Erich Hanke: Die Schwierigkeiten der Sowjetunion

CCCPEinen sehr interessanten Überblick über die Schwierigkeiten, mit denen die Sowjetunion zu kämpfen hatte, vermittelt Erich Hanke in seinem Buch „Ins nächste Jahrhundert“, das 1987 im Urania-Verlag erschien. Er schreibt:

Von Anbeginn prophezeiten bürgerliche Wissenschaftler den „Bankrott“, das „Ende“ der Sowjetmacht. Andere verkündeten, die sozialistische Wirtschaft würde in kürzester Zeit in ein „wüstes Chaos“ verwandelt werden. Jedoch die Jahre vergingen, und die Sowjetmacht bestand weiter. (…) Die Tatsachen zeigten, daß nach der Befreiung von Parasiten und Müßiggängern, von reaktionären Klassen, die wie Drohnen das werktätige Volk plündern, das Tempo der gesellschaftlichen Entwicklung im Sozialismus weit schneller vor sich geht, als für bürgerliches Denken faßbar ist. Diese Wahrheit zu begreifen, würde ja auch bedeuten, die Behauptung von der „ewigen Existenz“ des kapitalistischen Privateigentums in Frage zu stellen.

Der schwierige Anfang

Trotzdem, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Sowjetunion waren riesengroß. Lenin wies nach dem Siege der Arbeiter und Bauern über die Konterrevolution und die ausländischen Interventen darauf hin, daß zwar ein neues, fortschrittliches Gesellschaftssystem erkämpft worden sei, jedoch die alte Rückständigkeit des zaristischen Rußlands und die von den Interventen angerichteten Zerstörungen es unmöglich machen, die Überlegenheit des Sozialismus sofort zu beweisen. Im zaristischen Rußland setzte der Industrialisierungsprozeß wesentlich später als in West- und Mitteleuropa ein. Fast 80 Prozent der russischen Bevölkerung waren in der Landwirtschaft tätig. „Der sich entwickelnde Monopolkapitalismus war mit zahlreichen Überresten der Leibeigenschaft, mit der Willkürherrschaft der Polizei und dem Despotismus des Zaren verflochten. Diese Verquickung stellte die wichtigste Besonderheit der Gesellschaftsordnung Rußlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar.“

Der Aufbau einer neuen Industrieproduktion

Vor der Revolution war die Wirtschaft immer mehr in die Abhängigkeit vom Auslandskapital geraten. Die Industrieproduktion Rußlands betrug nur einen Bruchteil der englischen oder französischen Produktion. Besonders groß war der Rückstand der Industrieproduktion gegenüber den USA. Vollends wurde die russische Wirtschaft durch den ersten Weltkrieg und die Intervention der Großmächte nach dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution ruiniert. Die Schäden beliefen sich auf 39 Milliarden Vorkriegsrubel. Das entsprach einem Viertel des gesamten Nationalreichtums Vorkriegsrußlands. Die Industrieproduktion wurde auf den Stand der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen.

Erbitterte Kämpfe gegen die Interventen und einheimische Kapitalisten

LeninsTod 1924

Zu Lenins Tod in Moskau 1924

Obgleich der junge Sowjetstaat sich nach der Erkämpfung der politischen Macht durch die Arbeiter und Bauern unter weitaus ungünstigeren Bedingungen als die kapitalistischen Mächte befand, setzte er sich durch. Nachdem die junge Sowjetmacht sich in erbittertem Kampfe gegenüber den inneren und äußeren Feinden behauptet hatte, mußte sie das furchtbare Erbe der zaristischen Rückständigkeit überwinden, sich die notwendigen Kader schaffen usw., um die Aufgaben des sozialistischen Aufbaus erfolgreich lösen zu können. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hingegen war entwickelt, verfügte über ausreichende Kräfte und hatte seine Herrschaft über die ganze übrige Welt ausgedehnt.

Aufopferungsvolle Arbeit

Die Vorzüge des Sozialismus, das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln, die sozialistische Planwirtschaft, das stetig steigende Bildungsniveau bewiesen ihre Kraft. Die aufopferungsvolle Arbeit der sowjetischen Arbeiter und Bauern führte zu beträchtlichen Erfolgen. Ein gewaltiger Aufstieg setzte ein. Schon 1935 erreichte die Sowjetunion den Stand Frankreichs. 1938 wurde die Produktion Englands übertroffen und die des damaligen faschistischen Deutschlands fast erreicht. Im Verhältnis zu den USA bestand aber noch ein gewaltiger Rückstand.

Riesige Schäden durch den faschistisch-deutschen Krieg

Bei der weiteren Einschätzung der sozialistischen Wirtschaftsentwicklung muß der riesige Schaden berücksichtigt werden, der der sowjetischen Volkswirtschaft in den Jahren des zweiten Weltkrieges zugefügt wurde. 20 Millionen Bürger der Sowjetunion verloren ihr Leben. 25 Millionen Menschen wurden obdachlos. Die faschistischen Truppen vernichteten l.700 Städte und 32.000 Industriebetriebe, 65.000 Kilometer Eisenbahnlinie, 4.000 Eisenbahnstationen, 7.000 Dörfer, 98.000 Kolchosen, l.876 Sowchosen, 2.890 MTS, 127.000 Schulen, Universitäten, Bibliotheken, 6 Millionen Wohnhäuser. 61 Großkraftwerke wurden zerstört.

