Erich Honecker: Zu den dramatischen Ereignissen 1989

HoneckerMan kann Erich Honecker wohl glauben, wenn er selbst zu den dramatischen Ereignissen der Jahre 1989-90 Stellung nimmt. Im Unterschied zu vielen anderen, die angesichts der sich rapide verändernden Situation sehr schnell ihr Hemd wechselten und ihr Parteidokument vernichteten, erinnert sich Genosse Honecker rückblickend an seinen konsequenten Kampf gegen den Faschismus. Natürlich sind seine Irrtümer tragisch, doch über „Schuld“ zu reden, wäre hier unangebracht, denn auch das Politbüro des ZK der SED bestand nicht nur aus einer Person, auch dort hatten sich schon Bürokraten und Konterrevolutionäre breit gemacht…

 Er schreibt: Daß die Überwindung der deutschen „Zweistaatlichkeit“ nach Lage der Dinge nur durch einen Systemwechsel in der DDR zu bewerkstelligen war, war nur logisch. Aber daran zu glauben, kam uns damals nicht in den Sinn. Wir glaubten an die gegenseitigen Bündnisverpflichtungen, die niemandem das Recht gaben, die DDR aufzugeben und wir glaubten an die Festigkeit dieses Bündnisses, an die Ehrlichkeit der Verbündeten, die mit uns nie und nirgendwo über die Möglichkeit der Aufhebung der deutschen „Zweistaatlichkeit“ sprachen.

Die Ereignisse seit dem Beschluß des Politbüros des Zentralkomitees der SED am 11. Oktober 1989 zur Wende, meinem Rücktritt auf dem 9. Plenum des Zentralkomitees am 18. Oktober 1989 verliefen folgerichtig in Richtung Systemwechsel. Die DDR wurde der BRD ausgeliefert und von der BRD okkupiert, auch wenn man das freiwilligen Anschluß nennt. Und heute zeigt sich, daß das nicht des Volkes Wille war, auch wenn später die Mehrheit die CDU/CSU wählte. Diesen Irrtum muß das Volk teuer bezahlen. Die Opferung der DDR ist das Schmerzlichste in meinem Leben, aber es bleibt die Zuversicht, die mit mir viele Menschen teilen: Der Sozialismus ist nicht von der Weltbühne verschwunden und er wird von ihr nicht abtreten.

GrenzerTrotz des vorläufigen Scheiterns des Versuchs der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft, trotz der gegenwärtigen politischen Verwirrungen wird der Wille zur Errichtung einer von Ausbeutung freien, gerechten und friedlichen Welt nicht zu brechen sein. Das Wichtigste ist und bleibt, daß unsere Bewegung nach ihrer größten Niederlage seit ihrer Existenz, dem Zusammenbruch der sozialistischen Länder in Mittel- und Osteuropa und der gegenwärtigen komplizierten Lage in der UdSSR und der damit eingetretenen Schwächung ihrer Position in der Welt neue Kräfte sammelt, daß sich die marxistischen Parteien wieder festigen, denn nur sie sind in der Lage, eine Politik in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Entwicklungsgesetzen auszuarbeiten, auf die neu entstandenen Bedingungen und Probleme Antwort zu finden und trotz aller Widrigkeiten die sozialistische Idee in den Massen zum Tragen zu bringen.

Der Sozialismus ist keine Utopie, er ist eine Wissenschaft, daran ändert auch die Tatsache nichts, daß es in Deutschland, dem Land, aus dem die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus stammen, „modern“ geworden ist, daß „sozialistische Theoretiker“ das in Frage stellen. Niederlagen muß man mit der Marx’schen Methode analysieren, nur so lassen sich Lehren ziehen. So werden und können, wie Karl Liebknecht kurz vor seiner Ermordung schrieb, Niederlagen auch Siege sein, Niederlagen zu neuen Siegen führen.

