Trotzki verrät die junge Sowjetmacht

Trotzki reist

Eine Delegation unter Leitung von Trotzki reist nach Brest-Litowsk

Wir schreiben das Jahr 1918. Gerade hatte die Oktoberrevolution gesiegt, und die junge Sowjetmacht mußte sich schützen, so gut es ging. Die Feindseligkeit der Alliierten hatte sie in eine isolierte Stellung gedrängt. Ihre schwachen Kräfte reichten nicht aus, um der gewaltigen deutschen Heeresmacht ohne Verbündete entgegenzutreten. Und die unmittelbarste Bedrohung ging von Deutschland aus. Um Rußland zu retten und Zeit für die dringendste Aufbauarbeit zu gewinnen, schlug Lenin ein sofortiges Friedensangebot vor. Auf Lenins Wunsch hin reiste sofort eine sowjetische Friedensdelegation nach Brest-Litowsk, dem Hauptquartier der deutschen Ostarmee, um die Friedensbedingungen der Deutschen kennenzulernen und Friedensverhandlungen einzuleiten. Diese Delegation wurde von Leo Trotzki geleitet…

Die Opposition gegen Lenin wurde von dem ehrgeizigen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Leo Trotzki, geführt, der sich als Lenins Nachfolger dünkte. Vierzehn Jahrelang war Trotzki ein erbitterter Feind der Bolschewiki gewesen, bis er schließlich wenige Monate vor der Oktoberrevolution, im August 1917, Lenins Partei beitrat und mit ihr zur Macht gelangte. Jetzt organisierte Trotzki innerhalb der bolschewistischen Partei eine Linksopposition.

Trotzki läßt die Friedensverhandlungen platzen

Drechsler

Ein Mitbringsel der Deutschen nach Brest-Litowsk

Trotzki hatte von Lenin den ausdrücklichen Auftrag erhalten, in Brest-Litowsk zu unterzeichnen. Statt dessen forderte Trotzki das europäische Proletariat mit flammenden Worten auf, sich zu erheben und seine Regierungen zu stürzen. Die Sowjetregierung, erklärte er, würde um keinen Preis mit einem kapitalistischen Regime Frieden machen. »Weder Frieden noch Krieg!« rief Trotzki aus. Er sagte den Deutschen, die russische Armee werde weiter demobilisieren, aber er lehnte es ab, den Frieden zu unterzeichnen. Lenin kritisierte scharf Trotzkis Verhalten in Brest-Litowsk und bezeichnete seine Vorschläge — »Abbruch des Krieges, Ablehnung eines Friedensschlusses und Demobilisierung der Armee« — als »Wahnsinn oder etwas Ärgeres als Wahnsinn«.

Ein britischer Agent versucht die Bolschewiki zu spalten

Bruce Lockhart war ein Produkt der exklusiven englischen „Public-School“-Erziehung. Mit 24 Jahren trat er in den diplomatischen Dienst ein. Er war hübsch und intelligent und galt nach kurzer Zeit als einer der begabtesten und meistversprechenden jungen Leute des britischen Außenamtes.

LockhartMit 30 Jahren war er Vizekonsul in Moskau. Er sprach fließend Russisch und kannte alle Intrigen und Einzelheiten der russischen Politik. Zugleich war er Agent des englischen diplomatischen Geheimdienstes. Inoffiziell hatte er die Aufgabe, die innerhalb der Sowjetregierung bestehende Opposition für die britischen Interessen auszunutzen. Als Lockhart Anfang 1918 in Petrograd eintraf, weilte Trotzki als Führer der sowjetischen Friedensdelegation in Brest-Litowsk.

Lockhart enthüllte später in seinen Memoiren »British Agent«(1), daß man sich im englischen Außenamt für diese Mißstimmigkeiten zwischen Lenin und Trotzki außerordentlich interessierte — »Mißstimmigkeiten, von denen sich unsere Regierung sehr viel erhoffte.« Trotzkis Verhalten verursachte den Zusammenbruch der Friedensverhandlungen. Das deutsche Oberkommando ging von Anfang an widerstrebend auf die Verhandlungen mit den Bolschewiki ein. Trotzki spielte nach Lenins Aussage den Deutschen in die Hand und »half den deutschen Imperialisten«.(2)

Die gewaltige deutsche Heeresmacht greift an

Zehn Tage nach dem Abbruch der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk begann das deutsche Oberkommando an der Ostfront eine Generaloffensive von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Im Süden überfluteten die deutschen Armeen die Ukraine. Im Mittelabschnitt wurde der Angriff durch Polen gegen Moskau vorgetragen. Narwa fiel im Norden, Petrograd war bedroht. An allen Teilen der Front brachen die letzten Überreste der alten russischen Armee auseinander. Das neue Rußland schien dem Untergang geweiht.

