Wozu brauchen wir eine Gewerkschaft?

fdgbDer 1945 gegründete Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) war die umfassendste Klassenorganisation der herrschenden Arbeiterklasse in der DDR. Er vereinigte auf freiwilliger Grundlage über 8,5 Millionen Arbeiter, Angestellte und Angehörige der Intelligenz ohne Unterschied der politischen und religiösen Anschauungen sowie des Geschlechts und vertrat deren materielle, soziale und kulturelle Interessen. Der FDGB organisierte den sozialistischen Wettbewerb und die Arbeiterkontrolle, er unterstützte die Qualifizierung der Arbeiter, leitete die Sozialversicherung und den Feriendienst und kontrollierte die strenge Einhaltung der Gesetze des sozialistischen Staates auf dem Gebiet des Gesundheits- und Arbeitsschutzes. Im Kapitalismus besteht die Aufgabe der Gewerkschaften darin, den Widerstand gegen die kapitalistische Ausbeutung in enger Verbindung mit dem politischen Kampf zur Beseitigung des kapitalistischen Systems zu führen. Im Imperialismus wächst ihre Verantwortung. Sie besteht im Kampf gegen die Monopolherrschaft, für Frieden und demokratische Verhältnisse. Im folgenden Text faßt Karl FUGGER einige wichtige Erfahrungen aus der Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung zusammen.

Wozu brauchen wir eine (neue) Gewerkschaft?

Jedem Gewerkschaftsfunktionär, der sich etwas mit der Geschichte unserer Gewerkschaftsbewegung beschäftigt hat, ist wohl klar, daß wir im ersten imperialistischen Krieg 1914 bis 1918 eine, falsche Position einnahmen. Statt eine selbständige Klassenpolitik zu verfolgen, waren wir ein Anhängsel der kapitalistisch-imperialistischen Burgfriedenspolitik. Dieser ideologischen Abrüstung ist es zuzuschreiben, daß wir 1918 unsere grundlegenden Aufgaben verkannten.

Die Imperialisten, Militaristen und Junker, die Hauptverantwortlichen des ersten Weltkrieges, wurden vom deutschen Volk nicht vor deutschen Volksgerichten zur Rechenschaft für ihre Verbrechen am Volk gezogen; die Junker wurden nicht enteignet und ihre Rittergüter, nicht den landarmen Bauern gegeben; die Konzerne und Kartelle wurden nicht aufgelöst, die Betriebe der Kriegsverbrecher und großen Kriegsgewinnler nicht in die Hände des Volkes überführt. In den Ministerien konnte die alte Bürokratie reaktionäre Ränke schmieden, unter dem Befehl der alten, monarchistisch gesinnten Offiziere wurde die Wehrmacht als Kaderarmee aufrechterhalten, und mit den großen Unternehmerorganisationen schlossen die Gewerkschaften aller Richtungen eine Zentralarbeitsgemeinschaft. Mit dem Bürgertum wurde eine Koalitionspolitik getrieben, die alle grundlegenden demokratischen Reformen verhinderte. Durch das Fehlen einer demokratischen Schulreform wurden die Universitäten und Hochschulen Tummelplätze der Reaktion, so daß sich zwar die Herrschaftsform änderte durch den Übergang von der monarchistischen zur republikanischen Staatsform, sich aber an den ökonomischen Grundlagen nichts änderte.

Wege und Irrwege der deutschen Gewerkschaften

Zwar errangen die Arbeiter bedeutende bürgerliche Freiheiten und — gestützt auf eine große Massenbewegung — errangen sie von der herrschenden Schicht nicht unbedeutende Konzessionen, die aber keinen bleibenden Erfolg hatten. Dabei waren die Kräfte der Gewerkschafts- und der Arbeiterbewegung, gemessen an der Periode bis 1914, gewaltig erstarkt, und beim Kapp-Putsch im Jahre 1920 zeigte sich einprägsam, was die Arbeiterbewegung zu leisten imstande war, wenn sie ihre Kräfte zu einem einheitlichen Handeln zusammenfaßt.

