Andrzej Czechowicz: Als Kundschafter des sozialistischen Polen bei Radio Free Europe in München

Andrzej ChechowiczSieben lange Jahre (1964-71) befand sich Hauptmann Andrzej Czechowicz als Kundschafter im Auftrag der Staatssicherheit der Polnischen Volksrepublik in der BRD. Zuletzt war er Mitarbeiter in der polnischen Abteilung von Radio Free Europe. In seinem gleichnamigen Buch entlarvt er die Machenschaften dieses US-amerikanischen Senders als ein Instrument der CIA zur Spionage und Hetze gegen die sozialistischen Länder. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er seine Erinnerungen, die deutlicher nicht hätten sein können. Seine Kundschaftertätigkeit riß allen Schwätzern und Lügnern über die „westliche Freiheit“ die Maske vom Gesicht und enthüllte bis ins Detail die schmutzige und blutige Fratze des Imperialismus. Damit schwanden wohl auch einige Illusionen dahin, die die verträumteren seiner Landsleute vom „Goldenen Westen“ damals gehabt haben mögen. Genosse A. Czechowicz schreibt:

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Teil meiner Erinnerungen überschreiben soll. Kreis und Geheimnis sind ziemlich gewichtige Ausdrücke, aber ich muß mich ihrer bedienen, weil sie am exaktesten wiedergeben, worüber ich schreiben möchte. Ich will hier nämlich berichten, wie ich mich in den Informationsumlauf der Geheimmaterialien vom »Free Europe« eingeschaltet habe, was für Informationen das waren und aus welchen Quellen sie kamen.

Wie ich bereits erwähnt habe, betreibt dieser Sender keinesfalls nur Propaganda und ideologische Diversion gegen die sozialistischen Länder. Im Gegenteil, das tagtäglich in den Äther gespritzte Gift ist nur ein kleiner Teil der Gesamttätigkeit vom »Free Europe«. Sein Hauptaufgabenbereich, der die meisten Arbeits- und Finanzmittel beansprucht, ist die Spionagetätigkeit im engsten Sinn des Wortes, die gleichermaßen gegen Polen wie gegen die anderen sozialistischen Staaten gerichtet ist. Ohne auf die ziemlich komplizierte Struktur vom RFE hier näher einzugehen, läßt sie sich ganz allgemein in zwei grundlegende, sich gegenseitig ergänzende Bereiche gliedern: Propaganda und Diversion auf der einen, Spionage auf der anderen Seite.

Auftrag des Senders »Radio Free Europe«: Unruhe und Verwirrung stiften!

Der erstgenannte Bereich, der seine Rundfunkprogramme unter anderem in Polnisch ausstrahlt, hat die Aufgabe, in den sozialistischen Ländern Unruhe und Verwirrung zu stiften, indem man angebliche Widerspräche zwischen Bevölkerung und Partei findet. Daneben ist jedes Mittel recht, die sozialistischen Länder gegeneinander aufzuhetzen und einen Antagonismus gegen die Sowjetunion zu schüren. Die Wortführer treten als Sprecher politischer Emigranten und »Kämpfer für die gerechte Sache« auf und versuchen, Hörer zu gewinnen. Auf diese Weise soll auch der Kreis potentieller Informanten und Mitarbeiter der CIA ständig erweitert werden, denn dieser Bereich tarnt die Spionagetätigkeit des RFE.

