A.Lunatscharski: Erinnerungen an Lenin

Lunatscharski_LeninMeine jungen Leser!
Euch ist natürlich noch nicht bekannt, was Erinnerung ist. Ich will damit nicht sagen, daß Ihr Euch nie an den gestrigen Tag oder vielleicht an Eure Kindheit erinnert. Doch man muß etliche Jahrzehnte verlebt haben, um voll zu begreifen, was die Erinnerung an das Vergangene ist. Wenn man also nach einer sehr langen Zeit, nach 10 oder 20 Jahren, wieder in eine Stadt kommt, die Zeuge großer Erlebnisse in deinem Leben war, dann entsteht im Bewußtsein ein ganz eigenartiges Phänomen… – das Vergangene wächst für Sie vor dem Hintergrund der Wirklichkeit empor und packt Sie fest am Herzen.

Genf 1905: Als sei es Absicht gewesen! Ein solcher Rummel war auch damals gerade in Genf, als ich das erstemal hier ankam, durch einen ausdrücklichen Brief von Iljitsch herbeordert, um in der Redaktion der Zeitung „Wperjod“(1) (Vorwärts) mitzuarbeiten. Am Tag meiner Ankunft, am Abend, wenn ich mich nicht irre, fand die erste Versammlung unserer Redaktion statt. Nadeshda Konstantinowna spielte, obwohl sie kaum älter war als die übrigen Mitglieder der Iljitsch nahestehenden Gruppe, die Rolle unserer Parteimutter. Sie war immer ruhig, zurückhaltend, und sie wußte alles, sie verfolgte alles, sie gab zur rechten Zeit Ratschläge, und alle respektierten sie außerordentlich…

GenfWir schlenderten manchmal an der Arve entlang, manchmal gingen wir über die Brücke und in die Straße zwischen den Hügeln und Hainen. Das waren für mich die wertvollsten Stunden. Oft war Iljitsch während dieser Spaziergänge intimer als sonst. Gewöhnlich konnte es Wladimir Iljitsch nicht ausstehen, sogar nahestehende Menschen an seinen persönlichen Seelenregungen zu beteiligen. Er war vor allem Politiker, ein unerhört leidenschaftlicher, ein unerhört begeisternder Politiker. Diese Politik machte er für jeden, der sich ihm näherte, zum Mittelpunkt des Lebens. Iljitsch liebte es nun einmal nicht, über einzelne Menschen zu sprechen, ihnen eine Chrakteristik zu geben, sich irgendwelchen Erinnerungen hinzugeben. Er dachte an die nächste Zukunft, an den Schlag, den es zu versetzen, an die Verteidigung, die es zu organisieren, an die Verbindung, die es zu finden und aufrechtzuhalten galt.

Doch in diesen Unterhaltungsspaziergängen berührte Wladimir Iljitsch mitunter intimere Seiten der Frage. Mit Wehmut, mit Bitterkeit, doch zweifellos auch mit Liebe sprach er von Martow (2), mit dem ihn die unerbittliche Politik hat verschiedene Wege einschlagen lassen. Schöne und treffende Worte fand er zur Kennzeichnung Plechanows, dessen Verstand er immer zutiefst verehrt hatte. Witzig und treffend umriß er das politische und menschliche Profil Dans (3). Er sprach von verschiedenen Verfahren der Publizistik und der Popularisierung.

Am besten lief jedoch das Gespräch, wenn Wladimir Iljitsch zu allgemeinen Fragen überging, über die Grundlagen des Materialismus stritt und Vermutungen über Termine und Tempo der weiteren Bewegung der Revolution in den verschiedenen Ländern anstellte… Wenn man neben einem solchen Menschen lebt und kämpft, begreift man nicht immer die exakte Bedeutung fast jedes seiner Worte.

Iljitsch hatte damals nicht viel für öffentliche Reden übrig. Denn Kundgebungen und Diskussionen aller Art fanden in Genf fast jeden Tag statt. Es gab dort genügend lauthalse Redner, die bei der studentischen Jugend beliebt waren, mit denen man nicht so leicht fertig wurde in Anbetracht der prasselnden Leere ihrer Phraseologie, die jedoch der mittleren Universitätsintelligenz angepaßt war. Waldimir Iljitsch sah es oft einfach als Zeitvergeudung an, in solchen Versammlungen zu sprechen…

Genf TheaterGenf ist eine langweilige Stadt, schon immer gab es hier schlechte Theater, mittelmäßige Konzerte, es sei denn, daß hier jemand ein Gastspiel gab. Auch der Gang des Lebens der Genfer Kleinbürger ähnelte dem Gang der von ihnen gefertigten Uhren. Was uns betrifft, so waren wir gewöhnlich fröhlich. Viele von uns lebten recht bedürftig, fast alle hatten einiges mitgemacht und begriffen, daß es in Zukunft viel durchzumachen gilt…(S.80ff.)

Lenins Geduld war groß. Niemals, kein einziges Mal kam ein Wort des Vorwurfs über seine Lippen, als die Apelle, die wir an den Westen richteten, eine nur schwache Resonanz bewirkten. Wir bauten darauf, daß die russische Revolution, die mit der Macht der Bankiers, der Fabrikanten und Gutsbesitzer Schluß machen wollte, daß diese Revolution bald von einer Familie neuer Revolutionen in den Ländern umgeben sein wird, die mehr als wir für die Errichtung der kommunistischen Ordnung vorbereitet seind… Die Welt verändert sich, sie birst vor unseren Augen: auf der einen Seite steht der Faschismus, der der bürgerlichen Diktatur jede Maske der Kultiviertheit und des demokratischen Gehabes herunterreißt, auf der anderen Seite der klardenkende Kommunismus… (S.31)

A.Lunatscharski: Wie war Lenin? APN-Verlag Moskau 1981.

(1) allein in der Zeitung „Wperjod“ erschienen über 60 Artikel Lenins.
(2) L.Martow (1873-1923), eigtl.Zederbaum, einer der Führer des Menschewismus
(3) F.I Dan (1871-1947), Gurjewitsch, einer der Führer des Menschewismus

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3 Antworten zu A.Lunatscharski: Erinnerungen an Lenin

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