Fehler Nr.1: Anpassung an die Politik der Bourgeoisie
Statt nach dem ersten Weltkrieg angesichts der Tatsache, daß die Imperialisten ihre Machtpositionen wieder festigten, sich nun mit dem Wesen der imperialistischen Politik und der noch gewaltigeren Zusammenballung des Finanzkapitals zu beschäftigen, verkannten unsere Gewerkschaften noch immer das Wesen der vor sich gehenden Veränderungen und setzten konsequent ihren falschen Weg fort, der darauf gerichtet war, eine große Anpassungsfähigkeit an die Politik der deutschen Bourgeoisie zu erreichen und sich immer wieder illusionäre Aufgaben zu stellen. Das völlige Verkennen des Wesens, der imperialistischen Entwicklung verhinderte auch, daß unsere Gewerkschaftsbewegung eine objektive Haltung zu der sozialistischen Revolution einnahm, die im Osten Europas entsprechend den besonderen historischen Bedingungen dieses Landes einen eigenen Weg ging, der aber in jedem Falle von der deutschen Arbeiterschaft vollste Unterstützung hätte finden müssen.

Fehler Nr.2: fehlender antiimperialistischer Kampf
Statt dessen unterstützte unsere Gewerkschaftsbewegung die Hetze gegen das erste sozialistische Land der Welt und trug so dazu bei, daß die fortschrittlichsten Kräfte unseres Volkes unterdrückt, die Spaltung der Arbeiterklasse vertieft und diese selbst zusehends geschwächt wurde. Vor allem wurde in dieser Periode unserer Entwicklung ein konsequenter Kampf gegen den militaristischen Geist unterlassen, wodurch es der Reaktion erleichtert wurde, daß faschistische Ideologien eine so schnelle Verbreitung fanden. Weil die deutsche Arbeiterklasse ihre historischen Aufgaben nach 1918 nicht erfüllte, setzte im Zusammenhang mit der großen Weltwirtschaftskrise 1929 eine tiefe Depression in der Arbeiterbewegung ein, die große Teile unseres Volkes veranlaßte, nach einem neuen Retter Ausschau zu halten, weil sie das Vertrauen zu der Arbeiterklasse verloren hatten, daß sie fähig sei, den Ausweg aus dem Zyklus von Krise und Krieg zu zeigen. Diese Entwicklung ermöglichte es, daß 1933 die einst starken Arbeiterorganisationen sich als nicht fähig erwiesen, die imperialistischen Pläne, Hitler an die Macht zu bringen, zu verhindern. Das Selbstbewußtsein der Arbeiterschaft wurde dadurch erschüttert und in der zwölfjährigen faschistischen Diktatur in unglaublicher Weise verwirrt, so daß es jetzt noch mühevoller Arbeit bedarf, das verschüttete Klassenbewußtsein wieder zu festigen und zu entwickeln.

Gegen diesen Kurs der Gewerkschaftsbewegung kämpfte die Gewerkschaftsopposition, die zwar in vielen grundsätzlichen und prinzipiellen Fragen einen richtigen Standpunkt einnahm, aber trotzdem bedeutende Fehler machte, die mit dazu beitrugen, daß nicht rechtzeitig die geeinte Arbeiterklasse als starkes Bollwerk gegen den Faschismus auftrat.

Einige wichtige Lehren für die Zukunft

Es wäre falsch, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß das Versagen der deutschen Gewerkschaften auf die persönliche Schuld führender Funktionäre zurückzuführen sei, oder einfach zu erklären: die Arbeiter sind schuld. Dieses Versagen liegt begründet in der politischen Zurückgebliebenheit unseres Landes, in der mangelnden Demokratisierung, in den ungenügenden theoretischen Erkenntnissen des imperialistischen Zeitalters und dem Nachwirken revisionistischer Theorien, die gerade in der deutschen Arbeiterbewegung mit außerordentlicher Stärke auftraten. Nachdem nunmehr die Geschichte ihr Urteil gefällt hat, ist es die Pflicht eines jeden Gewerkschaftsfunktionärs, objektiv und vorurteilsfrei unsere geschichtliche Vergangenheit zu betrachten, und er wird dann um so besser verstehen, daß wir den alten verhängnisvollen Weg nicht fortsetzen dürfen.

Quelle:
Karl Fugger, 50 Jahre deutscher Imperialismus und die deutschen Gewerkschaften, Berlin 1947, S.17.