Eine Spionagezentrale der CIA in München

RFE

Der Gebäudekomplex des RFE in München

Der Spionagebereich liefert seinerseits gewonnene Informationen für die Sendungen. Wie arbeitet der Spionagesektor, auf welche Weise gelangen Informationen über die sozialistischen Länder zu ihm, und wie sehen die sogenannten Informationsquellen aus? Radio »FreeEurope« verfügt über ein weitverzweigtes Netz örtlicher Vertretungen (Field Offices) in vielen europäischen Hauptstädten: in Athen, Bonn, Brüssel, Genf, aber auch in Washington. Die bedeutendsten und »ergiebigsten« befinden sich in London, Wien, Paris, Stockholm, Westberlin und Rom. In München und New York sind zentrale Organe des RFE untergebracht. Ihnen sind besondere Arbeitsgruppen angegliedert, die eine ähnliche Tätigkeit verrichten wie die Örtlichen Vertretungen. Formal unterstehen sie der Presseabteilung (News Department), faktisch jedoch dem Spionagesektor. Diese für RFE typische Maskerade entspringt dem doppelten Charakter dieser Institution und dem Bestreben, die Spionagetätigkeit zu verschleiern.

Über die Örtlichen Vertretungen vom RFE kommen die Spionagemeldungen aus den sozialistischen Ländern. Eine Informationsquelle sind Bürger dieser Länder, die ins kapitalistische Ausland reisen. Die örtlichen Vertretungen bedienen sich jedoch auch Bürger europäischer Länder und der USA — hauptsächlich ehemaliger Staatsangehöriger der heutigen sozialistischen Länder, aber auch Angehörige junger Nationalstaaten, die unsere Länder besuchen. Darunter sind Geschäftsleute, Wissenschaftler, Studenten, Journalisten. Dazu kommen diejenigen, die die sozialistischen Staaten verlassen haben, in Lagern wohnen (zum Beispiel Treisskierchen in Österreich, Latina in Italien und Zirndorf in der BRD) sowie einige beispielsweise in Polen akkreditierte Auslandskorrespondenten. Letztere geben ihre Informationen nicht immer an die örtlichen Vertretungen, sondern gewöhnlich direkt an RFE in München.

Als Journalisten getarnte CIA-Agenten

Jede örtliche Vertretung untersteht einem CIA-Offizier, der offiziell als Journalist auftritt. Ihm sind die sogenannten Korrespondenten vom RFE untergeordnet — Polen, Ungarn, Tschechoslowaken, Rumänen und Bulgaren. Sie knüpfen als »heimwehgeplagte« Landsleute Kontakte zu Bürgern sozialistischer Länder, die in die kapitalistischen
Länder reisen und versuchen, Informationen aus ihnen herauszuholen. Immer mehr Polen reisen ins Ausland zu Besuch, aus dienstlichen Gründen oder zu Praktika. Andere arbeiten als Auslandskorrespondenten. Spürt der Geheimdienstmann, daß sein Gesprächspartner mit »Free Europe«, den Vereinigten Staaten oder überhaupt mit der sogenannten freien Welt sympathisiert und seine Unzufriedenheit mit dem Sozialismus äußert, so stellt er sich meistens als »Journalist in der Emigration« vor, der »bei einem Emigrantensender« tätig ist. Dann bittet er um ihn interessierende Informationen. Die ahnungslosen Informanten sind in den meisten Fällen fest überzeugt,, es wirklich nur mit einem Journalisten zu tun zu haben. Diese »Korrespondenten« vom RFE halten ständig Kontakt zur Polizei, zu Reisebüros und anderen Institutionen in den Ländern, in denen sie arbeiten. Sie sind also in der Regel rechtzeitig über die bevorstehende Anreise von Personen aus sozialistischen Staaten informiert. (…)

Die Neugier der US-amerikanischen Schnüffler

Die Interessen der Korrespondenten reichen sehr weit. Sie beschränken sich keineswegs nur auf Verteidigungsprobleme beispielsweise Polens oder anderer Warschauer Vertragsstaaten, sondern berühren weitestgehend politische und ökonomische Angelegenheiten sowie Stimmungen der Bevölkerung. Der Schwerpunkt der Spionage hat sich von rein militärischen Dingen auf politische und ökonomische Probleme verlagert, die ein präzises und vielseitiges Bild der Verhältnisse in diesen Ländern geben und gleichzeitig Schlüsse auf das Militärpotential zulassen. Der beste Beweis dafür ist das von der CIA für »Free Europe« ausgearbeitete Sachwortregister, das annähernd 4.500 Themenkreise umfaßt. Praktisch liefert es einen Überblick über das gesamte Leben des Landes. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir es mit einem ausgeklügelten Geheimdienstsystem zu tun haben,