Donezk1918

Eine Abteilung von Arbeitern aus dem Donezkgebiet im Kampf gegen die deutschen Interventen in der Nähe der Ortschaft Gundorowski 1918

Da strömten aus den Städten die in aller Eile von den bolschewistischen Führern mobilisierten bewaffneten Arbeiter und Rotgardisten herbei. Die aus ihren Reihen gebildeten Regimenter warfen sich dem Ansturm des Feindes entgegen. Die ersten Einheiten der Roten Armee wurden eingesetzt. Am 23. Februar 1918 gelang es, den deutschen Angriff bei Pskow zum Stillstand zu bringen.(3) Petrograd war nicht mehr unmittelbar bedroht. Wieder begab sich eine sowjetische Friedensdelegation nach Brest-Litowsk — diesmal ohne Trotzki.

Quelle:
M.Sayers – A.Kahn, Die große Verschwörung, Verlag Volk und Welt,
Berlin (DDR), 1953, S.33ff.


Anmerkungen:
(1) Memoirs of a British Agent (Putnam, London, 1934)
(2) Obwohl Trotzki die Kampfunfähigkeit der russischen Armee zugab, weigerte er sich als »Weltrevolutionär«, in Brest-Litowsk den Friedensvertrag zu unterzeichnen, weil ein solcher Friede einen Verrat an der internationalen Revolution bedeuten würde. Mit dieser Begründung lehnte es Trotzki ab, die Instruktionen Lenins zu befolgen. Später erklärte Trotzki sein Verhalten aus einer falschen Beurteilung der Sachlage. So sagte er auf dem bolschewistischen Parteitag vom 3. Oktober 1918, nachdem der inzwischen erfolgte Angriff Deutschlands auf Rußland beinahe zur Besetzung von Petrograd und zur Vernichtung des Sowjetregimes geführt hatte: »Ich halte es für meine Pflicht, in dieser maßgebenden Versammlung auszusprechen, daß zu einer Zeit, wo viele von uns und auch ich die Unterzeichnung des Friedens von Brest-Litowsk für unzulässig hielten, einzig und allein Genosse Lenin sich standhaft und mit erstaunlichem Weitblick gegen unsere Opposition für die Annahme der Bedingungen einsetzte . . . Wir müssen zugeben, daß wir im Unrecht waren.«

Trotzki war nicht der einzige, der zur Zeit der Verhandlungen von Brest-Litowsk einen solchen Standpunkt einnahm. Während er in Brest-Litowsk agitierte, richtete sein wichtigster persönlicher Vertreter in Moskau, Nikolai Krestinski, öffentliche Angriffe gegen Lenin und sprach von der Notwendigkeit, einen »revolutionären Krieg gegen den deutschen Imperialismus, die russische Bourgeoisie und einen Teil des von Lenin gelenkten Proletariats« zu führen. Trotzkis Bundesgenosse in dieser oppositionellen Bewegung, Bucharin, brachte in einer Sonderkonferenz der sogenannten linken Kommunisten folgende Resolution ein: »Im Interesse der internationalen Revolution halten wir es für ratsam, auf den Sturz der Sowjetmacht hinzuwirken, die nur noch eine formale Geltung hat.« Im Jahre 1923 enthüllte Bucharin, daß die Opposition während der Krise von Brest-Litowsk tatsächlich die Spaltung der bolschewistischen Partei, den Sturz Lenins und die Errichtung einer neuen russischen Regierung plante.

(3) Der 23. Februar 1918, der Tag, an dem es den Russen gelang, die Deutschen bei Pskow zurückzuschlagen, wird als Geburtstag der Roten Armee gefeiert.

