Marina Burik: Die zwei Kiews

2b9AP2EKGdcKiew im Sozialismus unter Stalin und Kiew heute im Faschismus unter der Herrschaft der aggressivsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Kräfte der ukrainischen Oligarchie und des US-amerikanischen Finanzkapitals – gesteuert, finanziert und bewaffnet vom militärisch-industriellen Komplex der USA. Die junge Autorin beschreibt mit vorsichtigen Worten beides. Im Lexikon von 1953 lesen wir über diese damals noch wunderschöne und zukunftsfrohe Stadt:

Kiew [-εf]: seit 1936 an Stelle von Charkow Hpst. der Ukrain. SSR,  »Mutter der russ. Städte«; (1939) 846.800 Ew.; am Dnepr; bekannte Bauwerke: Sta. Sophia (11.Jh.; älteste Kirche in der UdSSR), St.Michael-Kloster (1108) , St.-Andreas-Kirche (1750 von Rastrelli erbaut); Fortstw. u. Kunstgewerbl. Hochschule sowie zahlr. andere Forschungs- u. Bildungsstätten, Sitz der Ukrain. Akad. der Wiss.; Mittelpunkt vor allem des ukrain. Maschinenbaus u. der chem. Ind.; daneben Getreide-, Tabak-, Leder-Verarb., Glaswarenfabriken, zahlr. Zuckerraffinerien; Endpunkt einer 513 km l. Ferngasleitung (s. Drogo-bytsch). – Mitte 9. bis Ende 12. Jh. Hpst. der K.er Rus; 1240-1320 mongol., 1569 poln.,1654 russ., 1797 Messestadt; 1917/20 Intervention; 1941/43 durch faschist. Truppen besetzt, 6.11.1943 befreit. – Kiewer Rus, Kiewer Russenreich: ältester Staat der der Ilmen- u. Dnepr-Slawen unter Oleg im 10.Jh.Mittelpunkt: Kiew. (Quelle: Lexikon A-Z in einem Band, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1953, S.514.)  

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Die zwei Kiews

Marina Burik ● Kultur ● 27.06.2015

Ich halte einen Bildband „Kiew in Fotoillustrationen“ (Київ у фотоілюстраціях) von 1954 in der Hand. In schönem literarischen Ukrainisch ist das Vorwort geschrieben, und es wurden Fotografien der schönsten Stellen in Kiew gesammelt. Es ist ein sowjetischer Bildband, den Straßennamen nach. Die Gruschewski-Straße war eine Kirow-Straße und die Bogdan-Chmelnizki-Straße war eine Lenin-Straße. Ja, es war einmal eine Stadt, die nach dem Krieg schön und majestätisch aufgebaut worden war. Die altertümlichen Kirchen paßten zu den supermodernen Gebäuden des neuerrichteten Kreschtschatik und anderer zentraler Straßen. Und immer wieder kam etwas Neues hinzu. Es wurde das Stadion der Republik gebaut, Bibliotheken und Schulen. Die Gebäude wurden als Paläste für ALLE errichtet. Nach denselben Prinzipien wurde damals in Moskau, in Kiew und in anderen Städten der unermeßlichen Heimat die Metro gebaut – für die Allgemeinheit, für Russen, wie für Ukrainer und andere Völker. Genauer gesagt: für das einheitliche, und doch so ungleichartige sowjetische Volk. Damals wäre es den Menschen nie in den Sinn gekommen, daß dieses Volk gespalten und zerstückelt werden würde, daß es gegeneinander Krieg führen würde, daß es, sich selbst zerstörend, im Namen fremder, doch nicht allzu ferner Werte, unter diesen „neuen“, doch in Wirklichkeit hoffnungslos veralteten und verfaulenden gesellschaftlichen Bedingungen zu Felde ziehen würde.

Augenfällig ist das Fehlen jeglicher Banalität (wie ich sie heute sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue), die nicht nur Kiew, sondern auch Moskau und alle ehemaligen sowjetischen Hauptstädte überschwemmt hat. Es gibt keine äußerliche Werbung für die brutal-komfortable „Lebensweise“. Es gibt keine Ruinen neben der „neuen“ altmodischen Architektur, wo selbst Räume und innere Ausstattungen wie am „Fließband“ nach den Entwürfen der Praktiker des erlesenen Bedarfs hergestellt werden. Wobei mir (die ich in der „unabhängigen“ Ukraine aufwachsen bin) diese gewohnte Architektur neuer erscheint, als jene sowjetische. Aber es liegt nicht am äußeren „Glanz“ und an den Nuancen, den Details, den räumlichen Anordnungen in die ihre Bestimmung gegossen wurde.

