen drüben immer wieder begegnet. So sprach ich mit einem Kollegen, der einst bei uns Chefarzt einer großen Klinik war. Er besaß ein herrliches Villengrundstück, und es ging ihm in jeder Beziehung gut. Es war Herr Dr. Wesner aus Gera. Er hat drüben das Krankenhaus nicht bekommen, das ihm der Abwerber versprochen hatte. Vergeblich hat er sich bisher um eine Kassenzulassung bemüht, ohne die ein Arzt drüben kaum leben kann. Es ist ein schweres, aber selbstverschuldetes Los für einen Vater mit zahlreichen Kindern.

Auch Herrn Professor Hämel habe ich gesehen. Er war recht bedrückt. Nie wird er in Westdeutschland die wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen erhalten, die er bei uns einst besaß. Trotz seiner Flucht war übrigens die 400-Jahr-Feier der Jenaer Universität für alle die zahlreichen Professoren, die aus der ganzen Welt gekommen waren, ein Erlebnis, das allen Teilnehmern unvergeßlich sein wird. Es war ein erhebendes Gefühl, als wir Universitätslehrer von der Universität zum Volkshaus zogen und uns die Jenaer Bevölkerung zujubelte. Ganz besonders aber haben uns die Ovationen beeindruckt, die uns Zeiß-Arbeiter entgegenbrachten. Als dann die Professoren ihre Brillen abnahmen und sie in Dankbarkeit den Zeiß-Arbeitern, die die Brillengläser produziert hatten, entgegenhielten, konnte und mußte jeder sehen, daß bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik die Verbindung der Intelligenz mit den Arbeitern eine reale Tatsache ist. Für mich Jedenfalls war das eine von Herzen kommende Demonstration, an die ich mich noch lange erinnern werde.

Abfuhr für Lemmer-Manöver

Wir in der Deutschen Demokratischen Republik arbeiten nämlich nicht gegeneinander, sondern wir arbeiten immer besser miteinander, weil der Arbeiter den Wissenschaftler und der Wissenschaftler wieder den Arbeiter braucht. Wie Sie heute aus der Zeitung entnehmen konnten, paßt Herrn Lemmer diese Harmonie nicht. Er sucht sie zu stören. Durch Anrufe sollten Dresdener Ärzte zur Flucht veranlaßt werden. Auch meine Frau in Berlin bekam vor wenigen Wochen zweimal hintereinander einen solchen Anruf, in dem ihr mitgeteilt wurde, daß ich in den nächsten Tagen verhaftet werden würde. Seien Sie überzeugt, daß der Anrufer bei seinem letzten Anruf wenigstens telefonisch die richtige Antwort bekommen hat. Unsere Ärzte lassen sich durch solche plumpen Manöver nicht mehr länger beunruhigen. Immer vertrauensvoller werden die Beziehungen zwischen der Intelligenz und der Staatsmacht. Die Regierung achtet uns, und wir achten unsere Regierung.

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Betreung der Arbeiter in einer staatlichen Poliklinik

Diese schöne Zusammenarbeit könnte auch auf den gesamtdeutschen Maßstab übertragen werden. In ihrer Note an die vier Großmächte schlug unsere Regierung die Schaffung einer Kommission zur Ausarbeitung eines Friedensvertrags mit Gesamtdeutschland vor. Bei richtiger Überlegung werden auch die westdeutschen Ärzte diesen Schritt aus vollstem Herzen begrüßen. Auch dem neuen Vorschlag unserer Regierung an die Deutsche Bundesrepublik muß jeder westdeutsche Arzt seine Zustimmung geben. Die in diesem Vorschlag empfohlene Kommission aus Vertretern beider deutschen Staaten würde dem deutschen Volk die Möglichkeit geben, in seiner Gesamtheit mit den vier Großmächten zu verhandeln. So kommen wir endlich der Vereinigung unseres Vaterlandes auf demokratischer Grundlage näher.

Die Dresdener Ärzte und Wissenschaftler Prof. Dr. Güttner, Rektor der Medizinischen Akademie Dresden und Direktor des Pathologischen Instituts, Prof. Dr. Sprung, Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Prorektor und Direktor der Chirurgischen Klinik an der Medizinischen Akademie Dresden, Dr. Stock, Facharzt für • Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten in eigener Praxis, Dresden, übergaben der Öffentlichkeit am 18. Oktober folgende wichtige Erklärung:

In Sorge um die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung und um das Schicksal ihrer Berufskollegen wenden sich die Unterzeichneten an die Öffentlichkeit, um sie von folgendem in Kenntnis zu setzen:

In den letzten Tagen wurde mehrfach versucht, uns durch anonyme telefonische Anrufe und schriftliche Mitteilungen zu beunruhigen mit dem Ziel, unser Vertrauen zu den Staatsorganen zu untergraben. Durch Ankündigung von angeblichen Verhören oder Haussuchungen und durch Drohbriefe wurde versucht, uns unter Druck zu setzen. Wir haben uns persönlich davon überzeugt, daß alle diese Ankündigungen erlogen waren und jeglicher Grundlage entbehrten.

Wir teilen dies unseren Berufskollegen mit, um sie von solchen gewissenlosen Methoden in Kenntnis zu setzen, damit sie sich in ähnlichen Fällen nicht beunruhigen lassen und vor unüberlegten Schritten bewahrt bleiben.

Prof. Dr. Güttner
Prof. Dr. Sprung
Dr. Stock

Siehe auch:
Das Gesundheitswesen in der DDR

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4 Antworten zu Prof. Karl Linser: Die Ärzte in der DDR

  1. MURAT O. schreibt:

    Hat dies auf D – MARK 2.0 rebloggt.

  2. Pingback: Das Gesundheitswesen vor und nach 1945 | Sascha's Welt

  3. Pingback: Das Gesundheitswesen in der DDR | Sascha's Welt

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