Raffiniert ausgedacht – (fast) perfekt gemacht

Wollte mich jemand fragen, ob die Fachleute der CIA, als sie Radio »Free Europe« ins Leben riefen, mehr an Propaganda- und Diversionstätigkeit oder an Spionage dachten, wüßte ich nicht zu antworten. Die Auswahl der Mitarbeiter auch für die polnische Sektion scheint darauf hinzudeuten, daß sie beides wollten. Sie suchten jedenfalls Leute, die über entsprechende Erfahrungen in der Geheimdienstarbeit verfügten. Die angeführten Lebensläufe vieler meiner »Kollegen« sprechen wohl für sich. Schwer zu leugnen, daß die Kombination dieser zwei Bereiche in einer Institution raffiniert ausgedacht war, denn so bekam alles einen offiziellen, gleichsam harmlosen Charakter.

Und so werden Leute ausspioniert…

Ein anbahnendes Gespräch kann dann ungefähr so ablaufen: »Ich bin Journalist, hier bitte mein Ausweis. Im Büro der Fluggesellschaft habe ich erfahren, daß Sie anreisen. Seien Sie herzlich willkommen …« Unser Landsmann hat in Film- und Fernsehsendungen häufig Journalisten mit gezücktem Bleistift oder Mikrofon gesehen, wie sie prominente Persönlichkeiten auf dem Flughafen oder nach Auslandsreisen interviewen. Vielleicht muß er in dem Augenblick daran denken, vielleicht neigt er dazu, seine Verdienste gern zu überschätzen, und er fühlt sich durch die unerwartete Begegnung mit der Presse ungeheuer geschmeichelt. Wer wiederum in seiner Heimat bereits gewisse Berühmtheit erlangt hat, glaubt nun, diese reiche über die Grenzen des Landes hinaus.

CzechowiczSelbstverständlich betrifft das nicht alle Ausreisenden. Ich führe hier nur einige Beispiele an, denen man häufig begegnen konnte. Manch einer jedoch zuckte nur die Schultern und erkundigte sich danach, welche Zeitung der »Korrespondent« vertrat, um ihn dann wortlos stehen zu lassen. Wer sich heutzutage offen auf »Free Europe« beruft, kann nur auf naive Gemüter oder bewußt feindlich eingestellte Menschen setzen. Unter den ersteren gibt es nicht wenige, die beim Wort Spionage ausschließlich an Militär denken. Versteht man sie richtig anzupacken, schmeichelt man ihrer Eigenliebe, werden sie über viele bekannte Dinge reden und können wertvolle Informationen geben. Eine kleine Aufmunterung, ein paar wohlklingende Komplimente über ihre Intelligenz und ihr Gedächtnis wirken wie die Sporen bei einem ausgeruhten Pferd.

Quelle:
Andrzej Czechowicz: Sieben schwere Jahre, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1976, S.133-137.

Siehe auch:
Buchvorstellung von Nadja auf Politiek en Cultuur.

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3 Antworten zu Andrzej Czechowicz: Als Kundschafter des sozialistischen Polen bei Radio Free Europe in München

  1. prkreuznach schreibt:

    Hat dies auf Was war die DDR ? rebloggt und kommentierte:
    Es geht hier zwar nicht um die DDR, sondern um Polen. Polen war damals ein verbündetes Land der DDR. Von den Machenschaften von Radio „Free Europe“ waren alle sozialistischen Länder betroffen. Ich habe ein Buch im Keller von einem polnischen Kundschafter der sich bei Radio „Free Europe“ eingeschlichen hat. Interessant ist auch der Weg dorthin. Er lebte u.a. als Obdachloser.

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