MauerNatürlich war mir in den Oktobertagen des Jahres 1989 nicht so klar wie heute, daß durch die Verschiebung der weltpolitischen Konstellation für das Sein oder Nichtsein der DDR eine neue Situation eingetreten war. Das möchte ich auch den Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros und des Zentralkomitees zugute halten. Denn sie konnten so wenig wie ich das Spiel durchschauen, das zu einer völligen Veränderung des Kräfteverhältnisses in der Welt führte. Ich bin mir gerade heute, wie bereits in der Sitzung des Politbüros vom 10. und 11. Oktober 1989, darüber im klaren, daß der in meiner Abwesenheit vorbereitete Beschluß für die „Wende“ falsch war. Weder die Beschlüsse des 9. Plenums noch des 10. Plenums des Zentralkomitees der SED konnten die Lage positiv beeinflussen, da der DDR, die ein Ergebnis des 2. Weltkrieges und der Nachkriegsentwicklung war, bereits der Boden für ihre Existenz entzogen war. Sowohl die Partei als auch die staatlichen Organe wurden durch den Beschluß und seine Begleitumstände irritiert. Die dann eingeleitete Verleumdungs-kampagne gegen die „SED-Spitzen“ auf den verschiedensten Ebenen hat für den „Systemwechsel“ günstigen Boden bereitet. Das war nun das Verdienst der „demokratischen Sozialisten“ in der Partei, die mit ihrem Ruf nach mehr „Demokratie“, was der Springer-Presse besonders gefiel, dazu beitrugen, die DDR in den Abgrund zu stürzen.

Quelle:
Erich Honecker – Zu dramatischen Ereignissen, W.Runge Verlag, Hamburg, Mai 1992

Siehe auch:
Dr. Kurt Gossweiler – Ein unbestechlicher Chronist des Jahrhunderts
https://wordpress.com/read/post/feed/20558157/758460453
(Danke, Petra, für den Hinweis!)

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8 Antworten zu Erich Honecker: Zu den dramatischen Ereignissen 1989

  1. sukhan schreibt:

    Völlig korrekte Einschätzung des Genossen Honecker. Bei allen Irrtümern, die er und seine Partei gemacht haben mögen: selbst unter dem Druck der Verfolgung durch seine Todfeinde aus den Reihen des deutschen Imperialismus (sei es 1933 oder 1989) und im Gegensatz zu so vielen DDR-Amt- und Würdenträgern hat der Mann sich nie vom Sozialismus abgewandt und immer die Sache der Arbeiter-klasse verfochten. Auf seine Art und mit verhängnisvollen Fehleinschätzungen, aber „der schlechteste Sozialismus immer noch besser ist als der beste Kapitalismus.“(Peter Hacks). Nach der Lektüre des Buches „Zu dramatischen Ereignissen“ schrieb ich seinerzeit einen Beitrag für den ROTFUCHS:
    http://rotfuchs.net/zeitung/archiv/2013/RF-185-06-13.pdf#page=5&zoom=80,-6,31

  2. Frank schreibt:

    Das Zitat ist nicht von Peter Hacks, sondern von Georg Lukács.

    • sascha313 schreibt:

      So? Wo steht das denn?
      Ich zitiere: „Also die Leute müssen noch lernen, daß der schlechteste Sozialismus immer noch besser ist als der beste Kapitalismus.“ (Peter Hacks: Vom sozialistischen zum klassizistischen Realismus. In: Peter Hacks: Am Ende verstehen sie es. Eulenspiegel Verlag, Berlin, 2005, S.31)

      • Frank schreibt:

        Nun, der Herr Hacks, nicht Genosse, schmückt sich hier mit fremden Federn. Schon 1969 hat Lukács dieses Bekenntnis formuliert. Nachzulesen: Georg Lukács: Gelebtes Denken, 2011, S. 10/11. Mit sozialistischem Gruß.

      • sascha313 schreibt:

        Danke für’s Nachforschen. Fremde Federn sind es wohl nicht, mit denen der Herr Hacks sich da schmückt. Denn das hätte ja auch Goethe schon sagen können, wenn er der Hacks gewesen wäre. Auf kluge Gedanken von klugen Männern gibt es leider kein Urhebenrrecht; und so müssen wir wohl anerkennen, daß beide gleichermaßen recht haben. Es wäre aber auch nicht verwunderlich, wenn sie nicht auch unabhängig voneinander auf den gleichen Gedanken gekommen sein sollten. ))))

  3. sukhan schreibt:

    Möglicherweise hat sich Peter Hacks bei Lukacs bedient. Geht in Ordnung.
    http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9018

  4. prkreuznach schreibt:

    Hat dies auf Was war die DDR ? rebloggt und kommentierte:
    Lesenswert:

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