Die USA profitierten vom Krieg

Rund vier Jahre war die Sowjetunion Kriegsschauplatz; auf ihrem Territorium tobten schwere Vernichtungsschlachten. Der materielle Schaden betrug in der Sowjetunion 2 569 Milliarden Rubel. Das waren mehr als 30 Prozent des Nationalreichtums. In England hingegen verringerte sich der Nationalreichtum im Verlaufe des zweiten Weltkrieges nur um 0,8 Prozent, in Frankreich um 1,5 Prozent. In den USA bewirkte der zweite Weltkrieg sogar einen Wirtschaftsboom. Die Industrieproduktion verdoppelte sich. Der Anteil der USA an der industriellen Produktion der kapitalistischen Welt stieg von 41,4 Prozent im Jahre 1937 auf 62 Prozent im Jahre 1947.

Die vorteilhafte Lage der USA

Auch in anderer Hinsicht befanden sich die imperialistischen Mächte in einer außerordentlich vorteilhaften Lage. Sie hatten nach dem zweiten Weltkrieg weiter die Möglichkeit, sich Rohstoffe aus den Entwicklungsländern anzueignen, deren Produktionskosten 13mal billiger waren als z. B. in den USA. Dadurch konnten sich die USA 30 Prozent der Weltenergieerzeugung sichern. Sie brauchten nur 4 Prozent des Bruttosozialprodukts dafür aufzuwenden. Die Monopole der imperialistischen Hauptländer erzielten Schätzungen zufolge im Zeitraum von 1945 bis etwa 1975 durch die niedrigen Rohstoffpreise einen Monopolprofit von über 1.000 Milliarden Dollar.

Abwerbung fremder Hochschulkader durch die USA

Ferner konnten in den USA enorme Summen an Ausbildungskosten dadurch eingespart werden, daß skrupellos Hochschulkader aus den Entwicklungsländern abgeworben wurden. Treffend wird diese Politik als „Raub der Gehirne“ bezeichnet. Allein im Finanzjahr 1971/72 belief sich der ökonomische Nutzen auf 1,7 Milliarden Dollar. Die Anzahl der abgeworbenen Hochschulkader betrug im Jahre 1962 23.710. Bis 1972 stieg sie auf 48.900. 1972 betrug ihr Anteil in den USA bei Wissenschaftlern 11 Prozent, bei Technikern und Ingenieuren 26 Prozent und bei Ärzten sogar 51 Prozent.

Eine schwierige, doch erfolgreiche Entwicklung in der UdSSR

Allunionsausstellung 1966

ВДНХ – die Volkswirtschaftsausstellung der UdSSR (1966)

Die Sowjetunion hingegen wurde seit ihrem Bestehen durch die Intervention, den Bürgerkrieg und die Verluste durch den zweiten Weltkrieg um 20 Jahre wirtschaftlicher Entwicklung zurückgeworfen. Trotzdem vermochte sie in 45 Jahren einen Entwicklungsstand zu erreichen, für den die entwickelten kapitalistischen Länder 150 bis 200 Jahre benötigten. Im Jahre 1913 betrug die Industrieproduktion des zaristischen Rußlands nur 12,5 Prozent im Verhältnis zu den USA. Bis 1950 verkürzte die Sowjetmacht den Abstand auf 30 Prozent. 1970 hatte die UdSSR einen Anteil von mehr als 75 Prozent der Industrieproduktion der USA und 1979 mehr als 80 Prozent erreicht. Die außerordentliche Verschiebung im ökonomischen Kräfteverhältnis ergab sich, weil die Industrieproduktion der Sowjetunion von 1951 bis 1984 durchschnittlich um 8,1 Prozent und in den USA um 3,9 Prozent wuchs. …

Aus: Erich Hanke, Ins nächste Jahrhundert, Urania-Verlag, 1987, S.102ff


Kommentar: Prof. Dr. Erich Hanke (Jg.1911) trat 1930 der KPD bei. Nach zweieinhalbjähriger illegaler Tätigkeit in Berlin verurteilten ihn die Faschisten zu 10 Jahren Zuchthaus. Dort begegnete er auch Genossen Erich Honecker, mit dem ihn seitdem eine feste Freundschaft verband. Erich Hanke hatte 1945/46 Funktionen im Staatsapparat inne und war später Mitarbeiter im ZK der SED. Danach studierte und unterrichtete er an der Parteihochschule der SED, wurde Direktor an der Arbeiter-und Bauern-Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin und war bis zu seiner Emeritierung 1962 Professor für dialektischen und historischen Materialismus. Eine weitere Buchempfehlung: Hanke, Erinnerungen eines Illegalen. Im übrigen sind seine Prognosen über das „nächste Jahrhundert“ unzutreffend, auch wird Rolle des Revisionismus in der KPdSU nach 1956 falsch eingeschätzt, und über Stalin und dessen überragende Persönlichkeit liest man in beiden Büchern leider wenig.

Siehe auch:
Der Weg der Sowjetunion zum Sieg des Sozialismus
Warum der Sozialismus siegen wird…
http://www.red-channel.de/mlliteratur/sowjetunion/leshnew.htm

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7 Antworten zu Erich Hanke: Die Schwierigkeiten der Sowjetunion

  1. MURAT O. schreibt:

    Hat dies auf D – MARK 2.0 rebloggt.

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