Auf den sowjetischen Schwarz-Weiß-Fotografien gibt es nicht diesen Glanz des elitären Gebrauchsgutes, das schmutzigen, heruntergekommenen Menschen benachbart ist, das herrschende Nichts, das ins geistige Nichts eingepflanzt wurde. Da gibt es nicht das banale Geschmier an Mauern und Bretterwänden der Stadt (russische Flüche mit ukrainischen Buchstaben), oder die wilden Haßparolen gegen jene, die schuld zu sein scheinen am eigenen armseligen Leben – gegen die „Moskalen“ (Russen), und gegen die seit langem nicht mehr existierenden „Sowjets“, selten gibt es die richtige Adresse…

Diese junge Stadt der 1950er Jahre, die in die Zukunft strebt, die die Vergangenheit bewahrt und in sich aufnimmt, das kannte ich bisher nicht. Ich sah immer eine alte, vorzeitig gealterte, doch irgendwie komisch jugendhafte, übermäßig mit einer dicken Schicht bunten „Putzes“ übertünchte Stadt. So war die Stadt, waren nicht die Menschen. Sogar der Mensch kann im Alter eine Periode der zweiten Jugend haben. Obwohl das eine Ausnahme ist, wie auch bei geistig nicht alternden Menschen. Aber solche Menschen gibt es. Eine Stadt kann nicht für immer jung bleiben, doch die kann wieder auferstehen, so wie von den Faschisten zerstörte Städte in ganz Europa auferstanden sind. Ja, und sie altert auch nicht gleichmäßig, nicht völlig, nicht überall.

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Auch in meiner Lieblingsstadt gibt es Triebe eines jungen, sich durchsetzenden Lebens, Spuren des Lichtes. Es gibt sie sogar jetzt, in dieser verfaulten, sinnlos-grausamen und dummen Zeit. Genauer gesagt, es sind zeitlose Spuren. Denn die Zeit soll doch vorwärts gehen, nicht auf der Stelle treten und nicht zurückrollen. Und sie setzen sich durch, trotz dieser Wiederkehr und Rückbewegung, welche die schwärenden, lebendig verfaulenden Menschen dazu zwingt, in die Vergangenheit zu sehen. Weil die Zukunft, wieviel man auch sehen mag, mit dem geistig unbewaffneten Auge nicht sichtbar ist. Und weil die (historisch, und nicht chronologisch) überlebte Vergangenheit, obwohl sie sich in helle, neue Gewänder hüllt, allerseits dahinwelkt und die Zukunft „mäht“.

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Diese Inseln der Zeit befinden sich in meinem heimatlichen Politechnikum und in anderen Ecken Kiews. Wenn sie auch winzig sind, doch es gibt sie. Und sie sind schön. Das, was die Menschen unter diesen Bedingungen der Sinnlosigkeit, der sozialen Taubheit und Blindheit, wo alles Zeitlose verachtet wird, mit ihren Händen schaffen, gibt allen Grund, nicht zu verzagen. Die Banalität ist nicht so total, wie sie es sich wohl gewünscht hätte.

Eine Stadt wird nicht am Alter zugrunde gehen, so wie es sich eine marasmatische Alte ausmalt, die vor der Szenerie des „neuen“ „Geistes“ um milde Gaben bettelt. Der Marasmus wird aus allen Straßen wieder verschwinden, und aus jedem Winkel wird wieder ein neuer Geist sprießen – der Geist des jungen Kiew, der mich mit prüfenden, strengen und forschenden Augen von den Seiten dieses Bildband ansieht.

Die Art wird sicher eine andere sein, doch der Geist bleibt zweifellos der gleiche. Dieser Geist, der bestehen bleiben möge, immerhin wird er doch im Alltag der Kiewer gepflegt. Und ich hoffe, sie werden ihn sich bewahren. Nur müssen sich dazu die Russen, die Ukrainer und alle anderen Völker der Welt um jeden Preis versöhnen. Sie müssen alles zerstören, was sie trennt, was zwingt, einander zu hassen, einander auszubeuten und zu töten. Doch das können nur jene Völker tun, die sich vorübergehend erklären, und die vorübergehende Losung ausrufen: „Nein, zum Krieg zwischen den Völkern! Nein, zum Frieden zwischen den Klassen!“ Und – die Waffen umgedreht, die gegeneinander gerichtet sind. Das ist nötig…

Dann werden unsere Städte wieder aufleben, und sie werden aufhören zu altern. Und auf den elektronischen Seiten wird schon jetzt irgendein Kiewer Junge namens Igor seiner Geliebten, einer Moskauer Ballettänzerin namens Natascha, ein paar ernsthafte und nachdenkliche Zeilen schreiben. Und das wird nicht nur wieder, sondern aufs Neue das junge, helle, in die Zukunft Strebende unseres Schicksals, unserer Städte und unserer Menschheit sein.

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Quelle: http://spinoza.in/culture/dva-kieva.html (Übersetzung: N.N.)

Siehe auch:
Ilja Romaschin: Zum Tag des Großen Sieges haben die Kiewer die Angst besiegt!

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