Nachbemerkung: Diese Feststellungen Karl Fuggers treffen auch heute noch (bzw. heute wieder) zu:

  1. politische Zurückgebliebenheit = während anderswo die Arbeiter für ihre Rechte kämpfen, vertraut die deutsche Arbeiterklasse mehrheitlich den Versprechen der bürgerlichen Politiker und Gewerkschaftsbosse;
  2. mangelnde Demokratisierung = die Mehrheit der Bevölkerung wartet auf die nächste Bundestagswahl und hofft auch weiterhin, daß „die Politik“ die Probleme schon lösen und etwas ändern wird (wir leben ja in einer „freiheitlichen Demokratie“);
  3. ungenügende theoretische Erkenntnisse über den Imperialismus = es fehlt fast durchweg eine wissenschaftliche Weltanschauung, die Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin sind der Mehrzahl der Werktätigen kaum noch bekannt, es gibt keine führende Kraft;
  4. Nachwirken revisionistischer Theorien = mit der verbrecherischen Rede Chruschtschows auf dem XX.Parteitag der KPdSU drang das Gift des Revisionismus in die kommunistischen Parteien ein, die Abweichungen vom Marxismus-Leninismus, die Entartungen führten zu deren Zersetzung, reaktionäre Kräfte gewannen die Oberhand. Auf die („friedliche“) Konterrevolution 1989/90 folgte eine „Epoche der schwärzesten Reaktion“: massenhafte Enteignungen (Treuhand), Diebstahl, Landraub, Arbeitslosigkeit, verschärfte Ausbeutung und Sklaverei (Leiharbeit), ein zeitweiliges Erstarken der Finanzoligarchie, znehmende ideologische Verblödung (Schulsystem) und Manipulierung (Massenmedien) sowie neue imperialistische Aggressionskriege (NATO) und ein Wiedererstarken faschistischer und zionistischer Tendenzen usw.
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3 Antworten zu Wozu brauchen wir eine Gewerkschaft?

  1. Harry 56 schreibt:

    Zum Thema Gewerkschaften, Sozialdemokratie etc…..

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinmeier-nennt-drohungen-und-gewalt-beschaemend-a-1045964.html

    Könnte das nicht schon beinahe lustig, Kabarett vom Feinsten sein, wäre es in der Praxis, im realen Alltag nicht so ekelerregend?

    Ein Sozialdemokrat und „Gewerkschaftler“ zeigt sich „beschämt“ wegen aller dieser Erscheinungen, OHNE auch nur eine Minute zu verschwenden an einen Gedanken wegen des eigenen Mittuns, seines eigenen Drecksvereins namens „SPD“…., also ganz konkret Vorbereitung, Wegbereitung eines neuen, heute natürlich etwas „zeitgemäßeren“ Faschismus, genau wie schon lange vor 1933 in Deutschland.(Genosse Stalin 1934: Die deutsche Sozialdemokratie ist Wegbereiterin des Faschismus!)

    Hartz 4, millionenfache Armut junger, mittlerer und älterer Menschen jeglicher Herkunft, Niedriglöhnerei, Sanktionsterror gegen Arbeitslose en masse bis hin zu Todesfolgen, Selbstmorden, Familientragödien, dazu bewusst geförderte Massenzuwanderung (man möchte Herrn „SPD-Genossen“ Steinmeier mal fragen, warum ein Herr Edward Snowden im Gegensatz zu anderen Massen an echten oder auch falschen Asylbewerbern in Deutschland trotz Asylantrages KEIN Asyl erhält!) aus aller Herren Länder, Unterstützung hemmungsloser Kriegsvorbereitungen gegen Russland, europäischer Vasallen-Vorreiter im US-Auftrag immer weiterer „Sanktionen“ gegen Russland…..

    Müssen wir uns da noch wundern, dass Hass und Gewalt, Menschenverachtung und Rassismus mehr und mehr um sich greifen, wie übrigens inzwischen in ganz Europa?

    Die wahren „Nazis“ und „Faschisten“ die wirklichen Faschisierer finden wir auf jeden Fall NICHT, keinesfalls in der NPD!

    Hierzu noch ein Beitrag eines wahren deutschen Patrioten und Journalisten.

    Man sollte „EDE“ Wort für Wort zuhören:

    Was für ein Gegensatz, Tag und Nacht, der verlumpte Sozialdemokrat „S“ im Vergleich mit „EDE“ Schnitzler!

  2. sascha313 schreibt:

    seine Freunde nannten ihn Kled…

  3. prkreuznach schreibt:

    Hat dies auf Die Trommler – Archiv rebloggt und kommentierte:
    Hier ein Artikel aus einem befreundeten Blog zum Thema Gewerkschaften.

    Sascha´s Welt:
    Wozu brauchen wir eine Gewerkschaft?

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