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25 Antworten zu Trotzki verrät die junge Sowjetmacht

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  12. prkreuznach schreibt:

    Hat dies auf Die Trommler – Archiv rebloggt und kommentierte:
    Ein Beitrag vom befreundeten Blog „Sascha´s Welt“.

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  14. Rolf Becker schreibt:

    Solche Führer wie Lenin (oder Merkel) werden immer von seltsamen Vasallen mit starkem Eigeninteresse (Waffenlobby bei Merkel ) umgeben , die bei Bedarf ggf mehrfach die Seiten wechseln-! 100 Jahre später kann man leicht urteilen…

    • sascha313 schreibt:

      Solche seltsamen Vasallen gibt es überall! Nur mit dem Unterschied: Lenin hatte das erkannt und konnte es ändern. Merkel kann und wollte letzteres noch nie – sie ist gefangen im kap. System. Und sie ist dessen bewußte Vollstreckerin!

    • Emil Schaarschmidt schreibt:

      Lenin hat sogar das vorausgesagt was die Commerzbank heute macht: Die Verschmelzung von Industriekapital mit Bankkapital und Staatskapital. Und auch das Theaterstück Bankenrettung ist nicht neu, es wurde schon 1929 in Deutschland aufgeführt (Heinrich Brüning), das Ergebnis war der Youngplan und die Bank für internationalen Zahlungsausgleich. Und der 2. WK!

    • Lenin und Merkel miteinander zu vergleichen — da muss ich wirklich lachen.

    • Armand de Kneifel schreibt:

      Tut mir leid lieber Zeitgenosse. Einen dümmeren Vergleich hättest Du Dir nicht leisten können! Wichtig ist jedoch immer, das erstrebte Ziel. Merkel will genüsslich im Dunstkreis des kapitalistischen Establishments ihre Beine im Gülle verseuchten Ententeich baumeln lassen bei Kaviar und Zwiebackhäppchen. Sie ist Teil des perversen Systems zum Nutzen der Finanzoligarchie und arbeitet bewusst gegen das eigene Volk hier im Land – Sic!

      Lenin hatte ein konkretes Ziel vor Augen, wie man den Räuberkapitalismus in der Welt beseitigen kann und den arbeitenden Menschen aus dem Elend befreit. Für die Befreiung des Menschen von der Knechtschaft und grenzenlosen Barbarei ist eben jedes Mittel recht. Wer nur auf Schönwetter-Sympathie macht und dabei dem Klassenfeind nicht schaden will, der ist bei den korrupten Steigbügelhalter, Diversanten und ewigen Wendehälsen der bürgerlichen SPD, CDU, NATO-Grüne, FDP, AfD oder auch Die Linke bestens aufgehoben und verraten – eben verraten und verkauf für 30 Silberlinge Judaslohn!

  15. Armand de Kneifel schreibt:

    Der bedauerliche Irrweg des Trotzkismus oder wie der Revoluzzer zum schnöden Lamenputzer verkommt als Diversant der Finanz-Oligarchie

    Trotzkis Analyse der Sowjetunion und der „Bürokratie“ überzeugt nicht und sie stellt eine Abkehr von der marxistischen Analysemethode dar. Seine Behauptung, Stalin habe die Weltrevolution aufgegeben und nur noch die Macht einer bürokratischen Kaste bewahren wollen, wird durch die historischen Tatsachen widerlegt. Trotzkis organisationspolitische Positionen stehen im Widerspruch zur leninistischen Konzeption der Partei neuen Typs und sind nicht geeignet, der revolutionären Organisierung der Arbeiterklasse eine Orientierung zu geben.

    Der Trotzkismus ist damit als eine opportunistische Strömung innerhalb der Arbeiterbewegung einzuschätzen, die in diesen Fragen einen schädlichen Einfluss ausübt. In der Praxis zeigte sich dieser negative Einfluss bereits bei Trotzki selbst, der aus dem Exil nahezu seine gesamte Energie darauf verwendete, seinen persönlichen Krieg gegen Stalin, die Sowjetunion und die Komintern zu führen und im Zuge dessen nicht einmal davor zurückschreckte, Kommunisten an die US-amerikanischen Behörden auszuliefern.

    Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte haben sich trotzkistische Gruppen immer wieder auf die Seite konterrevolutionärer und reaktionärer Bewegungen gestellt bis hin zum offenen Faschismus oder heute als „NATO-Grüne“ getarnt!.

    Natürlich bedeutet die scharfe Kritik, die an Trotzki als historischer Person, am Trotzkismus als Theorie und politischer Kraft sowie an einzelnen trotzkistischen Organisationen geübt wird keineswegs, dass man deshalb einzelnen Trotzkisten mit Feindseligkeit begegnen sollte. Immerhin handelt es sich ja in vielen Fällen um Leute, die es vielleicht doch ehrlich meinen mit dem Kampf für eine sozialistische Gesellschaft.

    Es ist also wichtig zu verstehen, aus welchen Gründen der Trotzkismus auch heute noch eine gewisse Attraktivität auf Menschen ausstrahlt, die von den Schrecken des Kapitalismus dazu bewegt werden, sich zu organisieren und für eine andere Gesellschaft zu kämpfen. Der Trotzkismus ist scheinbar ein attraktiver Bezugspunkt, da er eine Kritik am Kapitalismus und eine sozialistische Zielstellung mit einer grundsätzlichen Ablehnung des nicht verstandenen „Stalinismus“ verbindet.

    Dass ein solcher Ansatz auf den ersten Blick plausibel erscheint, sollte niemanden verwundern. Es liegt zum einen daran, dass die Bourgeoisie und die kleinbürgerliche Geschichtsschreibung es geschafft haben, eine völlige Dämonisierung der Sowjetunion in der Zeit von Stalin als absolut vorherrschende Sichtweise zu etablieren. Der Trotzkismus bietet hier die bequeme Möglichkeit, sich selbst als Kommunist verstehen zu können, sich dabei aber von den angeblichen „Verbrechen des Stalinismus“ abzugrenzen und damit weitaus weniger Angriffsfläche für antikommunistische Polemik zu bieten.

    Am Ende wird man nur zum nützlichen Idioten des Establishments ohne es zu merken! Zudem bietet die trotzkistische Theorie der „Bürokratie“ und des „Verrats an der Weltrevolution“ eine – wenn auch wirklich falsche – Erklärung für die Geschichte der kommunistischen Bewegung im 20. Jahrhundert und den Untergang der sozialistischen Staaten. Damit entfällt auch die mühsame Arbeit, diese Geschichte, ihre Fehler und die Ursachen dieser Fehler im Detail zu analysieren. Es ist natürlich bequemer den ehemals real existierenden Sozialismus zu kritisieren und dabe selbst als trotzkistischer Sessel-Philosoph die Beine im sonnigen Planschbecken baumeln zu lassen.

    Auf der anderen Seite sollten wir aber auch nicht vergessen, dass es nicht zuletzt auch Fehler der kommunistischen Bewegung selbst waren, die den Trotzkismus leider noch immer als attraktive Alternative erscheinen lassen. Jedenfalls wurde mit der russischen Revolution von 1917 ein neues Tor aufgetoßen, das noch immer nichts an seiner Aktualität verloren hat – gerade auch in unseren neo-kolonialistisch-faschistischen Zeiten, getarnt als Demokratie, Menschenrechte und Freiheit für alle. Welch ein Hohn für die moderne Menschheit … bzw. bla, bla, bla!

    • sascha313 schreibt:

      Sicher mag es Gründe geben, warum der Trotzkismus für einige politisch halbgebildete Intellektuelle immer noch als „interessant“ erscheint. Der Hauptgrund für die gegenwärtige Präsenz im Internet liegt aber wohl vor allem darin, daß sich der Trotzkismus für die Bourgeoisie als Instrument zur ideologischen Diversion eignet.

      • Armand de Kneifel schreibt:

        Genau so ist es – lieber Sascha.. Immer das alte Lied von der Spaltung der Arbeiterklasse, Verleumdung und offenen Bekämpfung des Marxismus / Leninismus bis zu Stalin etc.
        Die Organisationsfrage und politische Schulung bleiben die Grundaufgabe, um gestärkt den Klassenkampf bestehen zu können (auch in Zeiten von Corona und „friedlichen“ Demonstrationen, die ja doch keinem schaden sollen – welch Hohn und Possenspiel für die herrschende Clique!).

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