Kollontai: Warum schweigt das deutsche Proletariat?

KollontaiAlexandra Kollontai (1872-1952) war eine sowjetische Revolutionärin und Diplomatin. 1915 wzuurde sie Mitglied der SDAPR, seit 1917 des ZK. Sie nahm teil an den Revolutionen 1905/07 und 1917. Nach 1923 war sie Botschafterin in Norwegen, Mexico und Schweden.    Nach einer Begegnung mit Karl Liebknecht veröffentlichte Alexandra Kollontai im Jahre 1915 in der Zeitschrift „Kommunist“ einen Artikel „Weshalb schwieg das deutsche Proletariat in den Julitagen?“. Darin schreibt sie:

„Bis jetzt bleibt es für viele ein Rätsel: Wie und warum konnte sich das deutsche Proletariat aus Klassenkämpfern in eine willfährige Herde verwandeln, die mit hängenden Köpfen in den sicheren Tod geht? Bis jetzt bleibt es ein Rätsel, daß die Massen, eben die breiten Massen, nicht die Führer, in jenem Augenblick, da in Europa der Krieg in der Luft lag, nicht einen einzigen Versuch unternahmen, ihre bisherigen Prinzipien zu behaupten, und ihre Arbeiterforts und -festungen kampflos den Klassenfeinden überließen. Mag der Protest, mag der Widerstand auch schon ganz am Anfang erstickt worden sein – aber wie konnte es geschehen, daß keine Empörung aufbrodelte, daß es in den unteren Volksschichten nicht gärte, nicht zu spontanen Unruhen, zu einem Massenwiderstand kam? Wurde die Erziehung der Arbeiter in Deutschland nicht von einer Partei geleitet, die durch ihre politische Geschultheit dem Proletariat der ganzen Welt ein Vorbild war? Bedeutet das, die sozialistische Erziehung bringt nicht die Früchte, die wir zu Recht von ihr erwarten?“

Und doch glaubte sie an das Volk, welches der Welt so große Denker und proletarische Kämpfer geschenkt hatte. Sie glaubte, daß der Tag kommen wird, da das deutsche Volk, nachdem es durch tragische Prüfungen gegangen sein würde, eine Gesellschaft errichten würde, die die besten Ideale der Menschheit verkörpert.

Zitiert nach: Sinowi Scheinis, Alexandra Kollontai – das Leben einer ungewöhnlichen Frau, Verlag Neues Leben Berlin, 1987, S.95f.

Dieser Beitrag wurde unter Arbeiterklasse, Geschichte, Geschichte der UdSSR, Kommunisten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Kollontai: Warum schweigt das deutsche Proletariat?

  1. Harry 56 schreibt:

    Diese Fragen der herausragenden russischen Revolutionärin Alexandra Kollontai (Auch ihre gesamte Biographie wäre eigentlich der heutigen proletarischen Schuljungend nur wärmstens zu empfehlen!) aus dem Jahre 1915, ebenso etwa jene von Rosa Luxemburg („Zur Krise der deutschen Sozialdemokratie“) 1916, ganz zu schweigen von Lenin und vielen anderen Bolschewiki gleich 1914, sind leider auch H E U T E noch immer so aktuell und höchst wichtig wie damals!

    Warum schweigt auch heute wieder die erdrückende Masse des deutschen und europäischen Proleariats in Angesicht der Tatsache, dass die NATO-Imperialisten mit den USA an der Spitze aktiv einen neuen großen Krieg in EUROPA vorbereiten?

    Und wie am 1.August 1914, als das Deutsche Reich (Wilhelm II. tat dies persönlich allerdings ganz ehrlich nur sehr WIDERWILLIG, eine historisch schon längst erwiesene TATSACHE!) dem russischen Zarenreich den Krieg erklärte, geht es auch heute wieder ganz klar zunächst gegen Russland, auch wenn sich die NATO/US-Strategen vorerst noch dummer ukrainischer Bauern und Ganoven bedienen, ganz gleich, welcher blödsinniger politischer Phrasen sie diese bei ihrem SÖLDNERHANDWERK im Auftrage „höherer“ (USA/NATO)Mächte da nun bedienen.

    Wieso also auch heute wieder diese fast schon friedhofsmäßig zu nenende Indifferenz, dieses totale Stumm-Sein der Masse des proletarischen kapitalistischen „Nutzviehs“, Proletariats? Heute wie damals will die Masse des Proletariats, ebenso die Masse der übrigen „kleinen Leute“ im Kapitalismus keinen Krieg, alle damit verbundenen Gefahren und Leiden. Und doch dieses grabestiefe Schweigen, dieses gefügige Mittrampeln, Mitmachen, komme was da komme wolle…

    Wo liegt also die Ursache, warum sich die Masse der kapitalistischen Untertanen immer und immer wieder in blutige mörderische imperialistische Kriege hineinverblöden („böser aggressiver Putin“…), hineinziehen, hineinhetzen läßt?

    Marx sagte mal, das Proletariat ist revolutionär – oder NICHTS! Die Ursache liegt meines Erachtens in der völligen persönlichen real-gesellschaftlichen Ohnmacht aller heutigen Proletarier, dieser völligen kleinbürgerlichen VEREINZELUNG. Allein, nur auf sich gestellt, ist der einzelne Proletarier ganz genauso hilflos, wehrlos, mutlos, gegenüber den ihn berherrschenden gut organisierten herrschenden Klassen, deren allen möglichen staatlichen Instrumenten wie einst etwa die Sklaven im Alten Rom.

    Kurzum, im Umkehrschluß, sie sind deshalb als vereinzelte bürgerliche Individuen, moderne Lohnsklaven so völlig persönlich-gesellschaftlich ohnmächtig, weil sie nicht wirksam organisiert sind. „Teddy“ Thälmann sagte vollkommen richtig: Einen einzelnen Finger kann man brechen, doch niemals die ganze Faust! Dies übrigens Sinn und Zweck des Grußes der alten WAHREN deutschen Kommunisten mittels der erhobenen Faust.

    Historischer Fakt ist einfach, dass alle Organisationen, ob Parteien oder Gewerkschaften, welche sich einst die arbeitenden Klassen mühselig, oft unter großen persönlichen Entbehrungen schufen, sehr schnell von verlogegen karrieristischen, ökonomisch gesehen ziemlich verkrachten kleinbürgerlichen Intellektuellen unterwandert und schließlich in „Polypenarme des Kapitals“ (Rosa Luxemburg in einem ihrer letzten Artikel im Januar 1919) umgewandelt wurden.

    Fast alle quasi VERBEAMTETEN Gewerkschafts- und Parteiführer verwandelten sich, peu à peu, zunächst allerdings noch hinter fürchterlichen „revolutionären“ Phrasen sich versteckend, in gefügsame Schoßhündchen des Kapitals und seiner politischen Repräsentanten, der bürgerlichen Politiker. Aus Organistionen, welche eigentlich der Befreiung des Proletariats von kapitalistischer Ausbeuterei dienen sollten, wurden so ganz allmählich organisatorich – politische/ideologische Gefängnisse, welche alsbald das Proletariat an Händen und Füßen fesselten, es zu fast willenlosen Anhängseln und braven gefügigen Hündchen der Kapitalisten und deren Sysem machten.

    Und was nun der Ausweg?
    Er kann nach diesen europaweiten Tragödien der letzten ca. 150 Jahre nur darin liegen, dass sich die heutigen modernen Lohnsklaven, Lohnknechte des Kapitals wirklich neu organisieren müssen, und zwar ohne jegliche anmaßende kleinbürgerliche Intellektuellen-„Marxisten“ als selbsternannte Möchtegern-„Arbeiterführer“, Parteiführer, überhaupt „Führern“ aller Art.

    Sie müssen es wieder lernen, sich wieder selbst, frei und gleichberechtigt, absolut demokratisch zu organisieren. Der Anfang wäre da zunächst mal, eine vernünftige politische Bildungsarbeit auf die Beine zu stellen, Bildungszirkel zu bilden, welche sich dann Schritt für Schritt zu einer wirklichen landesweiten Organisationsform weiter entwickeln müssten, letztlich natürlich auch international, ganz klar. Im Grunde geht es also darum, zunächst das bürgerliche Bildungsmonopol über die Masse des Proletarats zu brechen, die Köpfe wieder so zu reinigen zwecks der Erkenntnis, dass nur der Sozialismus und letztlich Kommunismus die einzige Alternative zu diesem verfaulten kapitalistischen Ausbeutersystem sein kann.

    So lange also das Proletariat ein „NICHTS“ (Marx) ist und bleibt, wird es eben weiter gehen wie gehabt. Kein ohnmächtiges, sich im Grunde nur selbst entwürdigendes Friedensgewinsel, Friedensgewimmere, aus den Fingern gelutschte absurde Verschwörungungstheorien, religiöse Wahnideen werden auch diesmal nicht einen neuen „fetzigen“ imperialistischen Krieg verhindern.

    Die Fragen von Alexandra Kollontai bleiber leider auch heute noch höchst aktuell!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s